Sex, UFOs und das False Memory Syndrome

Zur Einstimmung

Lehnen Sie sich entspannt im Sessel zurück und denken Sie an Ihre Kindheit. Lassen Sie Ereignisse aus den ersten zehn Jahren Ihres Lebens vor Ihrem inneren Auge Revue passieren. Denken Sie an schöne Ereignisse, an Kindergeburtstage, an einen besonders reich beladenen Gabentisch zu Weihnachten. Vergegenwärtigen Sie sich aber auch schreckliche Ereignisse, wie beispielsweise Unfälle, Kränkungen durch Eltern oder enge Freunde.

Vermutlich werden Sie sich ziemlich sicher sein, dass diese Ereignisse in etwa so stattgefunden haben, wie sie nun in Ihrer Erinnerung auftauchen. Doch stimmt das auch? Könnte es nicht ganz anders gewesen sein? Narrt Sie vielleicht Ihr Gedächtnis? Gibt es hieb- und stichfeste Beweise für den Wahrheitsgehalt Ihrer Reminiszenzen?

Sie werden sich vermutlich nicht allzu lange damit aufhalten, ihre Erinnerungen einer kritischen Überprüfung zu unterziehen, weil, so werden Sie sich sagen, es ja doch nichts bringt, zumindest nichts Positives, eher schon eine heillose Verunsicherung. Aber Sie nehmen sich immerhin vor, bei Gelegenheit einmal Tante Erna1 zu fragen (die einzige überlebende Augenzeugin dieses mutmaßlichen Vorgangs2), ob Sie tatsächlich an Ihrem vierten Geburtstag den Blaubeerkuchen an die Wand geklatscht haben.

Die fehlbare Präzision des Gedächtnisses

Die Glaubwürdigkeit der Erinnerungen von Psychiatrie- oder Psychotherapie-Patienten steht auf dem Prüfstand. Spektakuläre Prozesse wegen sexuellen Missbrauchs, in denen sich die Vorwürfe mutmaßlich Betroffener als wahrscheinlich unbegründet herausstellten, nährten den Verdacht, diesen Menschen seien diese Erinnerungen während einer Psychotherapie von wohlmeinenden, böswilligen oder geldgierigen Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten eingepflanzt worden.3

Was haben mutmaßliche Opfer sexuellen Missbrauchs mit UFO-Entführten zu tun?

Die menschliche Erinnerung ist nicht vollkommen. Wer hätte das noch nicht selbst erlebt. Wer hätte nicht schon einmal schwören können, dass er einen gesuchten Gegenstand an diese oder jene Stelle gelegt habe, und dann… ja, dann findet ihn z. B. die Freundin oder die Ehefrau ganz woanders. Wie peinlich.

Unsere Erinnerung ist fehlbar. Das ist wahr. Wahr ist aber gleichermaßen, dass die menschliche Erinnerung atemberaubend präzise ist. Sie muss es auch sein. Was geschieht, wenn das nicht mehr so ist, kann man bei Menschen mit organisch bedingten Gedächtnisstörungen beobachten.

Wir brauchen ein gut funktionierendes Gedächtnis, damit wir uns morgens im Spiegel wiedererkennen, damit wir wissen, wie unsere Kinder heißen, welche Aufgaben uns der Chef vor drei Wochen gegeben hat und wann wir der Mutter Blumen zum Geburtstag bringen müssen. Ohne realitätsentsprechende Erinnerungen wären wir schlichtweg aufgeschmissen und seelische Krüppel.

Natürlich unterlaufen unserem Gedächtnis sehr häufig Fehler. Das ist eine alltägliche Erscheinung. Widersprechen sich diese beiden Aussagen – Gedächtnis präzise bzw. Gedächtnis mitunter grotesk fehlbar – nicht fundamental?

Der Kern und die Details

Die Fehlbarkeit des Gedächtnisses betonen die Anhänger der Theorie des „False Memory Syndrome“, des Syndroms der falschen Erinnerungen. Dabei geht es meist um Erinnerungen an mutmaßlich kriminelle oder sehr unwahrscheinliche Vorgänge. Die Vertreter dieser Theorie berufen sich u. a. auf die empirische Forschung zu den Erinnerungen von Unfallzeugen.

Die prominenteste Wissenschaftlerin, die sich mit der Unfallzeugenforschung beschäftigt, ist die amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus.4 Sie ist ebenfalls eine Anhängerin des „False-Memory“-Syndroms. Die Psychologie von Unfallzeugen spricht in der Tat Bände, allerdings andere, als manche Laien offenbar gelesen haben. Es ist nämlich so, dass sich Unfallzeugen ebenso wie andere Menschen in aller Regel sehr gut an den Kern eines Geschehens erinnern, sehr schlecht aber an die für sie unwesentlichen Details.5

Leider sind aus polizeilicher bzw. juristischer Sicht gerade die Details entscheidend. Ein Mensch, der Zeuge eines Bankraubs wurde, erinnert sich womöglich sehr präzise daran, wie viele Schüsse der Täter abgegeben und was er dabei gebrüllt hat, aber ob er eine rote oder schwarze Krawatte trug oder Sandalen bzw. Halbschuhe, dies weiß er oft nicht mehr so genau, mitunter täuscht ihn auch sein Gedächtnis. Der Kern von Vorgängen wird in der Regel recht gut behalten, die Details aber nicht. Aus juristischer Sicht noch schlimmer ist die Vermischung von Vorgängen mit nachfolgenden Interpretationen.

Ein Beispiel: Jemandem wird ein Fahrrad gestohlen. Er denkt, das war bestimmt der Klaus, denn der Klaus war immer auf mein Fahrrad neidisch. Nach zwanzig Jahren trifft er Klaus wieder und denkt: Das war der Klaus, der mein Fahrrad gestohlen hat. Das ist ein brisantes Problem der Glaubwürdigkeit von Zeugen bzw. Opfern.

