Seelenpolitik

Die „Psychotherapie“ ist heute fest im Griff des medizinischen Systems, auch wenn sie von psychologischen „Psychotherapeuten“ ausgeübt wird. Sie ist eine der beiden Hauptsäulen der Psychiatrie, neben der Behandlung mit Psychopharmaka.

Dies bedeutet, dass ein kontextuelles Modell der „Psychotherapie“ zur Zeit und vermutlich auch auf lange Sicht keine Chance hat. Die „Kirchen“ und die „Sekten“ werden weiterhin das Feld beherrschen, weil die Kräfte des Marktes und der Politik keine Alternativen (oder allenfalls als Randerscheinungen) dulden.1

Unsere Gesellschaft betrachtet

  • Abweichungen von den Normen der Gesellschaft bzw. den Erwartungen der Mitmenschen
  • sofern sie, obwohl nicht kriminell,
  • rätselhaft sind
  • und mehr oder weniger bedrohlich wirken

als ein korrekturbedürftiges medizinisches Problem.

Dies ist keineswegs nur die Folge des psychiatrisch-pharmawirtschaftlichen Marketings, wenngleich dieses auch eine erhebliche Rolle spielt, sondern dies ist der Tatsache geschuldet, dass Menschen im Allgemeinen dazu neigen, die Verantwortung für unangenehme Dinge anderen Leuten zu übertragen.

Wie wir gesehen haben, hat das tatsächliche Geschehen in der „Psychotherapie“ nichts, aber auch gar nichts mit den sonst in der Medizin üblichen Abläufen zu tun. Auch die Rolle und Funktion der „Therapeuten“ lässt sich nicht mit anderen Arbeitsfeldern der Medizin vergleichen.

Aber unsere Gesellschaft hat sich entschieden, dass medizinische Institutionen für die Kontrolle von Normabweichungen, die nicht kriminalisiert werden können, zuständig sein sollen. Seit Jahrzehnten wird der Bereich von Verhaltensmustern, die als medizinisch behandlungsbedürftig betrachtet werden, ständig ausgeweitet (Conrad 20072).

Medizinkritiker behaupten, dies entspräche den Geschäftsinteressen der Pharma-Industrie, die bekanntlich mit Psychopharmaka sehr gute Geschäfte macht. Für diese These spricht die Tatsache, dass die eine Hauptsäule der Psychiatrie, nämlich die Psychopharmaka-Behandlung, gegenüber der zweiten, der psychotherapeutischen Hauptsäule eine immer größere Bedeutung gewinnt. Schwerere Normabweichungen wie beispielsweise die so genannten Schizophrenien oder die diversen Formen der „Depression“ bzw. der „manisch-depressiven Störungen“ werden kaum noch oder höchstens begleitend psychotherapeutisch behandelt.

Kompensatorisch ist natürlich die Psychotherapie bemüht, sich neue Geschäftsfelder zu erschließen: durch Pathologisierung von Verhalten, das zuvor als normal galt. Doch aus meiner Sicht greift diese vordergründige, nur ökonomische Betrachtung zu kurz. Nach meinem Verständnis werden in unserer Gesellschaft immer mehr Verhaltensmuster pathologisiert, weil die moderne Industriezivilisation immer rigidere Verhaltenserwartungen an ihre Bürger stellt, denen immer weniger Mitmenschen gewachsen sind.

Dass die Pharmaindustrie über diese Entwicklung ebenso wenig unglücklich ist wie die Psychiatrie, will ich gern einräumen. Selbstverständlich versuchen diese Kräfte auch, die Entwicklung voranzutreiben. Aber die eigentlichen Ursachen der erwähnten Entwicklung sind nicht im Bereich der ökonomischen Interessen dieser Wirtschaftszweige zu suchen.

Der Hauptgrund ist darin zu sehen, dass der Anpassungsdruck auf die Individuen in immer stärkerem Maße identitätszerstörende Ausmaße annimmt und dass zugleich die identitätswahrenden Faktoren immer stärker abgebaut werden.

