Das psychiatrische Paradigma: Die Mutmaßung

Die Medizin zerfiel erst im Lauf des 19. Jahrhunderts in vielerlei Spezialdisziplinen. Vorher war sie eine einheitliche Wissenschaft, die seit der Antike auf einer geschlossenen ideologischen Grundlage beruhte, der so genannten Humoralpathologie oder Säftelehre.

Nach dieser Lehre walteten im menschlichen Körper vier Säfte, nämlich das Blut, die gelbe und die schwarze Galle sowie der Schleim. Waren die Säfte ausgewogen, so galt der Mensch als gesund. War das Gleichgewicht jedoch gestört, so litt er an der einen oder anderen Erkrankung, zu denen auch die seelischen zählten.

Die Säfte wurden diversen Elementen, Zuständen und Personen zugeordnet: das Blut beispielsweise der Luft, dem sanguinischen Temperament, den Farben rot und blau, dem Geschmacksrichtungen bittersüßlich und aromatisch, der Eigenschaft heiter, der Kindheit, dem Apostel Johannes und der Himmelsrichtung Osten.

Im experimentierenden und systematisch forschenden 19. Jahrhundert erkannte man allerdings, das diese Säftelehre nicht den Tatsachen entsprach. Die Medizin erfand sich auf naturwissenschaftlicher Grundlage neu.

Auch in der Psychiatrie, die nun als moderne wissenschaftliche Spezialdisziplin entstand, wurde dies versucht. Seither betrachtet die vorherrschende Strömung die „psychischen Krankheiten“ als Gehirnerkrankungen. Dies ist auch das Mantra des größten psychiatrischen Forschungsinstituts der Welt, des „National Institute of Mental Health“ (NIMH) in den Vereinigten Staaten.1)Das NIMH ist das weltweit größte und einflussreichste psychiatrische Forschungszentrum. Es untersteht dem amerikanischen Gesundheitsministerium. Man hat dort die Schwächen der gegenwärtigen psychiatrischen Diagnostik erkannt. Abhilfe soll ein neues Forschungsprogramm bringen: Research Domain Criteria, RDoC. Dieses Vorhaben ruht auf drei Voraussetzungen: 1. psychische Krankheiten sind Hirnstörungen, genauer: sie beruhen auf gestörten Hirnschaltkreisen. 2. Diese gestörten Schaltkreise können mit den Methoden und Instrumenten der Neurowissenschaft und Genetik identifiziert werden. 3. Genetik und Neurowissenschaft werden im Rahmen von RDoC Biomarker ans Licht bringen, also messbare Indikatoren für das Vorliegen und die Schwere psychischer Krankheiten (Insel, T. et al. (2010). Research Domain Criteria (RDoC): Toward a New Classification Framework for Research on Mental Disorders). The American Journal of Psychiatry, 167:7, 748-751

Da bisher noch für keine der so genannten psychischen Krankheiten Hirnprozesse als Ursachen identifiziert wurden,2)Die ehrgeizigen Ziele des RDoC werden auch von den Initiatoren als „Vision für die Zukunft“ betrachtet: „Clearly, this is a vision for the future, given the rudimentary nature of data relating measures of brain function to clinically relevant individual differences in genomics, pathophysiology, and behavior (Insel et al., a.a.O.). Gegenwärtig muss der hier relevante Wissensstand als rudimentär bezeichnet werden. Daran hat sich seit 2010, als der zitierte Artikel erschien, noch nichts geändert. müsste die Psychiatrie eigentlich die so genannten psychischen Krankheiten als mutmaßliche Erkrankungen auffassen.

Allein, sie tut es nicht. Ein medizinische Spezialdisziplin, die einräumt, ausschließlich mutmaßliche Krankheiten behandeln, hätte wohl auch einen schweren Stand.

Aber genau dies ist der Fall. Wenn die Psychiatrie einen Patienten entdeckt, dessen Störungen des Verhaltens eindeutig auf Schädigungen des Gehirns zurückzuführen sind, dann muss sie ihn an die Neurologie abgeben. Sie darf demgemäß von Rechts wegen nur jene Patienten behalten, die mutmaßlich erkrankt sind.

