Intelligenz, Intelligenztests und Rationalität

Wir verwenden den Begriff „Intelligenz“ meist, ohne uns über seine Bedeutung Rechenschaft abzulegen. Im alltäglichen Gespräch wird der Begriffsinhalt auch selten hinterfragt. Alle scheinen zu wissen, was damit gemeint sei. So einfach ist es aber nicht.

Die Intelligenz ist einer der bedeutendsten Forschungsgegenstände der Psychologie. Der erste Intelligenztest wurde vor mehr als hundert Jahren entwickelt. Dennoch konnten sich die Psychologen bisher noch nicht einigen, was darunter zu verstehen sei. Alle anderen Disziplinen, die sich mit dieser Frage beschäftigen, sehen auch nicht klarer.

Die meisten werden wohl zustimmen, dass Intelligenz mit „geistiger Wachheit“ zusammenhängt. Heureka! Dieser Ausruf krönt eine Entdeckung, nach der man lange gesucht hat. Hat man sie endlich gefunden, so staunt man oft über seine Blindheit. Man hatte die Lösung die ganze Zeit vor Augen, aber dennoch nicht entdeckt. Und andere auch nicht. Heureka. Endlich aufgewacht!

Intelligenz ist sicher auch die Fähigkeit, genauer hinzuschauen und nichts Unverstandenes als selbstverständlich hinzunehmen. Ein Intelligenter fragt sich also nicht, wie hoch sein Intelligenzquotient (IQ) sei. Er will vielmehr wissen: Was hat denn eigentlich der IQ mit Intelligenz zu tun? Wie misst man eigentlich etwas, das man nicht allgemein verbindlich definieren kann?

Der Mensa-Club ist ein Verein von ganz schlauen Leuten. Dort werden nur Menschen aufgenommen, die einen höheren IQ haben als 98 Prozent der Bevölkerung. Auf der Mensa-Website1)Mensa in Deutschland e. V. findet sich folgende Passage, die vor Klugheit nur so strotzt:

Eine einheitliche Definition der Intelligenz liegt bis heute nicht vor. Intelligenz ist ein komplexes Konstrukt, es ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl von Teilfähigkeiten oder Fähigkeitsbereichen, die mit einem Intelligenztest so gut wie möglich im Rahmen einer wissenschaftlich gesicherten Definition erfasst werden sollen.

Wenn eine einheitliche Definition nicht vorliegt, wie kann sie dann wissenschaftlich gesichert sein? Ich jedenfalls dachte bisher: Wenn etwas als „wissenschaftlich gesichert“ gilt, dann herrscht diesbezüglich Konsens unter Wissenschaftlern. Nun ja: Ich bin ja auch nicht so schrecklich klug wie die Leute von Mensa.

In der Website lesen wir:

Mensa ist das Netzwerk für hochintelligente Menschen, engagiert, stimulierend, aufgeschlossen und wertschätzend.

Woher wissen diese Leute eigentlich, dass sie hochintelligent sind, wenn es noch nicht einmal eine allgemein verbindliche Definition für Intelligenz gibt? Was misst denn der Intelligenztest eigentlich?

Es ist aber löblich, dass die Mensa-Leute nach eigenem Bekunden das Wohl der Menschheit im Blick haben. Leider werden Intelligenztests nicht immer zu diesem Zweck eingesetzt.

Rassisten beispielsweise nutzen diese Tests, um ihren Glauben an die Überlegenheit bestimmter Rassen über andere wissenschaftlich zu untermauern. Schwarze, so behaupten sie, hätten einen ganz, ganz niedrigen IQ. Der Durchschnittswert läge bei 70. Intelligenztests werden so konstruiert, dass der Durchschnittswert bei einer zufälligen, nicht nach Kriterien ausgelesenen Bevölkerungsstichprobe bei 100 liegt.

Intelligenzunterschiede seien auch der Grund dafür, dass unterentwickelte Länder wirtschaftlich schlechter abschnitten als entwickelte Industriestaaten.

Intelligenz hängt sicher auch mit der Fähigkeit zusammen, Komplexität zu reduzieren, also schwierige Probleme zu vereinfachen. Der sicher sehr kluge Kopf Albert Einstein sagte einmal, man solle alles so einfach wie möglich darstellen, aber nicht einfacher. Wer wirtschaftliche Entwicklungen nur mit einer Zahl, dem IQ erklären will, orientiert sich offenbar nur am ersten Teil der Aussage Einsteins. Ob das klug ist?

Der amerikanische Ethnologe Jared Diamond hat einen großen Teil seines Lebens in Weltgegenden verbracht, die auf einer ökonomisch sehr niedrigen Entwicklungsstufe stehen. Er gelangt, durch Beobachtung, zu einer etwas anderen Einstellung als IQ-Tests. Er meint, dass die so genannten Primitiven in Wirklichkeit viel smarter seien als die weißen Wohlstandsbürger. Ihre gefährliche und mitunter auch karge Umwelt zwinge diese Menschen nämlich zu einem viel umfassenderen Gebrauch ihres Verstandes2)Diamond, J. (1997) Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies. W.W. Norton & Co. – Kindle Edition Pos. 290 ff..

