Psychische Krankheit und freier Wille

Manche meinen, dass die so genannten psychischen Krankheiten durch Hirndefekte oder andere körperliche Ursachen hervorgerufen würden. Andere vertreten die Auffassung, dass missliche soziale Umstände, z. B. familiäre Verhältnisse, Armut oder andere Umwelteinflüsse dafür verantwortlich seien. Beide Thesen können ebenso wenig völlig überzeugen wie die These, dass im Ursachenbündel „psychischer Krankheiten“ Anlage und Umwelt zusammenwirkten.

Gegen biologische Ursachen spricht die Tatsache, dass sie bisher weder in den Genen, noch in den Gehirnen der Betroffenen entdeckt werden konnten. Sie sind spekulativ. Man kann sie deswegen zwar nicht ausschließen, aber auch nicht als gegeben voraussetzen.

Ähnliches gilt für Umwelteinflüsse. Es mag zwar sein, dass den Einzelnen widrige Lebensbedingungen stark einschränken oder dass ihm privilegierte Verhältnisse eine Fülle von Möglichkeiten bieten. Aber ein Mechanismus, der diese Umstände automatisch mit bestimmten Formen des Verhaltens und Erlebens verbindet, wurde bisher noch nicht entdeckt. Es verwandeln sich eben nicht alle Menschen, die unter katastrophalen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen aufwachsen, in psychisch Gestörte. Nicht alle, die unter privilegierten Bedingungen heranwuchsen, sind frei von seelischen Leiden und Konflikten.

Den prägenden Einfluss der äußeren Lebensbedingungen kann man natürlich nicht leugnen. Aber es widerspricht der Lebenserfahrung, dass wir deswegen Sklaven unserer Umwelt wären. Der Mensch besitzt einen freien Willen. Er konnte sich entwickeln, weil er mit einem evolutionären Vorteil verbunden war.

Beim Stand der neurowissenschaftlichen Forschung ist es zwar noch nicht möglich, diese These empirisch zu erhärten. Aber entgegen anders lautenden Gerüchten spricht auch kein bekanntes Faktum dagegen, dass das menschliche Gehirn zum freien Willen befähigt ist.  Dies hat  Peter Ulric Tse in einem lesenswerten Buch zu diesem Thema überzeugend dargelegt.1)Tse, P. U. (2013). The Neural Basis of Free Will: Criterial Causation by Peter Ulric Tse, Cambridge: MIT Press

Ein Beispiel: Ein junger Mensch – nennen wir ihn Paul – wächst unter ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater ist oft arbeitslos, die Mutter häufig krank. Die Eltern vernachlässigen ihn. Mitunter wird er misshandelt. Unter Stress greift die Mutter zum Röhrchen mit Beruhigungspillen, der Vater zur Flasche.

Paul werden in Belastungssituationen natürlich zunächst Pille oder Flasche als Problemlösung in den Sinn kommen. Insofern ist seine Entscheidung nicht schrankenlos frei. Seine bisherige Lebenserfahrung legt ihm bestimmte Verhaltensalternativen nahe. Einen anderen Umgang mit Lebensproblemen hat er nicht gelernt.

Dennoch kann ihm, durch Zufall, beispielsweise an seinem Ausbildungsplatz ein anderer Auszubildender namens Leo begegnen. Dieser Kollege geht mit Stress konstruktiver um. Paul kann sich entscheiden, Leo zum Vorbild zu wählen. Das Beispiel Leos hilft ihm, die Verhaltensweisen seiner Eltern kritischer zu sehen.

Leo ist natürlich ebenfalls Teil von Pauls Umwelt. Der von Umwelteinflüssen völlig freie Wille ist vermutlich eine Fiktion. Dennoch kann nicht gesagt werden, dass Menschen grundsätzlich Opfer ihres Milieus wären. Es bleibt ein Spielraum für Entscheidungen. Paul ist ja auch nicht dazu gezwungen, Leo nachzuahmen.

Selbstverständlich werden wir mit den Handlungen, zu denen wir uns entscheiden, nicht immer auch Erfolg haben. Ob wir ans Ziel gelangen, hängt nicht nur von unseren Fähigkeiten, sondern auch von den äußeren Umständen ab. Und nur sehr selten können wir diese äußeren Umstände aus eigener Kraft im erforderlichen Maß ändern.

