Stigmatisierung

Heinz Kümmerlein ist ein mittelständischer Unternehmer. Er erfährt, dass ein aussichtsreicher Bewerber ein Borderline-Persönlichkeitsgestörter sei. Kümmerlein bricht nicht so leicht den Stab über Menschen. Er will wissen, was dahinter steckt. Heute kann sich jeder mühelos über „psychische Krankheiten“ informieren. Wikipedia macht’s möglich. Also schaut Kümmerlein im Internet nach, was unter einer Borderline-Persönlichkeit zu verstehen sei. Er erfährt, dass es sich dabei um einen Menschen handele, der zu heftiger Impulsivität, Wut und paranoiden Ideen neige, dessen zwischenmenschliche Beziehungen instabil und durch ein Wechselspiel von Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet seien, der selbstmordgefährdet sei usw.

Soll Heinz Kümmerlein einen solchen Menschen einstellen?

Frauke Hollerich erfährt, dass ihr Verlobter, den sie zu heiraten gedenkt, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung habe, die er ihr bisher verschwieg. Sie hat ihn wirklich gern, dennoch liest sie, von Neugier und wohl auch von der Stimme ihrer verstorbenen Mutter in ihrem Kopf getrieben, in Wikipedia nach. Dort erfährt sie, dass es sich bei den Narzissten um Menschen handele, die sich durch ein gesteigertes Verlangen nach Anerkennung, Antriebslosigkeit und Überschätzung der eigenen Fähigkeiten auszeichneten. Plötzlich sieht sie gewisse Eigenschaften ihres Zukünftigen in einem anderen Licht. Bisher hatte sie geglaubt, dass sie ihn mit viel Liebe schon ändern werde. Aber wenn es eine Krankheit ist, etwas Bleibendes?

Soll sie ihn wirklich heiraten?

Franz Kastelmann ist selbständiger Journalist und erwägt, mit einem Kollegen ein Buch über ein Thema zu schreiben, für das dieser Kollege ein ausgewiesener Experte ist. Nun erfährt er, dass der Mann depressiv sei. Wikipedia verrät ihm, dass Depressive von der Sinnlosigkeit des Daseins durchdrungen seien, unter starken Minderwertigkeitsgefühlen litten und zu Selbstmordversuchen neigten.

Soll sich Franz Kastelmann auf das Abenteuer eines solchen Buchprojekts einlassen?

Wenig später treffen Kümmerlein, Hollerich und Kastelmann in einem Zugabteil aufeinander und beginnen einen Small-Talk. Da allen dreien ihre „Psychos“ nicht aus dem Kopf gehen wollen, beginnen sie alsbald, sich über diese Problematik auszutauschen. Sie haben durchaus unterschiedliche Meinungen hinsichtlich der Frage, welche Haltung gegenüber „psychisch Kranken“ angemessen sei, sind sich aber einig, dass man nicht alles glauben dürfe, was im Internet stehe.

Nach einer Weile tritt ein älterer Herr ins Abteil, der dem Gespräch zunächst nur zuhört, sich dann aber als pensionierter Psychologe zu erkennen gibt. Er sagt, dass nicht nur die genannten, sondern alle „Krankheitsbilder“ in den psychiatrischen Diagnose-Manualen Ansammlungen überwiegend eher negativer Merkmale seien. Wenn also die genannten Personen tatsächlich das für diese „Syndrome“ charakteristische Verhalten zeigten, dann sei bei diesen Menschen durchaus Vorsicht geboten.

Wer also davon überzeugt ist, dass die psychiatrische Diagnostik Hand und Fuß hat, der hat guten Grund, die so genannten psychisch Kranken auszugrenzen. Unter dieser Bedingung wird Heinz Kümmerlein den Bewerber zu Recht nicht einstellen, Frauke Hollerich wird ihrem Verlobten aus gutem Grund den Laufpass geben und Franz Kastelmann wird sich für sein Buch vernünftigerweise einen anderen Ko-Autor suchen.

Denn auch wenn die so genannten psychischen Kranken im Prinzip erfolgreich behandelbar wären, so kann doch niemand wissen, ob dies auch im Einzelfall so sein wird. Man kann von niemandem erwarten, dass er ein solches Wagnis eingeht.