Früher, in der Antike, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurden psychische Krankheiten mutmaßlich durch ein gestörtes Gleichgewicht der Säfte hervorgebracht. In den modernen Zeiten beruhen sie mutmaßlich auf einem gestörten Gleichgewicht von Neurotransmittern.3)An der Front der psychiatrischen Forschung macht man sich allerdings nicht mehr mit der Fabel vom Ungleichgewicht der Neurotransmitter im Gehirn lächerlich. Man unterschiedet neurologische Erkrankungen, die auf identifizierbaren Schäden oder Störungen im Gehirn beruhen, von psychischen Erkrankungen, die auf gestörten Schaltkreisen fußen (Insel et al, a.a.O.) Das Problem ist allerdings, wie der Hauptautor Thomas Insel an anderer Stelle einräumt: Wir wissen bei diesen Schaltkreisen heute noch nicht, wo sie beginnen und wo sie enden, in welche Richtung die Informationsströme fließen und wie sie funktionieren (Insel T.: Brain Awareness). Klartext: Auf gestörten Schaltkreisen beruhende „psychische Krankheiten“ sind eine Fiktion.

Wissenschaftlich betrachtet, im Licht der empirischen Forschung, sind sowohl die Säftepathologie als auch die Theorien des „chemischen Ungleichgewichts“ (Dopamin-These der Schizophrenie, Serotonin-These der Depression u. ä.) eindeutig widerlegt. Die Dopamin-These ist in sich widersprüchlich.4)Siehe meinen Artikel: Schizophrenie Die Serotonin-These war wohl von Anfang an einer Erfindung des Psychopharmaka-Marketings.5)Siehe meinen Artikel: Serotonin, Antidepressiva, Depression

Serotonin und Dopamin sind Botenstoffe im Nervensystem (Neurotransmitter). Bis vor noch nicht allzu langer Zeit glaubte man, ein Mangel oder Übermaß dieser Botenstoffe sei für alle erdenklichen psychischen Krankheiten verantwortlich.

Heute wird dies allenfalls noch Patienten suggeriert, die nach Ursachen fragen. In der Forschung hat man inzwischen erkannt, dass diese Sicht zu simpel ist. Was also bleibt übrig übrig, wenn man die Irrtümer herauskürzt? Die Mutmaßung.

Bisher habe ich eine stark vereinfachte Skizze der Entwicklung präsentiert. In der vormodernen Medizin, vor allem aber im theologischen Bereich gab es Abweichungen vom humoralpathologischen Standardmodell der psychischen Erkrankungen.

Manche machten nicht die Säfte, sondern Dämonen oder gar den Leibhaftigen höchstselbst für diese Störungen verantwortlich. Ähnliches gibt es heute immer noch. In aller Regel spricht man aber nicht mehr von bösen Geistern, sondern verwendet andere Begriffe, wie beispielsweise: das Unbewusste.

Wie einst die Dämonen, die in den Betroffenen gefahren waren, werden heute von manchen „unbewusste“ Konflikte für seelische Abweichungen und Leiden verantwortlich gemacht.6)Dem bekanntesten Protagonisten dieser Lehre, Sigmund Freud, muss aber zugestanden werden, dass er sich der erkenntnistheoretischen Problematik seiner Begriffswelt durchaus bewusst war. Siehe meinen Artikel: Sigmund Freuds Verständnis der menschlichen Psyche
Wieder andere betrachten Wasseradern, Elektro-Smog oder eine falsche Ernährung als Ursachen. Mitunter wird auch ein gestörtes Einvernehmen mit esoterischen Kräften und Mächten für seelisches Leid verantwortlich gemacht. Die Welt ist bunt, das war sie schon immer. An den Ufern des Mainstreams blühen die Alternativen.

Gemeinsam ist all diesen Ansätzen, dass sie nicht bewiesen sind. Dies gilt für die psychiatrische und die alternative Sicht. Auch bezüglich der durch nichts gerechtfertigten Heilsgewissheit unterscheidet man sich nicht. Deswegen scheue ich mich nicht, die Psychiatrie unter die Parawissenschaften einzureihen.7)Siehe meinen Artikel: Die Psychiatrie als Parawissenschaft

Natürlich gibt es diese Phänomene, die bisher unberechtigterweise als Symptome „psychischer Krankheiten“ bezeichnet werden. Nur mit Hilfe der experimentellen, quasi-experimentellen Forschung und der systematische Beobachtung können wir ans Licht bringen, um was es sich dabei tatsächlich handelt.

