Intelligenz, Migranten, Denkfehler

Sarrazin

Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ löste unter den politisch sonst eher abstinenten Psychologen im deutschsprachigen Raum eine heftige Diskussion aus. Schließlich hatte Sarrazin unterstellt, Intelligenz sei zu 50 bis 80 Prozent angeboren und die Ethnien unterschieden sich hinsichtlich ihrer durchschnittlichen Intelligenz deutlich voneinander.

Sarrazin behauptete zudem, dass diese These dem Stand der empirisch-psychologischen Intelligenzforschung entspräche.

Sarrazin hatte leider recht – zwar nicht in der Sache, durchaus aber hinsichtlich der Schützenhilfe durch die Psycho-Zunft. Auch wenn seine Ausführungen hin und wider die Feinheiten der statistischen Analysen und Begriffsbildungen nicht angemessen widerspiegeln, was die Psychologen zu bemängeln nicht müde wurden, stimmt seine These im Kern doch durchaus mit den Auffassungen des Mainstreams der psychologischen Intelligenzforschung überein.

Zwar meldeten sich auch einige kritische Stimmen zu Wort, die den Wert der Zwillingsforschung in Sachen Erblichkeit von persönlichen Merkmalen relativierten, aber diese Stimmen gingen in der allgemeinen, grundsätzlichen Zustimmung unter.

Sarrazins Werk wurde ein überwältigender Erfolg; seine Thesen erhitzten die Gemüter in Talkshows; der Autor, der auch sonst gern Minderheiten aufs Korn nimmt, avancierte endgültig zum Star der rechten und rechtspopulistischen Szene.

Vom politischen Mainstream wurde er zwar heftig kritisiert, doch Sarrazin, im Vollgefühl enormer Verkaufszahlen, warf seinen Kritikern vor, sich wie „deutsche Inquisitoren“ zu verhalten und die Stimmung im Volk zu missachten.1

Der ungewöhnliche kommerzielle Erfolg spricht in der Tat dafür, dass sein Buch nicht nur an deutschen Stammtischen erheblichen Rückhalt fand. Wieder einmal klaffte ein gewaltiger Graben zwischen der Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung und der veröffentlichten Meinung unserer Regierung und der staatstragenden Opposition. Den Aspekt der Intelligenz als tragendes Thema seiner Schrift hatte Sarrazin überaus geschickt gewählt, denn Bücher zu Fragen der Intelligenz provozieren bekanntlich stets heftige Auseinandersetzungen zum Thema „Rassismus“, die ihnen die entsprechende mediale Aufmerksamkeit sichern.

Man denke beispielsweise an den Aufruhr, den das Buch „The Bell Curve“ von Richard J. Herrnstein und Charles Murray auslöste.2 Den Autoren wurde u. a. vorgeworfen, sie hätten behauptet, dass die Intelligenzunterschiede zwischen Rassen ausschließlich genetisch bedingt seien, was allerdings nicht zutraf. Verteidiger aus interessierten Kreisen lobten das Werk aber gerade wegen seiner angeblich rassistischen Ausrichtung.

Denkfehler

In einer kritischen Auseinandersetzung mit den Thesen Sarrazins schreibt die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern:

„Hätten Gene keinerlei Einfluss auf das Zustandekommen von Intelligenzunterschieden, sollten sich zweieiige Zwillingspaare genauso stark ähneln wie eineiige. Das ist aber ganz eindeutig nicht der Fall, wie alle Studien zeigen.“3

Dieses im Mainstream gängige Argument ist undifferenziert (ich werde später erklären wieso), und in dieser allgemeinen Form lautet die Logik dahinter: Eineiige Zwillinge, die gemeinsam aufwachsen, sind denselben Umwelteinflüssen ausgesetzt wie zweieiige, die zusammen groß werden. Wenn also die Intelligenzquotienten bei den eineiigen Zwillingen stärker miteinander korrelieren als bei den zweieiigen, dann können nur die Erbanlagen für diese Unterschiede im Ausmaß der Übereinstimmung verantwortlich sein.

Auf den ersten Blick klingt dies plausibel. Schaut man allerdings genauer hin, dann erkennt man, dass diese Plausibilität auf einer stillschweigend hingenommenen Voraussetzung beruht. Voraussetzungen stillschweigend hinzunehmen, führt sehr häufig zu Denkfehlern, so auch hier.

