Spiegelneurone

Durch die Entdeckung der Spiegelneurone, so heißt es, sei die neurowissenschaftliche Fundierung der Psychiatrie, Psychotherapie und der Humanwissenschaften allgemein einen gewaltigen Schritt vorangekommen. Spiegelneurone seien gleichermaßen aktiv, wenn wir selbst zielgerichtet handeln bzw. wenn wir andere bei denselben zielgerichteten Handlungen nur beobachten. Sie seien daher die Grundlage unserer emotionalen Intelligenz und unserer Empathie.

Der Psychiater Joachim Bauer sieht in den durch sie ermöglichten Spiegelphänomenen sogar den Leitgedanken der Evolution verwirklicht. „Survival of Resonance“, und nicht „Survival of the Fittest“, laute die Devise (Bauer 2005).

Spiegelneurone werden für eine Vielzahl von Verhaltensweisen aus dem Spektrum des Erotischen verantwortlich gemacht, für Sympathie, Sexualität, Solidarität, Mitgefühl usw. Forscher sehen die Spiegelneurone am Werke, wenn sich die wundersame Synchronizität des Verhaltens zwischen Liebenden entfaltet. Sie glauben, dass die Entwicklung des Zusammenspiels zwischen Mutter und Kind in der frühen Kindheit auf der Grundlage von Spiegelneuronen erfolge. Man kann ins Schwärmen geraten, wenn man sich in die Welt der Spiegelneurone versenkt.

Allein, was sagen die Tatsachen dazu? Spiegelneurone wurden 1992 durch Zufall bei einer Primatengattung, den Makaken entdeckt (di Pellegrino et al. 1992). Es gibt offensichtlich Neuronen im Gehirn von Affen, die bei Handlungen aktiv sind, und zwar unabhängig davon, ob das Tier sie selber verwirklicht oder nur beobachtet. Beim Menschen allerdings konnte bisher die Existenz solcher Spiegelneurone noch nicht überzeugend nachgewiesen werden – und zwar weder mit Mikroelektroden, noch mit irgendeiner anderen Technik, die auf der neuronalen Ebene arbeitet (Uttal 2011). Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren fanden keinen eindeutigen Hinweis auf die Existenz von Spiegelneuronen beim Menschen (Lingnau et al. 2009).

Dabei ist allerdings zu bedenken, dass sich bildgebende Verfahren ohnehin nicht zum direkten Nachweis von Spiegelneuronen eignen (Uttal 2011, Kilner & Lemon 2013).

Die Autoren einer Meta-Analyse zu diesem Thema aus dem Jahr 2009 fanden keine wie auch immer gearteten Untersuchungen, mit denen sich die Existenz von Spiegelneuronen beim Menschen erhärten lässt (Turella et al. 2009).

Zusammengenommen“, schreiben die Verfasser dieser gründlichen Übersichtsarbeit, „stellen die obigen Studien keinen schlüssigen Beweis zugunsten eines Spiegeltyps der Aktivität im frontalen und parietalen Komplex, wie er bei Affen gefunden wurde, zur Verfügung.“

Im Übrigen konnte sogar bei Affen noch nicht überzeugend gezeigt werden, dass Spiegelneurone tatsächlich in die vielfältigen sozialen Aktivitäten verwickelt sind, die ihnen zugeschrieben werden (Uttal 2011).

Manche Forscher haben versucht, die Spiegelungsthese zu retten, indem sie beim Menschen nicht einzelne Neurone, sondern ein komplexes „mirror system“ im Gehirn postulierten; aber auch für diese Hypothese ergibt sich in der empirischen Literatur keine Basis (Uttal 2011).

Damit ist natürlich nicht gesagt, dass solche Neurone oder Neuronen-Systeme nicht existieren, wohl aber sind diese Annahme und erst recht die daraus gezogenen Schlussfolgerungen, zumindest beim Menschen, hochgradig spekulativ. Sie können, auch wenn manche Bücher und Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften oder im Fernsehen diesen Eindruck erwecken, nicht als gesichertes Wissen betrachtet werden. Die Forschung schreitet allerdings voran, und wir dürfen gespannt sein, was sie in Zukunft noch offenbaren wird.

In einer neueren Studie (2012) wollen Roy Mukamel und Mitarbeiter bei 21 Epileptikern während einer notwendigen Operation, durch direkte Messung am Nerv, Spiegelneuronen nachgewiesen haben (Mukamel et al. 2012). Falls dieser Befund durch ein hinlängliche Zahl von Replikationen gesichert werden kann, wäre in ihm aber immer noch keine Rechtfertigung für die weitreichenden Schlussfolgerungen zu sehen, die aus der mutmaßlichen Existenz von Spiegelneuronen beim Menschen gezogen werden.