Ein anderes Beispiel: Ein Kleinkind behauptet, der Teufel habe ihm die Hose herunter gezogen und an seinem Penis gespielt. Es kann den Teufel recht gut beschreiben, er trug eine schwarze Robe, hatte Hörner auf dem Kopf und glühende Augen wie Kohlen. Aufgebrachte Sozialarbeiterinnen verhören das Kind und gelangen zu der Diagnose, ein satanistischer Zirkel sei am Werke. Skeptiker unterstellen demgegenüber, dass Kind habe etwas völlig Absurdes behauptet, denn kein Mensch, der halbwegs bei Trost ist, könne an Teufel glauben. Das sei doch nur eine alterstypische Phantasie ohne Realitätsgehalt.

Nun mag es bei nüchterner Betrachtung aber sein, dass dieses Kind den Kern des Vorgangs, nämlich den sexuellen Missbrauch, sehr präzise und wahrheitsgemäß erinnert hat, dass aber seine Interpretation, der Teufel sei der Täter, falsch war. Es ist ja denkbar, dass der Täter sich eine Teufelsmaske aufgesetzt hat, weil er schlau war und sowohl die Reaktion der Sozialarbeiterinnen, als auch der Skeptiker und natürlich die des Kindes vorhergesehen hatte.

Nebenbei: Man kann auch Leute entführen, sie einer Gehirnwäsche unterziehen und sich dabei aus ähnlichen Motiven als Außerirdischer verkleiden (Ganzkörpermaske).

Reizwörter wie „Satan“ oder „UFO“ verführen manche Menschen dazu, Phänomene in einem zu engen Rahmen zu betrachten und die Spannweite möglicher Interpretationen vorschnell zu reduzieren.

Eine solche Reaktion wird natürlich durch ideologische Voreingenommenheiten verstärkt. Wer beispielsweise dem Feminismus skeptisch gegenübersteht, wird eher geneigt sein, Geschichten über satanisch rituellen Missbrauch pauschal ins Reich der Fabeln zu verbannen.

Haben UFO-Entführte ein schlechtes Gedächtnis?

Bedeutet dies also, dass z. B. ein Ufo-Entführter auch tatsächlich entführt wurde? Wahrscheinlich. Wenn sich ein ansonsten und vorher psychisch stabiler Mensch z. B. an eine Entführung durch Außerirdische erinnert6, dann ist er mit allerhöchste Wahrscheinlichkeit auch entführt worden. Seine Mutmaßungen über die Täter (hier: angeblich Außerirdische) mögen allerdings falsch sein.

Falsche bzw. fragwürdige Berichte über vergangene Ereignisse müssen also nicht zwangsläufig auf falschen Erinnerungen beruhen. Oft sind Denkfehler für die Verzerrung der Wirklichkeit verantwortlich.

Beispiel: Ein Mensch erinnert sich an eine „Alien Abduction“. Sein Urteil, dass es Außerirdische gewesen seien, beruht auf dem Aussehen der Entführer. Wenn er dies nicht als Hypothese betrachtet, sondern sicher ist, dass es Außerirdische gewesen seien, so kann diesem Schluss ein Denkfehler zugrunde liegen, sofern dieser Mensch nicht zunächst Alternativhypothesen ausgeschlossen hat (wie z. B. jene, dass die Entführer maskierte Menschen waren).

Leider neigen wir Menschen zu vorschnellen Urteilen7 – uns bleibt auch kaum etwas anderes übrig, weil das Leben voranschreitet und von uns immer wieder unverzögerte Stellungnahmen fordert.

Ein weiteres Beispiel: Ein Mensch geht nachts allein durch eine Grünanlage. Plötzlich sieht er im fahlen Licht des Mondes auf einer Wiese, vielleicht zwanzig Meter von ihm entfernt, eine Gestalt. Als er sich ihr nähert, beginnt der Fremde, mit sich überschlagender Stimme Flüche gegen Geheimdienste auszustoßen, die seine Wohnung verwanzten und sein Essen vergifteten. Der Mensch biegt rasch in einen Seitenweg ein und strebt einem Ausgang des Parks zu, um sich in Sicherheit zu bringen.

Da ihn die Gestalt sehr erschreckt hat, erzählt er noch Jahre später seinen Enkelkindern von seinem unheimlichen Erlebnis mit dem „Schizophrenen“ im Park. Er bemerkt nicht, dass sein Gedächtnis den Vorgang mit einem Element versehen hat, das er nicht mit seinen Sinnen erfuhr.

Denken und Gedächtnis sind logisch und funktionell voneinander getrennt. Bevor ein Gedächtnisinhalt interpretiert werden kann, muss er zunächst einmal gespeichert worden sein. Bevor ich eine Gruppe von sich gleichförmig bewegenden Lichtpunkten als UFO interpretieren kann, müssen diese Lichtpunkte zumindest kurzfristig in meinem Ultrakurzzeitgedächtnis repräsentiert gewesen sein.

Die Wahrnehmung der Lichtpunkte und die entsprechende Interpretation sind zwei verschiedene Operationen und das Gehirn speichert sie auch als zwei verschiedene Operationen. Sie mögen zwar in der Erinnerung verschmelzen, aber sie verschmelzen dann als Folge von Denkfehlern bzw. mangelnder Reflexion des Sachverhalts. Wenn ich tief durchatme, kann ich mir auch klarmachen, dass ich kein UFO gesehen habe, sondern sich gleichförmig bewegende Lichtpunkte, die ich für ein UFO gehalten habe (was zutreffen mag oder auch nicht).

Fazit: Die False-Memory-Hypothese ist denkbar ungeeignet, paranormale oder andere außergewöhnliche Erlebnisse und Erfahrungen gleich welcher Art zu widerlegen. Was den Kern von Sachverhalten und Vorgängen betrifft, kann man seinem Gedächtnis, sofern es sich um subjektiv bedeutsame Ereignisse oder Tatsachen handelt, durchaus vertrauen.

Die Hypothese der falschen Erinnerungen sollte man nur erwägen, wenn des konkrete Hinweise auf Vorgänge gibt, die diese hervorgerufen haben könnten. Das Gedächtnis ist zwar keine passive Struktur, es ist konstruktiv, aber es füllt in der Regel nur die Lücken, es erschafft nichts grundsätzlich Neues. Wäre dies nicht so, dann wären wir alle nicht lebensfähige mentale Krüppel.