Diese Voraussetzung lautet: Hinsichtlich der Art des Umwelteinflusses unterscheiden sich eineiige bzw. zweieiige Zwillinge, die gemeinsam aufwachsen, nicht voneinander. Familiensituation, Schule, Eltern, Lehrer, Pfarrer und Trainer im Sportverein (um nur einige Beispiele zu nennen) wirken in gleicher Weise auf eineiige bzw. zweieiige Zwillingspaare ein. Dies ist aber eine Hypothese, die nicht als selbstverständlich gelten kann.

Sterns Schlussfolgerung ist daher fragwürdig, weil nicht auszuschließen ist, dass eineiige Zwillinge u. a.

  • gleichförmiger behandelt werden (nicht nur von den Eltern)

  • eine engere emotionale Beziehung zueinander entwickeln

  • sich in stärkerem Maße gegenseitig imitieren

als zweieiige Zwillinge.

Dies bedeutet, dass die Tatsache einer höheren Korrelation der Intelligenzquotienten bei eineiigen im Vergleich zu zweieiigen Zwillingen zumindest teilweise darauf zurückgeführt werden könnte, dass sich zentrale Umweltfaktoren in viel stärkerem Maße gleichförmig auf beide Geschwister eines eineiigen Zwillingspaares auswirken als auf Individuen eines zweieiigen Zwillingspaares. Eineiige Zwillinge könnten von ihrer Umwelt in viel stärkerem Maße zu ähnlicher Ausprägung von Merkmalen gedrängt werden bzw. sich gegenseitig drängen als zweieiige.

Mit anderen Worten, selbst wenn die Gene keine Rolle spielten, müssten die beiden Arten von Zwillingspaaren unterschiedliche IQ-Korrelationen aufweisen, weil die Umwelt unterschiedlich auf sie reagiert und weil die eineiigen Zwillinge dazu neigen, sich einander anzugleichen.

Die Gen-Illusion

In seinem Buch über die „Gen-Illusion“4 analysiert der amerikanische Psychologe Jay Joseph die methodischen Probleme der empirischen Zwillingsforschung. Von ihm stammt auch das oben vorgetragene Argument zur Kritik an dieser Forschungsrichtung.

Joseph setzt sich u. a. umfassend mit einem Untersuchungsdesign der Zwillingsforschung auseinander, das einen nach menschlichem Ermessen halbwegs sicheren Nachweis der Erblichkeit des Intelligenzquotienten zu erbringen verspricht. Man untersucht eineiige Zwillinge, die unmittelbar nach der Geburt getrennt wurden und die dann in deutlich voneinander unterschiedenen Milieus aufwuchsen.5

Wenn die Korrelation zwischen den Intelligenzquotienten bei eineiigen Zwillingspaaren, die getrennt aufwuchsen, statistisch signifikant höher wäre als die Korrelation bei zweieiigen Zwillingspaaren, dann könnte man den erblichen Anteil des Intelligenzquotienten6, im Rahmen des Möglichen, methodisch einwandfrei abschätzen.

Unglücklicherweise ist die Zahl eineiiger Zwillingspaare nicht besonders groß. Noch kleiner ist die Zahl eineiiger Zwillingspaare, die getrennt aufgezogen wurden. Aus diesem Kreis wuchs nur ein kleiner Teil in deutlich unterschiedlichen Milieus auf, da Zwillinge, die getrennt werden müssen, häufig in ähnliche Milieus vermittelt werden, oder gar in Familien mit verwandtschaftliche Beziehungen zur Ursprungsfamilie. Aus dieser kleinen Gruppe, die für eine Untersuchung der Erblichkeit des Intelligenzquotienten in Frage käme, steht nur ein Bruchteil der Zwillingspaare für derartige Studien zur Verfügung. Diese Paare sind häufig nicht mehr auffindbar oder nicht willens, sich testen zu lassen.

Es gibt jedoch eine kleine Zahl von Studien zur Intelligenz mit getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen. Diese Untersuchungen sind allerdings methodisch fragwürdig und daher nicht eindeutig interpretierbar, schreibt Joseph.

Dies räumt im Übrigen z. B. auch das Mainstream-Lehrbuch der Differentiellen Psychologie von Amelang und Bartussek ein.7

Von diesen Problemen erfährt der interessierte Laie, der sich über diese Fragestellungen durch die Mainstream-Medien informieren lässt, in aller Regel nichts.

