Erinnerungen von US-Veteranen an Mini-Nukes im Kalten Krieg

Die 3. US-Panzerdivision (3rd Armored Division „Spearhead”) bewachte während des Kalten Krieges die deutsch-deutsche Grenze. Sie besaß natürlich auch ein beachtliches Waffenarsenal, um die sowjetischen Panzer im Falle eines Angriffs aufzuhalten.1)Siehe meinen Artikel: Die Verteidigung Deutschlands durch den Einsatz von Mini-Nukes auf deutschem Boden

Zu diesen Waffen zählte ein Koffer. In diesem Koffer befand sich ein kleiner nuklearer Sprengsatz, eine sog. Special Atomic Demolition Munition (SADM) namens MK-54.

Arnold Dutcher war 1971 als Soldat der „Spearhead-Division” in Deutschland. Er schreibt in seinen Erinnerungen an diese Zeit:

„Während meines Einsatzes in Deutschland trainierte ich hauptsächlich mit der MK-54 SADM. Sie war die leichteste und kompakteste der ADM-Waffen.” Die Mission seiner Einheit, des ADM-Platoons bestand darin, „Dinge in die Luft zu sprengen, die dann Hindernisse wurden, um die Armeen des Ostblocks auf ihrem Weg nach Westen zu stoppen.”

Als Ziele kamen z. B. Autobahnen in Frage. Der Einsatz der Kofferbombe wurde beständig geübt. Ein häufiges Übungsgebiet war ein Autobahnabschnitt in der Nähe Hanaus. Die Einsatzgruppe hielt die Zufahrt zum Standort der Bombe frei, beseitigte Unterholz, entfernte Äste und andere Gegenstände, die das Fahrzeug der Truppe behindert hätten. Die letzten Meter mussten sie den Koffer tragen, der insgesamt etwa 75 kg schwer war.

Die Bombe sollte durch eine internen mechanischen Zeitschalter gezündet werden. Dutcher und seine Kameraden hatten allerdings den Befehl, in Sichtweite auf die Detonation zu warten.

“Dies bedeutete er erhebliches Risiko für das Team”, schreibt Dutcher, „aber wir wussten, wie wir in Deckung gehen und uns selbst schützen konnten.”2)NUKE VETERANS SPEAK – Former 3AD & V Corps Soldiers – From Arnold Dutcher: Atomic Demolition Munitions (ADM) Platoon, 23rd Engineer Bn, 3AD

Die militärische Führung des Westens war damals davon überzeugt, dass die Sowjets einen Angriff auf Westdeutschland mit Atombombenzündungen im Weltraum über Deutschland beginnen würden, um durch den elektromagnetischen Puls die Kommunikation des westlichen Bündnisses zu stören und die Elektronik lahmzulegen. Dann wären aus ordinären Zündkabeln gigantische Antennen für die Energie des elektromagnetischen Pulses geworden.

Damals war es nämlich noch nicht möglich, die Elektronik und die Kommunikationssystem gegenüber dem elektromagnetischen Puls zu härten. Man lief also Gefahr, dass die nuklearen Landminen überhaupt nicht oder zum falschen Zeitpunkt hochgegangen wären. Wollte man sicherstellen, dass die kleinen Atombomben punktgenau beim Herannahen sowjetischer Panzerverbände explodierten, um die Verstrahlung Deutschlands möglichst gering zu halten, dann brauchte man Leute zum Scharfmachen der Bomben und zum Starten des Zeitzünders.

Man bedenke: In dieser Zeit gab es auch nicht die heute zur Routine gewordene, höchst effiziente Überwachung von Schlachtfeldern durch Satelliten. Um sich einen Überblick zu verschaffen, musste man schon persönlich zugegen sein.

Zur Härtung von Zündkabeln gegenüber dem Puls hätte man sie tief eingraben müssen – eine Unmöglichkeit angesichts der Tatsache, dass Panzerverbände im Krieg aus guten Gründen oftmals unerwartet ihre Route ändern.