Mentale Krüppel

Wir wären mentale Krüppel, weil unsere Identität eine Gedächtnisstruktur ist. Wir wären ohne Identität keine auch nur halbwegs verlässlichen Interaktionspartner mehr. Nicht nur unsere Selbstbilder, auch unsere Fremdbilder würden instabil.

  • Man stelle sich vor, ein Arbeitnehmer sähe in seinem Chef heute einen gütigen, freundlichen älteren Herrn und morgen wäre er – aufgrund der konstruktiven Leistungen seines Gehirns – davon überzeugt, dass er diesen immer wieder als ein fieses, niederträchtiges Monster erlebt habe.
  • Man stelle sich vor, unser Gehirn würde heute unser Selbst als fleißig, ehrgeizig und gewissenhaft erinnern, aber morgen keinen Zweifel daran lassen, immer schon faul, träge und oberflächlich gewesen zu sein. Unser Chef, egal ob gütig oder Monster, wäre damit auf die Dauer wohl kaum mit den logischen Konsequenzen solcher „Erinnerungen“ zufrieden.
  • Man stelle sich vor, wir würden uns heute – zutreffend – daran erinnern, dass sich unsere Arbeitsstätte in der Kaiser-Edelbert-Straße befindet, morgen aber hätte unser Gehirn konstruiert, dass wir erfolgreiche Schauspieler in Hollywood seien und zum Dreh in die USA jetten müssten.

Unser Gedächtnis muss also hochgradig stabil und realitätsangemessen sein, sonst würde nichts mehr funktionieren. Unsere Erinnerungen müssen, auch wenn sie teilweise auf Fantasie beruhen, hinlänglich zu unserer „ökologischen Nische“ passen. Die Extremisten der False-Memory-Fraktion verkaufen ganz offensichtlich Leute für dumm, die sich von „Experten“ leicht hinters Licht führen lassen.

Einpflanzung falscher Erinnerungen

Die Anhänger der „False-Memory-Bewegung“ behaupten, dass irregeleitete oder geldgierige Psychotherapeuten oder Psychotherapeutinnen ihren Klientinnen oder Klienten falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch einpflanzen würden.

Es gibt zweifellos Beispiele für implantierte Erinnerungen. Häufig handelt es sich dabei aber eher um Verleitungen zu Falsch- oder Gefälligkeitsaussagen und nicht um wirkliche falsche Erinnerungen. Dennoch ist dies natürlich möglich. Dabei ist aber zu bedenken, dass es relativ einfach ist, falsche Erinnerungen an Details eines realen Ereignisse einzupflanzen, besonders dann, wenn dieses Ereignis subjektiv nicht besonders bedeutsam war. Sehr schwierig ist es, falsche Erinnerungen an subjektiv bedeutsame Ereignisse zu suggerieren, die gar nicht stattgefunden haben. Letzteres ist zwar möglich, aber bei psychisch und emotional halbwegs gefestigten Menschen nur durch eine regelrechte Gehirnwäsche.

Als Beweis für ihre These führen die False-Memory-Protagonisten an, dass vergessene und dann wiederbelebte Erinnerungen ausschließlich in Psychotherapien auftauchten. Dies entspricht nicht den Tatsachen.8 Es gibt empirische Studien, die zeigen, dass derartige Erinnerungen unabhängig von Therapien bewusst werden können9 – und selbst wenn sie erst während einer Therapie relevant werden, müssen sie deswegen nicht falsch sein.

Hier hilft Logik weiter.

Es wurden Therapeuten verurteilt – in den Vereinigten Staaten -, aber in aller Regel nicht wegen Einpflanzung falscher Erinnerungen, sondern wegen Kunstfehlern.10 Nach amerikanischen Recht ist es ein Kunstfehler, Patienten nicht ausdrücklich darüber zu informieren, dass Erinnerungen auch falsch sein können. Es kann nach US-Recht auch ein Kunstfehler sein, Patienten mit „ungewöhnlichen“ oder experimentellen Methoden zu behandeln u. ä.

Rational betrachtet ist das Einpflanzen falscher Erinnerungen in fast allen Fällen gar nicht zu beweisen. Denn dazu müsste man ja mit Sicherheit auszuschließen können, dass die evtl. zwanzig, dreißig Jahre zurückliegenden mutmaßlichen Vorgänge nicht doch stattgefunden haben. Das dürfte bei angeblichem Missbrauch, der sich ja üblicherweise im Verborgenen vollzieht, in aller Regel nicht möglich sein.

Weil dies so ist, muss man allerdings auch handfeste Fakten vorbringen können, wenn man beispielsweise die Anschuldigung eines sexuellen Missbrauchs erhebt, weil es für den Bezichtigten so gut wie unmöglich ist, zu belegen, dass er de facto die Tat nicht begangen haben kann.

Verleitung zu falschen Anschuldigungen und Gefälligkeitsaussagen

Natürlich möchte ich hier Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten nicht als Unschuldslämmer darstellen, die über jeden Zweifel erhaben seien. Es ist gut denkbar, dass mitunter übereifrige oder auch böswillig-hasserfüllte „Experten“ tätig werden und Schaden anrichten, der nicht wieder gutzumachen ist.

Ein extremes Beispiel:

  1. Eine Patientin kommt wegen irgend welcher Störungen zur Therapeutin.
  2. Die Therapeutin versucht nach allen Regeln der Kunst, Erinnerungen an sexuellen Missbrauch hervorzulocken.
  3. Alle Assoziationen, die in diese Richtung weisen, werden systematisch verstärkt. Widersprechende Einfälle werden entwertet.
  4. Die Patientin wird ideologisch manipuliert und glauben gemacht, dass sexueller Missbrauch im Grunde ein typisches Frauenschicksal sei.
  5. Die verunsicherte und fügsame Patientin behauptet schließlich, ihr Vater (Großvater, Bruder, Gärtner etc.) habe sie sexuell missbraucht.

Was schließen wir daraus: Etwa: Der Patientin wurde eine falsche Erinnerung eingeredet (suggeriert, eingepflanzt)? Das ist nicht logisch. Wir wissen ja gar nicht, ob diese Erinnerung tatsächlich falsch ist. Sexueller Missbrauch ist nachweislich nichts Unmögliches. Man könnte das Vorgehen der Therapeutin allerdings als Kunstfehler bezeichnen.