Die empirische Basis für Aussagen zur Erblichkeit der Intelligenz ist viel zu klein, um Thilo Sarrazins These zu stützen. Die Behauptung des Autors, er referiere nur wissenschaftlich anerkannte Tatsachen, trifft eindeutig nicht zu. Die Zwillingsforschung ist höchst umstritten. Ich halte es im Übrigen nicht für ausgeschlossen, dass Erbanlagen bei der Entwicklung von Intelligenz eine Rolle spielen könnten; aber für Gewissheiten dieser Art reicht die vorhandene Datenbasis bei weitem nicht aus.

Gütekriterien

Jeder seriöse psychologische Test muss Gütekriterien erfüllen, vor allem muss er das, was er misst, möglichst zuverlässig messen. Es sollten also beispielsweise bei zwei aufeinanderfolgenden Messungen keine grob unterschiedlichen Werte herauskommen. Außerdem sollte er natürlich möglichst präzise das abbilden, was er zu messen vorgibt. Beim Intelligenztest ist dies natürlich die menschliche Fähigkeit, Probleme zu lösen.

Zur Validierung von Intelligenztests wird beispielsweise versucht, die Übereinstimmung zwischen Testergebnissen und dem intelligenten Verhalten „in freier Wildbahn“ zu quantifizieren. So kann man beispielsweise den IQ eines Kindes mit seinen Zeugnisnoten korrelieren. Oder man kann den IQ eines Auszubildenden mit dem Erfolg in der Lehre in Beziehung setzen.

Das Problem hierbei besteht darin, dass alle denkbaren Außenkriterien der Intelligenz auch von anderen Faktoren abhängen. Schulnoten beispielsweise sind nicht nur das Ergebnis der kognitiven Kapazität eines Schülers, sondern auch seines Fleißes, seiner Fähigkeit, sich ins rechte Licht zu rücken, seiner Frustrationstoleranz sowie zahlloser anderer Faktoren, die nichts mit Intelligenz zu tun haben.

Außerdem fließen in Zeugnisnoten natürlich auch die Vorlieben und Abneigungen des Lehrers sowie eine Vielzahl anderer Faktoren ein8, die mit der Intelligenz des Schülers nichts zu tun haben.

Es erstaunt daher nicht, dass die Korrelationen zwischen dem IQ und solchen Außenkriterien meist eher gering, allerhöchstens aber mittelmäßig sind.

Daraus folgt: Selbst wenn sich erbliche Einflüsse auf die Höhe des Intelligenzquotienten methodisch sauber nachweisen ließen, so hätten man damit nur unter Beweis gestellt, dass die Fähigkeit, Intelligenztestaufgaben zu lösen, in einem gewissen Ausmaß genetisch mitbedingt ist. In welcher Weise und Ausprägung diese Fähigkeit mit der Intelligenz zusammenhängt, bliebe weiterhin ungeklärt.

Zurück also zur eingangs gestellten Frage, was eigentlich der IQ bedeutet. Seine Bedeutung erschöpft sich streng genommen in den Korrelationen des entsprechenden Tests mit Außenkriterien wie Schulnoten, Berufserfolg etc. Ein IQ von 145 bedeutet also beispielsweise, dass der entsprechende Mensch höchstwahrscheinlich das Abitur schaffen wird, sofern er es anstrebt.

Wenn wir also nicht wissen, ob und in welchem Ausmaß der IQ angeboren ist, wie der IQ mit der Intelligenz zusammenhängt und was Intelligenz eigentlich ist, dann ist es sicher auch nicht gerechtfertigt, davon zu sprechen, dass es angeborene Intelligenzunterschiede zwischen den Ethnien gäbe. Wir können dies allenfalls vermuten.

Eindeutige Experimente

Doch selbst wenn sich Unterschiede des Intelligenzquotienten zwischen Ethnien oder Rassen nachweisen ließen (was umstritten ist), wäre damit noch lange nicht die Frage geklärt, ob sie auf Umweltbedingungen oder auf genetischen Faktoren beruhen.

Es ist nicht damit zu rechnen, dass diese Frage in absehbarer Zeit geklärt werden kann. Dies liegt daran, dass die naturwissenschaftliche Genforschung weit davon entfernt ist, die potenziellen „Intelligenz-Gene“ eindeutig zu bestimmen und dass beweiskräftige sozialwissenschaftliche Experimente zur Klärung dieser Frage aus pragmatischen und ethischen Gründen nicht verwirklicht werden können.

Solche Experimente müssten sich nämlich durch die folgende Grundstruktur auszeichnen: Man nehme beispielsweise ein paar hundert zufällig ausgewählte Neugeborene unterschiedlicher Rassen und ziehe sie in einem möglichst homogenen experimentellen Milieu auf. Dann teste man die Intelligenz und vergleiche die rassenspezifischen Durchschnittswerte.