Ed Mitchell, ein Offizier der US-Armee im Ruhestand, erinnert sich an seine Zeit in Deutschland:

“Ich hatte die Aufgabe, … Personal auszuwählen, das die Aufgabe erledigen konnte, doch das als entbehrlich betrachtet wurde.”3)VII Corps Special Troops, VII Corps: THE SECRET MISSION

Ein anderer Offizier, Rowe Attaway fügt im Hinblick auf den Ernstfall hinzu:

“Einsatzgruppen hätte man mit 7-Tage-Rationen versorgt, erwartet, dass sie die zugewiesene Aufgabe erledigen und dann abgeschrieben (written off the books).”4)siehe oben

Der Umgang mit den Mini-Nukes galt unter Soldaten scheinbar als Himmelfahrtskommando. Es nützt ja nicht viel, nur irgendwo große Krater in die Landschaft zu sprengen. Um die kann der Feind natürlich herum fahren. Dafür braucht er etwas länger, aber er kommt dennoch zum Ziel.

Besser ist es, die Ladung zu zünden, wenn der Feind ihr ganz nahe ist. Dazu muss man in der Nähe bleiben und rechtzeitig auf den Knopf drücken. Dann aber hat der Anwender vermutlich nicht mehr genug Zeit, sich aus dem Staub zu machen.

Für das Konzept eines begrenzten Atomkriegs waren die Mini-Nukes im Kalten Krieg einfach unentbehrlich – und so brauchte man auch Menschen, die sie an der Front oder gar hinter den feindlichen Linien einsetzten.

Ron Chiste war als GI in Deutschland und diente in der 3. US-Panzerdivision. Im Mai 1972 erhielt er den Befehl, die taktischen Atomwaffen scharf zu machen.

Was war geschehen? Präsident Richard Nixon hatte am 8. des Monats angeordnet, dass der nordvietnamesische Hafen von Haiphong zur Bombardierung freigegeben werden solle. Das Weiße Haus war sich nicht sicher, wie die Russen reagieren würden.5)NUKE VETERANS SPEAK – Former 3AD & V Corps Soldiers: The Day That President Nixon Ordered Nukes On-The-Ready, From Ron Chiste in 2005: 6th Bn, 40th Field Artillery, 3AD

Chiste irrt sich hier im Detail: Nixon hatte angeordnet, dass der Hafen vermint werden solle. Gleichzeitig hatte er Flächenbombardements in Nordvietnam befohlen.

Über den Einsatz dieser und anderer Atombomben auf deutschem Boden entschied die USA allein. Die wenigsten Deutschen wussten, was ihnen drohte. Nur ein paar Politiker. Ob die wohl noch im Lande gewesen wären, wenn Dutcher oder andere US-Boys unsere Autobahnen mit Atombomben in die Luft gesprengt hätten?

Ron Chiste erinnert sich an ein sog. EDP-Briefing, also eine Lagebesprechung zur Einnahme der Kriegsposition. EDP bedeutet: Emergency Deployment Position. Das Briefing war streng geheim, die Fenster wurden abgedunkelt und Wachen standen vor den Türen.

Am Ende der Lagebesprechung waren Fragen erlaubt. Chiste sagt, er müsse damals wohl noch sehr naiv gewesen sein. Er fragte nämlich, wie viel Zeit das Bataillon denn habe, um in Stellung zu gehen. Die älteren Offiziere trauten ihren Ohren nicht. Der Instrukteur antwortete cool:

“Sie werden keine Zelte mitnehmen, keine Feldküchen oder irgend etwas dergleichen. Die C- und B-Batterien werden über die Fulda rasen und die A-Batterie wird in Reserve gehalten. Wir rechnen nicht damit, dass C und B zurückkehren werden.”

