Ist der Mensch das Produkt seiner Umwelt oder seiner Gene?

Vor etwa 3200 Jahren erreichten Angehörige einer Gruppe von Völkern mit ihren Booten einige der Inseln Polynesiens und besiedelten sie. Diese Völker lebten zuvor auf dem Bismarck-Archipel nördlich Neu-Guineas. Sie erwarben ihren Lebensunterhalt durch Landwirtschaft und Fischerei  und beherrschten bereits die Seefahrt.

Polynesien besteht aus Tausenden von Inseln, die über den pazifischen Ozean verstreut sind. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Größe, ihrer Isolation, ihrer Entwicklungsmöglichkeiten, ihres Klimas, ihrer Produktivität sowie ihrer geologischen und biologischen Ressourcen erheblich. Es gibt karge Eilande, die kaum menschliches Leben gestatten. Auf anderen Inseln herrschen hervorragenden Bedingungen, die vielfältige wirtschaftliche Aktivitäten erlauben.

Ab etwa 1200 vor Chr. also erfolgte die Besiedlung der meisten dieser Inseln, sofern bewohnbar, durch eine kleine Gruppe von Menschen mit verwandtem genetischen Hintergrund. Die Kolonisierung war 500 n. Chr. weitgehend abgeschlossen.

In dieser, historisch und erst recht naturgeschichtlich betrachtet, kurzen Zeit entwickelten die Nachfahren dieser genetisch eng verwandten Pioniere die unterschiedlichsten Gesellschaftsformationen: von Jäger- und Sammlergesellschaften bis hin zu komplexen Monarchien auf vergleichsweise hohem technischen Niveau.

Welche Entwicklungslinie eine Gesellschaft nahm, hing eindeutig eng mit den bereits genannten Faktoren, also mit den Lebensbedingungen der Inseln zusammen, die diese Völker beheimateten.1)Eine umfassende Darstellung der historischen Abläufe findet sich hier: Diamond, J. (1997) Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies. W. W. Norton & Co.

Diese Entwicklung lässt sich aus Sicht des amerikanischen Universalgelehrten Jared Mason Diamond verallgemeinern. Die Völker unterscheiden sich hinsichtlich ihres Wohlstandes, ihrer Kultur und Gesellschaftsordnung nicht etwa wegen ihrer Erbanlagen, sondern aufgrund der unterschiedlichen Lebensbedingungen auf diesem Planeten.

Polynesien zeigt dies besonders deutlich. Denn die Besiedlung erfolgte über einen relativ kurzen Zeitraum. Zudem lässt sich der gemeinsame genetische Ursprung der Kolonisten nachweisen.

Die Kolonisten hatten auf den einzelnen Inseln teilweise höchst unterschiedliche Startbedingungen. Die hoch entwickelten Gesellschaften waren den primitiven nicht deswegen „überlegen“, weil sie, genetisch bedingt, aus klügeren und tüchtigeren Individuen bestanden. Sie hatten vielmehr bessere Startbedingungen, auf deren Grundlage sie sich weiterentwickeln konnten.

Auf manchen Inseln waren die Lebensbedingungen so erbärmlich, dass die ursprünglichen Bauern und Fischer des Bismarck-Archipels sich dort zu Jägern und Sammlern zurückentwickeln mussten. Demgegenüber waren die natürlichen Gegebenheiten auf anderen Inseln so vorteilhaft, dass aufgrund der erwirtschafteten Überschüsse eine Kaste von Priestern und Adeligen ernährt werden konnte.

Die Besiedlung Polynesiens ist ein Paradebeispiel für die These, dass der Mensch ein Produkt seiner Umwelt sei. Hier zeigt sich, wie sich die Umweltbedingungen auf die Entwicklung von Ethnien auswirken. Man kann den Prozess beinahe wie in einem historischen Laboratorium betrachten.

Doch Vergleichbares ereignete sich überall in der Welt, auch wenn es nicht überall in dieser Eindeutigkeit und Klarheit ans Licht trat.

Es sprechen gute Gründe dafür, dass die von Diamond herausgearbeitete Gesetzmäßigkeit nicht nur auf Unterschiede zwischen Ethnien zutrifft. Sie könnte gleichermaßen auch für Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Klassen bzw. Schichten und sogar für Unterschiede zwischen Individuen verantwortlich sein.

Genetische Unterschiede zwischen Individuen, die sich auf das Verhalten und Erleben auswirken, will ich nicht bestreiten. Allein, die sozialen und ökonomischen Determinanten können den genetischen Effekt annullieren.