Manche Vorhaben sind, durch objektive Faktoren bedingt, mit äußerst schlechten Erfolgsaussichten verbunden. Wer aus der Unterschicht stammt, wird z. B. – trotz Talent zur Wissenschaft – in aller Regel nicht Professor. Doch es gibt Leute, die lassen sich davon nicht abschrecken. Sie kommen zu Fall. Sie stehen wieder auf. Sie versuchen es erneut. Immer wieder. Sie sind beharrlich. Einige kommen durch.

Menschliches Handeln wird aus meiner Sicht von vier möglichen grundlegenden Einflüssen bestimmt:

  • Erbanlagen. Darüber ist noch nichts Sicheres bekannt. Wir kennen die Gene nicht, auf denen die individuellen Talente beruhen. Es liegt aber nahe, dass es sie gibt. Daher ziehe ich sie in Erwägung, wenn ich Unterschiede zwischen Menschen aus ähnlichen Milieus erkenne.
  • Umwelteinflüsse. Menschen handeln spontan. Reagiert die Umwelt positiv darauf, zeigen Menschen diese Handlungen öfter. Ist die Konsequenz negativ, seltener. Dieser Prozess der Konditionierung durch die Umwelt ist allgegenwärtig. An seiner Existenz kann mit vernünftigen Gründen wohl kaum gezweifelt werden.
  • Freier Wille. Der Mensch entscheidet sich. Von Kindheit an ist er Tag für Tag vor die Wahl gestellt, dieses oder jenes zu tun. Manchmal können wir aufgrund der Umstände oder in Kenntnis seines Charakters vorhersagen, wie sich ein Individuum entscheiden wird. Oft aber auch nicht. Manche Philosophen meinen, das menschliche Verhalten sei vollständig determiniert. Deswegen seien auch seine Entscheidungen frei. Andere Philosophen widersprechen. Der Mensch sei zur Freiheit verdammt, sagt z. B. Sartre. Doch gesetzt den Fall, der Mensch sei vollständig determiniert. Welche praktischen Konsequenzen hätte das? Es ist doch völlig unmöglich, alle möglichen Determinanten menschlichen Verhaltens in Vergangenheit und Gegenwart zu ergründen. Deswegen wird es für uns immer rätselhaft bleiben. Für mich ist dieser Tatbestand ein guter Grund, so zu tun, als ob der Wille frei sei.
  • Zufall. Das Paul Leo traf, war Zufall. Diese Begegnung trug dazu bei, dass er sein Leben änderte. Die Rolle des Zufalls im menschlichen Leben wird weithin unterschätzt. Dabei beginnt das Leben bereits mit einem Zufall, der weitgehende Konsequenzen hat. Ob wir Mädchen oder Junge werden, ist nicht vorherbestimmt. Die Chance steht 1:1. Nassim Nicholas Taleb hat ein bemerkenswertes Buch zu diesem Thema geschrieben: Fooled by Randomness.2)Taleb, N. N. Fooled by Randomness: The Hidden Role of Chance in Life and in the Markets Durch den Zufall genarrt. Wie oft suchen wir nach Gründen für unser Verhalten, ohne fündig zu werden. Vielleicht gibt es diese Gründe mitunter gar nicht. Dass wir im Krankenhaus landeten, wurde von dem Dachziegel verursacht, der uns auf den Kopf fiel. Doch warum fiel dieser gerade dann von Dach, als wir genau an der passenden Stelle waren?

Aufgrund dieser Erwägungen betrachte ich das medizinische Modell psychischer Krankheiten als ungenügend. Es wird der Komplexität menschlicher Existenz nicht gerecht. Es kann daher in existenzieller Not auch keine Orientierung bieten.

Fußnoten   [ + ]

1.Tse, P. U. (2013). The Neural Basis of Free Will: Criterial Causation by Peter Ulric Tse, Cambridge: MIT Press
2.Taleb, N. N. Fooled by Randomness: The Hidden Role of Chance in Life and in the Markets