Self-handicapping

Salopp formuliert, gleichen die „psychisch Kranken“ Schauspielern, die Irre spielen, von ihrer Rolle aber so durchdrungen sind, dass sie sich selbst ernsthaft und ehrlich für Irre halten. Sie sind keine Simulanten.

Die Frage nach dem Warum ist damit allerdings noch nicht befriedigend geklärt. Darüber kann man nur spekulieren; die Gründe dürften überdies von Fall zu Fall unterschiedlich sein.

Ein Grund allerdings scheint sehr häufig vorhanden zu sein, zumindest sticht er ins Auge, wenn man genauer hinschaut: das Self-handicapping. Es ist der aussichtsreichste Kandidat im Bündel mutmaßlicher Ursachen für die Bereitschaft, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen. Das Self-handicapping soll daher den Abschluss dieser Betrachtungen bilden.

Wer die Erfahrung gemacht hat, dass ihm nichts gelingen will, ganz gleich, wie er sich auch, im Rahmen seiner Kräfte, bemüht und was auch immer er anstellt, um die Verhältnisse zu seinen Gunsten zu formen, der ist geneigt, die Umstände zumindest so zu beeinflussen, dass sie eine möglichst selbstwertschonende Erklärung für das eigene Scheitern plausibel erscheinen lassen. Dieses Verhalten wurde experimentell gründlich erforscht. Man nennt es „Self-handicapping“.

So wurde Versuchspersonen beispielsweise erzählt, sie seien Teilnehmer an einer Medikamentenstudie. Sie hätten die Wahl zwischen einen leistungsfördernden und einem leistungshemmenden Medikament. Wenn Versuchspersonen sicher zu wissen glaubten, dass sie bei der sich anschließenden Aufgabe, unabhängig von der Art des Medikaments, scheitern würden, so bevorzugten sie das leistungshemmende Medikament (Berglas & Jones 1978).

Die Neigung, die Wirklichkeit umzudeuten oder gar vorauseilend zu manipulieren, um die Selbstachtung bei erwartetem Misserfolg zu schützen, ist menschlich-allzumenschlich. Im Falle der so genannten Depression, so könnte man argumentieren, versage die Selbstwertregulation. Misserfolge werden von Depressiven in der Regel als selbst verursacht betrachtet, als Ausdruck einer allgemeinen Unfähigkeit gedeutet und als Bestätigung für dauerhaftes Versagen aufgefasst (Peterson et al. 1995). Solche Einschätzungen führen naturgemäß zu einem geringen Selbstwertgefühl. Doch bei genauerem Hinschauen ergibt sich eine Interpretation, die eine durchaus erfolgreiche Selbstwertregulation auch in diesen Fällen nahelegt.

Der Depressive sieht sich selbst negativer, um sich daran zu hindern, Pläne zu verwirklichen, bei denen er zu scheitern fürchtet, was ggf. ein noch negativeres Selbstbild zur Folge hätte. Durch ein gesenktes Selbstwertgefühl will er also eine noch schlimmere Verringerung seiner Selbstachtung vermeiden, die sich in Folge eigener Aktivität einstellen könnte. Da zieht er sich lieber „depressiv“ in sein Schneckenhaus zurück. Durch die Diagnose einer „psychischen Krankheit“ hat er dann auch noch eine Entschuldigung dafür, hinter seinen Möglichkeiten zurückzubleiben. Weil er so furchtbar depressiv ist, kann er, so will er seine Mitwelt und meist auch sich selbst glauben machen, nicht das leisten, wozu er als Gesunder mühelos imstande wäre. Für die Depression könne er aber nichts, diese sei die Folge eines angeborenen Serotoninmangels bzw. einer schweren Traumatisierung in der Kindheit.

Zwar hat Rolf Degen anhand einschlägiger Forschungen gezeigt, dass die Selbstachtung generell keinen Einfluss darauf hat, welches Geschick uns im Leben widerfahren wird (Degen 2000); Richard Bentall zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild: Bei Menschen, die als „psychisch krank“ eingestuft wurden, spielt das Selbstwertgefühl durchaus eine bedeutsame Rolle (Bentall 2003). Dass die so genannten Depressiven häufig ein niedriges Selbstwertgefühl haben, ist ja offensichtlich, und Forschungen bestätigen (Bentall 2009), dass Wahnvorstellungen die Funktion haben können, ein quälend niedriges Selbstwertgefühl zu erhöhen (indem anderen, beispielsweise den Außerirdischen oder den Illuminaten, die Schuld am eigenen Scheitern gibt).