So mag beispielsweise ein Kind aus einer Unterschichtsfamilie mit einem kleinkriminellen und alkoholabhängigen Vater und einer Prostituierten als Mutter so klug und so fleißig sein, wie man es sich nur wünschen kann: gegen einen durchschnittlichen Altersgenossen aus einer behütenden Mittelschichtsfamilie hat es in aller Regel keine Chancen.

Dieses unter günstigen Bedingungen aufwachsende Kind hat auf der Karriereleiter einen sozial bedingten Vorsprung, der zumeist nicht mehr aufzuholen ist. Die Gegenbeispiele, von denen die Zeitungen gelegentlich berichten, sind Ausnahmen. Wären sie nicht keine Ausnahmen, dann würden die Zeitungen nicht über sie berichten.

Diese Gesichtspunkte sind natürlich nicht nur für die berufliche Karriere relevant. Sie betreffen gleichermaßen alle anderen Sphären unseres Daseins. Es gibt z. B. nicht die Spur eines Beweises dafür, dass die so genannten psychischen Störungen 2)also bestimmte Abweichungen von sozialen Normen oder den Erwartungen von Mitmenschen angeboren oder durch genetische Faktoren mitbedingt sind. Diese Behauptung widerspricht zwar landläufiger Meinung. Sie stimmt dennoch uneingeschränkt mit dem Stand der empirischen Forschung überein.

Der amerikanische Psychologe, Psychotherapeut und Spezialist für Verhaltensgenetik Jay Joseph hat die bisherige Erfolglosigkeit dieses Forschungszweigs in einer umfassenden und repräsentativen Betrachtung einschlägiger empirischer Untersuchungen akribisch dokumentiert.3)Joseph, J. (2012). The „Missing Heritability“ of Psychiatric Disorders: Elusive Genes or Non-Existent Genes? Applied Developmental Science, 16, 65-83.

Dies bedeutet nicht, dass genetische Ursachen angesichts des Forschungsstandes ausgeschlossen sind. Dies heißt nur, dass sie trotz jahrzehntelanger Forschung nicht gefunden wurden.4)Angesichts der heutigen Datenlage ist die Hypothese psycho-sozialer Ursachen der Phänomene, die von der Psychiatrie als „psychische Krankheiten“ gedeutet werden, wesentlich wahrscheinlicher als die Hypothese genetischer Ursachen.

Es handelt sich hier nicht nur um ein akademisches Problem, über das man achselzuckend hinweggehen könnte. Denn der psychiatrisch-pharmaindustrielle Komplex wird nicht müde, den Mythos genetischer Ursachen psychischer Störungen zu propagieren. Dabei wird der Eindruck erweckt, es handele sich bei diesem Mythos um eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Die einschlägig tätigen Genetiker werden den desaströsen Zustand ihres Spezialgebietes nicht gern einräumen, da Forschungsgelder auf dem Spiel stehen. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Zwillingsforschung an erheblichen methodischen Mängeln krankt. Auch die Resultate der so genannten „Genomweiten Assoziationsstudien“5)Bei diesen Studien geht es darum, bestimmte Ausprägungen eines Gens zu identifizieren, welche gemeinsam mit einem individuellen Merkmal, wie z. B. einer Krankheit, auftreten. lassen sich in aller Regel nicht in weiteren Studien wiederholen.6)Joseph, J. (2013). Five Decades of Gene Finding Failures in Psychiatry. Mad in America.

Die Auswirkungen dieses Mythos sind verheerend. Wer an genetische Ursachen glaubt,

  • nimmt psychische Störungen als gravierender wahr
  • neigt zu der Auffassung, dass sie den Betroffenen vermutlich ein Leben lang begleiten werden
  • befürchtet, dass die Geschwister der Person ähnliche Probleme entwickeln
  • betrachtet es als wahrscheinlich, dass die Kinder des „Erkrankten“ ebenfalls an dieser Störung leiden (werden)
  • und hält tendenziell einen größeren sozialen Abstand zu den Betroffenen

als Menschen, die nicht von diesem Mythos infiziert sind.7)Phelan, J. C. (2005). Geneticization of deviant behavior and consequences for stigma: The case of mental illness. Journal of Health and Social Behavior 46: 307-322)

Die Infektion mit diesem Mythos scheint offenbar vielfach auch das kritische Denken zu beeinträchtigen. Wie oft hört man doch, dass schließlich bestimmte „psychische Krankheiten“ in Familien gehäuft auftreten würden. Dies spräche für genetische Ursachen.

Wer kurz durchatmet und nachdenkt, müsste allerdings erkennen, dass eine andere Erklärung zumindest ebenso plausibel ist. Kinder neigen dazu, ihre Eltern zu imitieren. Diese sind, im Guten wie im Schlechten, Vorbilder.