Ron Chiste betitelte seinen Bericht mit der Überschrift: „The EDP Briefing or Suicide Mission at the Fulda Gap.”6)NUKE VETERANS SPEAK – Former 3AD & V Corps Soldiers: The EDP Briefing or Suicide Mission at the Fulda Gap, From Ron Chiste in 2005: 6th Bn, 40th Field Artillery, 3AD Die Geschützgruppen, die in Position gebracht werden sollten, waren nuklearfähig.

Im Fulda-Gap erwartete man einen Angriff sowjetischer Panzerverbände. Um diesen abzuwehren, benötigte man offensichtlich Himmelfahrtskommandos.

In einer Besprechung des Buchs von Detlef Bald zur „Politik der Verantwortung” (Bald 2008) in der Süddeutschen Zeitung vom 2.3.2009 heißt es:

“Am 23.Oktober 1973 wurden in den ‘Deutschen Einsatzbeschränkungen für ADM’ die ‘Four German No’s’ für die Nato verbindlich eingeführt und in einem vertraulichen Briefwechsel von Bundeskanzler Brandt mit US-Präsident Nixon im April 1974 bestätigt.
Die Punkte waren: 1. Kein Atomminen-Gürtel an der Grenze; 2. Keine Vorab-Delegation der politischen Entscheidungsgewalt zum Atomwaffeneinsatz an eine militärische Kommandobehörde; 3. Keine militärischen Planungen ohne Schutz der Zivilbevölkerung; 4. Keine Vorbereitung von Sprengkammern oder -schächten in Friedenszeiten. Wie wichtig diese Festlegungen waren, zeigt, dass noch 1970 bei einer neuen Rheinbrücke in Düsseldorf, der ‘Kniebrücke’, Kammern für nukleare Sprengladungen angebracht werden sollten. In Düsseldorf entstand dann, so de Maizière, ‘die erste Rheinbrücke ohne Sprengkammern’.”7)Süddeutsche Zeitung: Die Bundeswehr im Kalten Krieg. Atombombe im Rucksack

Nach Einführung der deutschen Einsatzbeschränkungen wurden die ADM offenbar von der Grenze in grenzferne Depots der Amerikaner zurückverlegt. Die Bundeswehr unterhielt so genannte „Spezial Sperrzüge”, deren Aufgabe darin bestand, die ADM von einem Sonderwaffenlager der Amerikaner abzuholen, zum vorgesehenen Sperrpunkt zu bringen und zu bewachen.

Ein Informant, der 1978 als Wehrpflichtiger in einem „Spezial Sperrzug” diente, erzählte, wie die entsprechenden Übungen abliefen (persönliche Mitteilung). Er fuhr mit einem Spezialtransporter zu den Amis. Dort wurde die Bombe aufgeladen. Ein US-Soldat setzte sich mit entsicherter Waffe auf den Beifahrersitz. Dann ging es quer durch Deutschland zum Sperrpunkt. Wie verbindlich die „Four German No’s“ wohl tatsächlich waren?

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe meinen Artikel: Die Verteidigung Deutschlands durch den Einsatz von Mini-Nukes auf deutschem Boden
2.NUKE VETERANS SPEAK – Former 3AD & V Corps Soldiers – From Arnold Dutcher: Atomic Demolition Munitions (ADM) Platoon, 23rd Engineer Bn, 3AD
3.VII Corps Special Troops, VII Corps: THE SECRET MISSION
4.siehe oben
5.NUKE VETERANS SPEAK – Former 3AD & V Corps Soldiers: The Day That President Nixon Ordered Nukes On-The-Ready, From Ron Chiste in 2005: 6th Bn, 40th Field Artillery, 3AD
6.NUKE VETERANS SPEAK – Former 3AD & V Corps Soldiers: The EDP Briefing or Suicide Mission at the Fulda Gap, From Ron Chiste in 2005: 6th Bn, 40th Field Artillery, 3AD
7.Süddeutsche Zeitung: Die Bundeswehr im Kalten Krieg. Atombombe im Rucksack