Während also der „Paranoide“ sein Selbstwertgefühl auf Kosten einer tragfähigen Realitätsorientierung zu steigern versucht, senkt es der „Depressive“, um in der Realität durch Misserfolgsvermeidung noch schlimmere Selbstwerteinbußen zu verhindern. Es wurde oft beobachtet, dass sich „Depressive“ durch eine unterdrückte, passive Feindseligkeit auszeichnen. Der amerikanische Psychiater William Glasser deutet die Depression als unterdrückte Wut (Glasser 1999). Der Betroffene entscheidet sich für die Depression, weil er sich vor den Konsequenzen ausgelebter Wut fürchtet.

Diese Auffassung lässt sich mühelos in die hier gewählte Interpretation der Rolle des Selbstwertgefühls im Ursachenbündel der „Depression“ integrieren. Wie steht einer da, der zum Rasenden wird, damit aber letztlich erfolglos bleibt und sich lächerlich macht? Da ist es doch besser, man hat eine Depression, die einen daran hindert, sich sinnlos auszutoben. Dem Depressiven ist der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach. Der Spatz symbolisiert die Vorteile der Krankenrolle des Depressiven. Die Taube steht für einen möglichen Erfolg aggressiver Selbstbehauptung, der aber als unwahrscheinlich erachtet wird.

Eine „psychische Krankheit“ ist ohne Zweifel ein Handicap. Dieses Handicap eignet sich hervorragend für das Self-handicapping. Erstens ist man als “Erkrankter” nämlich Opfer eines physischen Prozesses oder einer frühkindlichen Traumatisierung, also einer Krankheit bzw. Behinderung, die sich der eigenen Kontrolle (weitgehend) entzieht und zweitens muss man evtl. sogar Medikamente schlucken, deren Nebenwirkungen im Allgemeinen die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Damit lassen sich dann leicht eigene Minderleistungen selbstwertschonend erklären. Diese Strategie vermag aber nur dann das Selbstwertgefühl zu schützen, wenn man selbst daran glaubt, krank zu sein. Zwar beeinträchtigt eine „psychische Krankheit“ ebenfalls das Selbstwertgefühl, aber wenn man gezwungen wäre, die Verantwortung für chronisches Scheitern auf die eigene Kappe zu nehmen, dann hätte dies noch viel desaströsere Folgen für die Selbstachtung.

Zum Glück aber besagt die herrschende Lehre der Psychiatrie, dass „psychische Krankheiten“ Automatismen seien, die sich der Kontrolle durch die Betroffenen (weitgehend) entziehen. Diese Lehre eignet sich, so betrachtet, also hervorragend als Marketing-Instrument, weil sie die potenzielle Kundschaft in Watte packt. Das Versagen ist leichter zu ertragen, wenn man es auf einen Schicksalsschlag, eine Krankheit zurückführen kann. Die Erklärungsalternativen wären ja beispielsweise Faulheit, mangelnde Cleverness, fehlendes Durchhaltevermögen und ähnliche, höchst abwertende Attribute.

Die generelle, zweifellos stark vereinfachte Formel, lautet demgemäß: Durch die Übernahme der Rolle des „psychisch Kranken“ versucht der „Erkrankte“, sich vor einer größeren Einbuße an Selbstachtung, die sich mutmaßlich ohne „Krankheit“ einstellen würde, zu schützen. Er wählt also, wie jeder Mensch, unter den gebotenen Alternativen jene aus, die ihm die beste zu sein scheint. Er mag sich dabei natürlich täuschen, und vielleicht ist die Rolle des „psychisch Kranken“ objektiv ja gar nicht die beste Möglichkeit zur Optimierung der Selbstwertregulation. Doch das spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass der Betroffene glaubt, durch seine „Erkrankung“ weniger unglücklich zu sein als ohne diese. Zwar nötigt ihm die Krankenrolle auf, sich behandeln, aber niemand kann ihn dazu zwingen, sich durch diese Behandlung auch (dauerhaft) „heilen“ zu lassen.

  • Selbstverständlich nagt die Diskriminierung durch die Diagnose „Schizophrenie“ an der Selbstachtung des „Paranoiden“, aber ohne seine Paranoia müsste er sich für sein Versagen im Leben selbst verantwortlich fühlen und könnte die Schuld nicht bösen Verfolgern in die Schuhe schieben.
  • Der „Depressive“ zeigt aller Welt durch sein Verhalten, wie wenig er von sich selber hält, aber ohne seine Depression müsste hinaus ins Leben, mit all seiner aufgestauten Wut, mit der Gefahr des Versagens, verbunden mit einer noch größeren Senkung seines Selbstwertgefühls.
  • Ein Mensch mit einer „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ kann eine Beziehungskrise dadurch bewältigen, dass er den zuvor vergötterten Partner nunmehr verteufelt. Dies wird seine Selbstachtung zwar belasten, denn seine Mitwelt wird ihm wegen dieser willkürlichen Ungerechtigkeit zusetzen. Aber was wäre, wenn er ohne seine „Störung“ dem eigenen Versagen in der Beziehung ins Auge blicken müsste?

