Magischer Realismus

Manche Leute mögen keine fantastischen Romane. Eine Story soll mit der Wirklichkeit verträglich sein.

Andere wieder finden realistische Romane langweilig. Die Geschichte soll sie in eine außergewöhnliche, ihnen nicht aus dem Alltag vertraute Welt entführen.

Manche Romane sind auch zwischen Realität und Traum angesiedelt und der Leser wird im Zweifel gelassen, ob sich die Handlung nicht vielleicht doch im der Welt der Zahlen, Daten und Fakten so zugetragen haben könnte.

Die allermeisten Leser wissen natürlich, dass jede Sorte Roman – ganz gleich ob realistisch oder nicht – Fiktion ist, eine Erfindung, die nur die Illusion erzeugt, das Erzählte habe sich tatsächlich ereignet – im Reich der Wirklichkeit oder in den höheren Sphären der reinen Fantasie.

Nur zu leicht wird dabei allerdings vergessen, dass nicht nur die Produkte der Literatur, sondern auch die Realität selbst Fantasie sind.

Zugegeben: Unsere Weltbilder haben einen wahren Kern. Auch wenn manche Philosophen dies bestreiten, so räume ich doch ein, dass die Naturgesetze und viele eng mit ihnen verbundene physikalische Erkenntnisse die objektive Wirklichkeit widerspiegeln – unabhängig von unseren Meinungen und Fantasien. Doch wie viel Prozent unserer alltäglichen Vorstellungen sind denn tatsächlich physikalisch erwiesen?

Wie oft sagen wir uns z. B., dass dieser oder jener Plan, wenngleich wünschenswert, mit Sicherheit scheitern werde, weil der Mensch eben von Natur aus anders sei. Der Plan sei eine gute Idee, durchaus, aber eben zu gut für diese Welt und das fehlbare Geschlecht, das in ihr mehr schlecht als recht lebt.

Doch woher wissen wir das eigentlich? Zur Natur des Menschen liegen uns keine physikalischen Erkenntnisse vor – und die biologischen, psychologischen und philosophischen Meinungen dazu sind allesamt umstritten.

Realität ist Fiktion. Damit werden wir aber nur konfrontiert, wenn unsere Weltsicht krass von der anderer Leute abweicht. Manche sitzen gar deswegen in geschlossenen Anstalten und die Psychiatrie unterstellt ihnen Wahnvorstellungen. Doch die Psychiater können ebenso wenig beweisen, dass ihre Realität etwas anderes ist. Sie können sich nur darauf zurückziehen, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen genauso denkt wie sie.

Es führt aber kein Weg von der Mehrheit zur Wahrheit. Man kann über die Wahrheit auch nicht abstimmen. Es ist immer denkbar, dass auch überwältigende Mehrheiten einer kollektiven Täuschung unterliegen. Ein schauerliches Beispiel dafür ist der Antisemitismus, der in Deutschland während der Nazizeit als unumstößliche Wahrheit galt.

Heute halten viele Leute den Kapitalismus für die beste aller möglichen Wirtschaftsweisen, für alternativlos. Man mag das so sehen, aber ob es auch die Realität ist, muss wohl als fraglich eingestuft werden.

Vieles von dem, was wir als unumstößlich betrachten, könnte einer genaueren Überprüfung kaum standhalten. Dennoch laufen wir alle mit Tunnelblick herum und wähnen, Realisten zu sein.

Deswegen liebe ich die Romane des magischen Realismus. Sie zeigen, wie rissig die scheinbar so glatte Textur unserer angeblich realistischen Weltsicht ist. Sie lassen die Webfehler hervortreten. Man kann Realität und Fantasie nicht scharf auseinanderhalten wie die Felder eines Schachbretts. Die Welt ist kein Schachbrett. Subjektives und Objektives sind unentwirrbar verflochten.

Jede Gewissheit, die nicht „auf Wiedervorlage“ gelegt wird, ist per se eine falsche Gewissheit. Die Romane des magischen Realismus verführen uns zum spielerischen Umgang mit unseren Weltsichten. Dies ist bitter notwendig, denn wie schnell versteifen wir uns in der Hektik des Alltags und in den Routinen des Besorgens auf in Stein gemeißelte Ansichten, ohne ihre Alternativen überhaupt noch wahrzunehmen.

Ich versage es mir, hier meine Lieblinge aufzuzählen, es gibt derer zu viele. Stellvertretend möchte ich die Lektüre des Romans „Der Meister und Margarita“ von Michail Afanassjewitsch Bulgakow empfehlen. Die Handlung ist verschlungen. Wir begegnen einem Wesen, dass halb Kater, halb Mensch ist, einem Todesdämonen, dem ein Hauer aus dem Mund ragt, und nicht zuletzt natürlich dem Teufel persönlich. Es sei am Rande noch erwähnt, dass die Geschichte in Moskau zur Zeit Stalins spielt. Wunderbar. Lesen, unbedingt lesen!

Immer dann, wenn in einer Welt die Sachzwänge vorherrschen und die Politik alternativlos ist, empfiehlt es sich ganz besonders, zum Roman des magischen Realismus zu greifen. Unklug allerdings wäre es, sie mit Kreditkarte zu bezahlen. Hände aus dem Reich der Schatten greifen nach den Lesern solcher Bücher. Machen wir es ihnen nicht zu leicht.

Leseempfehlung: Kommissar Streng und das Geheimnis des Hesperidengartens. Ein schizophrener Polizist ermittelt. Kriminalroman