Kröber, Breivik und die Kernsymptome

Am 22. August 2012 veröffentlichte die österreichische Zeitung „Der Standard“ ein Interview mit dem Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber1)Kröber scheint ein toller Hecht zu sein. Diesen Eindruck erweckt jedenfalls ein Artikel in der „Zeit“; siehe meinen Blog-Eintrag: Sternstunden der Forensik zum Fall „Breivik.“4)Anders Behring Breivik ist ein norwegischer Massenmörder. Psychiater stritten sich, ob er psychisch krank und schuldunfähig sei oder nicht. Er wurde zu 21 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Ich zitiere einen Auszug:

„Kröber: … In diesem Fall geht es um eine Person, die ein großes Interesse daran hat, als normal zu gelten. Das kommt bei Psychosekranken nicht selten vor, dass sie ihre Krankheit bestreiten. Sie erleben alles in einem für sie normalen Zustand, ihrer Meinung nach agieren die anderen ein bisschen schräg. Wenn die Person also ein taktisches Interesse hat, sich dementsprechend zu äußern, kann es sehr schwer werden, die Informationen aus ihm herauszubekommen, wie denn sein subjektives Erleben aussieht. Und Psychiatrie befasst sich nun einmal in großem Umfang mit subjektivem Erleben, wenn jemand beispielsweise Stimmen hört oder Wahngedanken hat. All das findet im Inneren statt, und wir erfahren davon nur, wenn sich der Betreffende äußert.2)Der Standard online: „Breivik lebt in einer anderen Welt, er ist wirklich verrückt“, 22. August 2012 / https://derstandard.at/1345164799463/Breivik-lebt-in-einer-anderen-Welt-er-ist-wirklich-verrueckt

Kröber sagt also, kurz gefasst, Folgendes:

  1. Vom Stimmenhören und Wahngedanken erfahren wir nur, wenn sich die Person entsprechend äußert.
  2. „Psychosekranke“ neigen dazu, ihre Krankheit zu bestreiten.

Wenn Kröber nur von einem Patienten selbst erfahren kann, dass er eine Psychose hat, wie will er dann wissen, dass er sie dennoch hat, obwohl er die Symptome vor anderen verbirgt?

Nehmen wir einmal an, ein Verbrechen sei geschehen. Keine Zeugen, keine Indizien, nichts. Allerdings auch kein Alibi. Nur der Angeklagte kann wissen, ob er die Tat begangen hat. Das Opfer ist tot, kann also nicht mehr befragt werden. Der Angeklagte betont, er sei unschuldig. Er bemüht sich, den Eindruck eines braven, rechtstreuen Bürgers zu hinterlassen. Nun sagt der Richter: „Angeklagte neigen dazu, ihre Tat zu bestreiten. Deswegen verurteile ich Sie wegen Mordes.“

Um Kröbers Aussage angemessen würdigen zu können, muss man sich einen entscheidenden Sachverhalt vor Augen halten: E gibt keine objektiven medizinischen Verfahren, um eine „Psychose“ zu diagnostizieren. Keine Biomarker deuten auf eine „Krankheit“ namens Psychose hin. Sie zeigt sich nicht im Blutbild und auch auf keiner Röntgenaufnahme oder auf den Bildern der Tomographiegeräte.3)Siehe meinen Artikel: Ein toter Lachs und eine dressierte Ziege

Im Prinzip kann man also jeden nach Belieben für psychotisch erklären. Wenn ein Psychiater den entsprechenden Eindruck von uns gewonnen hat, dann ist es um uns geschehen. Und wenn wir uns auch völlig normal verhalten, so ist doch nicht auszuschließen, dass wir unsere Krankheit nur dissimulieren.5)Dissimulation = absichtliches Herunterspielen bzw. Verbergen von Symptomen, um für gesund gehalten zu werden. So lautet die Logik der forensischen Psychiater.

Aufgrund des Begriffs der Dissimulation ist psychiatrische Diagnostik als eine Selbstimmunisierungsstrategie aufzufassen, die man mit Karl Popper als „doppelt verschanzten Dogmatismus“6)Popper verwendet diesen Begriff z. B. im zweiten Band seiner Schrift: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde bezeichnen könnte.

  • Sie ist erstens dogmatisch, weil sie nicht auf objektiv überprüfbaren Fakten beruht, sondern auf subjektiven Bewertungen, die dennoch allgemeine Verbindlichkeit beanspruchen.
  • Sie ist zweitens dogmatisch, weil sie nicht anhand der angeblichen Kriterien des subjektiven Urteils widerlegt werden kann.

Schließlich kann, wenn der Diagnostizierte die als Grundlage der subjektiven Bewertung dienenden, beobachtbaren Verhaltensmuster nicht zeigt, immer eine Dissimulation unterstellt werden. „Dass Sie so vernünftig reden, beweist doch, wie verrückt Sie sind, sonst hätten Sie es doch gar nicht nötig, so zu tun als ob.“

Die Psychiatrie hätte dieses Problem eindeutig nicht, wenn sie über, von der Meinung des Diagnostikers unabhängige, Diagnoseverfahren verfügen würde. Zeigte sich beispielsweise eine Psychose zuverlässig im Blutbild, dann könnte man zur Sicherheit den Test wiederholen. Und dann ist es gut. Keine Diskussionen mehr. Über solche Methoden verfügt die Psychiatrie aber nicht.

