Volle Kontrolle

Vielen ist die politische Korrektheit nicht geheuer. Die meisten halten sich dennoch daran. Sie wollen ja niemanden kränken und vor allem nicht anecken. Manche rebellieren. Einige versuchen sich in Ironie. Die ist meist so zart, dass kaum jemand sie bemerkt.

Dabei ist die politische Korrektheit nur eine verhältnismäßig unbedeutende Facette der postdemokratischen Bewusstseinskontrolle. Leute anzustacheln, den Hilfssheriff zu spielen,  ist nicht schwer. Selbstgerechte finden sich immer, die anderen voll Empörung übers Maul fahren, wenn sie ein böses Wort verwendet haben. Das ist nicht die hohe Schule der zeitgenössischen Mind Control.

Ist z. B. das Wort „Neger“ erst einmal als rassistisch gebrandmarkt worden, so ist es für immer und ewig verbrannt. Es kann nicht mehr rehabilitiert werden. Ein Schwarzer wird nie wieder ein „Neger“ sein. Ein solcher Mechanismus ist natürlich nicht sehr flexibel.

Man denke beispielsweise an eine bewaffnete Gruppe, die momentan gegen die Richtigen kämpft. Wir nennen sie „Freiheitskämpfer“. Die die Zeiten ändern sich und aus Richtigen werden die Falschen. Dann können wir sie von heute auf morgen als „islamistische Terrorgruppe“ bezeichnen. Das ist doch sehr hilfreich in einer komplexen Welt.

Deswegen kommt es zunehmend nicht mehr darauf an, dass die Menschen etwas Bestimmtes glauben – bis ans Ende aller Zeiten. Der Weltenlauf ändert sich, und dies mitunter sehr schnell und gravierend. Deswegen brauchen die Staatenlenker Völker, die ideologisch geschmeidig umprogrammiert werden können. Staatsbürger, die selbst denken und sich eine Meinung bilden, sind da nicht so sehr gefragt.

Eine Handvoll von Experten kann man schneller und leichter neu einnorden als ganze Völkerschaften. Insgesamt kommt es auch billiger, als wenn man jeden Einzelnen bestechen müsste. Die Experten betreten die Bühne und lassen das Licht ihrer Weisheit leuchten. Allein das Publikum könnte sich nicht blenden lassen. Deswegen muss es entsprechend präpariert werden.

Dem Volk wird suggeriert, dass die Welt undurchschaubar sei. Der Laie blicke da nicht durch. Ganz gleich, welches Problem es zu beurteilen gelte, man müsse sich des Rats eines Fachmanns versichern. Auch wenn sich Expertenmeinungen beständig änderten und einander widersprächen, sei sei dies kein Argument gegen, sondern für sie. Die Welt sei schließlich im Fluss und die Koryphäe müssten dies natürlich berücksichtigen.

Wie sehr der Laie im Dunkeln tappe, könne man im Übrigen auch daran erkennen, dass er, trotz beständig veränderter Bedingungen, dazu neige, auf seiner vorgefassten Meinung zu beharren. Wie dumm nur! Der Bürger, so heißt es, solle nicht so hochmütig sein und auf seinem eigenen, fehlbaren Urteil bestehen. Der Experte, und nur dieser, wisse schließlich Bescheid und Rat.

Nehmen wir als Beispiel Menschen, die sich um ihre Gesundheit sorgen. Ernährungskundler belehren sie: Der Mensch ist, was er isst und isst er das Falsche, so ist er krank. Will er gesund bleiben, muss er das Richtige essen. Zur Zeit ist Fitzliputzli in aller Munde. Der Mehrheit der Fachleute ist sich sicher: Zu viel Fitzliputzli im Essen macht uns krank. Nur eine Minderheit meint, Fitzliputzli sei gar nicht so schlimm: Man müsse nur mehr Balla-Balla zu sich nehmen und schon werde alles wieder gut, trotz Fitzliputzli im Übermaß. Sobald diese Sau aus dem Dorf getrieben wurde, ist das nächste Schwein an der Reihe: Es sind diesmal die bösen, bösen Byto-Phati-Parasamolite.

Und so geht das munter weiter. Wer nur unbesorgt an die Experten glaubt, stellt übers Jahr fünf-, sechsmal seine Diät um. Heute stirbt der Wald, morgen das Oxonloch – oder so ähnlich. Der Staat ist gut, wenn’s gegen Kriminelle geht, aber schlecht, wenn’s um die Wirtschaft geht, so kriminell man’s dort auch immer treiben mag. Es kommt nicht darauf an, was man glaubt, sondern dass man sich offenen Ohres von den Experten belehren lässt.

Der mündige Bürger zeichnet sich dadurch aus, dass er immer weiß, welchem Experten er zu vertrauen hat. Schließlich gibt es ja auch falsche Experten, besonders im Internet. Am besten ist es, erst gar nicht zu versuchen, sich ein Bild der Sachlage zu verschaffen. Es kommt vielmehr darauf an, die Glaubwürdigkeit der Quelle richtig einzuschätzen. Gegen Experten, denen unsere Qualitätspresse und das öffentlich-rechtliche Fernsehen, ein Forum bietet, kann man als Laie wohl kaum etwas einwenden, wenn man nicht bösartig sein will.

Kritiker unserer Medien verwenden gern Begriffe wie „Lügenpresse“ oder „Lückenpresse“. Damit will man ausdrücken, das Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen falsch oder einseitig berichteten. Die angegriffenen Journalisten wissen sich allerdings zu wehren. Wer ihnen vorwirft, über dieses oder jenes nicht informiert zu haben, dem halten sie ein paar Sendungen oder Artikel vor, die sich mit dem Thema ausführlich beschäftigten. Unterstellt man ihnen Fake-News, so findet sich schon etwas Korrektes, auch hierzu.

Lügen und Lücken sind weitgehend entbehrlich, wenn man nur über eine Riege ausgewählter Experten verfügt. Diese lässt man dann in der jeweils gebotenen Breite zu Wort kommen – und im Zweifelsfall darf dann auch noch irgendwer eine Gegenmeinung vortragen. Damit hat man doch wohl seine Schuldigkeit getan. Der Bürger darf sich bestens unterrichtet fühlen. Oder?

Bewusstseinskontrolle hat heute nichts mehr mit der Propaganda autoritärer Systeme zu tun. Weit davon entfernt, dem Volk eine Einheitsmeinung einzupauken, bietet man ihn eine bunte Fülle. Da hat er eine reiche Auswahl, so wie in einem modernen Personalrestaurant, dass ja auch nicht mehr mit einer Werkskantine früherer Zeiten zu vergleichen ist. Es kommt allerdings darauf an, wer Koch ist und wer Kellner.