Statistik, Lügen, Psychiatrie

Tolle Hechte

Manche Psychiater verteidigen sich gegenüber der Kritik, dass die Effektivität psychiatrischer Maßnahmen im Licht der Statistik betrachtet nicht gerade als berauschend eingestuft werden könne, mit dem Argument, dass sich ihre Patienten, auf die es schließlich ja wohl ankomme, für Statistiken nicht interessierten. Ginge es den Patienten nach der Behandlung besser als zuvor, dann genüge ihnen das – und es verginge kaum ein Tag, so betonen diese Psychiater in bescheidenen Worten und mit leutseligen Mienen, an dem ihnen nicht Patienten glaubwürdig bescheinigten, dass die Therapie gut anschlage und sie ihren Ärzten dankbar, ja, so dankbar seien.

Bei mir vergeht auch kaum ein Tag, an dem mich nicht Psychiatriepatienten anrufen, die mir ihre Lebens- und Leidensgeschichte erzählen und mir von den Missständen, die sie in der Psychiatrie zu erdulden hatten, mit herzergreifenden Worten, oft schluchzend und mit versagender Stimme, berichten. Sie bitten mich um Stellungnahmen und Rat. Es kommt gar nicht so selten vor, dass sie mir dafür dann überschwänglich danken und behaupten, dass sie noch nie jemand so gut verstanden und ihr Problem so genau und zutreffend in Worte zu kleiden vermocht habe wie ich.

Mir ist natürlich klar, dass solche Schmeicheleien nichts bedeuten, selbst wenn sie ehrlich gemeint sein sollten; denn wenn die Leute mit mir zufrieden sind und mich loben, dann bedeutet dies ja keineswegs zwangsläufig, dass ich ihnen auch geholfen habe. Vielleicht entfernen sie sich durch meinen Rat ja sogar von den Zielen, die sie gern erreichen würden oder erreichen wollten, wenn sie in der Lage dazu wären, sie zu formulieren. Jeder, der wirklich helfen will, sollte sich ohnehin mit gutem Rat zurückhalten.

Die ganz, ganz großen Ausnahmen

Manchmal höre ich auch, dass man zwar im Allgemeinen, im Großen, im Ganzen meine Kritik an der Psychiatrie durchaus teile, man mir aber dennoch nicht verhehlen wolle, dass der eine oder andere Psychiater, dass diese oder auch jene Psychotherapie, dieses oder, mehr noch, jenes Medikament ihnen tatsächlich geholfen habe. Auf die Frage, was sie da so sicher mache, erhalte ich meist ausweichende Antworten, die letztlich nur in neuen Variationen der Behauptung bestehen, dass es ihnen nach der Therapie oder dank ihres Medikaments eben besser gegangen sei als vorher.

Mir bleibt dann meist kaum etwas anderes übrig, als diese Menschen zu ihrem Erfolg zu beglückwünschen, denn es lässt sich schlecht mit Menschen diskutieren, die sich nicht dazu verstehen wollen, einen Sachverhalt mit den Mitteln der Logik zu analysieren. Sie möchten halt daran glauben, dass ihnen der Arzt mit seinen Mitteln und Methoden geholfen habe, dass es ihnen deswegen besser gehe und dass also ihre persönlichen Erfahrungen für die Effizienz der Maßnahmen und der ärztlichen Leistung sprächen.