Dies wäre die einzige einwandfreie Methode zur Entscheidung dieser Frage. Alles andere ist mit willkürlichen Daten garnierte Spekulation. Selbstverständlich müssten die Kinder zufällig aus ihren jeweiligen Grundgesamtheiten ausgewählt werden – und auch die Personen, die als experimentelle „Eltern“ eingesetzt würden, müsste man ebenfalls nach dem Zufallsprinzip rekrutieren. Schließlich müssten Kinder und „Eltern“ einander ebenfalls „randomisiert“ zugeordnet werden.

Wenn ein solches Experiment tatsächlich signifikante Unterschiede hinsichtlich der Fähigkeit zur Lösung bestimmter Intelligenztestaufgaben zwischen den Rassen erbringen sollte, dann würde ich es für sehr wahrscheinlich halten, dass diese Unterschiede auf genetischen Faktoren beruhen. Allerdings hat ein derartiges Experiment aus ethischen und pragmatischen Gründen keine Realisierungschance.

Experimentelle Neutralität

Und selbst bei diesem „sauberen“ Verfahren hängen die Ergebnisse vom gewählten Intelligenzkonstrukt ab. Die rassische bzw. ethnische Neutralität ist also nicht zwangsläufig gewährleistet.

Es könnte sein, dass die einzelnen Rassen und Ethnien unterschiedliche Intelligenzstrukturen haben und dass das gewählte Konzept bzw. der gewählte Test die eine oder andere Rasse begünstigt. Dies wäre dann der Fall, wenn der Test Aspekte überbetonen würde, die bei einzelnen Rassen oder Ethnien stärker ausgeprägt sind als bei anderen.

Unter diesen Bedingungen wäre der IQ als singuläre Zahl denkbar ungeeignet, um die unterschiedliche kognitive Leistungsfähigkeit von Rassen oder Ethnien abzuschätzen. Man hat zwar so genannte „Culture Fair IQ Tests“ entwickelt, um derartige Verzerrungen auszuschalten, aber diese Versuche waren bisher nicht wirklich überzeugend.

Es gibt zweifellos zahllose Aspekte der Intelligenz. Kein Intelligenztest kann alle Manifestationen intelligenten Verhaltens erfassen. Daher ist jeder Test selektiv. Da die gängigen Intelligenztests für die Praxis konzipiert wurden, beziehen sie vor allem Aspekte der Intelligenz ein, die für die Meisterung der Anforderungen in der modernen, technisch und naturwissenschaftlich geprägten Zivilisation relevant sind.

Sie wurden im Übrigen vor allem in Europa und den USA entwickelt. Unter diesen Bedingungen muss man tatsächlich von Rassismus in numerischer Verkleidung sprechen, wenn Menschen aus anderen Kulturkreisen nach diesen euro-amerikanischen Maßstäben bewerten werden.

Verdummung durch Zuwanderung?

Kritiker unserer Migrationspolitik berufen sich gern auf angebliche IQ-Unterschiede zwischen Rassen und Ethnien und warnen vor einer Verdummung des deutschen Volkes durch Zuwanderung von Menschen mit niedrigen IQ.

Dabei wird vorausgesetzt, dass dies eine negative Auswirkung auf unser Land hätte. Dementsprechend wäre zu klären, ob der IQ tatsächlich eine bedeutende Rolle in unserem gesellschaftlichen Leben und natürlich insbesondere in unserer Arbeitswelt spielt.

Die Intergenerationenmobilität (also der soziale Aufstieg bzw. Abstieg, der sich von einer Generation zur nächsten vollzieht) ist in kapitalistischen Staaten erheblich geringer als die Mobilität, die sich ergeben würde, wenn Berufspositionen nur nach dem Intelligenzquotienten vergeben würden.

Das heißt: Tendenziell bleiben die Kinder von denen da oben auch da oben, gleich gleich, wie schlau oder wie dumm sie sind – und natürlich umgekehrt. Die Korrelation zwischen dem IQ von Eltern und ihren Kindern ist relativ schwach – dies bedeutet, dass Kinder nicht selten intelligenter oder weniger intelligent sind als ihre Eltern. Selbst wenn die Eltern ausgesprochen smart sind, heißt dies noch lange nicht, dass auch die Kinder zu den hellen Köpfen zählen und umgekehrt.