Vorausgesetzt wird bei diesem Gedankenspiel allerdings die Validität psychiatrischer Diagnosen. Nur wenn die beschriebenen Phänomene tatsächlich durch innere Mechanismen in den genannten Individuen hervorgerufen werden, wenn sie also tatsächlich krank sind, taugt die psychiatrische Diagnose zur Prognose ihres zukünftigen Verhaltens.

Dies ist die gute Nachricht für alle als „psychisch krank“ verunglimpften Menschen: Bisher war die Psychiatrie noch nicht in der Lage, empirisch zu erhärten, dass es sich bei den so genannten psychischen Krankheiten auch tatsächlich um Krankheiten handelt. Die psychiatrischen Diagnosen sind willkürlich, schiere Meinungen, nichts weiter. Sie haben keine wissenschaftliche Grundlage.

So gesehen wären Kümmerlein, Hollerich und Kastelmann also gut beraten, sich von ihren eigenen Eindrücken leiten zu lassen und den psychiatrischen Gerüchten keine Beachtung zu schenken.

Wer als „psychisch krank“ diagnostiziert wird, läuft deswegen – sofern diese Diagnose bekannt wird – Gefahr, dass sich Freunde von ihm abwenden, dass seine Partnerschaft oder Ehe zerbricht, dass er seinen Arbeitsplatz verliert, dass er Schwierigkeiten hat, eine Wohnung zu finden, kurz: Er muss zukünftig wegen dieser Diagnose erheblich Nachteile in Kauf nehmen. Sie kann sogar sein Leben zerstören.

Eine multinationale Studie in europäischen Staaten zeigte, dass negative Einstellungen gegenüber psychisch Kranken mit einer Selbstabwertung der entsprechend Diagnostizierten einhergehen. Kurz: Je ablehnender die Einstellung der anderen, desto geringer ist die Selbstachtung.i

Dieses Phänomen zeigt sich allerdings nicht bei allen diskriminierten Gruppen. Homosexuelle, Schwarze, körperlich Behinderte und Frauen haben im Allgemeinen ein normales oder sogar ein leicht erhöhtes Selbstwertgefühl.ii Dass man für seine Hautfarbe, für sein Geschlecht, für seine sexuelle Orientierung nichts kann, ist selbstverständlich, und daher hat man auch keinen Grund, seine Selbstachtung darunter leiden zu lassen, dass man deswegen diskriminiert wird.

Doch bei den „psychisch Kranken“ ist das anders. Wenn man, wie ich, davon überzeugt ist, dass „psychische Krankheit“ auf ganz normalen Entscheidungen beruht, versteht man auch warum. Nach meiner These nehmen „psychisch Kranke“ eine Reduzierung der Selbstachtung in Kauf, weil sie – oft auch unbewusst – fürchten, durch den Verzicht auf die psychiatrische Diagnose eine noch erheblich größere Einbuße an Selbstachtung hinnehmen zu müssen, weil sie dann Fehlleistungen nicht mehr mit ihrer „Krankheit“ entschuldigen könnten. Man ist bereit, den Preis für dieses Alibi zu zahlen, den die anderen dafür fordern, und zwar in Form eines in jenem Maße gesenkten Selbstwertgefühls, das dem Ausmaß der Ablehnung durch die Mitwelt entspricht.

Stigmatisiert werden Menschen, die anders sind, als wir es von ihnen erwarten und denen wir es nicht zubilligen, in dieser Weise anders zu sein. Einen Künstler, der sich „verrückt“ verhält, akzeptieren wir vermutlich, weil wir annehmen, er verhalte sich so, um auf sich aufmerksam zu machen, was in seiner Lage natürlich verständlich ist. Der Nachbar, der sich ähnlich verhält, darf in der Regel nicht auf entsprechende Toleranz hoffen, weil er keinen vernünftigen Grund hat, sich derart unmöglich zu betragen. Während wir den Künstler um ein Autogramm bitten, gehen wir beim Nachbarn auf Abstand.

Selbstverständlich ist es politisch nicht korrekt, Menschen zu stigmatisieren, dies gilt natürlich auch für die Träger der Diagnose „psychisch krank“. Wohlmeinende Menschen fühlen sich berufen, Anti-Stigma-Kampagnen zu verwirklichen, Verbände verleihen Anti-Stigma-Preise, Broschüren gegen die Stigmatisierung psychischer Kranker werden gedruckt und mit Steuergeldern finanziert. Die professionellen Gutmenschen sind also fein raus, und der schwarze Peter bleibt beim Mann auf der Straße oder bei der Frau an der Kasse des Supermarktes hängen, weil diesen die „psychisch Kranken“ nicht geheuer sind.

