Faschismus, politische Schönheit, Höcke

Durch die Aktion gegen Höcke hörte ich zum ersten Mal von einem „Zentrum für Politische Schönheit“.1)Dieses Zentrum hat dem AfD-Politiker einer Nachbildung des Berliner Holocaust-Denkmals vors Haus gebaut, siehe z. B. Bericht im Spiegel. Wenn die Begriffe „Politik“ und „Schönheit“ die Schwelle meines Bewusstseins überschreiten, assoziiere ich spontan „Marinetti“ und „Leni Riefenstahl“.

Filippo Tommaso Marinetti war ein italienischer Schriftsteller und faschistischer Politiker. Er begründete den Futurismus, besang die Schönheit des Krieges. Walter Benjamin widmet ihm eine ausführliche Auseinandersetzung in seiner Schrift: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Die Ästhetisierung der Politik ist, so Benjamin, ein wesentliches Element des Faschismus.

Dies bringt mich zu Leni Riefenstahl. Ihre Filme – die Reichsparteitagstrilogie, die Olympia-Filme – sind ein unvergleichliches Beispiel für diese Ästhetisierung.

Und nun „politische Schönheit“ gegen Höcke? Das hat was, durchaus.

Auf der Website des Zentrums heißt es:

Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) ist eine Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit. Es setzt auf Menschlichkeit als Waffe, entfacht einen aggressiven Humanismus und experimentiert mit den Gesetzen der Wirklichkeit. Widerstand ist eine Kunst, die weh tun, reizen und verstören kann.

In seinem „Futuristischen Manifest“ schrieb Marinetti:

Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muss aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor dem Menschen zu beugen.2)Futuristisches Manifest

Marinetti verherrlichte den Krieg, die Amoralität, das Zentrum will „weh tun, reizen und verstören“ – und dies im Namen einer unbedingten Moral.

Könnte dies nun unterschiedlicher und sein oder sind die Gemeinsamkeiten unübersehbar? Diese Frage zu beantworten, überlasse ich der Einbildungskraft, dem Scharfsinn und der Generosität des Lesers.

Ist die Ästhetisierung der Politik stets ein rechtsradikales Projekt?

Kunst hat immer einen moralischen Anspruch, auch wenn sich nicht immer explizit zum Wahren und Schönen das Gute gesellt. Selbst wenn Kunst amoralisch ist, so feiert sie doch gerade die Amoralität aus Weg zum guten Leben (und das will Moral). Kunst ist immer in große Gefühle eingebettet, sonst nämlich wäre sie langweilig und keine Kunst. Kunst überschreit immer die Vernunft, weil ein bloß rationales Kalkül im Kontext der Kunst strohtrocken ist, also nicht unterhaltsam.

Eine ästhetisierte Politik ist somit zwangsläufig eine Politik des Überschwangs und nicht eines des Abwägens, Vergleichens und Berechnens.

Die moderne Demokratie entspringt dem frühbürgerlichen Geist. Ihr Ideal ist der mündige Bürger. Der mündige Bürger ist ein rationaler Mensch, der sich einer Vernunftmoral, dem Kategorischen Imperativ unterwirft. Nichts ist diesem aufgeklärten Menschen fremder als eine ästhetisierte Politik. Seine Art, Politik zu treiben, ist so schön wie die doppelte Buchführung.

Politische Schönheit ist sicher kein Merkmal des Faschismus allein. Es ist ja auch nicht einzusehen, warum sich nur rechte Antidemokraten dieses Stilmittels bedienen sollten. Sie taugt nur nichts für Demokratie. Demokratie baut auf Rationalität und Vernunftmoral, nicht auf Irrationalität und Gefühlsmoral.

Wenn zukünftig die Begriffe „Politik“ und „Schönheit“ die Schwelle meines Bewusstseins überschreiten, so werde ich spontan „Marinetti“, „Leni Riefenstahl“ und „Zentrum für Politische Schönheit“ assoziieren. Dank der Höcke-Aktion hat sich mein geistiger Raum erweitert. Man kann also mit Methoden, die ich früher allein beim Faschismus (und geistesverwandten Richtungen) verortete, durchaus auch gegen Menschen Front machen, die man für Faschisten hält.

Das Politische ist die Projektion menschlicher Verhältnisse in die Sphäre der Abstraktion. Deswegen empfinden wir häufig Politiker als abgehoben und meinen, die Politik würde den besonderen Bedingungen, die unseren Alltag bestimmen, nicht gerecht. Doch damit erwarten wir zu viel, denn naturgemäß gleicht die Politik mathematischen Operationen, wenn sie zum Beispiel den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht. Politik, die nicht die Interessen der Allgemeinheit zu wahren unternimmt, ist schlechte Politik, nämlich Klientelpolitik oder Kirchturmpolitik.

Wenn man den Begriff der Schönheit auf das politische Feld anwendet, begeht man einen Kategorienfehler. Ein Kategorienfehler ist ein Denkfehler. Manche operieren mit Denkfehlern zum Zwecke der Manipulation anderer Menschen. Wehren wir uns.

Fußnoten   [ + ]

1. Dieses Zentrum hat dem AfD-Politiker einer Nachbildung des Berliner Holocaust-Denkmals vors Haus gebaut, siehe z. B. Bericht im Spiegel.
2. Futuristisches Manifest