Von der Einpflanzung einer falschen Erinnerung können wir doch logischerweise nur dann sprechen, wenn das Erinnerte nachweislich nicht stattgefunden haben kann und wenn der sich Erinnernde tatsächlich eine solche Erinnerung hat und nicht etwa lügt oder nur einem sozialen Druck nachgibt. Das ist, wie bereits erwähnt, überaus schwierig, meist unmöglich.

Darum halte ich das Gerede von falschen Erinnerungen für überaus heimtückisch, vor allem gegenüber psychisch instabilen Menschen. So kann man Menschen fundamental verunsichern. Und wenn man erst einmal die Öffentlichkeit davon überzeugt hat, dass falsche Erinnerungen allgegenwärtig und alltäglich seien, dann kann man damit jeden erdenklichen Missbrauch betreiben und in Gerichtsverhandlungen Täter schützen.

Auch die Nazis haben das „False Memory Syndrome“ inzwischen für sich entdeckt und zweifeln damit die Erinnerungen von KZ-Insassen an. Das ist ein böses Spiel.

Der Therapeutin im obigen Beispiel ist natürlich vorzuwerfen, dass sie ihre Patientin ermutigt hat, über mutmaßliche Ursachen ihres Leidens zu fantasieren, anstatt entsprechende Hypothesen einer kritischen und rationalen Überprüfung zu unterziehen.

Selbst wenn die während einer solchen Therapie hervorgelockten Erinnerungen zutreffend wären, darf man sie dennoch nicht ohne entsprechende, belastbare Anhaltspunkte zur Grundlage öffentlicher Anklagen machen.

Die Ideologen der „False Memories“ setzen voraus, dass Erinnerungen, die nicht erwiesenermaßen wahr seien, zweifelsfrei falsch sein müssten. Manche Feministinnen unterstellen, dass Erinnerungen, die nicht erwiesenermaßen falsch seien, immer dann wahr sein müssten, wenn man den Angeschuldigten die entsprechende Tat zutrauen könne. Beide Postionen sind unlogisch, und das ist, nüchtern betrachtet, auch nicht schwer zu erkennen.

Recovered Memories

Skeptiker behaupten, es sei unmöglich, Erinnerungen an Missbrauch zu verdrängen. Missbrauch sei ein emotional aufwühlendes, belastendes Geschehen, und solche Vorgänge würden sich vielfach unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennen. Würden solche Erinnerungen während einer Therapie auftauchen, sie seien sie den Betroffenen eingepflanzt worden. Die Skeptiker unterstellen also, man könne falsche Erinnerungen suggerieren. Dies sei überhaupt nicht schwierig und es bedürfe dafür auch keiner besonderen Kunstfertigkeit.

Wenn man aber falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch einpflanzen kann, obwohl der so Manipulierte eine glückliche Kindheit hatte, dann kann man auch falsche Erinnerungen an eine glückliche Kindheit einpflanzen, obwohl der so Manipulierte sexuell missbraucht wurde.

Gern berufen sich die Anhänger der „False Memory Foundation“ auf Menschen, die sich zunächst an sexuellen Missbrauch angeblich fälschlich erinnerten, später diese Erinnerung aber widerriefen. Doch nach der eigenen Logik könnte der Widerruf auf einer eingepflanzten falschen Erinnerung an eine glückliche, von sexueller Belästigung freie Kindheit beruhen.

Zweifel sind immer berechtigt.

Doch Skepsis bedeutet auch Zweifel am Zweifel. Man muss sich also immer fragen: Was spricht gegen den Zweifel? Nehmen wir einmal an, eine Frau erinnere sich erstmals während einer Therapie an sexuellen Missbrauch durch ihren Vater. Die Therapeutin ist als wutschnaubende Feministin bekannt, die dazu neigt, überall sexuellen Missbrauch zu wittern.

Der Fall scheint erledigt. Doch gemach. Die junge Frau beschuldigt ihren Vater schließlich eines schweren Verbrechens. Ist es eigentlich plausibel, dass eine junge Frau ihren Vater grundlos eines solchen Verbrechens bezichtigt? Der Zweifler mag antworten, das Verbrechen sei ihr suggeriert worden.

Gut. Das bedeutet aber, dass die Frau offenbar hochgradig suggestibel ist. Wäre es dann aber nicht möglich, dass der Vater seiner Tochter als Kind suggeriert hat, sie müsse den Missbrauch vergessen, weil sie sonst der schwarze Mann hole? Die Frau ist ja, wie der Skeptiker eingeräumt hat, hochgradig suggestibel. Also kann ihr auch das suggeriert worden sein. Man kann ja auch Vergessen, kann Erinnerungsbarrieren suggerieren (hypnotische Amnesie).

Spinnen wir die Geschichte noch etwas weiter. Die Beschuldigung schlägt natürlich hohe Wellen. Skeptikervereine schalten sich ein. Die Familie ist empört. Schließlich widerruft die junge Frau.

Sie sagt: „Die Therapeutin hat mir das alles eingeredet.“

Toll. Was sollen wir glauben? Ihre Behauptung, dass der Vater sie missbraucht habe? Oder ihrer Behauptung, dass die Therapeutin ihr dies nur suggeriert habe? Hat ihr die Therapeutin suggeriert, sie sei missbraucht worden oder haben ihr die Skeptiker suggeriert, sie sei nicht missbraucht worden. Die Frau ist nach Ansicht der Skeptiker ja dermaßen suggestibel, dass man ihr sogar suggerieren kann, der eigene Vater habe sie missbraucht. Wenn sie also so suggestibel ist, dann müsste es doch auch möglich sein, ihr das Umgekehrte zu suggerieren. Die Skeptiker sind dafür bekannt, überall falsche Erinnerungen und Hexenjagden sowie wutschnaubende Feministinnen zu wittern.

Was wir bei der Kampagne gegen Therapeutinnen, die angeblich ihren Patientinnen sexuellen Missbrauch einreden, immer wieder beobachten können, ist eine extreme Voreingenommenheit zuungunsten der Therapeutinnen. Nur sie sind es, die suggerieren, nur sie sind es, die falsche Erinnerungen einpflanzen. Keineswegs aber suggerieren die angeblichen Täter, keineswegs pflanzen sie falsche Erinnerungen ein. Und selbstverständlich enthalten sich auch die Skeptiker aller suggestiven Methoden.