Denkfehler

Es sind nicht nur Frauen, die so denken. Da dieser Denkfehler schon in der Antike bemerkt und beschrieben wurde, hat er einen lateinischen Namen: „Post hoc, ergo propter hoc.“ (Danach, also deswegen!) Dieser Denkfehler unterläuft den Menschen nicht etwa, weil er schwer zu durchschauen wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Weil er so offensichtlich ist und weil er dennoch unausrottbar zu sein scheint, ist er seit Urzeiten Gegenstand volkstümlichen Spottes: „Eine Erkältung dauert ohne Arzt vierzehn Tage, mit Arzt aber ganze zwei Wochen!“

Es gibt im Grund nur einen Weg, um diesen Denkfehler zuverlässig auszuschließen: indem man sich nämlich von der Einzelfallbetrachtung ab-, und dem Experiment mit einer größeren Zahl von Versuchspersonen zuwendet. Man stellt also beispielsweise nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen von Kranken zusammen, von denen eine ein mutmaßlich wirksames Medikament, die andere aber ein Placebo erhält. Weder die behandelnden Ärzte, noch die Patienten wissen, wer das Placebo und wer das Verum bekommt. Nach Ablauf des Experimentalzeitraums werden die Patienten untersucht und die Befunde werden dokumentiert. Schließlich überprüft man mit statistischen Verfahren, ob es sich bei den gefundenen Unterschieden zwischen den beiden Gruppen um zufällige Schwankungen handelt oder aber ob die Verum-Gruppe überzufällig besser abgeschnitten hat.

Die diesem Versuchsaufbau zugrunde liegende Logik ist bei einem Intelligenzquotienten größer 70 selbsterklärend. Auch hier lässt es sich nicht mit intellektueller Überforderung erklären, dass sich manche Menschen mit Händen und Füßen dagegen wehren, diese Logik auch zur Überprüfung der Effizienz psychiatrischer Maßnahmen anzuwenden. Hier werden dann oft Tausende von Gründen herbeifantasiert, die letztlich darauf hinauslaufen, dass sich die menschliche Psyche nun einmal nicht messen lasse und das die Effekte im Seelenleben einfach zu subtil seien, um mit den grobstofflichen Mitteln empirischer Wissenschaft erfasst werden zu können.

Feinstoffliche Wirkungen

Wenn ich so etwas höre, dann fällt mir zunächst nicht viel ein, außer mit den Achseln zu zucken, das Thema zu wechseln oder das Weite zu suchen. Doch mitunter bieten sich schon Ansatzpunkte, beispielsweise, wenn mein Kontrahent in anderem Zusammenhang so argumentiert hat wie jene Psychiater, die ich eingangs erwähnt habe, dass es nämlich darauf ankomme, ob es den Patienten hinterher besser gehe als zuvor.

Wenn der Patient tatsächlich so pragmatisch und erdverbunden denkt, dann wird er sich nicht mit subtilen und feinstofflichen, mit nicht messbaren und mit sich profaner Wissenschaft entziehenden Effekten zufrieden geben. Dann also sind Maßnahmen, die den Patienten ohnehin nicht durch greifbare Ergebnisse zufrieden stellen können, mit Sicherheit auch ohne placebo-kontrolliertes und randomisiertes Experiment als ungeeignet zu verwerfen.

Die Maßnahmen, die demgemäß, im Sinne des Patienten, überhaupt in Frage kommen, wären dann jene, die sich wunderbar auch für Experimente der beschriebenen Art eignen würden.

Doch im Allgemeinen versagt sogar dieser argumentative Hebel: Die Gläubigen bestehen darauf, dass eine bestimmte Pille oder Psychotherapie wirksam sei, weil sie dies ja selbst erfahren hätten und um sich dessen gewiss zu sein, seien für sie Experimente und Statistiken entbehrlich.

Sie glaubten überdies noch nicht einmal an die Statistiken, die sie selbst gefälscht hätten. Der Mensch sei eben keine Nummer und es gebe viel zwischen Himmel und Erde, was sich in Zahlen, Daten und Fakten nicht erfassen ließe.

Eitelkeit und Glaubenskraft

Psychiater und psychologische Psychotherapeuten haben solche glaubensstarken Patienten oder Klienten im Allgemeinen gern, sehr sogar. Wenn man sie fragt, ob dieser Affekt nicht der eigenen Eitelkeit geschuldet sei, so darf man mit dem Einwand rechnen, dass diese Frage erstens eine Unverschämtheit und zweitens aber ein willkommener Anlass sei, einmal etwas Grundsätzliches zur Wirkung von Maßnahmen zu sagen, die auf das menschliche Seelenleben einzuwirken gedacht seien.

