Verschwörungstheorien

Eine Verschwörung besteht darin, dass mindestens zwei Leute eine Aktion zum Schaden mindestens eines Dritten planen. Eine Theorie ist ein Gedankengebilde, das Ausschnitte der Realität beschreibt und erklärt sowie Prognosen zu Vorgängen in diesen Ausschnitten gestattet. Eine Verschwörungstheorie ist demgemäß ein derartiges Gedankengebilde, das eine Verschwörung im obigen Sinn zum Gegenstand hat.

Dem Wortsinn entsprechend, wären also Wissenschaftler, die sich mit der Vorgeschichte des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 auseinandersetzen, Verschwörungstheoretiker. Diese Leute würden aber empört oder zumindest mit Kopfschütteln auf eine solche Einstufung reagieren. Offenbar versteht man heute unter einem Verschwörungstheoretiker etwas anderes als das, was dem Sinn dieses Begriffs entspricht.

Während der Wortsinn neutral ist, könnte das heutige Verständnis kaum negativer sein. Ein Verschwörungstheoretiker gilt entweder als leichtgläubiger Dummkopf oder als bösartiger Demagoge. Mitunter wird er auch als Mischung aus beidem betrachtet.

Im Allgemeinen verortet man den Verschwörungstheoretiker zumindest im rechtspopulistischen Lager, wenn nicht unter Rassisten und Nazis. Neuerdings wird den „defining features“ des Verschwörungstheoretikers auch noch die „Querfront“ hinzugefügt. Querfrontler sind Menschen, die einen Schulterschluss zwischen der extremen Rechten und der extremen Linken anstreben, auf Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners.

Begriffe, die nicht im eigentlichen Wortsinn verwendet werden, sind meist schlecht definiert. So ist das auch mit der „Verschwörungstheorie“ im modernen Sinn. Und da erstaunt es auch nicht, wenn gelegentlich sogar Menschen als Verschwörungstheoretiker bezeichnet werden, die überhaupt keine Theorie über eine Verschwörung vortragen – sondern etwas anderes, was den Leuten, die diesen Begriff verwenden, nicht plausibel oder skurril erscheint.

Mich erinnert der Begriffsgebrauch durchaus an die Zeiten des Kalten Kriegs, in denen man ja bekanntlich sehr schnell zum Kommunisten erklärt wurde, wenn man etwas Unbequemes äußerte. Mit einem Unterschied allerdings: Während im Kalten Krieg dem Kommunisten nur dämonische Eigenschaften zugeschrieben wurden, so hat heute der „Verschwörungstheoretiker“ auch seine komischen Seiten: Er glaubt an irre Vorstellungen, bar jeder Logik und Vernunft. Allerdings scheint neuerdings das Dämonische stärker pointiert zu werden; wir nähern uns also diesbezüglich wieder den Gepflogenheiten des Kalten Kriegs an.

Schaut man genauer hin, dann stellt man allerdings fest, dass der Titel „Verschwörungstheoretiker“ keineswegs völlig willkürlich an jeden verteilt wird, der mit seinen Ideen irgendwie aneckt. Es mag zwar hin und wieder vorkommen, dass ein Spinner sich mit beliebigen Ideen den Titel „Verschwörungstheoretiker“ einhandelt. Aber er bleibt nicht an ihm haften, wenn seinen Überzeugungen bestimmte Merkmale fehlen.

Um sich als Verschwörungstheorie zu qualifizieren, muss das Gedankengebilde einige charakteristische Eigenschaften aufweisen:

  1. Gegenstand der Theorie ist eine Macht hinter den Kulissen.
  2. Diese Macht ist im Geheimen aktiv.
  3. Sie unternimmt etwas zum Schaden der Allgemeinheit und zum eigenen Nutzen.
  4. Ihre Existenz wird weder von den seriösen Medien, noch von der Universitätswissenschaft ernsthaft erwogen.

Mit dieser Liste im Blick können wir uns nun eine beispielhafte Verschwörungstheorie basteln:

  1. Es gibt einen kleinen Kreis  von weltweit operierenden Unternehmen (maximal 1000), die untereinander hochgradig vernetzt sind.
  2. Die Aktienmehrheit dieser Unternehmen gehört einem kleinen Kreis  von Personen (maximal 100), die einander meist persönlich bekannt sind.
  3. Diese Personen und Unternehmen haben neben vielen divergierenden auch eine Reihe wesentlicher gemeinsamer Interessen.
  4. Durch ein Netz formeller und informeller Beziehungen versuchen sie, diese gemeinsamen Interessen weltweit politisch durchzusetzen.
  5. Dies führt dazu, dass die Regierungen der Welt häufig wie Handlanger einer wirtschaftlichen Elite agieren.

Diese Verschwörungstheorie ist nur ein Beispiel von vielen, die man nach dieser Gebrauchsanweisung ohne große Geistesanstrengung schnell kreieren könnte.  Wer so etwas vertritt, ist ein leichtgläubiger Dummkopf und zugleich ein gefährlicher Demagoge. Vermutlich ist er auch ein Antisemit, Rassist und schlimmstenfalls sogar ein ausgemachter Nazi. Es erübrigt sich also, derartige Verschwörungstheorien ernsthaft zu überprüfen. Das wäre reine Zeitverschwendung.

Und nun das! Man stelle sich nur vor: Da will die Neue Rheinische Zeitung den Kölner Karlspreis für engagierte Literatur und Publizistik an Ken Jebsen verleihen, den gefürchteten Verschwörungstheoretiker. Und die Preisverleihung soll im Berliner Kino Babylon stattfinden, einem vom Senat geförderten Programmkino. Wie gut nur, dass es Klaus Lederer gibt, den linken Kultursenator.

Die taz schreibt: „Nach einer öffentlichen Rüge durch Lederer, der vom ‚Jahrmarkt der Verschwörungsgläubigen und Aluhüte‘ sprach und einem Telefonat seines Staatssekretärs mit dem Babylon-Geschäftsführer, kündigte das Kino der Neuen Rheinischen Zeitung die Räumlichkeiten.“

Dem Leser überlasse ich es, sich zu diesem Vorgang eine eigene Verschwörungstheorie zu konstruieren. Es ist gar nicht schwer.