Dabei ist es doch durch die Fälle erwiesenen sexuellen Missbrauchs bekannt, dass die Taten wie Familiengeheimnisse behandelt werden. Man spricht nicht darüber. Den Kindern werden Schulgefühle suggeriert. Sie seien eigentlich schuld, hätten den Vater verführt. Es wird ihnen auch Angst gemacht. Schlimmes drohe, wenn sie den Vater verrieten. Das sind hoch suggestive Verhältnisse, wie man leicht auch ohne besondere psychologische Kenntnisse erkennen kann.

Die Skeptiker aber betonen immer nur den suggestiven Charakter der Psychotherapie, keineswegs aber den ebenso suggestiven Charakter familiärer Prozesse.

Kann wirklich noch ein Zweifel daran bestehen, wem die „Skepsis“ hier nützt?

Dämonisierung von Psychotherapeutinnen

Mitunter wird einwendet, dass Psychotherapeuten mit allen Wassern gewaschene Suggestionskünstler seien und dass es ihnen deswegen leichter fiele als den Tätern oder anderen Laien, ihren Mitmenschen erfolgreich Unwahrheiten einzureden. Das ist nicht wahr. Nein, wirklich nicht. Zum Suggerieren braucht man keine psychotherapeutische Ausbildung. Viele Politiker, Staubsaugerverteter, Pfarrer, Missionare, Gurus, Heilsarmisten, Kneipenwirte, Friseure, Ehefrauen und viele, viele andere Leute können ganz ausgezeichnet suggerieren.

Bühnenhypnotiseure haben in aller Regel keine hypnosetherapeutische Ausbildung und sind oft wirklich wahre Künstler. Sie leben davon zu suggerieren, bis sich die Balken biegen. Das ist eine Frage der Begabung und Übung. Pädophile üben sich oft zwangsweise im Suggerieren, das bringt ihre Perversion so mit sich.

Diese Skeptiker überschätzen den Wert solcher Psychotherapie-Ausbildungen. Es hat sich in einer ganzen Reihe von Studien gezeigt, dass Laien-Psychotherapeuten keine schlechteren Ergebnisse erzielen als professionelle Psychotherapeuten und dass sich die einzelnen psychotherapeutischen Methoden bezüglich ihrer Effizienz kaum voneinander unterscheiden.

Es kommt hier auf ganz andere Qualitäten an, die von der formalen Ausbildung und Therapie-Richtung (Methodik) unabhängig sind. Überspitzt formuliert: Wenn man ganz, ganz tolle Psychotherapeuten mit guten Staubsaugern losschickt und ganz, ganz tolle Staubsaugervertreter mit schlechten, dann verkaufen die Staubsaugervertreter dennoch mehr, weil sie besser suggerieren können.

Beweiskraft

Bekundete Erinnerungen beweisen nichts. Sie beweisen noch nicht einmal, dass ein Mensch, der Erinnerungen mitteilt, sich tatsächlich an ein Ereignis erinnert. Die Erinnerungen könnten auch vorgetäuscht sein – entweder aufgrund einer Absicht oder als Folge einer Selbsttäuschung. Es gibt auch keine Merkmale, durch die man zuverlässig wahre von falschen Erinnerungen unterscheiden könnte. Mit dem Lügendetektor könnte man allenfalls erkennen, ob jemand eine Erinnerung, die er gar nicht hatte, bewusst vortäuscht. Der Detektor würde versagen, wenn jemand eine falsche, also eine selbst- oder fremdsuggerierte Erinnerung hat, von der er überzeugt ist.

Ebenso wenig, wie man einer Erinnerung ansehen kann, dass sie wahr ist, ebenso wenig ist es möglich, eine Erinnerung als falsch zu identifizieren, weil sie bizarr ist, dem „gesunden Menschenverstand“ widerspricht oder irgend welchen für zweifelsfrei wahr gehaltenen Erkenntnissen.

Generell gilt, dass eine Entscheidung über die Wahrheit oder Falschheit einer Aussage nur gefällt werden kann, wenn ihre Übereinstimmung mit dem jeweiligen Sachverhalt intersubjektiv und mit objektiven Methoden überprüft wurde.

Gehirnwäsche

Doch reichen allgegenwärtige Suggestionskünste aus, um falsche Erinnerungen an emotional bedeutsame Ereignisse einzupflanzen. Im Regelfall: nein. Ausgeprägtere suggestive Fähigkeiten reichen aus, um Menschen zu Falsch- und Gefälligkeitsaussagen zu verleiten, um sie moralisch unter Druck zu setzen, um sie zu verwirren und um ihre Widerstandskraft zu untergraben. Aber falsche Erinnerungen an emotional bedeutsame Sachverhalte entstehen so im Allgemeinen nicht.

Die absichtliche Erzeugung derartiger falscher Erinnerungen setzt Terror voraus. Nur durch Terror können Erinnerungen an emotional bedeutsame Ereignisse durch andere ersetzt werden. Jede falsche Erinnerung erfordert nämlich eine Amnesie für das tatsächliche Geschehen.

  • Die falsche Erinnerung an sexuellen Missbrauch durch den Vater setzt eine Amnesie für dessen uneingeschränkt liebe- und respektvolle Zuwendung voraus.
  • Die falsche Erinnerung an eine uneingeschränkt liebe- und respektvolle Zuwendung des Vaters setzt eine Amnesie für dessen Übergriffe voraus.

Amnesien können künstlich hervorgerufen werden, durch Hypnose, durch Drogen, durch Konditionierung unter extremem Stress, der in der Regel durch physische und psychische Folter erzeugt wird. Und dies verhältnismäßig leicht bei Kindern, die erstens sehr suggestibel sind und zweitens noch keine klare Grenze zwischen Realität und Phantasie ziehen können.

Wer also will, dass missbrauchte Kinder den Missbrauch vergessen – und das wollen Missbraucher in aller Regel – der schafft das oft genug auch, wenn er seinen Plan überlegt und systematisch verfolgt. Dies ist das ganze Geheimnis der echten „repressed and recovered memories“.