Man kann diesen Gedanken anhand aller erdenklichen so genannten psychischen Krankheiten durchdeklinieren; man wird mühelos Strategien erkennen, wie der Betroffene versucht, so viel wie möglich von seinem Selbstwertgefühl zu retten, denn diese Rettung bedeutet weniger Unglück. Es ist nicht erforderlich, dass der Betroffenen seine „Strategie“ bewusst reflektiert und sie nach sorgsamer Erwägung aller Vor- und Nachteile anwendet.

Im Gegenteil: Je weniger er davon weiß, je stärker er davon überzeugt ist, „psychisch krank“ zu sein, desto effektiver ist die Strategie. Es ist wohl nicht allzu weit hergeholt, wenn man die Psychiatrie als Komplizin des Self-handicapping begreift oder sogar als Anstifterin dazu. Denn die (empirisch haltlose, aber dennoch vehement verfochtene) Theorie der biologischen (oder alternativ dazu traumatischen) Ursachen „psychischer Krankheiten“ trägt ebenso zur Selbstentlastung der „Patienten“ bei wie alle wohlmeinenden Bemühungen der Psychiatrie, die Entstigmatisierung „psychischer Krankheiten“ voranzutreiben.

Entstigmatisierung bedeutet im Klartext ja, Bedrohungen des Selbstwertgefühls zu vermindern, die mit dem Spielen der Rolle des „psychisch Kranken“ verbunden sind. Auch diese Bemühungen eignen sich also hervorragend als Bestandteile einer Marketingstrategie. Forscher haben einen Fragebogen zur Messung der Tendenz zum Self-handicapping entwickelt und siehe da: Diese Neigung korreliert hoch mit der Hypochondrie (Smith et al. 1983). Wer hätte das gedacht?

Nun mag man einwenden, dass oben skizzierte Theorie zwar zu erklären vermag, warum Menschen „psychisch krank“ werden, nicht aber, warum sie dieses oder jenes „Syndrom“ entwickeln. Hier handelt es sich im Übrigen um einen Prüfstein für alle Theorien der Ursachen psychischer Krankheiten (mit Ausnahme derjenigen, die meinen, ein Mensch ziehe seine „psychische Krankheit“ in einer Gen-Lotterie). Die Frage der „Krankheitswahl“ wird sich vermutlich, wenn überhaupt, nur von Fall zu Fall beantworten lassen. Nicht immer sind die Zusammenhänge so deutlich wie bei einem Soldaten, der an der Front zum Kriegszitterer wird, weil er so vermeiden kann, beim nächsten Mal wieder zu versagen, wenn es gilt, auf Menschen zu schießen.

Es ist durchaus denkbar, dass die „Symptome“ einer „psychischen Krankheit“ nicht in einer direkten Beziehung zu den Anforderungen stehen, die es zu vermeiden gilt (weil man Misserfolg fürchtet), sondern nur in einer indirekten oder gar symbolischen. Es kann auch sein, dass der Betroffene einen Menschen aus seinem Erfahrungskreis imitiert, der zuvor bereits erfolgreich mit einer bestimmten „psychischen Krankheit“ einer Misserfolgserfahrung ausgewichen ist. Nicht selten dürften die Vorlieben des diagnostizierenden Psychiaters für die Art der „psychischen Krankheit“ verantwortlich sein. Ganz zu schweigen von den Einflüssen der Mode. Ach, wie viele wurden doch “multiple Persönlichkeiten”, als dies gerade en vogue war. Nach der hier vorgetragenen Theorie müsste es eine Tendenz zur Bevorzugung „psychischer Krankheiten“ geben, die mit einer geringeren Stigmatisierung verbunden sind.

Literatur

Bentall, R. P. (2003) Madness Explained: Psychosis and Human Nature London: Penguin Books Ltd

Bentall, R. (2009). Doctoring the mind: is our current treatment of mental illness really any good? New York, NYU Press

Berglas, S. & Jones, E. E. (1978). Drug choice as a self-handicapping strategy in response to noncontingent success. Journal of Personality and Social Psychology, 36, 405 – 417

Degen, R. (2000). Lexikon der Psycho-Irrtümer. Warum der Mensch sich nicht therapieren, erziehen und beeinflussen lässt. Frankfurt/Main: Eichborn Verlag

Glasser, W. (1999). Choice Theory. New York: Harper Perennial

Peterson, C.; Maier, S. F.; Seligman, M. E. P. (1995). Learned Helplessness: A Theory for the Age of Personal Control. New York: Oxford University Press

Smith, T.W., Snyder, C.R., & Perkins, S.C. (1983). The self-serving function of hypochondriacal complaints: Physical symptoms as self-handicapping strategies. Journal of Personality and Social Psychology, 44, 787–797

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