Sentimentalitäten

Gefragter denn je sind Autoritäten, die dem staunenden Publikum überzeugend vermitteln, dass die Psychiatrie im Großen und Ganzen, auch ohne Biomarker und zweifelsfreie wissenschaftliche Befunde und trotz gelegentlicher Missgriffe aufgrund fragwürdiger Einflüsse von außen, eine gute Arbeit macht. Gebraucht wird der Edelpsychiater, der dem Volk das Gefühl vermittelt, dass die zufriedenen Mienen dankbarer Patienten immer noch aussagekräftiger seien als miese Meta-Studien oder Berichte über Whistleblower, die zu Unrecht in der Psychiatrie einsitzen. Solchen Autoritäten haben im Prinzip leichtes Spiel, denn das Bewusstsein der Massen wird wie selten zuvor durch Sentimentalität geprägt.

„Sentimentalität“, schreibt Theodore Dalrymple, „ist der Ausdruck von Emotionen ohne Urteil.“i

Dalrymple analysiert diese Gemütsverfassung als vorherrschend in Großbritannien, aber sein Befund gilt gleichermaßen für Deutschland. Sentimentalität prägt nicht nur das private Erleben und Verhalten der Menschen, sondern sie ist das vorherrschende Kennzeichen unserer politischen Kultur geworden.

Psychiatrische Autoritäten, die dem Zeitgeist entsprechen wollen, müssen sich also öffentlich aus warmherzige Praktiker konfigurieren, die erfolgreich Patienten helfen; sie müssen Kritiker als Theoretiker diffamieren, die entweder naiv sind oder sich von zweifelhaften Interessen leiten lassen. Wenn es ihnen gelingt, handverlesene und handzahme Patienten in den Mittelpunkt zu rücken, die sich vollen Herzens als von der Psychiatrie gerettet empfinden, dann werden sie vergessen machen, dass die Psychiatrie, im Lichte der empirischen Forschung, vor einem Scherbenhaufen steht.

Im Zeitalter der Sentimentalität kommt es nämlich gar nicht darauf an, ob man tatsächlich gerettet wurde, sondern nur darauf, dass man sich als gerettet empfindet und sich öffentlich dazu bekennt. Es kommt auch gar nicht darauf an, ob man nachweislich „psychisch krank“ ist, sondern man ist „psychisch krank“, weil man unter einer psychischen Krankheit zu leiden vorgibt. Im Zeitalter der Sentimentalität kommt es auch nicht darauf an, ob man tatsächlich von der Psychiatrie geheilt wurde, sondern nur darauf, dass man seinem Psychiater dafür so dankbar ist und zu ihm aufblickt.

In welchem Ausmaß Sentimentalität auch die politische Ebene beherrscht, wird beispielsweise an der neueren Gesetzgebung zur Zwangsbehandlung deutlich. Eine rationale Analyse zeigt, dass Zwangsbehandlungen gegen die Menschenrechte verstoßen und dass die Psychiatrie gar nicht in der Lage ist, die Gefährlichkeit eines Menschen für sich und andere auch nur halbwegs verlässlich vorherzusagen. Dennoch hält man an ihr unbeirrbar fest.

Das Volk glaubt mehrheitlich fälschlicherweise, die Irren seien gefährlicher als andere Menschen, sie seien unberechenbar und unfähig zur Übernahme von Verantwortung. Also passt sich die Gesetzgebung dieser sentimentalen Stimmung an – obwohl es in einer repräsentativen Demokratie gerade nicht die Aufgabe der Politik sein kann, solche Stimmungen bedingungslos 1 zu 1 umzusetzen. Ohne Minderheitenschutz wird eine Demokratie zur Diktatur einer Mehrheit.

Es wird dennoch immer Leute geben, die auf einem rationalen Urteil, auf einer systematischen Analyse bestehen. Doch im Zeitalter der Sentimentalität werden solche Leute als Störenfriede betrachtet. Die Autoritäten sind gut beraten, auf solche Leute gar nicht ein-, sondern achselzuckend oder leicht ironisch über sie hinwegzugehen. Denn heutzutage ist es nicht nur üblich, sentimental zu reagieren, es wird nicht nur toleriert, nein, es ist Pflicht. Wer nicht sentimental reagiert, macht sich verdächtig, eckt an, läuft Gefahr, dass man befremdet auf Distanz zu ihm geht.

Heute ist es nicht mehr unbedingt erforderlich, dass die psychiatrische Autoritäten saloppe Sakkos tragen und Pfeife rauchen. Sie dürfen sogar weiblich sein, vor allem, wenn es um sexuellen Missbrauch geht. Sie müssen sich aber als Beschützer ihrer Patienten gerieren, selbst wenn sie diese gegen ihren Willen behandeln. Hier ist dann zu betonen, dass die Behandlung wider Willen zu ihrem Besten geschehe und dass die Patienten hinterher dafür dankbar seien.

Im Zeitalter der Sentimentalität ist ein Beweis mittels Studien für diese steile These nicht erforderlich. Der Beweis erfolgt durch Behauptung. Dies gilt sogar dann, wenn sich die Autoritäten auf Studien beziehen. Diese dürfen nur allgemein angesprochen werden (“Studien belegen, dass…“), aber niemals identifizierbar zitiert werden.

Das sentimentale Publikum würde dies als Aufforderung verstehen, sich selbst ein Urteil zu bilden, und wäre pikiert. Denn nichts liegt ihm ferner als ein eigenes Urteil. Dem Sentimentalen genügt vollends das Gefühl, mit seinesgleichen, also mit den Guten übereinzustimmen.

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i Dalrymple, T. (2010). Spoilt Rotten. The Toxic Cult of Sentimentality. London: Gibson Square Books

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