Frauen, Gewalt, Psychiatrie

Häusliche Gewalt, so heißt es in einem einschlägigen Artikel in einer Fachzeitschrift, sei eine „verborgene Epidemie“, die psychische Krankheiten hervorbringe.1)Hegarty, K. (2011). Domestic violence: the hidden epidemic associated with mental illness. The British Journal of Psychiatry (2011) 198: 169-170 Es gibt allerdings vergleichsweise wenig Studien, die sich dieses Sachverhalts annehmen. Dennoch regt sich kaum (offener) Widerspruch gegen diese These, obwohl sie augenscheinlich fragwürdig ist.

Denn

  1. sind Fragebögen zur Erhebung häuslicher Gewalt nicht valide2)Die Validität eines Fragebogens ist ein statisches Maß für die Genauigkeit, mit der ein Fragebogen erfragt, was er zu erfragen vorgibt., denn die mutmaßliche Gewalterfahrung wird fast immer nur aufgrund von Erinnerungen der angeblich Betroffenen festgestellt und nicht durch objektive Daten erhärtet
  2. ist die Validität psychiatrischer Diagnosen3)Die Validität einer Diagnose ist ein statistisches Maß für die Genauigkeit, mit der ein diagnostisches Verfahren diagnostiziert, was es zu diagnostizieren vorgibt. zweifelhaft, da es bisher noch nicht gelungen ist, derartige Diagnosen mit objektiven Verfahren abzusichern und
  3. bedeutet die Korrelation zwischen bekundeter häuslicher Gewalt und diagnostizierter psychischer Krankheit keineswegs, dass häusliche Gewalt die Ursache psychischer Krankheit sein muss. Eine Korrelation ist aus logischen Gründen nicht geeignet, Kausalität zu beweisen.

Wir können den vorliegenden Studien also allenfalls entnehmen, dass die Diagnose einer „psychischen Krankheit“ mit mutmaßlicher (oder, in selteneren Fällen) auch tatsächlicher häuslicher Gewalterfahrung assoziiert ist.

Dabei ist zu bedenken, dass mutmaßliche oder tatsächliche Gewalterfahrungen mit einer Vielzahl von Phänomenen korrelieren: nicht nur mit diversen „psychischen Krankheiten“, sondern auch mit eigener Gewalt und anderer Kriminalität, mit Viktimisierung,4)Viktimisierung bedeutet, dass jemand immer wieder zum Opfer gemacht wird, weil seine offensichtliche Schwäche potenzielle Täter herausfordert. mit Drogenkonsum und Alkoholismus, Prostitution, mit einer Fülle chronischer Erkrankungen.5)Centers for Disease Control and Prevention: Adverse Childhood Experiences (ACH) Study

Allein also kann (häusliche) Gewalt die Diagnose einer „psychischen Krankheit“ nicht erklären, denn manche mutmaßlich oder tatsächlich Betroffene werden eben nicht „psychisch krank“, sondern z. B. kriminell, Prostituierte, chronisch körperlich krank oder – wer hätte das gedacht – normale erwachsene Menschen.

Außerdem ist es denkbar, dass „psychisch kranke“, also unglückliche Menschen sich eher an Gewalterfahrungen erinnern oder zu erinnern glauben als nicht psychisch Kranke. Schlussendlich wäre es auch möglich, dass Ärzte und Psychotherapeuten eher geneigt sind, eine psychische Krankheit zu diagnostizieren, wenn sich im Erstgespräch Anzeichen auf häusliche Gewalt ergeben.

Psychische Krankheit unterscheidet sich von schlechtem Benehmen oftmals nur durch die entsprechende Diagnose. Und so mag der Wunsch entstehen, eine gesichtswahrende Erklärung für sein Verhalten zu finden. Dazu könnte sich angebliche erfahrende häusliche Gewalt durchaus eignen.

Die Forschung und auch das öffentliche Augenmerk konzentrieren sich in erster Linie auf Frauen als Opfer von Gewalterfahrungen. Zwar sind auch Männer von weiblicher oder männlicher Gewalt betroffen. Aber wer will die Sache unnötig verkomplizieren.

