Strategische Etiketten

Kritiker meinen, psychiatrische Diagnosen seien soziale Etiketten unter dem Tarnmäntelchen medizinischer Befunde. Besonders scharfe Kritiker behaupten sogar, sie seien Instrumente zur Ausgrenzung der Missliebigen. Die schärfsten Kritiker vergleichen sie mit dem Juden-Stern. 1969 gab der amerikanische Psychiatrieprofessor Thomas Szasz der Zeitschrift „The New Physician“ ein Interview. Ein kurzer Abschnitt daraus wurde seither unzählige Male zitiert; er wurde zu einem Motto der psychiatriekritischen Bewegung der Psychiatrie-Erfahrenen.

‚Schizophrenie‘ ist ein strategisches Etikett, wie es ‚Jude‘ in Nazi-Deutschland war. Wenn man Menschen aus der sozialen Ordnung ausgrenzen will, muss man dies vor anderen, aber insbesondere vor einem selbst rechtfertigen. Also entwirft man eine rechtfertigende Redewendung. Dies ist der Punkt, um den es bei all den hässlichen psychiatrischen Vokabeln geht: Sie sind rechtfertigende Redewendungen, eine etikettierende Verpackung für ‚Müll‘; sie bedeuten ’nimm ihn weg‘, ’schaff ihn mir aus den Augen‘ etc. Dies bedeutete das Wort ‚Jude‘ in Nazi-Deutschland, gemeint war keine Person mit einer bestimmten religiösen Überzeugung. Es bedeutete ‚Ungeziefer‘, ‚vergas es‘. Ich fürchte, dass ’schizophren‘ und ’sozial kranke Persönlichkeit‘ und viele andere psychiatrisch diagnostische Fachbegriffe genau den gleichen Sachverhalt bezeichnen; sie bedeuten ‚menschlicher Abfall‘, ’nimm ihn weg‘, ’schaff ihn mir aus den Augen‘ (Szasz 1969).“

Dies ist Klartext. Szasz charakterisiert eine reale pragmatische Dimension der psychiatrischen Diagnosen, die nämlich auch Markierungen auf einer Skala des Ausmaßes von Ausgrenzung sind. Krass formuliert: Der angeblich gefährliche Irre landet hinter psychiatrischen Gittern, wohingegen die durch Missbrauch Traumatisierten „nur“ in einem psychotherapeutischen „Schonraum“ entsorgt werden. Es geht um Macht. Genauer: um Definitionsmacht, die Gewalt legitimiert und mit ethischer Blindheit verbunden ist.

Man mag den Nazi-Vergleich für unpassend, übertrieben, ja geschmacklos halten; unbestreitbar ist, dass psychiatrische Diagnosen auch die Funktion strategischer Etiketten haben. Ein strategisches Etikett schreibt einem Objekt nicht nur ein Merkmal zu, sondern sagt auch, wie mit ihm verfahren werden soll. Solche Etiketten können sich verhängnisvoll auswirken, denn sie können einen Menschen sozial stigmatisieren, seine Existenz gefährden und sein Selbstwertgefühl zerstören. Ist dies eine unvermeidliche Gefahr, weil psychiatrische Diagnosen für die Behandlung unbedingt erforderlich sind? Man mag darüber streiten, ob eine Diagnose für eine Erfolg versprechende Behandlung notwendig sei; sie könnte es allenfalls sein, wenn sie valide wäre. Caplan & Cosgrove schreiben:

Jeder Professionelle, der ein Etikett anwendet, das nicht validiert wurde, und dann eine Behandlung mit diesem Etikett begründet, unterzieht den Patienten im Wesentlichen einer experimentellen Therapie, ohne ihr Wissen und Einverständnis (Caplan & Cosgrove 2004, Kindle Edition Pos. 130).“

Beim gegenwärtigen Stand der Forschung kann keine der psychiatrischen Diagnosen als valide betrachtet werden; dies wird den Patienten allerdings zumeist verschwiegen. Psychodiagnostik ist, wie der Name schon sagt, eine Diagnostik der Psyche (was auch immer das sein mag). Die Psyche ist offenbar störanfällig und für jede Störung gibt es eine Schublade mit einem Etikett. Um zu erfahren, was sich hinter diesen Etiketten verbirgt, muss man in die gängigen psychiatrischen Diagnose-Handbücher schauen. Diese sind Produkte psychiatrischer Wissenschaft und so sollte man auch wissenschaftliche Kriterien erwarten.

Ein Leser mit dieser Erwartung sieht sich jedoch rasch enttäuscht. Die so genannten Syndrome beruhen weitgehend auf wertenden Beobachtungen des Verhaltens (zu dem auch die verbalen Äußerungen zählen). Aus diesen wertenden Beobachtungen wird auf eine zugrunde liegende psychische Störung bzw. psychische Krankheit geschlossen. In die Störungstheorie fließen zahllose Zusatzannahmen ein, die weder durch die empirische Forschung, noch durch Beobachtungen des Verhaltens der Diagnostizierten abgesichert sind. Es handelt sich um Unterstellungen. Diese sind – pragmatisch betrachtet – für das weitere Vorgehen unerheblich. Sie dienen vor allem der Rechtfertigung zukünftiger Maßnahmen.

Zu diesen Unterstellungen zählen Spekulationen über die „biologische“ Basis der „Krankheiten“. Derartige Spekulationen allerdings spielen in der Praxis keine Rolle, und zwar weder in der medikamentösen Behandlung, noch in der Psychotherapie. Das einzige, was praktisch zählt, sind die Verhaltensbeobachtungen. Verändert sich das Verhalten in die gewünschte Richtung? Fühlt sich der Betroffene z. B. noch von Außerirdischen bedroht und traut er sich deswegen nicht aus dem Haus? Leidet er immer noch so stark unter abgrundtiefer, verzweifelter Traurigkeit, deren Ursprung er nicht versteht – oder kann er nun hin und wieder auch einmal lachen?

Dies sind die Fragen, an denen sich der Therapeut orientieren muss, und, wichtiger noch, dies sind die Fragen, die den Klienten oder Patienten interessieren und betreffen. Ob ihn die Psychiater oder Psychotherapeuten als „depressiv“ oder „schizophren“ oder sonst wie diagnostizieren, könnte ihm im Prinzip gleichgültig sein, wenn diese Diagnosen nicht schwerwiegende Konsequenzen für ihn haben könnten, nämlich

  • soziale Stigmatisierung,
  • Existenzgefährdung und
  • Zerstörung des Selbstwertgefühls.

Psychiatrische Diagnosen sind somit nicht nur entbehrlich, sie sind sogar kontraproduktiv, weil kränkend und mitunter tödlich.

Literatur

Caplan, P. J. & Cosgrove, L. (2004). Is This Really Necessary. In: Caplan, P. J. & Cosgrove, L. (eds.). Bias in Psychiatric Diagnosis. Lanham: Jason Aronson

Szasz, T. (1969). Interview with Thomas Szasz. The New Physician, June, 453 – 476

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