In einer Übersichtsarbeit zum Stand der Forschung, die Mukamels Arbeit einbezieht, schreiben Kilner & Lemon:

Die funktionelle(n) Rolle(n) von Spiegelneuronen und ob Spiegelneuronen als Resultat einer funktionellen Anpassung und/oder von assoziativem Lernen während der Entwicklung hervortreten, sind wichtige Fragen, die noch gelöst werden müssen. Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir aber mehr über die Konnektivität von Spiegelneuronen und ihre vergleichende Biologie im Rahmen verschiedener Arten wissen (Kilner & Lemon 2013).“

Bei diesem Sachstand muss man konstatieren, dass die „Spiegelneurone“ vor allem ein Ausdruck des Neuro-Hypes sind. Zutreffende Erkenntnisse (die nachgewiesene Existenz von Spiegelneuronen bei Affen z. B.) werden maßlos aufgebauscht, nicht zuletzt im Marketinginteresse von Psychiatrie und Pharmaindustrie.

Der Neuro-Hype ist buntschillernd und vielfältig. Kaum ein Aspekt des menschlichen Daseins wird ausgelassen. Und besonders konzentriert man sich auf die Abweichungen von Normalen, auf die so genannten psychischen Krankheiten. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht die Medien über angeblich bahnbrechende Erkenntnisse zu den neuronalen Grundlagen dieser „Krankheiten“ berichten.

Fakt ist jedoch, dass bisher für keine dieser so genannten psychischen Krankheiten ursächliche Zusammenhänge mit Hirnprozessen identifiziert werden konnten (Borgwardt et al. 2012). Und dies ist auch nicht weiter erstaunlich, wenn man bedenkt, wie schwierig es sein muss, Abweichungen vom Normalen im Gehirn zu entdecken, wenn man noch nicht einmal weiß, auf welchen Hirnprozessen die Normalität beruht.

Die gegenwärtige kognitive Neurowissenschaft ist nicht in der Lage – abgesehen von einigen sensorischen Bereichen -, zweifelsfrei die neuronale Basis ungestörter mentaler Prozesse anzugeben (Uttal 2011). Wenn man aber das Normale nicht kennt, wie will man dann die Abweichungen davon erforschen?

Der Neuro-Hype, dessen Ausbreitung durch Begriffe wie Neuro-Ökonomie, Neuro-Marketing, Neuro-Theologie, Neuro-Psychoanalyse und Neuro-Psychotherapie verdeutlicht wird, will mir als eine Anmaßung erscheinen, für die es nicht den Hauch einer Rechtfertigung in seriöser empirischer Forschung gibt.

Damit ist keineswegs gesagt, dass die kognitive Neurowissenschaft sinnlos sei, weil ihre Ergebnisse bisher als weitgehend spekulativ eingeordnet werden müssen. Es handelt sich im Gegenteil um eine wichtige Grundlagenwissenschaft, die sich vermutlich in Zukunft auch als praktisch nützlich erweisen wird. Doch im Augenblick, in ihrem gegenwärtigen Zustand, angesichts des begrenzten Leistungsvermögens ihrer momentanen Forschungsinstrumente, bietet sie keine zuverlässige Basis für Anwendungen.

Dem Leser sei aber geraten, Presseberichte über bahnbrechende Durchbrüche der Neurowissenschaft in der Psychiatrie sehr vorsichtig zu betrachten. Es werden in diesen Berichten gern bunte Bilder des Gehirns gezeigt, allein: bunter Bilder sind keine Wissenschaft.

Literatur

Bauer, J. (2005). Warum ich fühle, was du fühlst: intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hamburg: Hoffmann und Campe

Borgwardt, S. et al. (2012). Why are psychiatric imaging methods clinically unreliable? Conclusions and practical guidelines for authors, editors and reviewers. Behavioral and Brain Functions, 8:46

di Pellegrino, G. et al. (1992). Understanding motor events: A neurophysiological study. Experimental Brain Research, 91, 176-180

Kilner, J. M. & Lemon, R. N. (2013). What We Know Currently about Mirror Neurons. Curr Biol. Dec 2; 23(23): R1057–R1062

Lingnau, A. et al. (2009). Asymmetric fMRI adaptation reveals no evidence for mirror neurons in humans. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 106, 9925-9930

Mukamel, R. et al. (2010). Single-Neuron Responses in Humans during Execution and Observation of Actions. Current Biology, 20, 750–756, April 27, 2010

Turella, L. et al. (2009). Mirror Neurons in humans: Consisting oder confounding evidence? Brain and Language, 108, 10-21

Uttal, W. R. (2011). Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience. Cambridge: MIT Press

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