Wesentlich schwieriger ist die Gedächtnismanipulation bei Erwachsenen unter den Bedingungen einer regulären Psychotherapie, in der die Patienten natürlich nicht gefoltert und willkürlich unter Drogen gesetzt werden können. Theoretisch sind „repressed and recovered memories“ also durchaus möglich. Aber gibt es sie auch in der Realität?

Ein wirklich stichhaltiger Beweis kann leider nicht geführt werden. Ob nämlich ein Mensch ein Ereignis vergessen und dann später wiedererinnert hat, weiß… wenn überhaupt einer, dann nur er selbst. Wir können ihm glauben oder nicht. Wissen, was Sache ist, können wir nicht. Wir können nicht objektiv feststellen, ob

  1. die Erinnerungen zutrafen und
  2. tatsächlich zwischenzeitlich vergessen und
  3. ohne Manipulation und Suggestion wieder erinnert wurden.

Bei aller Skepsis ist dennoch auf Basis des Forschungsstandes die Hypothese vertretbar, dass es in der Tat „repressed und recovered memories“ gibt, die keine „False Memories“ sind und dass jeder, der behauptet, alle „Recovered Memories“ seien „False Memories“ ganz offensichtlich von der Forschung und von der Lebensrealität keine Ahnung hat (mit wie vielen Doktor- und Professorentiteln er sich auch immer schmücken möge).

Fassen wir die bisherigen Erkenntnisse zusammen:

Die Einpflanzung falscher Erinnerungen an emotional bedeutsame, ungewöhnliche Ereignisse ist überaus schwierig. Sie kann in aller Regel weder in regulären Psychotherapien, noch in sonstigen Alltagskontakten erfolgen. Dazu ist eine systematische, kunstgerecht durchgeführte Gehirnwäsche erforderlich. Die Grundlagen der entsprechenden Methodik habe ich in meinem Buch „Hypnose, Bewusstseinskontrolle, Manipulation“ ausführlich beschrieben.11

Wurden Sie schon von einem UFO entführt und haben es wieder vergessen?

Die bisherige Argumentation gilt nicht nur für sexuellen Missbrauch, sondern auch für UFO-Kontakte. Die UFO-Zeugen, die angeblich Kontakt mit Außerirdischen hatten, lügen entweder, oder sie hatte Kontakt mit Subjekten, die Außerirdische waren oder dies den UFO-Zeugen – wie auch immer – vorgetäuscht haben.

Also noch einmal: Eine falsche Erinnerung an so einen komplexen und subjektiv höchst bedeutsamen Vorgang könnte man nur durch eine regelrechte Gehirnwäsche hervorrufen – und dies ist in den meisten Fällen, angesichts der Vielzahl solcher angeblichen Kontakte, überaus unwahrscheinlich.

Warum also behaupten UFO-Entführte, sie seien von UFOs entführt worden? Da gibt es allerdings viele Möglichkeiten.

Beispiele: Die angeblich Entführten

  1. lügen bzw. nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau, um sich interessant zu machen, weil sie kommerzielle Interessen verfolgen etc.
  2. haben sich entschieden, die Rolle eines „psychisch Kranken“ mit Wahnideen zu verkörpern
  3. waren nicht in der Lage, Träume oder Drogenerfahrungen von der Realität zu unterscheiden
  4. wurden Opfer einer Einpflanzung falscher Erinnerungen
  5. wurden tatsächlich entführt, aber die Täter waren Menschen, die sich als Aliens tarnten
  6. wurden tatsächlich von Aliens entführt.

Diese Liste ist nicht vollständig.

  • Die Erklärung (1) dürfte auf die meisten „Entführungen“ zutreffen. In der überwiegenden Zahl der Fälle dürfte hier das Motiv, sich interessant zu machen, verbunden mit einer eher unterentwickelten Wahrheitsliebe, relevant sein.
  • Erklärung (2) ist eher unwahrscheinlich, da die angeblich Entführten in aller Regel nicht den Eindruck erwecken, im klinischen Sinne „psychotisch“ zu sein.
  • Erklärung (3) ist ebenfalls recht unwahrscheinlich. Als Ursache, über Jahre den ehrlichen Glauben an eine Entführung aufrecht zu erhalten, reicht das wohl nicht aus.
  • Das dauerhafte Einpflanzen falscher Erinnerungen (4) ist entgegen anders lautender Gerüchte sehr schwierig, wenn es sich um subjektiv bedeutsame Ereignisse handelt und wenn die falsche Erinnerung auch mit erheblichen unangenehmen Konsequenzen verbunden sein kann. Dies ist hier der Fall, denn eine Entführung ist ein einschneidendes Erlebnis und die meisten „Entführten“ werden ja nicht reich und berühmt durch ihre Geschichten, sondern eher der Lächerlichkeit preisgegeben.
  • Es gibt einige Bücher, die sich mit Erklärung (5) auseinandersetzen.12 Ähnlich wie in Fall (1) gibt es hier starke Motive. Man kann sich durchaus Täter vorstellen, die ein großes Interesse daran haben, UFO-Entführungen zu inszenieren, um Verbrechen zu tarnen. Nach menschlichem Ermessen könnte dies, wenn überhaupt, allerdings nur auf eine kleine Zahl von Entführungen zutreffen, denn so etwas ist teuer und überaus riskant.
  • Und nun zu (6). Bisher konnte die Existenz von Aliens noch nicht nachgewiesen werden. Es spricht zwar viel dafür, dass es sie irgendwo in den unermesslichen Weiten des Universums gibt. Aber, wenn sie tatsächlich den Weg zu uns gefunden haben sollten, dann ist es schwer vorstellbar, dass ihnen nichts Besseres einfiele als das, was in den Entführungsberichten beschrieben wird. Diese Aliens haben doch eher menschliche Züge und Interessen.

