Spiel mit gezinkten Karten

Wir wissen schlicht und ergreifend nicht, warum Menschen eine psychiatrische Diagnose erhalten. Es gibt zwar zahllose Theorien, aber keine zeichnet sich durch den Vorzug aus, empirisch erhärtet zu sein. Dieses Kapitel kann daher nicht den Anspruch erheben, eine wissenschaftlich abgesicherte Ätiologie zu präsentieren. Es geht hier vor allem darum, eine alternative Sichtweise auszuprobieren, die den vorhandenen Erkenntnissen nicht widerspricht, aus der sich aber für die Betroffenen vorteilhaftere Konsequenzen ableiten lassen.

Es gibt keinen Grund, in den „psychisch Kranken“ Verdammte zu sehen, die ihre Vitalität opfern müssen (indem sie z. B. Psychopharmaka schlucken), wenn sie nicht untergehen wollen.

Manche Kritiker meinen, dass psychiatrische Diagnosen völlig willkürlich seien und dass es jeden treffen könne. Aus dieser Sicht gleicht die Vergabe psychiatrischer Diagnosen einer Lotterie, bei der jeder ein Los zieht.

Doch dies scheint bei genauerem Hinsehen keine realistische Sicht der Dinge zu sein. Es spricht viel dafür, dass die Zahl der Lose ungleich über die Bevölkerung verteilt ist. Zwar ist nicht jedes Los ein Treffer, aber je mehr Lose man hat, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, eine psychiatrische Diagnose zu „gewinnen“. Dabei können auch mehrere „Trostpreise“ zu einem „Hauptgewinn“ zusammengelegt werden.

Eine gewisse Zahl von Losen erhält man zwangsweise. So bekommt beispielsweise ein Mensch, der in die Unterschicht geboren wurde, gleich zu Beginn seines Lebens ein paar Lose zusätzlich. Doch diese zugeteilten Lose sollen uns hier nicht weiter interessieren; es geht hier vielmehr um die Lose, die man selbst kauft.

Wem das Bild der Lotterie nicht behagt, kann die Lose auch als Risikofaktoren für eine psychiatrische Diagnose auffassen. Niemand wird gezwungen, zusätzlich Lose zu kaufen. Man erwirbt sie aus freien Stücken. Mit anderen Worten: Manche Risikofaktoren für psychiatrische Diagnosen zieht man sich selber zu. Wer beispielsweise freiwillig eine psychiatrische Praxis aufsucht, hat im Grunde schon das große Los gezogen, denn im Allgemeinen wird ihm der Arzt eine psychiatrische Diagnose geben, weil er ja sonst von der Kasse noch nicht einmal dieses Erstgespräch bezahlt bekäme.

Allerdings gehen die meisten Leute nicht aus Jux und Tollerei zum Psychiater, sondern sie haben zuvor schon eine größere Zahl von Losen gezogen oder zugeteilt bekommen, die Kleingewinne repräsentierten und die dann schließlich zum Impuls, einen Psychiater zu konsultieren, zusammengezogen werden konnten.

Diese „Loskäufe“ könnten beispielsweise Handlungen und mentale Operationen der folgenden Art symbolisieren:

  • Heirat eines Partners ohne Interesse daran, eine faire und beiderseitig befriedigende Beziehung aufzubauen und aufrecht zu erhalten
  • Entwicklung der Neigung, Lebensprobleme nicht zu lösen, sondern mit Alkohol oder Drogen zu betäuben
  • Fantasien der Grandiosität zur Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen
  • Festklammern an dem Glauben, dass die Welt unterginge, wenn man irgendetwas nicht erreiche, was man unbedingt erlangen will
  • Wahl eines Arbeitsplatzes, der zwar Geld, aber keine Befriedigung bringt.

Dies sind nur einige Positionen aus einer schier endlosen Liste von Beispielen für „gekaufte Lose“. Sie alle erhöhen das Risiko, eine psychiatrische Diagnose zu erhalten. All diese Handlungen und geistigen Akte beruhen auf Entscheidungen. Zu diesen Entscheidungen sind die Betroffenen nicht gezwungen. Vielleicht stimmen sie soziale und ökonomische oder auch (sub-)kulturelle Bedingungen geneigt, sich in dieser Weise zu entscheiden. Eventuell verstärken sogar Erbanlagen diese Neigungen.

Aber es gibt nicht den Hauch eines Beweises dafür, dass Menschen dazu gezwungen wären, sich zu den ihnen zugeteilten Losen noch zusätzliche zu kaufen. Nun mag man einwenden: Auch wenn von direktem Zwang nicht die Rede sein könne, so wüssten viele Menschen doch nicht, was sie täten. Es wäre ihnen gar nicht klar, dass sie sich durch ihre eigenen Entscheidungen Risikofaktoren zuzögen. Von Simulanten einmal abgesehen, würden sie doch nicht bewusst beabsichtigen, „psychisch krank“ zu werden.

