Zivilisation, Wohlwollen und Flüchtlinge

Deutschland ist eine zivilisierte Nation. Die Voraussetzung der Zivilisation ist die Bereitschaft der Bürger, auf individuelle Gewalt zu verzichten und dem Staat das Gewaltmonopol zu übertragen. Wenn also Gewalt in gesellschaftlichen Konflikten erforderlich sein sollte, so ist allein der Staat berechtigt, sie auszuüben. Er hat dabei den Gesetzen zu folgen, die von einem demokratisch gewählten Parlament beschlossen wurden. So ruht die staatliche Gewalt auf einer legitimen Grundlage.

Um ein Land als zivilisiert bezeichnen zu können, ist der individuelle Gewaltverzicht allein nicht ausreichend. Würden die Bürger nur zähneknirschend darauf verzichten, ihre Händel mit Faust oder Feuerwaffe auszutragen, um dem Gesetz Genüge zu tun, so herrschte ein Klima des Ressentiments. Ein solches Klima könnte man schwerlich als zivilisiert bezeichnen.

Zwischen den Bürgern waltete eine latent oder offen feindselige Atmosphäre, den Umgang miteinander charakterisierte eine mürrische Stimmung und alle Arten nicht gewalttätiger Niedertracht prägten den Alltag. Um sich als zivilisierte Nation auszuzeichnen, bedarf es einer aktiven Haltung. Diese versucht, Konflikte zu entschärfen oder gar nicht erst entstehen zu lassen, indem man sich grundsätzlich wohlwollend zeigt.

Dass Deutschland ein ausgesprochen zivilisiertes Land ist, wurde beispielsweise im Jahre 2015 deutlich. Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte die Grenzen für Flüchtlinge aus aller Herren Länder geöffnet. Diese Mühseligen und Beladenen wurden aufs Herzlichste willkommen geheißen. Zahllose Helfer warteten in Trauben auf Bahnsteigen, um den Fremden Pizza und ihren Kindern Teddybären in die Hand zu drücken.

Unzählige freiwillige Helfer bemühten sich, die Flüchtlinge zu versorgen und zu betreuen. Die Stimmung war glänzend. Endlich konnten wir Deutsche der Welt zeigen, wie zivilisiert wir sind. Zwar gab es auch Engherzige unter uns, die sich dem allgemeinen Wohlwollen verschlossen. Doch diese kleinkarierten Gestalten wurden in ihre Schranken verwiesen – auch von den Medien, die sich vom Überschwang hatten mitreißen lassen.

Schon damals hätten wir wissen können, dass die Zivilisation ein zart gewirktes Gewand ist und dass darunter natürlich nach wie vor der alte Adam steckt. 1930 erschien eine Schrift, in der das Problem sehr prägnant herausgearbeitet wird. Die Kulturleistung der Unterdrückung unserer archaischen Triebregungen geht keineswegs reibungslos vonstatten. Sigmund Freud, der Autor, gab seiner Schrift den Titel: „Das Unbehagen in der Kultur.“

Hier heißt es:

„Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit hinter all dem ist, dass der Mensch nicht ein sanftes liebebedürftiges Wesen ist, das sich höchstens, wenn angegriffen, auch zu verteidigen vermag, sondern dass er zu seinen Triebbegabungen auch einen mächtigen Anteil von Aggressionsneigung rechnen darf. Infolgedessen ist ihm der Nächste nicht nur möglicher Helfer und Sexualobjekt, sondern auch eine Versuchung, seine Aggression an ihm zu befriedigen, seine Arbeitskraft ohne Entschädigung auszunützen, ihn ohne seine Einwilligung sexuell zu gebrauchen, sich in den Besitz seiner Habe zu setzen, ihn zu demütigen, ihm Schmerzen zu bereiten, zu martern und zu töten.“

Der beste Nährboden der Zivilisation ist allgemeiner Wohlstand, der das Wohlwollen blühen und gedeihen lässt. Kein Wunder also, dass jene, die ihren Wohlstand bedroht sahen oder die ihn vermissten, am schnellsten aus der Willkommenskultur ausbrachen. Dies ist wirklich nicht schwer zu verstehen, wenn man es denn verstehen will.

Deutschland ist ein zivilisiertes Land. Nach wie vor. Deswegen erduldet es Migranten in so großer Zahl wie kaum eine andere Nation in unseren Breitengraden. Immer noch bemühen sich viele, die schon länger hier wohnen, selbstlos um die Neuankömmlinge. Doch der Firnis der Zivilisation hat hässliche Risse bekommen. Gewalt und Gegengewalt fordern das staatliche Gewaltmonopol heraus.

Deutschland ist immer noch ein zivilisiertes Land. Es hat die Lektion seiner fürchterlichen Vergangenheit gelernt. Allein die Zivilisation Deutschlands ist eine unreife. Sie beruht überwiegend auf Emotionen, nicht auf Rationalität. Die Deutschen haben sich den Zusammenhang zwischen individuellem Gewaltverzicht, Wohlwollen, staatlichem Gewaltmonopol und demokratischer Legitimation noch nicht reflektierend angeeignet.  Im Grunde sind sie immer noch Barbaren, domestizierte Barbaren, wohlerzogene kindliche, anarchische Gemüter.