Vor einiger Zeit wurde eine Kampagne im Kurznachrichtendienst Twitter unter dem Hashtag (Schlagwort) #isjairre ins Leben gerufen. Hier sollen „psychisch Kranke“ Gelegenheit erhalten, ihre Erfahrungen mit alltäglicher Diskriminierung zu berichten. Anscheinend versprach sich die Urheberin dieser Kampagne einen ähnlichen Bekanntheitsgrad wie die Urheberin der Aktion #aufschrei, die sich mit männlichem Sexismus auseinandersetzte.

In einem Bericht der Zeit hieß es, dass der Hashtag inzwischen auch missbraucht werde, um sich über „psychisch Kranke“ lustig zu machen. Der Artikel zitiert den Sozialpsychiater Asmus Finzen mit folgenden Worten:

“’Es bleibt abzuwarten, wie sich diese spannende Aktion entwickelt‘, sagt der Arzt. Aber da es sich um eine Aktion von unten handle, sei sie vielversprechend. ‚Großen Kampagnen sind dem grundsätzlichen Irrtum aufgesessen, dass sie die Gesellschaft verändern können‘, sagt er. Hier aber käme der Protest aus der Gesellschaft selbst, das verleihe ihm mehr Substanz.“iii

Jeder Mensch mit einem Twitter-Account kann einen Hashtag in die Welt setzen. Das ist ganz leicht. Schwer ist es, damit sofort ein großes mediales Interesse zu entfachen. Ob es sich also tatsächlich um eine Aktion von unten handelt, bleibt dahingestellt. Auch ich habe mich an #isjairre mit einigen kritischen Kommentaren beteiligt und sofort einen Shitstorm ausgelöst. Ob das wohl Volkes Stimme ist?

Nach einigen Monaten ebbte diese Twitter-Initiative sang- und klanglos ab und wenig später trat eine Aktion für Depressive unter dem Hashtag #NotJustSad ins Leben. Sie zog ein ähnliches Publikum an und erfreute sich geraume Zeit großer Beliebtheit.

Auch hier meldeten sich Betroffene zu Wort, die sich von den „Nicht-Erkrankten“ missverstanden fühlen: Sie seien nicht nur traurig, wie jedermann einmal, sondern sie würden durch eine Krankheit niedergedrückt und wären nichts lieber als wieder gesund. Warum nur die böse Welt sie mit ihren Leiden nicht ernst nehmen könne, heißt es.

Chefs, Wohnungsvermieter, Ehepartner, die „psychisch Kranke“ diskriminieren, lassen sich von Vorurteilen leiten, und darum sind sie böse. Sind sie böse? Nehmen wir einmal an, ein Mensch, nennen wir ihn Peter Meier, habe die Diagnose „Schizophrenie“ erhalten. Dann muss man bei Peter Meier damit rechnen (sofern man diese Diagnose für zutreffend hält und der Psychiatrie Glauben schenkt), dass er unter Wahnvorstellungen leidet, halluziniert, dass er zerfahren und willensschwach ist, unverständlich redet, dass sein Verhalten bizarr und alogisch sowie emotional abgestumpft ist.

Würden Sie, lieber Leser, einem solchen Menschen gern als Kollegen oder Mitarbeiter haben, ihm eine Wohnung vermieten, ihn gern im Ehebett sehen, mit ihm in Urlaub fahren? Für jede andere psychiatrische Diagnose gilt dasselbe wie für die „Schizophrenie“. Sie ist eine Zusammenstellung von Merkmalen, die den Diagnostizierten nicht gerade sympathisch erscheinen lassen.

Selbst wenn ein Zeitgenosse tolerant ist und meint, man müsse seine Mitmenschen und also auch „psychisch Kranke“ so nehmen, wie sie sind, mit allen Ecken und Kanten, dann muss dieser Zeitgenosse doch damit rechnen, dass andere diese menschenfreundliche Einstellung nicht besitzen.

Der Arbeitgeber muss einkalkulieren, dass Kollegen des „psychisch Kranken“ ablehnend auf ihn reagieren, ein Vermieter darf sich nicht wundern, wenn Hausbewohner durch einen neuen, „psychisch kranken“ Mieter den Hausfrieden als gestört empfinden etc.