Die Replik auf diesen Einwand lautet: Warum wussten diese Menschen nicht, was sie taten? Die naheliegende Vermutung: Sie hatten sich zuvor dazu entschieden, sich keine übermäßigen Gedanken über ihr Leben zu machen. Und das kommt dann davon.

Die zugeteilten Lose reichen im Allgemeinen für einen Hauptgewinn nicht aus. Man muss zukaufen, wenn man ihn erringen will: die psychiatrische Diagnose. Diese Zukäufe beruhen auf den Entscheidungen der Betroffenen. Niemand zwingt sie dazu, wenngleich sie oft genug dazu verführt werden. Aber letztlich haben sie eine Wahl; sie sind keine Zombies. Wer meint, so würde die Schuld auf die „Kranken“ abgewälzt, der möge sich zunächst einmal fragen, wie er überhaupt darauf kommt, dass hier eine Schuldfrage eine Rolle spielen könnte. Von Schuld wurde nicht gesprochen, sondern von Entscheidungen.

Wenn sich jemand in psychiatrische Behandlung begibt, so begeht er ja kein Verbrechen und er verstößt auch nicht gegen gesellschaftliche Normen. Er glaubt, eine Chance zu nutzen, um seine Lebenslage zu verbessern. Wer könnte ihm dies verargen? Vermutlich entscheiden sich die wenigsten Menschen direkt dazu, „psychisch krank“ zu werden; vielmehr entscheiden sich sich dazu, durch bestimmte Verhaltensweisen und mentale Operationen Risikofaktoren anzuhäufen, die schließlich mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer psychiatrischen Diagnose führen. Der Gang zum Psychiater ist dann ein entscheidender Risikofaktor in einer langen Kette vorausgehender Risikofaktoren.

Manche rufen nun: „Wie zynisch, sie leiden doch!“

Ja, sicher, viele leiden, mitunter sogar grauenvoll. Sie leiden unter den Konsequenzen ihrer fragwürdigen Entscheidungen. Einige dieser Konsequenzen kann man zum Glück ausmerzen, wenn man die Entscheidungen revidiert. Natürlich: Wer durch die Entscheidung, wie ein Schlot zu rauchen, sich einen Lungenkrebs zugezogen hat, der wird ihn durch Aufgeben des Rauchens nicht wieder los. Und wer durch die Entscheidung zur „psychischen Krankheit“ Haus und Hof, Frau und Kinder verloren hat, der bekommt all dies nicht wieder, wenn er in Zukunft seine Chipkarte nicht mehr beim Psychiater durchziehen lässt.

Doch häufig genügt es, sich bewusst zu machen, dass man aufgrund eigener Entscheidung „psychisch krank“ ist, um wahre Wunder zu wirken. Der Betroffene verliert oft die, hinter all dem Leid verborgene, geheime Freude an der „psychischen Krankheit“.1 Ihm kommen dann all seine „Symptome“ zunehmend wie schlechtes Theater vor. Nicht immer jedoch geht dies schnell und einfach. Nur zu oft haben sich die falschen Entscheidungen zu Gewohnheiten kristallisiert, die auch besserem Wissen trotzen. Es fehlt dann die Kraft, sich gegen sie zu entscheiden.

Woher kann die Kraft kommen, fragwürdige Entscheidungen zu korrigieren, wenn man sich mit ihren Konsequenzen, meist mehr schlecht als recht, mitunter aber auch ziemlich komfortabel, eingerichtet hat? In solchen Fällen lässt sich der Kraftaufwand oft vermutlich gar nicht vernünftig rechtfertigen. Schließlich ist es in unserem Land nicht verboten, „psychisch krank“ zu sein. Nun sei er, mag sich mancher sagen, all die Jahre „psychisch krank“ gewesen; sich jetzt, auf seine alten Tage, noch einmal neu zu orientieren, sei ihm einfach nicht zuzumuten.

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Sigmund Freud verstand das Symptom als Sexualbetätigung des psychisch Kranken (Freud, S., 1906. Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen). Die Symptome sind eine „Wiederkehr des Verdrängten“, allerdings sind die damit verbundenen Lustgefühle nicht mehr zum Bewusstsein zugelassen. Dennoch verhält sich der „Patient“ so, als ob ihm seine Symptome Spaß machten. Nicht nur psychoanalytisch, auch lerntheoretisch sind Symptome nicht zu verstehen, wenn mir nicht unterstellt, sich sich mit ihnen positive Konsequenzen für den Leidenden verbinden.

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