Bei den weit über- bzw. weit unterdurchschnittlich Intelligenten wirkt sich im Übrigen das wahrscheinlichkeitstheoretisch begründete Phänomen der „Regression zur Mitte“ aus: Die Kinder von „Intelligenzbestien“ sind in aller Regel bei weitem nicht so gescheit und die Kinder von „geistigen Tieffliegern“ sind fast immer deutlich klüger als ihre Eltern.9

Demgegenüber ist die Korrelation zwischen dem sozioökonomischen Status der Eltern und dem ihrer Kinder im Erwachsenenalter ziemlich hoch. Entschiede also über Karrierechancen ausschließlich der IQ, dann müsste sich die Intergenerationenmobilität erhöhen, da Kinder oftmals dümmer oder klüger sind als ihre Eltern, ganz gleich, aus welcher Schicht sie stammen.

Fielen also die Privilegien und Benachteiligungen weg und ginge es nur um den IQ, dann säßen viel mehr Menschen, die aus der Unterschicht stammen, als heute in den Führungsetagen von Wirtschaft, Verwaltung und Politik.

Dies würde in jedem Fall so sein, unabhängig davon, ob und in welchem Ausmaß die Intelligenz angeboren ist, denn Eltern und Kinder stimmen ja nicht, wie eineiige Zwillinge, genetisch weitgehend miteinander überein.

Intelligenz ist unwichtig

Intelligenz ist ohnehin für die Karriere de facto nicht besonders wichtig. Dies gilt insbesondere für Deutschland:

Es „entscheidet in keinem anderen Industriestaat die sozio-ökonomische Herkunft so sehr über den Schulerfolg und die Bildungschancen wie in Deutschland“,

heißt es in dem Bericht „Internationale Leistungsvergleiche im Schulbereich“, der 2006 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung herausgegeben wurde.

In Deutschland stammen fast alle Führungskräfte in den größeren Wirtschaftsbetrieben aus der Oberschicht. Dies gilt auch für andere Großinstitutionen. Und das lässt sich wohl kaum mit Intelligenzunterschieden zwischen den Schichten erklären.

Doch dieses Phänomen beobachtet man keineswegs nur in Deutschland. Der amerikanische Wissenschaftler Richard C. Lewontin konnte empirisch nachweisen, dass ein Mann mit einem durchschnittlichem IQ von 100 eine 7,5 mal größere Chance hat, in die höchste Einkommensgruppe zu gelangen, wenn er aus einer Oberschichts- statt aus einer Unterschichtsfamilie kommt.10

Derartiges findet sich überall in der Welt.

Diese Überlegungen gelten im Übrigen nicht nur für die Auf- bzw. Abstiegswahrscheinlichkeiten von Menschen aus unterschiedlichen Klassen, sondern gleichermaßen für die soziale Mobilität von Angehörigen rassischer und ethnischer Minderheiten. Würden die beruflichen Positionen nur nach dem Intelligenzquotienten vergeben, dann würden in gemischtrassigen kapitalistischen Gesellschaften des Westens wesentlich mehr Nicht-Weiße Führungspositionen bekleiden als unter den heutigen Bedingungen – unabhängig davon, ob es genetisch bedingte IQ-Unterschiede zwischen den Rassen gibt oder nicht.

In diesen Gesellschaften sind Farbige, bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil, erheblich seltener in gehobenen Berufspositionen zu finden als Weiße. Wäre nur der IQ für die Bewerberauswahl ausschlaggebend, dann fiele für weiße Berufsanfänger der erhebliche Vorteil weg, der heute mit dem sozioökonomischen Status der Eltern verbunden ist. Selbst wenn Farbige einen tendenziell niedrigeren IQ haben sollten, würde dieser Nachteil durch den Vorteil der Nichtberücksichtigung des sozioökonomischen Status‘ der Eltern mehr als aufgewogen.

Fazit

Wer sich um die Intelligenzentwicklung unseres Volkes Sorgen macht, sollte weniger über Migranten, sondern vielmehr über die Selektionsmechanismen in unserer Arbeitswelt nachdenken. In unserem Lande hängen Karrierechancen nämlich nur geringfügig, wenn überhaupt, von der Intelligenz eines Arbeitnehmers ab. Erheblich wichtiger ist vielmehr, aus welchem Stall er kommt, die Kinderstube.