Skepsis ohne Dogmatismus

Die Positionen der Skeptiker in dieser Frage sind hochgradig, sind haarsträubend irrational13, also alles andere als skeptisch. Was ist die richtige Haltung? Wenn man nicht weiß, ob eine Erinnerung zutrifft oder nicht, dann muss man einfach sagen: Ich weiß es nicht. Das gilt für Erinnerungen an sexuellen Missbrauch gleichermaßen wie für Erinnerungen an UFO-Entführungen oder was auch immer. Wenn ich etwas nicht weiß, dann weiß ich es eben nicht; Gewissheit, die auf Plausibilität beruht, ist kein Ersatz für Wissen.

Dies ist die einzig angemessene Haltung bei Nichtwissen. Alles andere hat mit Skepsis nichts zu tun, weil Skepsis sich nämlich immer auch auf die eigene Erkenntnismöglichkeit und -fähigkeit bezieht. Sonst ist Skepsis nur ein Euphemismus für Vorurteile. Die Thematik falscher Erinnerungen ist also überaus komplex. Allgemeine Prinzipien und über jeden Zweifel erhabenes Wissen gibt es nicht. Skepsis ist berechtigt, sie sollte aber kein Tarnmäntelchen für verdeckten Dogmatismus sein.

Ein erschreckendes Beispiel für diese Geisteshaltung findet sich in der Website der False Memory Foundation:

Es gibt sexuelle Akte, die jedermann als unangemessen oder missbräuchlich erkennen würde, doch die von einem jungen Kind nicht als traumatisch erlebt werden und deswegen durch einen Prozess der gewöhnlichen Vergesslichkeit aus der Erinnerung getilgt werden können. Doch die meisten Vertreter der Therapie wiederbelebter Erinnerungen würden behaupten, dass Menschen zu einem viel größeren Ausmaß an Amnesie fähig seien und dass Individuen, die schwere, wiederholte und unzweideutige Traumata erfahren haben, die sich sogar bis in ihre Zeit als Jugendliche ausdehnten, in der Lage sind, die Erinnerungen an diese Traumata für Jahre zu verdrängen und in der Lage sind, sie zu einem späteren Zeitpunkt wiederzuerinnern. Diese Vorstellung, dass jemand etwas vergisst, was er zu jeweiligen Zeitpunkt nicht für besonders erinnerungswert hielt, will ich nicht bezweifeln. Ich würde einräumen, dass ein vierjähriges Kind etwas erlebt haben könnte, was es als Teil des normalen Prozesses der infantilen Amnesie wieder vergessen hat. Doch was ich nicht zugestehe und dies, denke ich, ist der Streitpunkt, ist, dass jemand über einen Zeitraum von Jahren wiederholt vergewaltigt wurde, wie dies beispielsweise von Holly Ramona angegeben wird, und dass er dann all dies komplett aus seinem Bewusstsein verbannt, nur um es sich Jahre später wieder ins Gedächtnis zurückzurufen.“14

Dieses Zitat stammt von Harrison G Pope Jr. M.D. Es ist Bestandteil eines Interviews mit dem Mediziner, das auf der Homepage der False Memory Foundation intern verlinkt ist. Man darf daraus wohl schließen, dass es die Auffassung dieser Organisation widerspiegelt. Es findet sich jedenfalls kein kritischer Kommentar. Pope hält es für völlig ausgeschlossen, dass Menschen sexuellen Missbrauch vergessen und sich zu einem späteren Zeitpunkt dann wieder daran erinnern können.

Pope ignoriert die Tatsache, dass Erinnerungen konditioniert werden können. Kinder können Dinge nicht so gut für sich behalten. Wenn sie systematisch bestraft werden, weil sie bestimmte Erinnerungen äußern, dann wird das kindliche Gehirn früher oder später mit einer entsprechenden Amnesie reagieren, um das Kind vor weiterer Bestrafung zu schützen.

Anhang: Zum Stand der Forschung

Experiment

Der Königsweg der Erkenntnis ist das Experiment. Es beinhaltet eine Handlungsanweisung, wie jedermann ein Phänomen hervorrufen kann. Beim Wissen, das auf Experimenten beruht, sind wir also nicht auf Erinnerungen angewiesen. Jederzeit kann ein Phänomen von jedermann, der die Handlungsanweisung befolgt, hervorgerufen werden. Singuläre Ereignisse der Vergangenheit können niemals Gegenstand von Experimenten sein. Doch unsere subjektive Gewissheit, dass sie tatsächlich stattgefunden haben, steigt, wenn experimentell gewonnene Erkenntnisse dafür sprechen – wenn also z. B. experimentell erwiesen ist, dass ein potenzielles Tatwerkzeug, das sich im Besitz eines mutmaßlichen Täters befand, tatsächlich jenes Muster von Spuren hinterlässt, die am Tatort und am Körper des Opfers gefunden wurden.

Es gibt…

  1. eine größere Zahl von Befragungen, in denen die Befragten angaben, Erinnerungen an sexuellen Missbrauch zeitweilig vergessen zu haben
  2. eine größere Zahl von Studien, in denen die Befragten angaben, vergessenen sexuellen Missbrauch nicht während, sondern vor einer Psychotherapie wiedererinnert zu haben
  3. eine größere Zahl von Untersuchungen, die belegen, dass manche wiedererlangte Erinnerungen an sexuellen Missbrauch zutrafen (Beweise z. B. durch nachträgliches Tätergeständnis)
  4. eine größere Zahl von Experimenten, die den Verdrängungsmechanismus und die Existenz des Unbewussten nahelegen, dazu zählen inzwischen auch neurowissenschaftliche Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren
  5. eine größere Zahl von Experimenten, die belegen, dass Erinnerungen falsch oder verzerrt sein können
  6. eine größere Zahl von Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass manche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch wahrscheinlich vollständig oder in einzelnen Details falsch waren.

So sieht die Datenlage zum „False-Memory-Syndrom“ aus. Daraus folgt: Es ist alles möglich: Wahrheit und Lüge, falsche Erinnerungen, zutreffende Erinnerungen. Es gibt keine Möglichkeit, in psychologischen Interviews oder während psychologischer Therapien das eine vom anderen zuverlässig zu unterscheiden. Erinnerungen sind kein Beweis, ebenso wenig wie der Widerruf von Erinnerungen.

Eine gute Zusammenstellung relevanter Studien findet sich in dem Standardwerk: Brown, D.; Scheflin, A. W. & Hammond, D. C. (1998). Memory, Trauma Treatment, and the Law. Kapitel: Trauma Memory. New York: W. W. Norton & Company.

