Der Gutmensch als Antisemit

Wer den Begriff „Gutmensch“ verwendet, setzt sich dem Verdacht aus, ein „Rechtspopulist“ zu sein – wenn nicht sogar ein Nazi. Die Reaktion auf dieses Wort kann heftig sein, sehr heftig, mitunter hysterisch. Den Unbefangenen beschleicht das Gefühl, ein wunder Punkt sei berührt worden.

Im folgenden Text will ich feinfühlig sein. Nur noch einmal will ich dieses Wort gebrauchen und es dann für immer verschweigen: Der Gutmensch ist die Symbolfigur für das zeitgenössische deutsche Elend. Und nun genug. Es sind die Wohlgesinnten, die Wohlmeinenden, die Wohlwollenden, die nunmehr das Thema sein sollen.

Wir finden sie überall. Als im Jahr 2015 in großer Zahl Menschen zu uns strömten, da standen diese Wohlmeinenden an Bahnhöfen und verteilten Teddys an die Kinder. Sie hätten wissen können, dass viele dieser Menschen aus zutiefst antisemitischen Kulturen kamen. Doch sie empfingen sie mit offenen Armen, ihr Wohlwollen ihnen gegenüber war sogar noch größer als ihre Freundlichkeit gegenüber Mühseligen und Beladenen aus dem eigenen Land.

Wenn ihr Wohlwollen nicht so unbedingt und enthusiastisch gewesen wäre, so hätte ein Unbehagen ihr Herz erfüllt. Aber so. Es wäre ja auch niederträchtig, Fremde für Antisemiten zu halten, nur weil sie aus antisemitischen Kulturen stammen. Dieser Einzelne da, der nun vor uns steht, mühselig und beladen, von dem wissen wir ja gar nicht, wie er zu den Juden steht. Der entflieht doch nur Not und Elend, der braucht unsere Hilfe, und die geben wir ihm. Da kennt unsere Güte keine Grenzen.

Man kann allerdings auch eine andere Rechnung eröffnen – eine, die auf einem psychoanalytischen Kalkül beruht.

  • Der Wohlwollende kann natürlich für sich reklamieren, gar nicht gewusst zu haben, wie weit der Antisemitismus in arabischen Ländern tatsächlich verbreitet ist. Doch dies klingt wie eine Schutzbehauptung, eine Rationalisierung. Nicht erst, seitdem es den Staat Israel gibt, hört man antisemitische Töne aus diesen Weltregionen. Man kann das nicht überhören, nicht wirklich. Das muss man verdrängen.
  • Der Wohlmeinende kann selbstverständlich auch behaupten, dass jedes Individuum für sich beurteilt werden müsse. Das trifft natürlich zu. Doch wenn man Hunderte an Bahnhöfen und sonstwo mit vorbehaltlos offenen Armen empfängt, dann prüft man eben nicht jeden Einzelnen. Auch dies also muss als Rationalisierung des wohlwollenden Verhaltens gedeutet werden.
  • Der Wohlmeinende kann selbstredend vorbringen, dass Fremde aus Not und Elend auch Anspruch auf unsere Hilfe hätten, wenn sie eventuell Antisemiten seien. Sicher, darüber lässt sich diskutieren. Dies erklärt aber den Enthusiasmus nicht, mit dem diese Hilfe gewährt wurde.

Betrachtet man das Phänomen psychoanalytisch, so drängt sich der Verdacht auf, das manche dieser leidenschaftlich helfenden Wohlgesinnten durch ihr Verhalten ihren eigenen, aber kaschierten Antisemitismus ausdrückten. Manch deutscher Wohlmeinender neigt ja dazu, seinen Antisemitismus hinter zarter Israelkritik zu verstecken.  Auf die Dauer erzeugt dies aber ein Ressentiment, das einen bitteren Ton ins allgemeine Wohlwollen mischt. Da mag es für manch einen eine Erleichterung sein, Menschen im Lande willkommen zu heißen, die ihre Judenfeindlichkeit offen und unverblümt ausleben.

Ich weiß: Dies ist eine haltlose Unterstellung gegenüber dem klassischen deutschen Wohlwollenden, für die es keinerlei Beweise gibt. Nein, die gibt es nicht. Mit Beweisen kann die Psychoanalyse ohnehin nicht aufwarten. Sie ist eher eine Kunst, denn eine Wissenschaft.

Aber es gibt fraglos Indizien. Beispielsweise ist es schon auffällig, dass der hier beschriebene Typus des Wohlwollenden sich durch eine klar einseitige Positionierung auszeichnet, wenn der Konflikt zwischen Palästinensern und Israel das Thema ist. Bemerkenswert ist auch, dass dieser Überschwang des Wohlwollens bisher keineswegs gezeigt wurde, wenn Notleidende ohne antisemitischen Background der Hilfe bedurften. Und wenn ansonsten eher religionskritische Menschen sich plötzlich leidenschaftlich für die Religionsfreiheit von Migranten stark machen, so gibt dies schon zu denken.

Gern räume ich ein, dass dieser Text spekulativ ist. Wohlwollen ist ein Zeichen der Zivilisation, aber nur, wenn es auf rationaler Grundlage beruht. Auf irrationaler Basis ist Wohlwollen allerdings verhüllte Aggressivität und Destruktivität. Das ist nichts Neues. Man beobachtet dieses Phänomen bei den Moralaposteln und Scheinheiligen aller Zeiten.