Eingeräumt sei allerdings mit großem Nachdruck: Dass Frauen weltweit Opfer von männlicher Gewalt sind, kann nicht ernsthaft bestritten werden.

Also liegt es nahe, hier eine spezifisch weibliche Ursache für „psychische Krankheiten“ zu vermuten.

In ihren Buch über „Multiple Persönlichkeiten“ benennt die Diplom-Psychologin Michaela Huber vier Voraussetzungen6)Huber, M. (1995). Multiple Persönlichkeiten. Überlebende extremer Gewalt. Ein Handbuch. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch, Seite 35 ff. für die Entstehung einer „Multiplen Persönlichkeitsstörung“, nämlich

  1. weibliches Geschlecht
  2. gut dissoziieren können
  3. schwerste Kindheitstraumata
  4. Niemand hilft

Zitate wie die folgenden sprechen für sich:

„Frauen sind das gequälte Geschlecht. Männer das quälende. Ausnahmen bestätigen die Regel.“

„Multiplizität stellt also… eine extreme Form des Selbsterhaltungstriebs dar. Offenbar besteht das psychische Äquivalent zum ‘Kämpfen oder Flüchten’ für viele missbrauchte Kinder, die zu beidem noch zu klein sind, in einer Dissoziation, die bewirkt, dass die originäre Persönlichkeit zeitweilig ‘nicht da’ und damit gegen Angst und Schmerz abgeschottet ist.“

„Es gehört zu den größten Tabus in unserer Gesellschaft, dass der Großteil der Kindesmisshandlungen von Müttern ausgeübt wird. Auch wenn die sexuelle Gewalt oft eine Männerdomäne ist, so misshandeln Mütter doch auch.“

Fazit: Multiple Persönlichkeiten sind überwiegend Frauen, die von Männern (u. U. mit Assistenz von Frauen) sexuell missbraucht und misshandelt wurden und die sich in mindestens zwei Persönlichkeiten spalten, um die Gewalterfahrung zu verarbeiten. Dass anders als beim sexuellen Missbrauch bei der körperlichen Misshandlung die Täter überwiegend weiblich sind, wird zwar eingeräumt, spielt aber in den weiteren Überlegungen keine besondere Rolle mehr.

Dies klingt überraschend simpel und plausibel, hat nur einen kleinen Nachteil: Die Existenz der Multiplen Persönlichkeitsstörung konnte bisher nicht durch methodisch saubere empirische Forschungen erhärtet werden.7)Siehe meinen Artikel: Die Multiple Persönlichkeitsstörung

Wissenschaftler des psychiatrischen Instituts der Universität Basel und des Instituts für Psychose-Studien des King’s College in London stellen unmissverständlich fest:

“Mehr als drei Jahrzehnte nach Johnstones erster computergestützter axialer Tomographie (computerized axial tomography) der Gehirne von Personen mit Schizophrenie, konnten keine konsistenten anatomischen oder funktionellen Veränderungen eindeutig mit irgendeiner psychischen Krankheit assoziiert und keine neurobiologischen Veränderungen konnten durch psychiatrisches ‚Neuroimaging‘ endgültig bestätigt werden.”8)Borgwardt, S. et al. (2012). Why are psychiatric imaging methods clinically unreliable? Conclusions and practical guidelines for authors, editors and reviewers. Behavioral and Brain Functions, 8:46

Dies gilt natürlich auch für die so genannte Multiple Persönlichkeitsstörung bzw. Dissoziative Identitätsstörung. Es gibt zwar neuerdings eine Handvoll von Studien mit bildgebenden Verfahren, die Unterschiede im Gehirn zwischen Multiplen und Nicht-Multiplen festgestellt haben wollen.9)Alysa Beth Ray, Amanda Johnson, Sean O’Hagen, Gina Lardi, and Julian Paul Keenan, Montclair State University: Dissociative Identity Disorder and the Brain: A Brief Review Allein, diese Untersuchungen harren erstens noch der Replikation durch unabhängige Forschergruppen und sie ermitteln zweitens Korrelationen zwischen Diagnose und Hirnparametern, die bekanntlich keinen Rückschluss auf Kausalbeziehungen zulassen.