Interessant auch: Hinckeldey, S. v. & Fischer, G. (2002). Psychotraumatologie der Gedächtnisleistung. München, Basel: Reinhardt

Missbrauch, Erinnerung und Politik

In den Sozialwissenschaften gibt es keine „reinen“, theorie- und kontextfreien Tatsachen und daher auch keine Schlussfolgerungen aus Fakten, die vom jeweiligen Erkenntnisinteresse des Interpreten unabhängig sind. Die Tatsachen zum „False Memory Syndrome“ sollten daher auf der Basis folgender Sachverhalte beurteilt werden:

  1. Eine nicht genau bekannte, aber erhebliche Zahl von Kindern wird in unserer Gesellschaft sexuell missbraucht und / oder körperlich misshandelt.
  2. Eine kleinere, aber dennoch bedeutsame Zahl von Kindern wird extrem sadistisch missbraucht.
  3. Diese Phänomene unterliegen immer noch einem Tabu.
  4. Polizei und Justiz sind äußerst schlecht auf diese Probleme eingestellt.
  5. Auch die Jugendämter neigen dazu, diese Probleme zu ignorieren oder herunterzuspielen.
  6. Es gibt eine Fülle von Zeitungsartikeln, Fernseh-Features, populärwissenschaftlicher Literatur, in denen die Sachverhalte in propagandistischer Absicht unwissenschaftlich dargestellt werden. Dies führte zu einer Polarisierung in eine Gruppe, die alle Erinnerungen an Missbrauch für falsch und eine andere Gruppe, die derartige Erinnerungen grundsätzlich für richtig hält.
  7. Dies resultierte in einer aufgeheizten Atmosphäre in den Medien, die eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema sehr erschwert.
  8. Es gibt Pressure Groups, die eine sachliche Diskussion auf jeden Fall verhindern wollen. Zu diesen Pressure Groups zählen Feministinnen und Anti-Feministen, christliche Fundamentalisten und Satanisten, Pädophile und Anti-Pädophile u. v. a. m.

Unter diesen Bedingungen – also bei dieser Datenlage und diesen politischen Gegebenheiten – muss damit gerechnet werden, dass tatsächlichen Opfern von Kindesmisshandlungen aller Art nicht geglaubt und Unschuldige grundlos wegen Kindesmissbrauch angeschuldigt werden.

Die wissenschaftlichen Befunde, die bei etwas gutem Willen eine fundierte, rationale Auseinandersetzung – wenn auch kein abschließendes Urteil – ermöglichen würden, liegen vor und die empirische Basis wird beständig weiter ausgebaut. Vor allem die amerikanische Forschung hat hier Beispielhaftes geleistet.

Leider wird die Literatur – gerade in Deutschland – von den „Experten“ in beiden Lagern (Pro & Contra) nur sehr einseitig rezipiert. Man neigt dazu, sich die Rosinen herauszupicken, also nur die Studien, die für die eigene Position sprechen, herauszustreichen. Niemand muss stundenlang in Bibliotheken wühlen, um sich kundig zu machen. Im Internet findet sich eine Fülle von Material, das kostenlos herunter geladen werden kann.

Wichtige Links mit Basis-Infos und Quellen

Website der Psychologin-Professorin Jennifer Freyd15, Tochter der „False-Memory-Syndrome-Foundation“-Gründer Peter J. und Pamella Freyd. Jennifer Freyd behauptet, von ihrem Vater sexuell missbraucht worden zu sein.

Website des Psychotherapeuten Jim Hopper16, sehr umfassend, sehr materialreich

Das Recovered Memory Project.17 Hier finden sich Studien zum Wahrheitsgehalt bzw. zur Glaubwürdigkeit von wiedergewonnenen Erinnerungen.

The Recovered Memory Controversy18

False Memory Syndrome Foundation19

Wormser Prozesse20

Das Gedächtnis – eine Einführung von Werner Stangl21

Vom rechten Gebrauch des Gedächtnisses

Die ersten Schritte, die uns in den Irrgarten der Liebe bringen, sind so angenehm, die ersten Aussichten so reizend, dass man sie gar zu gern in sein Gedächtnis zurückruft (Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre)“.

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Hier Person Ihrer Wahl einsetzen.

Hier Vorgang Ihrer Wahl einsetzen.

Ein besonders krasser Fall ist der angebliche Kindesmissbrauch in Worms (siehe hierzu den Artikel „Wormser Prozesse“ in Wikipedia.

Brown, D., Scheflin, A. & Hammond, C. (1998). Memory, trauma treatment, and the law. New York, London: W. W. Norton & Company

Und dies nicht nur in betrügerischer Absicht oder um sich interessant zu machen behauptet…

Kahneman, D. (2011). Thinking – Fast and Slow. London: Macmillan

Geraerts E. (2012). Cognitive underpinnings of recovered memories of childhood abuse. Nebr Symp Motiv. 2012; 58: 175-91

Eine solide wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik findet sich auf der Website Recovered Memory Project des Taubman Center for Public Policy & American Institutions der amerikanischen Brown University (Providence).

10 Brown, D. et al. a.a.O.

11 Gresch, H. U. (2010). Gehirnwäsche, Bewusstseinskontrolle, Mind Control. Düsseldorf: Elitär Verlag

12 Lammer, H. & Lammer, M. (1997). Verdeckte Operationen. Militärische Verwicklungen in UFO-Entführungen. München: F. A. Herbig; Lammer, H. & Lammer, L. (1999). Schwarze Forschungen. Geheime Versuche unter Ausschluss der Öffentlichkeit. München: F. A. Herbig))

13 Eine Analyse ist nur dann rational, wenn sie alle Möglichkeiten bedenkt und nicht einzelne ohne zureichende Begründung ausschließt.

14 Pope, H. (1994). “Recovered Memories”: Recent Events and Review of Evidence. Currents in Affective Illness XIII (7), July 1994, 5-12

17 Taubman Center for Public Policy & American Institutions: The Recovered Memory Project

18 Ken Pope: Memory & Abuse: The Recovered Memory Controversy

21 Werner Stangl: Das Gedächtnis

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