Krankheit kann nicht dekretiert werden. Und deswegen spricht die empirische Forschung hier nicht das letzte Wort. Auch wenn wir die Ursachen eines Phänomens im Erleben und Verhalten genau kennen, können wir nicht eindeutig entscheiden, ob es sich dabei um eine Krankheit handelt. Schlussendlich hängt diese Einstufung von unseren Wertmaßstäben ab. Es ist ein Fehlschluss, vom Sein auf das Sollen zu schließen. Mit Fakten kann man keine Normen rechtfertigen.

Der Psychiatrie ist nicht vorzuwerfen, dass sie auf Mutmaßungen beruht. Dies ist beim Stand der Wissenschaft unvermeidlich. Der Psychiatrie ist aber anzukreiden, dass sie Objektivität beansprucht – und dies nicht nur für ihre Tatsachenbehauptungen, sondern auch für ihre Werturteile.

Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber Leidenden mag sich mitunter verbieten. Aber grundsätzlich darauf zu verzichten, zerstört am Ende jedes Vertrauen.

Vertrauen aber braucht man, wenn es um den Umgang mit Menschen geht, die mutmaßlich die Kontrolle über ihr Verhalten verloren haben und niemand wirklich weiß warum.

Fußnoten   [ + ]

1.Das NIMH ist das weltweit größte und einflussreichste psychiatrische Forschungszentrum. Es untersteht dem amerikanischen Gesundheitsministerium. Man hat dort die Schwächen der gegenwärtigen psychiatrischen Diagnostik erkannt. Abhilfe soll ein neues Forschungsprogramm bringen: Research Domain Criteria, RDoC. Dieses Vorhaben ruht auf drei Voraussetzungen: 1. psychische Krankheiten sind Hirnstörungen, genauer: sie beruhen auf gestörten Hirnschaltkreisen. 2. Diese gestörten Schaltkreise können mit den Methoden und Instrumenten der Neurowissenschaft und Genetik identifiziert werden. 3. Genetik und Neurowissenschaft werden im Rahmen von RDoC Biomarker ans Licht bringen, also messbare Indikatoren für das Vorliegen und die Schwere psychischer Krankheiten (Insel, T. et al. (2010). Research Domain Criteria (RDoC): Toward a New Classification Framework for Research on Mental Disorders). The American Journal of Psychiatry, 167:7, 748-751
2.Die ehrgeizigen Ziele des RDoC werden auch von den Initiatoren als „Vision für die Zukunft“ betrachtet: „Clearly, this is a vision for the future, given the rudimentary nature of data relating measures of brain function to clinically relevant individual differences in genomics, pathophysiology, and behavior (Insel et al., a.a.O.). Gegenwärtig muss der hier relevante Wissensstand als rudimentär bezeichnet werden. Daran hat sich seit 2010, als der zitierte Artikel erschien, noch nichts geändert.
3.An der Front der psychiatrischen Forschung macht man sich allerdings nicht mehr mit der Fabel vom Ungleichgewicht der Neurotransmitter im Gehirn lächerlich. Man unterschiedet neurologische Erkrankungen, die auf identifizierbaren Schäden oder Störungen im Gehirn beruhen, von psychischen Erkrankungen, die auf gestörten Schaltkreisen fußen (Insel et al, a.a.O.) Das Problem ist allerdings, wie der Hauptautor Thomas Insel an anderer Stelle einräumt: Wir wissen bei diesen Schaltkreisen heute noch nicht, wo sie beginnen und wo sie enden, in welche Richtung die Informationsströme fließen und wie sie funktionieren (Insel T.: Brain Awareness). Klartext: Auf gestörten Schaltkreisen beruhende „psychische Krankheiten“ sind eine Fiktion.
4.Siehe meinen Artikel: Schizophrenie
5.Siehe meinen Artikel: Serotonin, Antidepressiva, Depression
6.Dem bekanntesten Protagonisten dieser Lehre, Sigmund Freud, muss aber zugestanden werden, dass er sich der erkenntnistheoretischen Problematik seiner Begriffswelt durchaus bewusst war. Siehe meinen Artikel: Sigmund Freuds Verständnis der menschlichen Psyche
7.Siehe meinen Artikel: Die Psychiatrie als Parawissenschaft