Nebenbei bemerkt: Nicht replizierte Studien sind mit erheblich höherer Wahrscheinlichkeit falsch als zutreffend, wie John Joannidis gezeigt hat.10)Ioannidis JPA (2005) Why Most Published Research Findings Are False. PLoS Med 2(8): e124. doi:10.1371/journal.pmed.0020124
Es gibt also weder bei den „psychischen Störungen“ im Allgemeinen, noch bei der „Multiplen Persönlichkeitsstörung“ im Besonderen irgendeinen wissenschaftlich tragfähigen Beweis dafür, dass diese mutmaßlichen Krankheiten tatsächlich Krankheiten im medizinischen Sinne sind.

Michaela Hubers Buch ist nach wie vor sehr einflussreich. Es hat viele meist weibliche Psychiater und Psychotherapeuten nachhaltig geprägt. Es mag für derart ausgerichtete Experten naheliegen, bei einer Frau, die mit einschlägigen Beschwerden in die Praxis kommt, zu unterstellen, dass sie gut dissoziieren könne, schwerste Gewalterfahrungen erlitten habe und dass ihr niemand helfe.

Und diese Unterstellungen scheinen sich in ärztlichen oder therapeutischen Gesprächen zu bestätigen: Die Patientin ist oft von einem Buch so absorbiert, dass sie alles um sich herum vergisst. Leute sagen ihr mitunter, sie hätte Dinge getan, an die sie sich nicht erinnern kann. Sie schauspielert manchmal so gut, dass sie selbst daran glaubt.

Derartige „Symptome“ können viele Ursachen haben, aber sie stehen nun einmal in der „Adolescent Dissociative Experience Scale“ und gelten als Anzeichen einer dissoziativen Störung.11)Gharaibeh, N. (2009). Dissociative identity disorder: Time to remove it from DSM-V? Current Psychiatry, Vol. 8, No. 9 / September

Nachdem erst einmal der Patientin ein Verdacht auf eine „Multiple Persönlichkeitsstörung“ eröffnet wurde, quellen erst tropfend, dann flüssiger, schließlich sprudelnd Erinnerungen an sexuellen Missbrauch, meist durch den Vater, aus ihr hervor. Die Therapeutin hat dies, einschlägig geschult, auch nicht anders erwartet.

Im weiteren Verlauf der Psychotherapie gilt der Missbrauch nunmehr als „narrative Wahrheit“, an die Patienten und Therapeutin fest glauben, aus der „frau“ allerdings keine rechtlichen Konsequenzen zu ziehen sich entschlossen hat.12)Siehe meinen Artikel: Wahrheit und Psychotherapie

So etwas nennt man anderswo „Selbstimmunisierung“.

Natürlich werden auch in unserer Gesellschaft manche Männer gegenüber Frauen gewalttätig, weil sie darauf vertrauen, straflos davonzukommen – etwa weil sie unterstellen, dass das Opfer sich ja doch nicht traue, die Polizei einzuschalten. Richter sollten in solchen Fällen den Gesetzesrahmen voll und gnadenlos auszuschöpfen,13)Manche wohlmeinende Menschen meinen, Strafen, auch harte, seien nicht effektiv, um unerwünschtes Verhalten zu korrigieren; diese Menschen irren sich. aber auch auf Beweisen bestehen, bevor sie ihr Urteil fällen.

Psychiatrische Diagnostik liefert derartige Beweise aber nicht. Auch wenn es um die Frauen-Thematik geht, erweisen sich die Psychiatrie und die Klinische Psychologie als Parawissenschaften.14)Siehe meinen Artikel: Die Psychiatrie als Parawissenschaft

Gewalt, Psychiatrie, Frauen: Manche Psychiatriekritiker – meist weibliche – fordern, das „medizinische Modell psychischer Krankheiten“ durch ein „Trauma-Modell“ zu ersetzen. Sie begreifen nicht, dass dieses „Trauma-Modell“ nichts anderes ist als ein „medizinisches Modell“ mit feministischer Lackierung (vermutlich violett).