Dies zeigt, dass die psychiatrische Diagnostik, gemessen an gängigen wissenschaftstheoretischen Kriterien, nichts mit Wissenschaft oder gar mit Naturwissenschaft tun hat. Es handelt sich vielmehr um eine strategische Etikettierung, die politische und wirtschaftliche Ziele verfolgt.

Eine Diagnose, die sich gegen Kritik immunisiert, kann keine wissenschaftliche sein. Denn der Motor jeder Wissenschaft ist die Kritik. Damit aber eine Diagnose kritisierbar sein kann, muss sie in einer überprüfbaren Form vorgetragen werden. Es muss also Kriterien geben, die unabhängig vom Diagnostiker festgestellt werden können. Ist dies nicht der Fall, dann ist die Diagnose nicht falsifizierbar und demgemäß ein Dogma.

Karl Popper plädierte für eine freie Gesellschaft und meinte, Vertreter totalitärer Positionen hätten einen Hang zur Dialektik. Diese bestünde darin, logisch Widersprüchliches in einen Wust unverständlicher Sätze zu verpacken. Diese würden dann gern mit ein paar Allgemeinplätzen gewürzt. Dies erlaube es dann dem Leser, in einem dermaßen „hochgeistigen“ Text auch einige Gedanken zu finden, die er selbst schon einmal gedacht habe.

Der Forensischen Psychiatrie scheint dieser Hang ebenso wenig fremd zu sein wie totalitäre Auffassungen. Weiter mit Kröbers Breivik:

„Kröber: Als Psychiater kann ich mir überhaupt nicht erklären, wie jemand, der dem Prozess beigewohnt und ihn auch selbst erlebt hat, ihn nicht für krank erklären kann. Ich habe Teile der Gerichtsverhandlung gesehen. Und das hat mir gereicht, um zu sagen, da muss jemand jetzt viele gute Argumente anführen, damit ich ihn nicht zum Psychotiker erkläre. Verrückt ist eigentlich ein veralteter Begriff, aber er trifft es hier sehr exakt. Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler hat als die drei Kernsymptome der Schizophrenie genannt: Autismus, Affekt- und Assoziationsstörung. Die ersten beiden Symptome sind bei Breivik frappierend ausgeprägt. Er lebt in einer anderen Welt, er ist wirklich verrückt. Er steckt hinter einer Glaswand, wir können ihn sehen, aber nicht erreichen. Und er uns auch nicht.“

Kröber hat Teile der Gerichtsverhandlung gesehen – vermutlich eine Videoaufzeichnung. Er hat Breivik beobachtet. Aus seinen Beobachtungen hat er Schlussfolgerungen gezogen. Und zwar hat er aus seinen Beobachtungen auf ein überdauerndes Merkmal, eine „Psychose“ geschlossen.

Auf die Idee, dass Breiviks Verhalten – zumindest zum Teil – auf seine besondere Situation und die Bedingungen einer Gerichtsverhandlung zurückzuführen sein könnte, also auf eine momentane Beeinflussung, ist er nicht gekommen. Es hat Kröber auch so gereicht.

Aber immerhin: Der Psychiater Eugen Bleuler hat drei Kernsymptome der Schizophrenie genannt. Zwei davon waren bei Breivik „frappierend ausgeprägt“. Was ist von diesem Schizophrenie-Konzept im Licht der neueren neurowissenschaftlichen Forschung zu halten?

Das National Institute of Mental Health (NIMH) ist das weltweit größte Forschungszentrum für psychische Störungen.

Auf einer Web-Seite7)Diese Seite ist zur Zeit leider nicht mehr online. Sie kann aber bei archive.org aufgerufen werden. des NIMH heißt es:

„Jedoch, die zeitgenössische neurowissenschaftliche Forschung vordatierend, wird das gegenwärtige diagnostische System nicht durch neueste Durchbrüche in der Genetik und der molekularen, zellulären und systemischen Neurowissenschaft informiert. Es wäre in der Tat überraschend, wenn die Muster komplexer Verhaltensweisen, die klinisch identifiziert wurden, auf einer 1:1-Basis auf spezifische Gene und neurobiologische Systeme abgebildet werden könnten. Es stellt sich heraus, dass die meisten genetischen Befunde und Karten neuronaler Schaltkreise scheinbar entweder mit vielen unterschiedlichen, augenblicklich anerkannten Syndromen oder mit unterschiedlichen Untergruppen innerhalb von Syndromen verbunden sind.“8)„However, in antedating contemporary neuroscience research, the current diagnostic system is not informed by recent breakthroughs in genetics; and molecular, cellular and systems neuroscience. Indeed, it would have been surprising if the clusters of complex behaviors identified clinically were to map on a one-to-one basis onto specific genes or neurobiological systems. As it turns out, most genetic findings and neural circuit maps appear either to link to many different currently recognized syndromes or to distinct subgroups within syndromes.“ / „Research Domain Criteria (RDoC)“. National Institute of Mental Health. 29 May 2013. Archived from the original on 1 June 2013. / http://www.nimh.nih.gov:80/research-priorities/rdoc/nimh-research-domain-criteria-rdoc.shtml