Im Gegensatz zu verwöhnenden veranlassen schwierige Lebensumstände den Menschen dazu, seine Intelligenz beständig zu schärfen. Wer im Dschungel den Kopf über Wasser halten will, muss diesen stärker beanspruchen als Menschen auf dem Sofa mit Chips in der Tüte vor dem Fernsehgerät.

Eventuelle Unterschiede beim durchschnittlichen IQ sprechen keineswegs gegen diese These. Es ist nicht erstaunlich, dass Menschen aus den Industriestaaten Aufgaben schneller lösen, die ihnen in ihrer Lebenswelt häufig begegnen. Dies darf man jedenfalls nicht als Beweis für ihre intellektuelle Überlegenheit gegenüber Menschen auffassen, die nie oder seltener mit solchen Aufgaben konfrontiert werden.

IQ-Testaufgaben entsprechen weitgehend jenen Problemen, mit denen Menschen in Industriestaaten bereits im Kindergarten konfrontiert werden – und später erst recht. In einem rückständigen Dorf in einem Entwicklungsstaat ist dies aber nicht oder nicht in diesem Maß der Fall.

Kulturen unterscheiden sich z. B. hinsichtlich ihrer Einstellung zum Wettbewerb. In manchen Kulturen werden die Kinder von klein auf dazu angehalten, mit Altersgenossen zu konkurrieren. In anderen Kulturen ist genau dieses Verhalten aber verpönt. Der IQ-Test bringt Menschen in eine Rangordnung.

Es liegt nahe, dass Menschen aus wettbewerbsorientierten Kulturen anstreben, in dieser Rangordnung möglichst weit oben zu stehen. Ganz anders als Menschen aus nicht wettbewerbsorientierten Kulturen. Diese werden nicht dazu neigen, sich beim IQ-Test besonders hervorzutun.

Wer auf Konkurrenzkampf geeicht ist, wird einen Intelligenztest wesentlich motivierter bewältigen als ein Mensch, der andere nicht ausstechen möchte. Dies ist vor allen dann der Fall, wenn ihm kulturelle Normen dies verbieten.

Die Kulturunabhängigkeit eines Intelligenztests kann man also nicht durch eine spezielle Auswahl von Testaufgaben bewerkstelligen. Vermutlich gibt es Testaufgaben, mit denen Menschen aller Kulturen gleichermaßen vertraut sind, auch gar nicht. Doch selbst wenn es sie gäbe, würden sie keine Kulturunabhängigkeit des Tests garantieren. Denn die Einstellung zu Tests, zu Leistung und Wettbewerb variiert von Kultur zu Kultur.

Ebenso wie Kulturen haben auch soziale Schichten einen Einfluss auf die Ergebnisse von Intelligenztests. Dies beweist aber keineswegs, dass die Menschen niedriger Schichten genetisch bedingt weniger klug wären als die höherer.

Eine amerikanische Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen der Schichtzugehörigkeit und der Leistung von Studenten in Prüfungen. Die Frage lautete: Welche Bedeutung hat die Furcht der Studenten aus der Unterschicht vor einer Bestätigung des negativen Stereotyps, das mit ihrer Schichtzugehörigkeit verbunden ist. Es zeigte sich, dass Studenten aus der Unterschicht deutlich schlechtere Leistungen bei den Testaufgaben erbrachten,

  • wenn ihre Schichtzugehörigkeit vor der Prüfung bekanntgegeben wurde (a)
  • oder wenn man ihnen suggerierte, als handele sich um einen Intelligenztest (b)

als unter weniger belastenden Bedingungen.

Das niedrigste Niveau erreichten die Versuchspersonen aus der Unterschicht, wenn die beiden oben genannten Faktoren (a und b) gleichzeitig auf ihre Leistung einwirkten.3)Spencer, B. & Castano, E. (2007). Social Class is Dead. Long Live Social Class! Stereotype Threat among Low Socioeconomic Status Individuals. Soc Just Res, 20:418–432

Diese Studie widerspricht also der klassistischen Unterschichtsstheorie. Diese besagt: Erbliche Intelligenzmängel führen zur Bildung der Unterschicht. Mitglieder dieser Schicht tendieren wegen ererbter niedriger Intelligenz zum Verbleib in ihr.

Diese Untersuchung spricht eher dafür, dass unzulängliche Lebensbedingungen das Selbstvertrauen annagen und sich dann im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung leistungsmindernd auswirken.