All dies bedeutet natürlich nicht, dass die Gene im Ursachenbündel menschlichen Verhaltens und Erlebens prinzipiell keine Rolle spielten. Ihr Einfluss ist zwar nicht erwiesen, aber durchaus denkbar. Doch die Rolle ist eine andere, als uns in den Medien und vom psychiatrisch-psychopharmakologischen Komplex suggeriert wird.

Ein Beispiel soll diesen Zusammenhang erhellen. Nehmen wir an, es gäbe eine Begabung fürs Klavierspielen. Fritz ist hochbegabt, Paul nur durchschnittlich. Die Eltern von Fritz hassen Klavierspielen im Besonderen und Musik im Allgemeinen. Fritz soll Anwalt werden wie sein Vater auch. Sie erziehen ihr Kind dementsprechend in diesem Geist. Schließlich ist es von der Überzeugung durchdrungen, dass die Beschäftigung mit Musik allenfalls ein nutzloses Freizeitvergnügen sei.

Demgegenüber sind Pauls Eltern Musikenthusiasten. Sie wecken das Interesse ihres Kindes an musikalischer Betätigung. Als er das Klavier für sich entdeckt, fördern sie dies liebevoll und nach Kräften. Übung macht bekanntlich den Meister. Ohne Praxis nützt auch eine hohe Begabung nichts.

Nun sollen wir an einem Wettspiel teilnehmen. Es geht um einen relevanten Geldbetrag. Der Gewinner bekommt ihn, der Verlierer muss ihn bezahlen. Die Aufgabe besteht darin zu raten, wer von den beiden ein professioneller Klavierspieler wurde: Fritz oder Paul. Ich könnte schwören, dass die meisten auf Paul tippen – unabhängig von ihrer prinzipiellen Einstellung zur Verhaltensgenetik.

Die Gene schaffen die Voraussetzungen dafür, sich auf bestimmten Gebieten besonders hervorzutun. Die Umwelt aber bestimmt, ob dies dann auch tatsächlich erfolgt.

Und so ist das auch bei den so genannten psychischen Krankheiten. Es mag z. B. Menschen mit einer herausragenden „Begabung“ geben, überall Anzeichen von Ränkespielen zu entdecken. Ob einer aber deswegen die Diagnose „paranoide Schizophrenie“ erhält oder als schrulliger Verschwörungstheoretiker gilt, liegt nicht in seinen Genen. Es kommt entscheidend darauf an, welche Entwicklungsrichtungen seine Umwelt fördert bzw. hemmt.

Schlussendlich aber ist das menschliche Schicksal aus meiner Sicht auch nicht durch die Interaktion von Genen und Umwelt definitiv festgelegt. Menschen spüren ihre Begabungen und erkennen die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Umwelt. Sie sind nicht die Sklaven dieser Einflüsse. Sie sind keine Automaten.

Sie haben die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Sie können eine Haltung zu ihren Begabungen und ihrer Umwelt einnehmen. Fritz kann dem Ruf seiner Begabung fürs Klavierspielen trotz aller Widerstände folgen. Paul kann sich bei aller Förderung seiner musikalischen Neigungen dazu entschließen, seine Begabung für die Juristerei zu pflegen. Doch solche selbstbestimmten Entscheidungen sind natürlich schwierig zu verwirklichen. Leider neigen Menschen dazu, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen.

Fußnoten   [ + ]

1.Eine umfassende Darstellung der historischen Abläufe findet sich hier: Diamond, J. (1997) Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies. W. W. Norton & Co.
2.also bestimmte Abweichungen von sozialen Normen oder den Erwartungen von Mitmenschen
3.Joseph, J. (2012). The „Missing Heritability“ of Psychiatric Disorders: Elusive Genes or Non-Existent Genes? Applied Developmental Science, 16, 65-83
4.Angesichts der heutigen Datenlage ist die Hypothese psycho-sozialer Ursachen der Phänomene, die von der Psychiatrie als „psychische Krankheiten“ gedeutet werden, wesentlich wahrscheinlicher als die Hypothese genetischer Ursachen.
5.Bei diesen Studien geht es darum, bestimmte Ausprägungen eines Gens zu identifizieren, welche gemeinsam mit einem individuellen Merkmal, wie z. B. einer Krankheit, auftreten.
6.Joseph, J. (2013). Five Decades of Gene Finding Failures in Psychiatry. Mad in America
7.Phelan, J. C. (2005). Geneticization of deviant behavior and consequences for stigma: The case of mental illness. Journal of Health and Social Behavior 46: 307-322)