Suizidprävention

Befragt wurden 6483 amerikanische Jugendliche im Beisein ihrer Eltern. Es ging um Selbstmordgedanken und entsprechende Pläne bzw. Versuche. Die jungen Menschen waren zwischen 13 und 18 Jahre alt. 12,1 Prozent gaben an, sie hätten schon einmal an Suizid gedacht. 4 Prozent hatten ihn geplant und 4,1 Prozent hatten bereits mindestens einen Selbstmordversuch hinter sich.

Die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen mit suizidbezogenem Verhalten und Erleben erfüllte die Voraussetzung für wenigstens eine Diagnose nach DSM 4, dem Diagnosehandbuch der American Psychiatric Association (APA). Mehr als 80 Prozent der suizidalen Jugendlichen erhielten irgendeine Form psychiatrischer Behandlung bzw. vergleichbarer Hilfe.

Bei der Mehrheit der Behandelten, nämlich bei 60 Prozent von ihnen, begann die Intervention bereits vor dem Auftreten von Selbstmordgedanken, vor den Suizidplänen bzw. -versuchen (Nock et al,. 2013).

Der Hauptautor der Studie, Matthew K. Nock, äußerte sich zur Einschätzung der Befunde in der New York Times wie folgt:

„Der Bericht sagt nichts darüber, ob die angewandten Therapien Stand der Forschung waren oder sorgfältig ausgeführt wurden, sagte Martin Nock, ein Psychologie-Professor an der Harvard-Universität und der Hauptautor, und es ist möglich, dass einige der Therapien Suizidversuchen vorbeugten. Doch der Bericht sagt uns, dass wir noch einen langen Weg gehen müssen, dies richtig zu machen, sagte Dr. Nock.“1

Hierzu ist anzumerken, dass die üblichen Therapien im Allgemeinen, wenn überhaupt, nicht wesentlich effektiver sind als Placebos und dass es dabei keineswegs darauf ankommt, welche Art von Medikamenten gegeben, welche psychotherapeutischen Methoden eingesetzt werden, wie lange die Behandlungen dauern und wer sie realisiert.

Es mag durchaus sein, dass manche Jugendliche mit suizidalen Tendenzen von diesen nach einer solchen Behandlung Abstand nahmen, aber es ist keineswegs sicher, dass dies infolge der Behandlung geschah. Außerdem fragt es sich, wohin der lange Weg, den Nock noch vor sich zu haben glaubt, denn führen soll – angesichts der Tatsache, dass die Psychiatrie die Ursache psychischer Störungen nicht kennt, sie nicht valide zu diagnostizieren und bei ihrer Behandlung kaum mehr Wirkung hervorzubringen vermag als ein Placebo.

Diese Studie begründet erhebliche Zweifel daran, dass die vollmundige Behauptung einschlägig interessierter oder wohlmeinender Zeitgenossen, die Psychiatrie rette Menschenleben, tatsächlich mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Man kann sogar darüber diskutieren, ob psychiatrische Behandlungen die Suizidneigung u. U. sogar erhöhen, und dies u. a. aus folgenden Gründen:

  • Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA warnte davor, dass Antidepressiva bei jungen Menschen mit erhöhter Suizidalität verbunden sein könnten.2

  • Diesen Verdacht bestätigt auch der Medizin-Statistiker Peter Gøtzsche anhand einer Fülle empirischer Studien; und er geht darüber noch hinaus; er schreibt:
    „Die SSRI (Selective Serotonin Reuptake Inhibitors) erhöhen die Wahrscheinlichkeit des Suizidrisikos vermutlich in allen Altersgruppen. Diese Medikamente sind außerordentlich schädlich (Gøtzsche 2013).“

  • Eine psychiatrische Diagnose ist stigmatisierend und kann den Etikettierten aufgrund der abwertenden Reaktionen seiner Mitmenschen in tiefe Verzweiflung stürzen.

  • Eine psychiatrische Diagnose kann einen verheerenden Einfluss auf das Selbstbild des Betroffenen ausüben; er verliert u. U. seine Selbstachtung, fühlt sich wertlos und sieht schließlich keinen Sinn mehr in seinem Leben.

  • Eine psychiatrische Diagnose kann Suizidgedanken in Form einer selbsterfüllenden Prophezeiung nach sich ziehen.

Der irische Psychiatrieprofessor David Healy gab zwanzig Freiwilligen, die keinerlei Anzeichen von Depressivität oder sonstige psychische Auffälligkeiten zeigten, ein Antidepressivum aus der Gruppe der SSRI (Healy 2000). Zwei der zwanzig Versuchspersonen wurden unter dem Einfluss dieser Substanz suizidal.

Healy berechnete die Wahrscheinlichkeit, dass zwei psychiatrisch unauffällige Personen ohne partnerschaftliche, finanzielle oder rechtliche Probleme aus einem Kreis von zwanzig innerhalb von zwei Wochen zufällig selbstmordgefährdet werden und bezifferte sie mit p = 0.0000005.

Als er über seine Erkenntnisse auf einem Kongress berichten wollte, wurde er nachdrücklich gewarnt, er möge davon doch besser seine Finger lassen. Er ließ sich aber nicht einschüchtern. Die Folge: Der Ruf an eine kanadische Universität wurde zurückgezogen.3

Inzwischen beginnt sogar ein Umdenken auch in Reihen der Psychiatrie. Professor Roger Mulder beispielsweise, der Leiter der psychiatrischen Abteilung an der neuseeländischen „Otago University“, bekannte in krasser Kehrtwendung zu seinen früheren Postionen, dass die medikamentöse Suizid-Prävention ein zwanzig- bis dreißigjähriger Fehlschlag gewesen sei (Bradshaw 2013).

Literatur

Bradshaw, M. (2013). Psychiatry & Suicide Prevention: A 30-year Failed Experiment. Mad in America (Blog)

Gøtzsche, P. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe, Kapitel: „Pushing children into suicide with happy pills“

Healy, D. (2000). Emergence of Antidepressant Induced Suicidality, Primary Care Psychiatry 6 (2000): 23-28

Nock, M. K. et al. (2013). Prevalence, Correlates, and Treatment of Lifetime Suicidal Behavior Among Adolescents. Results From the National Comorbidity Survey Replication Adolescent Supplement. JAMA Psychiatry, Published online January 9, 2013, doi:10.1001/2013.jamapsychiatry.55

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New York Times: Study Questions Effectiveness of Therapy for Suicidal Teenagers, By BENEDICT CAREYJAN. 8, 2013

Eine ausführliche Dokumentation dieses Vorgangs findet sich im Internet unter The David Healy Affair.

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