Masse, Elite, Genie

Die Masse ist nicht kreativ – aus sich heraus. Der Massenmensch ist zwar geneigt, sich überdurchschnittlich zu wähnen. So meinen beispielsweise die meisten, sie seien intelligenter als der Durchschnitt. Aber Massenmenschen orientieren sich am Mittelmaß. Sie machen ihren Job und achten darauf, nicht aus der Rolle zu fallen. Auf diese Weise entsteht spontan nichts ursprünglich Neues. Wenn etwas die Welt voranbringt, neue Horizonte erschließt, so stammt es nicht aus dem Schoss der Masse.

Die Elite, so sollte man meinen, ist für den Fortschritt verantwortlich. Schließlich genießt sie außerordentliche Privilegien. Deswegen dürfte man doch eigentlich erwarten, dass sie als Gegenleistung die Menschheit beflügelt und befruchtet.

Allein, zur Elite gehört man nicht wegen besonderer Verdienste, sondern weil einem diese Position zugewiesen wurde. Es gibt zahllose hoch begabte Menschen, die unter kärglichen Verhältnissen leben und Schwachköpfe, die zur Spitze der Gesellschaft zählen. Nur die Reihen der Elite zu füllen, ist also kein Garant dafür, dass einer zum Motor des Fortschritts wird.

Weder die Masse, noch die Elite gestalten die Zukunft unserer Gattung. Es sind die Genies, es sind Leute mit weit überdurchschnittlichen Fähigkeiten und Begabungen. Gelegentlich schaffen sie es, bis in die Spitze der Hierarchie aufzusteigen, im Allgemeinen dürfen sie aber bestenfalls auf herausgehobenen Wohlstand hoffen. Dieser wird ihnen zugestanden, um sie bei Laune zu halten.

Eine Einschränkung ist hier allerdings am Platz. Ohne einen bestimmten Typ des Genies hat keine Elite lange Bestand. Gäbe es ihn nicht in ihren Reihen, so zerbröselte sie schnell und aus wäre es mit dem Genuss von Privilegien, die man sich zwar nicht verdienen, die man aber verteidigen muss.

Die Macht-Genies sind es, die Eliten durchsetzen und die sie am Leben erhalten. Sie entscheiden auch, ob Leistungs-Genies am Bettelstab gehen oder Fortschritt durchsetzen können. Denn wenn es auch Genies gibt – im Bereich der Kunst zum Beispiel – die nur in geringem Maße auf andere angewiesen sind, so kann sich Genialität auf vielen Feldern der Gesellschaft nur kooperativ entfalten. Diese Zusammenarbeit kann das Macht-Genie fördern oder behindern.

Wenn Eliten über die Generationen keine Sukzession von gleichgesinnten Macht-Genies sicherstellen können, gehen sie unweigerlich unter. Und mit ihnen natürlich auch die Systeme, die kreiert wurden, um ihre Privilegien zu sichern, also u. a. Nationen. Die DDR beispielsweise, die keine eigenen Macht-Genies hatte, verschwand von der politischen Landkarte, als das letzte Macht-Genie der Sowjetunion dort das Licht ausmachte.

Von Macht-Genies geschaffene Systeme werden niemals von den Massen zum Besseren überwunden. Jede Revolution frisst ihre Kinder und neue Genies reißen die Macht an sich, oft, um es noch ärger zu treiben als ihre Vorgänger.

Man kann nur auf die Bildung einer humanistischen Elite hoffen, der es nicht um Macht geht und die von humanistischen Genies inspiriert wird, die ihre Fähigkeiten und Begabungen nicht missbrauchen.

Das Problem: Die Eliten, mit Ausnahme der humanistischen, mögen diese Typus des Genies nicht. Die Massen lieben ihn ebenso wenig, im Gegenteil: meist misstrauen sie ihm, mitunter hassen sie ihn auch. Die Massen vergöttern Macht-Genies, die eine Mischung aus Scharlatan, Berserker und fürsorglicher Mutter darstellen.