Sternstunden der Forensik

Aus einem Bericht der Süddeutschen Zeitung:1)Holzhaider, H. (2012). Ein Gutachter blamiert sich vor Gericht. Süddeutsche Zeitung, 16. Juli

(Der Psychiater Pantelis Adorf hatte in seinem Gutachten aus wissenschaftlicher Literatur zitiert. Er wird während der Gerichtsverhandlung nach der Bedeutung der Zitate für den vorliegenden Fall befragt.)

Adorf: „Keine Ahnung. Das hab ich einfach so übernommen.

“Rechtsanwalt Ahmed: „Warum übernehmen Sie etwas, das keine Relevanz hat?“

Adorf: „Das ist meine Entscheidung. Das wollte ich einfach so.“

Ahmed: „Aber das muss doch einen Grund haben?“

Adorf: „Nicht unbedingt. Das sind so Gedanken von einem Kollegen, da kann man drüber nachdenken.“

Ahmed: „Ihr Auftrag lautete, Sie sollten sich äußern zu der Frage, ob bei Herrn W. eine psychische Störung im Sinne des Therapieunterbringungsgesetzes (ThUG) vorliegt. Was sind denn nach Ihrer Ansicht die Kriterien für eine psychische Störung im Sinne des ThUG?“

Adorf: „Das kann ich im Augenblick nicht beantworten.“

Sabine Rückert2)Rückert, S. (2007). Der Gutachter. Zeit online, 21. September schreibt in einem Zeit-Artikel über Hans-Ludwig Kröber, den ehemaligen Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Charité in Berlin:

„Manche Männer überqueren im Segelboot den Stillen Ozean, um jene Grenzen zu überschreiten, die dem Menschen gesetzt sind, andere durchmessen zu Fuß den brasilianischen Dschungel, wieder andere verabreichen sich halluzinogene Pilze oder erklimmen Himalaya-Gipfel ohne Sauerstoffgerät. Hans-Ludwig Kröber überschreitet Grenzen, indem er sich an einen Tisch setzt, seinen Block herausholt und zuhört.“

Doch damit nicht genug:

„Wenn er einen Täter exploriert, verströmt er – unbeeindruckt von den Abgründen, die sich vor ihm auftun – freundliche Ungezwungenheit. Nichts Klinisches umgibt den Nervenarzt bei der Arbeit. Nichts Steriles. Nichts Lauerndes. Nichts, wovor einer sich fürchtet. Die Begutachteten (und manchmal auch deren Angehörige) unterhalten sich mit einem netten Herrn Mitte fünfzig, der sich aufrichtig für ihr Schicksal und die Untat interessiert.“

Kein Kommentar erforderlich.

Fußnoten   [ + ]

1.Holzhaider, H. (2012). Ein Gutachter blamiert sich vor Gericht. Süddeutsche Zeitung, 16. Juli
2.Rückert, S. (2007). Der Gutachter. Zeit online, 21. September