Auch das Trauma-Modell konzipiert die Betroffenen als Opfer psychischer bzw. neuronaler Prozesse, auf die sie keinen Einfluss haben und überträgt die Verantwortung für die „Kranken“ einer Expertin oder einem Experten.

Und die Fachleute, die auf der Grundlage des Trauma-Modells arbeiten, wissen ebenso wenig wie der Rest der Psychiatrie, auf welchen Ursachen die Phänomene, die sie als Symptome „psychischer Krankheiten“ deuten, tatsächlich beruhen.

Beide Modelle beruhen im Übrigen auf einem hierarchischen Schema der Arzt-Patient-Beziehung: Hier der wissende, aktive, richtungsweisende Arzt (oder Psychologische Psychotherapeut), dort der unwissende, passive, sich fügende Patient.

Wie auch immer man diese Hierarchie zu kaschieren versucht, sie wird sich im Rahmen unseres Gesundheitssystems dennoch stets herausbilden, u. a. weil dies eine der Voraussetzungen dafür ist, dass die Kassen und auch die Privatversicherungen derartige Veranstaltungen finanzieren.

Gewalt von Männern gegen Frauen ist immer entschieden zu verurteilen. Es ist gar nicht erforderlich, dass die Betroffenen durch eine psychische Krankheit die Schwere ihres Leidens darunter unter Beweis stellen. Sie tun sich auch keinen Gefallen damit. Eine psychiatrische Diagnose ist eine Diskriminierung, die die der ohnehin gegebenen Benachteiligung von Frauen allgemein ein weiteres individuelles Manko hinzufügt.

Fußnoten   [ + ]

1.Hegarty, K. (2011). Domestic violence: the hidden epidemic associated with mental illness. The British Journal of Psychiatry (2011) 198: 169-170
2.Die Validität eines Fragebogens ist ein statisches Maß für die Genauigkeit, mit der ein Fragebogen erfragt, was er zu erfragen vorgibt.
3.Die Validität einer Diagnose ist ein statistisches Maß für die Genauigkeit, mit der ein diagnostisches Verfahren diagnostiziert, was es zu diagnostizieren vorgibt.
4.Viktimisierung bedeutet, dass jemand immer wieder zum Opfer gemacht wird, weil seine offensichtliche Schwäche potenzielle Täter herausfordert.
5.Centers for Disease Control and Prevention: Adverse Childhood Experiences (ACH) Study
6.Huber, M. (1995). Multiple Persönlichkeiten. Überlebende extremer Gewalt. Ein Handbuch. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch, Seite 35 ff.
7.Siehe meinen Artikel: Die Multiple Persönlichkeitsstörung
8.Borgwardt, S. et al. (2012). Why are psychiatric imaging methods clinically unreliable? Conclusions and practical guidelines for authors, editors and reviewers. Behavioral and Brain Functions, 8:46
9.Alysa Beth Ray, Amanda Johnson, Sean O’Hagen, Gina Lardi, and Julian Paul Keenan, Montclair State University: Dissociative Identity Disorder and the Brain: A Brief Review
10.Ioannidis JPA (2005) Why Most Published Research Findings Are False. PLoS Med 2(8): e124. doi:10.1371/journal.pmed.0020124
11.Gharaibeh, N. (2009). Dissociative identity disorder: Time to remove it from DSM-V? Current Psychiatry, Vol. 8, No. 9 / September
12.Siehe meinen Artikel: Wahrheit und Psychotherapie
13.Manche wohlmeinende Menschen meinen, Strafen, auch harte, seien nicht effektiv, um unerwünschtes Verhalten zu korrigieren; diese Menschen irren sich.
14.Siehe meinen Artikel: Die Psychiatrie als Parawissenschaft