Diese nämlich seien umso effektiver, je überzeugter Patienten und Therapeuten von ihnen seien. Unter diesem Gesichtspunkt seien allzu viele fragwürdige Statistiken, die ja doch das Wesentliche gar nicht zu erfassen vermöchten, sogar kontraproduktiv. Zwar legten Leute, die nichts von der Materie verstünden, großen Wert auf Statistiken, aber wer unmittelbar in die Sache involviert sei, wer in der Praxis stünde, könne darüber nur milde lächeln und wisse es besser. So viel zur Praxis.

Dass die Psychiater und psychologischen Psychotherapeuten an der Behandlungsfront sich nicht auch noch mit Statistiken und all dem wissenschaftlichen Kram herumschlagen möchten, kann man ja durchaus nachvollziehen. Es fehlt diesen Leuten ja zudem die einschlägige methodische und mathematische Ausbildung, um aus Statistiken größeren Nutzen ziehen zu können.

In den heiligen Hallen der Wissenschaft

Doch wie sieht es in der Forschung aus. Dort ist der wissenschaftliche Kram ja tägliches Brot. Und auf den ersten Blick sieht es in den heiligen Hallen der Wissenschaft auch anders aus. Überall leuchten und blinken Tabellen und Histogramme auf Bildschirmen, die Computermühlen stehen stets voll unter Dampf, um die Unmengen an Daten, die tagtäglich anfallen, zur besseren Lagerung kleinzuschroten, in den Reagenzgläsern köcheln die Signifikanztests.

Allein: Es kommt oft nichts dabei heraus. In einem inzwischen legendären Artikel1 beantwortet John Ioannidis akribisch und auf hohem methodischen Niveau die Frage, warum in der Medizin die meisten publizierten Forschungsergebnisse falsch seien.2 Hier geht es nicht um den verfälschenden Einfluss der Pharmaindustrie auf die Forschungsergebnisse und auch nicht um die methodischen Fehler, die Medizinern, die mit Statistiken hantieren, häufig unterlaufen. Selbst wenn man diese Faktoren ausschalten würde, bliebe das grundsätzliche Problem bestehen.

Falsche Befunde werden durch die vorherrschende Forschungsstrategie hervorgerufen, die sich darauf konzentriert, Neues und immer wieder Neues zu entdecken. Entscheidend wäre es aber, die am besten bestätigten Hypothesen immer und immer wieder unter unterschiedlichen Bedingungen zu testen, um festzustellen, was sich tatsächlich replizieren und dauerhaft erhärten lässt.

Dabei würden dann im Übrigen der meiste wissenschaftliche Müll, den heute Hirnforscher und Genetiker zu den so genannten psychischen Krankheiten hervorbringen, unter den Tisch fallen, weil nämlich all die „bahnbrechenden“ Erkenntnisse, die von den Medien gefeiert werden, in weiteren Versuchen nicht reproduziert werden können.

Die Logik, die dem Artikel von Ioannidis zugrunde liegt, ist zwar nicht ganz so leicht nachzuvollziehen wie die Pseudo-Logik von „post hoc, ergo propter hoc“ oder der Grundgedanke des placebo-kontrollierten und randomisierten Experiments; aber, wer sich ein wenig Mühe gibt, dürfte daran wohl nicht scheitern. Auch hier kann ich mich jedoch des Verdachts nicht entschlagen, dass man gar nicht so genau wissen will, was sich hinter den neuen, bahnbrechenden Erkenntnissen der Psychiatrie und Neuro-Wissenschaften tatsächlich verbirgt.

Ioannidis, J. (2005). Why Most Published Research Findings Are False. PLoS Med, 2,8:e124

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