Es dürfte klar geworden sein, dass man den Intelligenzquotienten nicht so ohne weiteres als Ausdruck der Intelligenz eines Menschen auffassen kann. Was misst der Intelligenzquotient aber dann?

Die Validität eines Tests ist das Ausmaß, in dem er misst, was er zu messen beansprucht. Es ist nicht einfach, einen Intelligenztest zu validieren. Leicht wäre dies nur, wenn man im Hirn des Menschen die für Intelligenz zuständigen Prozesse messen könnte. Das kann man aber nicht, weil man sie im Detail gar nicht kennt.

Zur Validierung von Intelligenztests berechnet man daher den Zusammenhang zwischen den Testwerten und anderen Leistungen, in denen sich mutmaßlich Intelligenz ausdrückt. Hier kommen z. B. Schulnoten und berufliche Positionen in Frage. Doch was haben diese Kriterien für sich genommen mit Intelligenz zu tun? Schulnoten z. B. hängen, wie wohl jeder weiß, nicht zuletzt auch mit den Vorlieben und Abneigungen von Lehrern zusammen. Bei der Entwicklung dieser Vorlieben und Abneigungen könnte womöglich auch die soziale Herkunft des Schülers eine Rolle spielen.

Der Zusammenhang zwischen Schulnoten und IQ ist zwar vergleichsweise hoch, aber keineswegs perfekt. Aber es gibt ihn, keine Frage. Um ihn zu verstehen, müssen wir uns die Art der Intelligenztestaufgaben und das Wesen des schulischen Unterrichts anschauen.

Intelligenztestaufgaben sind relativ einfache Probleme mit eindeutiger und zweifelsfrei richtiger Lösung. Man kann sie also algorithmisch bewältigen – auf Deutsch: nach Schema F. Auch ein Computer könnte das. Die entscheidende Variable für die Höhe des IQ ist also die Geschwindigkeit, in der ein Mensch derartige Aufgaben lösen kann.

Ähnliches gilt auch für den Schulunterricht. Die Aufgaben sind für sich genommen leicht. Der Lösungsweg wird durch Lehrer und Lehrbücher vorgegeben. An diesen Vorgaben orientiert sich die Notengebung. Es sind in begrenzter Zeit eine ganze Reihe dieser Aufgaben zu bewältigen. Je schneller ein Schüler dabei ist, desto besser sind tendenziell seine Noten.

Rationalität spielt weder in der Schule, noch beim Lösen von IQ-Tests eine besondere Rolle. Rationalität braucht man, wenn es komplexe Probleme ohne vorgegebenen Lösungsweg, ohne eindeutig richtige Lösung und ohne allzu enge Zeitbegrenzung zu bearbeiten gilt. Es gibt nur einen schwach ausgeprägten Zusammenhang zwischen Intelligenzquotienten und Maßen der Rationalität.4)Stanovich, Keith E. (2009). What Intelligence Tests Miss: The Psychology of Rational Thought (1 ed.). Yale University Press.

Aus meiner Sicht messen Intelligenztests durchaus einen Aspekt der Intelligenz, wenn auch nicht sehr genau. Dieser Aspekt ist wichtig für Schulnoten oder z. B. für eine Karriere als Buchalter. Aber er ist nicht charakteristisch für die Intelligenz als Ganzes. Daher kann man auch vom IQ nicht auf die Intelligenz eines Menschen insgesamt schließen. Was immer Intelligenz sein mag: Rationalität gehört jedenfalls zu ihren Wesensbestandteilen. Rationalität messen Intelligenztests eindeutig nicht.

Wir halten stark von Gefühlen beherrschte Menschen im Allgemeinen nicht für besonders klug. Überschießende Gefühle hemmen schließlich die Rationalität. Commander Spock, der Inbegriff der Rationalität, ließ ja auch keine Gefühle erkennen.

Ein Merkmal von Intelligenz im vollständigen Sinn ist auch die Fähigkeit zur Meisterung der Gefühle5)Meisterung heißt nicht Unterdrückung.. Auch diese Fähigkeit wird in Intelligenztests nicht abgefragt. In der Psychologie wird sie als emotionale Intelligenz bezeichnet und gesondert behandelt. Dabei ist die emotionale Intelligenz die Voraussetzung jeder höheren Form der Verstandestätigkeit.

Fußnoten   [ + ]

1.Mensa in Deutschland e. V.
2.Diamond, J. (1997) Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies. W.W. Norton & Co. – Kindle Edition Pos. 290 ff.
3.Spencer, B. & Castano, E. (2007). Social Class is Dead. Long Live Social Class! Stereotype Threat among Low Socioeconomic Status Individuals. Soc Just Res, 20:418–432
4.Stanovich, Keith E. (2009). What Intelligence Tests Miss: The Psychology of Rational Thought (1 ed.). Yale University Press.
5.Meisterung heißt nicht Unterdrückung.