Statistik oder Einzelfall

Die Statistik sei, so heißt es, des Teufels. Sie werde dem Einzelfall nicht gerecht. Ihre Erkenntnisse gölten nur für Mehrheiten, den Durchschnitt, die Masse. Sie ließen sich auf das Individuum nicht übertragen. Und auf den Einzelnen komme es schließlich an.

Wie wahr! Allein: Der Helfer kann niemals wissen, ob er dem Einzelnen tatsächlich auch geholfen hat. Psychotherapeut Müller erhält beinahe wöchentlich Briefe von seiner ehemaligen Klientin Lisa. Sie sei ihm, so schreibt sie, ja so dankbar. Ohne ihn hätte sie ihr Problem X niemals gelöst. Der Psychotherapeut fühlt sich geschmeichelt. Er habe, so denkt er, halt ein Händchen für die Eigenarten und Merkwürdigkeiten seiner Klienten.

Doch: Vielleicht täuscht sich Lisa. Vielleicht ist ihr Problem X gar nicht gelöst oder sie hat sich dafür ein Problem X‘ eingehandelt. Vielleicht hat Lisa in Wirklichkeit ihr Problem dank der Gespräche mit ihrer besten Freundin überwunden. Vielleicht hätte sie X auch ohne jede fremde Hilfe gemeistert. Wer weiß?

Wir wählen zufällig aus der Grundgesamtheit der Menschen mit Problem X 240 Versuchspersonen für ein Experiment aus. Wir verteilen sie ebenso zufällig auf drei Gruppen: A, B und C. Gruppe A erhält eine Therapie T, die wir für wirksam halten, was es empirisch zu erhärten gilt. Gruppe B bekommt, ohne es zu wissen, eine Placebo-Behandlung. Gruppe C wird überhaupt nicht therapiert; hier werden nur die Daten erhoben, die für die Fragestellung relevant sind.

Sodann wählen wir Behandler aus, ebenfalls zufällig. Vier der Therapeuten gehören zur Gruppe der Spezialisten für Problem X; die anderen vier zur Gruppe der interessierten Laien. Wir verteilen nun die Therapeuten der beiden Qualifikationsniveaus jeweils zufällig auf die Gruppen A und B zum Zwecke der Verwirklichung von Therapie T bzw. der Placebo-Behandlung.

Nach einem solchen Experiment sind wir selbstverständlich der absoluten Wahrheit nicht nähergekommen. Wir wissen immer noch nicht, ob der Psychotherapeut Müller seiner Klientin Lisa geholfen hat, Problem X zu überwinden. Wir haben aber einen Hinweis darauf, ob Therapie T besser hilft als ein Placebo oder das bloße Verstreichen der Zeit und ob professionelle Therapeuten effektiver sind als Laien, die im Schnellkurs angelernt wurden, Therapie T oder die Placebo-Behandlung herunterzuspulen.

Es muss sich dann im weiteren Verlauf der Forschung zeigen, ob sich unser Ergebnis wiederholen lässt – mit anderen Stichproben von Therapeuten und Klienten. Es ist nicht die primäre Aufgabe von Psychiatern, Psychotherapeuten und anderen Helfern, dem Einzelnen zu helfen. Vielmehr geht es darum, auf lange Sicht bei möglichst vielen Patienten effektiv zu sein.

Wenn Therapie T neunzig von hundert Menschen hilft, Therapie T‘ aber nur achtzig, dann wähle man Therapie T. Es mag ja sein, dass Therapie T‘ dennoch Lisa besser gedient hätte. Aber wer kann das wissen? Helfer, die sich nur am Einzelfall orientieren und Statistik für Teufelswerk halten, helfen auf spekulativer Basis. Helfer, die sich an der Statistik orientieren, werden vielleicht dem Einzelfall nicht gerecht, aber sie können sich für jene Vorgehensweise entscheiden, die auf lange Sicht den meisten Menschen hilft.

Natürlich ist die Orientierung an der Statistik nur so gut wie die Statistiken. Wenn es keine vernünftigen Studien gibt, dann müssen eben alle spekulieren, ganz gleich, on sie Statistik-Freaks oder Einzelfall-Fuzzies sind. Es gibt leider viel zu wenig methodisch überzeugende Experimente im Bereich medikamentöser Behandlungen oder psychologischer Maßnahmen. Hier sind die Experimente eher Marketing-Instrumente als Wissenschaft.

Psychotherapeuten und Psychiater sind oft zahlenlose Wesen.1 Sie interessieren sich nicht für Statistik. Und daher gehen ihnen die mathematischen Grundlagen und die methodisch-methodologischen Fragestellungen ihrer Wissenschaften nur zu oft am Arsch vorbei.2

Einschränkend sei hinzugefügt, dass sich die Zahlenlosigkeit nicht selten als selektiv erweist. Es gibt Bereiche, die ausgespart bleiben. Da zeigt man sich plötzlich sehr interessiert an Zahlen und das €-Zeichen blitzt in den Augen.

Aus Erfahrung könnte ich Bücher füllen über die Erscheinungsformen dieser merkwürdig selektiven Dyskalkulie bei Psychiatern und Psychotherapeuten. Doch wem sollten solche Bücher nützen? Dem Einzelfall werden sie ja doch nicht gerecht.

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Dies liegt nicht nur am hohen Frauenanteil in diesen Professionen.

2 Stellen Sie sich vor, ein Ingenieur bekenne freimütig, dass er sich nicht für Mathematik interessiere. Würden Sie sich auf die Sicherheit und Funktionsfähigkeit seiner Produkte verlassen?

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