Kurz: Leute, die „psychisch Kranke“ stigmatisieren, sind nicht böse, sondern sie verhalten sich nur folgerichtig, sofern sie die psychiatrischen Diagnosen und die entsprechenden „Krankheitsbilder“ ernst nehmen.

Wer wird denn einen „Narzissten“ einstellen, wenn er glauben muss, dass dieser schon bald seine Kollegen mit überzogenen Ansprüchen aufmischen wird?

Stigmatisierung ist die unausweichliche Folge der psychiatrischen Diagnose; sie hat nichts mit dem schlechten Willen oder den Vorurteilen der Leute zu tun.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich spreche hier nicht über die Reaktionen von Mitmenschen auf Störer, die nachts im Treppenhaus randalieren, Familienangehörige mit Wahnvorstellungen an den Rand der Verzweiflung treiben oder Arbeitskollegen durch schlechtes Benehmen den Nerv rauben. Vielmehr geht es mir hier um Reaktionen, die unabhängig vom aktuellen Verhalten eintreten, weil man weiß, dass jemand eine psychiatrische Diagnose hat. Diese Reaktionen kann man nicht auf tatsächliches Fehlverhalten zurückführen, sondern sie sind eindeutig die Folge der Verhaltensprognosen, die sich zwingend aus psychiatrischen Diagnosen ableiten lassen.

Selbst Zeitgenossen, die eine schlechte Meinung von Psychiatern haben und die Psychiatrie für Quacksalberei halten, reagieren in aller Regel stigmatisierend auf Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose. Es handelt sich hier um einen Automatismus, der sich weitgehend der Reflexion entzieht. Psychiatrische Diagnosen sind ein Warnsignal – „Vorsicht, Ärger!“ -: Wir erschrecken ja auch beim Aufheulen einer Sirene, sogar dann, wenn zuvor ein Probealarm angekündigt wurde.

Menschen, die „psychisch Kranke“ stigmatisieren, sind also nicht zu tadeln, sondern zu loben, weil sie dadurch „psychischer Erkrankung“ vorbeugen. Viele Leute begeben sich nämlich aus Furcht vor Stigmatisierung erst gar nicht in eine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Und so werden sie auch nicht „psychisch krank“, weil Abweichungen von Normen und Erwartungen erst durch die Diagnose zur Krankheit mutieren. Ohne diese sind sie einfach nur Ausdruck von Lebensproblemen.

Man könnte nun einwenden, dass psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlungen doch nicht nur negative, sondern vielmehr überwiegend positive Auswirkungen auf Betroffene hätten, deren Leiden gelindert oder sogar geheilt würden.

Aufmerksame Leser meines Blogs wissen, dass dies – angesichts des Forschungsstandes – eine überaus trügerische Hoffnung ist.

Das Dilemma besteht darin, dass es kaum akzeptable Alternativen zur Psychiatrie gibt. Sekten und Kulte machen Menschen abhängig von Gurus oder Ideologien und ziehen ihnen das Geld aus der Tasche, ohne ihnen wirklich zu helfen. In den Amtskirchen fühlen sich, aus gutem Grund, immer weniger Menschen zu Hause. Die Familien zerbrechen, die Versingelung der Gesellschaft nimmt zu. Die Solidarität der Menschen untereinander wird durch die neo-liberale Ellenbogenmentalität untergraben.

Nötig wären das Erstarken der Selbsthilfebewegungen und eine beständige Ermutigung der betroffenen Menschen, auf ihre Selbstheilungskräfte zu vertrauen. Kurz: Lebensprobleme müssen dort gelöst werden, wo sie entstehen, im Alltag der Menschen. Behandlungszimmer von Psychotherapeuten oder psychiatrische Anstalten sind nicht die geeigneten Orte dafür. Man geht doch auch nicht zum Schuster, wenn man Brötchen kaufen will.

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Evans-Lacko, S., Brohan, E., Mojtabai, R., Thornicroft, G. (2012). Association between public views of mental illness and self-stigma among individuals with mental illness in 14 European countries. Psychol Med. 2012 Aug;42(8):1741-52. doi: 10.1017/S0033291711002558. Epub 2011 Nov 16

ii Crocker, J. & Major, B. (1989). Social stigma and self-esteem. Psychological Review, Bd. 96, 608-630

iii Schadwinkel, A. (2013). Ein Hashtag gibt psychisch Kranken eine Stimme. Die Zeit online, 25. Oktober

iv Im April 2015 ist das Interesse merklich abgeebbt, aber der Hashtag ist noch nicht tot.

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