Aus den bereits genannten Gründen garantiert die Herkunft aus den höheren Sozialschichten jedoch keineswegs eine brillante oder auch nur eine für gehobene Postionen ausreichende Intelligenz. Dies bedeutet, dass in die Führungsetagen unserer Gesellschaft mit großer Wahrscheinlichkeit eine Vielzahl von Personen gelangen, die ihren Aufgaben aufgrund kognitiver Unzulänglichkeiten nicht gewachsen sind.

Und diese Personen haben in aller Regel keinen Migrationshintergrund, sondern sie stammen aus „gutem Hause“. Wenn Deutschland sich abschafft, dann durch Nieten in Nadelstreifen und Vollpfosten auf Regierungsbänken. Die Migranten sind unschuldig.

Eine andere Frage ist natürlich, ob man sich eine Gesellschaft wünschen sollte, bei der allein der IQ darüber entscheidet, welche Position man in der Hierarchie der Macht und des Einkommens einnimmt. Viele werden die Hände bei dieser Vorstellung über dem Kopf zusammenschlagen und ausrufen: Wo bleiben denn die Persönlichkeit, das Gemüt, die Empathie, die sozialen Tugenden.

Klar. Natürlich ist Intelligenz nicht alles. Aber was über die Intelligenz gesagt wurde, trifft gleichermaßen auch auf alle anderen wünschenswerten Charaktermerkmale zu. Die Herkunft aus gutem Hause, die weiße Hautfarbe oder die deutsche Abstammung stellen keineswegs sicher, dass man diese auch besitzt.

Nehmen wir die Rationalität. Dabei handelt es sich um ein von der Intelligenz weitgehend unabhängiges Merkmal.11 Rationalität ist die Fähigkeit und Bereitschaft, Probleme umfassend, also nicht einseitig und vorurteilsbeladen zu durchdenken, ohne sich von Emotionen (beispielsweise Gier) mitreißen zu lassen oder dem menschlichen Hang zur Denkfaulheit nachzugeben. Intelligenz ist demgegenüber reine Brainpower, die Fähigkeit, Probleme mit vorgegebenen Lösungswegen möglichst schnell abzuarbeiten.

An den Börsen dieser Welt beispielsweise erleben wir immer wieder, wie sich weiße Männer aus gutem Hause, die mit hoher Intelligenz gesegnet sind, abgrundtief irrational aufführen. Ähnlich irrational geht es mitunter in Parlamenten, in Vorstandetagen, in Verbänden und in den Redaktionsstuben der Medien zu.

Es mag ja sein, dass Deutschland sich abschafft. Die Gründe dafür haben mit Intelligenz kaum etwas zu tun, und erst recht nicht mit Migration. Es lohnt sich, darüber umfassend und nicht einseitig, vorurteilsbeladen bzw. emotional verzerrt nachzudenken.

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Thilo Sarrazin: Ich hätte eine Staatskrise auslösen können, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Dezember 2010

2  Herrnstein, Richard J.; Murray, Charles (1994). The Bell Curve: Intelligence and Class Structure in American Life. New York: Free Press

Stern, E. (2010). Was heißt hier erblich? Die Zeit, 2. 9. 2010

Joseph, J. (2004). The Gene Illusion, Genetic Research in Psychiatry and Psychology Under the Microscope. New York: Algora Publishing

Einen völlig sicheren Nachweis kann es natürlich selbst mit dieser Methode nicht geben, da auch getrennt lebende eineiige Zwillingspaare während einer wichtigen Phase ihres Lebens eine gemeinsame Umwelt teilen, nämlich im Mutterleib.

Ich schreibe hier ausdrücklich: „erblicher Anteil des Intelligenzquotienten“ und nicht „erblicher Anteil der Intelligenz“, denn der Intelligenzquotient ist nur ein unvollkommenes Maß der Intelligenz. Davon später mehr.

Amelang, M. & Bartussek, D. (1997). Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung. Stuttgart: Kohlhammer, Seiten 550 ff.

Beeinflussung der Leistung durch hemmende und fördernde Lebensereignisse aller Art, z. B. Tod eines Elternteils, Liebeskummer etc.

Die „Regression zur Mitte“ ist ein mathematisches, kein empirisches Problem. Es tritt immer auf, wenn eine Korrelation nicht perfekt ist und es ist umso größer, je näher der der Korrelationskoeffizient 0 ist. Bei einem Korrelationskoeffizienten liegen die Werte zwischen -1 und +1.

10 Lewontin, R. C. (1982). Human Diversity. New York : Scientific American Library

11 Stanovich, K. E. (2009).What Intelligence Tests Miss: The Psychology of Rational Thought. New Haven: Yale University Press