Malvina, Diaa und der Kinderkanal (KIKA)

Nicht wenige wohlmeinende Menschen neigen dazu, zum Besten ihrer Mitmenschen zu lügen oder die Wahrheit zu verschweigen. Die Gründe für dieses in sich widersprüchliche Verhalten sind vielfältig:

  • Man meint, dass X nicht reif für die Wahrheit sei, sie nicht richtig einordnen, sie emotional nicht verkraften könne.
  • Man glaubt, durch das Aussprechen der Wahrheit die Diskriminierung von Y zu fördern.
  • Man fürchtet, einen vermeidbaren Konflikt mit Z heraufzubeschwören.
  • Man ist unsicher, ob das für wahr Gehaltene wirklich den Tatsachen entspricht.
  • Man möchte anderen durch die Wahrheit nicht die Lebensfreude rauben.

Diese Liste kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Sie mag genügen, da man an den genannten Beispielen schon erkennen kann, worauf es ankommt. Keines der Motive ist vollständig aus der Luft gegriffen. Es mag vernünftige und moralisch einwandfreie Gründe geben, aus diesen Gründen die Unwahrheit zu sagen oder die Wahrheit zurückzuhalten.

Allerdings verbietet sich Derartiges mitunter auch, z. B. vor Gericht; und dies nicht nur, wenn man unter Eid steht. Einerseits ist das Lügen und Verschweigen der Wahrheit aus wohlmeinenden Gründen durchaus ein Kennzeichen der Zivilisation; es kann aber auch ein Ausdruck ungewollter Barbarei sein. Zur Barbarei wird ein solches wohlmeinendes Lügen und Verschweigen der Wahrheit, wenn es irrational ist. Irrational ist es, wenn es zwar den einen vor Widrigkeiten bewahrt, zugleich anderen aber Unbill zufügt.

Ein Beispiel: Unlängst zeigte KIKA (Kinderkanal) eine Dokumentation über die Liebe zwischen einer fünfzehnjährigen deutschen Schülerin und einem offenbar erheblich älteren syrischen Flüchtling. Der Film verzichtete vollständig auf Kommentare und ließ die beiden Protagonisten sowie einige Nebenfiguren für sich sprechen. Konflikte, die bei einem so ungleichen Paar wohl unvermeidlich sind, werden durchaus thematisiert. Dass die beiden dennoch ein liebevolles Verhältnis verbindet, ist für jedermann erkennbar, auch für das Publikum, auf das der Film abzielt: Kinder.

Nicht zu erwarten aber ist, dass Kinder – selbst die aufgewecktesten – das tatsächliche Ausmaß der angesprochenen Konflikte erfassen können. Der Film erweckt vielmehr den Eindruck, dass die beiden dank ihrer großen Zuneigung füreinander die kulturell und religiös bedingten Schwierigkeiten schon überwinden würden.

Kinder lernen in großem Ausmaß durch Simulation. Dies bedeutet, dass die Beziehung zwischen der deutschen Schülerin und dem syrischen Flüchtling von vielen Zuschauern im kindlichen oder frühen jugendlichen Alter als Verhaltensmodell begriffen wird. Deswegen hätte ein Film für diese Zielgruppe nicht auf Einordnungen in einen größeren Zusammenhang verzichten dürfen.

Den beiden jungen Menschen, die in diesem Film gezeigt wurden, wünsche ich viel Glück und dass ihre Liebe wachsen und reifen möge. Keineswegs hätte ich mir gewünscht, dass die Macher der Dokumentation diese Beziehung verdammen. Wohl aber wäre mit Fingerspitzengefühl darauf hinzuweisen gewesen, dass Beziehungen dieser Art im Allgemeinen erhebliche Risiken bergen, die sich aus kulturellen und religiösen Differenzen herleiten.

Mich beschleicht der Verdacht, dass unser öffentlich-rechtliches Fernsehen auch in diesem Fall – aus durchaus wohlmeinenden Gründen – seine zielgruppenspezifische Informationspflicht vernachlässigt hat. Es mag ja durchaus zu den Integrationszielen zählen, dass sich Flüchtlinge und Einheimische auch in Liebesdingen näherkommen. Allein, die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens kann es nicht nur sein, für eine Annäherung auf dieser Ebene zu werben.

Der Kinderkanal wird, wie der Name ja auch vermuten lässt, weitgehend von Kindern gesehen. Kindern muss man die Welt erklären. Sie können das noch nicht allein. Ihre kognitiven Fähigkeiten müssen sich erst noch entwickeln. Der Film über Malvina, Diaa und die Liebe geht zu Herzen und so findet er auch den Weg zu den Kindern, insbesondere zu den Mädchen; aber ihren Hirnen bietet er nicht die ihrem Alter angemessene Nahrung.

Die aus dem islamischen Kulturkreis zu uns strömenden Menschen sind zumeist junge Männer. Wie kann Integration gelingen, wenn es ihnen nicht gelingt, die Herzen junger deutscher Damen zu erobern? Wer Integration will, muss sich klarmachen, dass genau dies dann auch von ihm gewollt sein muss. Den Machern der KIKA-Dokumention scheint dieses Problem durchaus bewusst gewesen zu sein.

Eine Entscheidung ist unumgänglich: Zu welchen Konditionen soll diese Annäherung der Geschlechter stattfinden: Zu denen einer islamischen oder zu denen unserer aufgeklärten Kultur? Vermutlich wird sich die Mehrheit der hier schon länger Wohnenden für unser Leitbild entscheiden. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen sollte nicht den Anschein erwecken, als habe es Präferenzen, die wahrscheinlich hier nicht mehrheitsfähig sind.