Dies ist arg verklausuliert. Wer sich die Zeit nimmt, um dieses sprachliche Dickicht zu lichten, gelangt schließlich zu dieser Kurzform:

Die Erkenntnisse der neueren neurowissenschaftlichen Forschung stimmen laut NIMH nicht im Geringsten mit den psychiatrischen Klassifikationssystemen wie ICD oder DSM überein.

Auch die Bleulerschen Kernsyndrome der Schizophrenie finden sich in den neurowissenschaftlichen Daten nicht wieder. Die genannten Klassifikationssysteme beruhen in erheblichem Ausmaß auf den Vorstellungen Eugen Bleulers. Er starb 1939.

Einer neueren Studie zufolge, die allerdings noch nicht von unabhängigen Forscherteams repliziert wurde, handelt es sich bei der Schizophrenie angeblich um eine Gruppe von Störungen (mindestens 8), die auf separaten genetischen Grundlagen beruhen, also, die nichts miteinander zu tun haben9)Arnedo, J. et al. (2014). Uncovering the Hidden Risk Architecture of the Schizophrenias: Confirmation in Three Independent Genome-Wide Association Studies. Am J Psychiatry, doi:10.1176/appi.ajp.2014.14040435 .

Die diagnostischen Konzepte der Psychiatrie sind offensichtlich ins Wanken geraten.

Dies wird auch auf einer Seite des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie deutlich, auf der das Forschungsprojekt BeCOME vorgestellt wird.

Hier heißt es:

„Die BeCOME-Studie (für Biological Classification of Mental Disorders) soll Aufschluss darüber geben, ob und welche objektiv erhobenen Messwerte wichtige zusätzliche Aussagen über psychische Störungen liefern können. Die Vermutung dahinter: die Diagnosen sind bisher viel zu ungenau. ‚Es gibt nicht die eine Depression oder Schizophrenie, sondern viele verschiedene Formen‘, so die Einschätzung von Elisabeth Binder, Studienleiterin und Direktorin des MPI. ‚Um Patienten gezielter behandeln zu können, müssen wir besser diagnostizieren können‘, resümiert sie.“

Mit anderen Worten: Was auch immer das Verhalten Breiviks, das von Kröber beobachtet wurde, hervorgebracht haben mag: Es ist schon reichlich kühn, die Ursache dafür in einer Schizophrenie im Sinne der von Bleuler genannten Kernsymptome zu sehen.

Fußnoten   [ + ]

1.Kröber scheint ein toller Hecht zu sein. Diesen Eindruck erweckt jedenfalls ein Artikel in der „Zeit“; siehe meinen Blog-Eintrag: Sternstunden der Forensik
2.Der Standard online: „Breivik lebt in einer anderen Welt, er ist wirklich verrückt“, 22. August 2012 / https://derstandard.at/1345164799463/Breivik-lebt-in-einer-anderen-Welt-er-ist-wirklich-verrueckt
3.Siehe meinen Artikel: Ein toter Lachs und eine dressierte Ziege
4.Anders Behring Breivik ist ein norwegischer Massenmörder. Psychiater stritten sich, ob er psychisch krank und schuldunfähig sei oder nicht. Er wurde zu 21 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.
5.Dissimulation = absichtliches Herunterspielen bzw. Verbergen von Symptomen, um für gesund gehalten zu werden.
6.Popper verwendet diesen Begriff z. B. im zweiten Band seiner Schrift: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde
7.Diese Seite ist zur Zeit leider nicht mehr online. Sie kann aber bei archive.org aufgerufen werden.
8.„However, in antedating contemporary neuroscience research, the current diagnostic system is not informed by recent breakthroughs in genetics; and molecular, cellular and systems neuroscience. Indeed, it would have been surprising if the clusters of complex behaviors identified clinically were to map on a one-to-one basis onto specific genes or neurobiological systems. As it turns out, most genetic findings and neural circuit maps appear either to link to many different currently recognized syndromes or to distinct subgroups within syndromes.“ / „Research Domain Criteria (RDoC)“. National Institute of Mental Health. 29 May 2013. Archived from the original on 1 June 2013. / http://www.nimh.nih.gov:80/research-priorities/rdoc/nimh-research-domain-criteria-rdoc.shtml
9.Arnedo, J. et al. (2014). Uncovering the Hidden Risk Architecture of the Schizophrenias: Confirmation in Three Independent Genome-Wide Association Studies. Am J Psychiatry, doi:10.1176/appi.ajp.2014.14040435