Einige Beispiele:

  • Einerseits wandeln sich die beruflichen Anforderungen durch technische und organisationsstrukturelle Neuerungen beständig, gleichzeitig wird die Identifizierung mit den Unternehmen immer schwieriger, weil sie nicht mehr patriarchalisch geführt werden, sondern anonymen Aktionären gehören, die ihre Top-Manager schneller auswechseln als Fußballvereine ihre Trainer.
  • Die Bedeutung des Nationalstaats nimmt beständig ab und die Macht überstaatlicher anonymer Bürokratien fortwährend zu. Dadurch wird die nationale Identität, einst ein Kernbereich der individuellen Identität, geschwächt.3
  • Der Zwang zu häufigen Wohnortswechsel untergräbt die Bindung an die Heimat, die der identitätsprägende Faktor schlechthin ist.

Kurz: Der Anpassungsstress nimmt kontinuierlich zu und der entscheidende Schutzfaktor gegenüber diesem Stress, die eigene Identität wird immer brüchiger.

Dieser Prozess ist eindeutig gesellschaftlicher Natur und er betrifft in mehr oder weniger ausgeprägtem Maß alle Individuen. Der eine ist aufgrund seines Naturells resistenter gegenüber solchen Faktoren als der andere; aber niemanden lässt diese Entwicklung auf Dauer kalt. Und so steigt die Zahl der Menschen, die aufgrund mehr oder weniger skurriler Verhaltensmuster und Erlebnisweisen den Anforderungen ihres Lebens nicht mehr in dem Ausmaß gewachsen sind, das von ihnen erwartet wird.

Angesichts der heute vorherrschenden neo-liberalen Sicht, dass jeder seines Glückes Schmied sei4, liegt es natürlich nahe, die Resultate des beschriebenen Prozesses zu pathologisieren und somit die Ursachen ins Individuum zu verlagern. Stärker noch als die Psychopharmaka-Behandlung ist die so genannte professionelle „Psychotherapie“ ein Garant des Gelingens dieser ideologischen Manipulation. Denn der Psychopharmaka-Patient kann sich sagen, dass etwas mit seinem Gehirn nicht stimme, was durch Medikamente korrigiert werden könne, wohingegen der durch eine Psychodiagnose stigmatisierte Psychotherapie-Patient gehalten ist, nach Ursachen in seiner Persönlichkeit zu suchen, die zu verändern er sich motiviert zeigen müsse – obwohl ihm gleichzeitig suggeriert wird, er leide unter Mechanismen, die sich seiner Kontrolle entzögen und die er nur mit der Hilfe von Experten überwinden könne.

Double Bind vom Feinsten. Verwirrung pur. Jeder Manipulation sind Tür und Tor geöffnet. Mehr nationale Solidarität, mehr Heimatverbundenheit, mehr Familiensinn, mehr Gespräche in der Stammkneipe und mit dem Friseur würden weniger Notwendigkeit zur „Psychotherapie“ bedeuten. Das steht fest. Jeder sollte sich das klarmachen, ganz gleich, wo er politisch steht. Es liegt auf der Hand.

Siehe den Blogeintrag: Mythen der Psychotherapie

2 Conrad, P. (2007). The Medicalisation of Society. On the Transformation of Human Conditions into Treatable Disorders. Baltimore: John Hopkins University Press

Auch wenn ich als konservativer Linker traditionell dem Staat kritisch gegenüberstehe, kann ich die Augen nicht davor verschließen, dass die Nation in Zeiten der Globalisierung einen Funktionswandel erlebt. War sie früher ein imperialistisches Instrument der herrschenden Klasse, sie entwickelt sie sich heute zunehmend zu einem Schutzfaktor der kleinen Leute gegenüber ihrer national entgrenzten Bourgeoisie.

Im philosophischen Sinne ist natürlich tatsächlich jeder seines Glückes Schmied, weil jeder selbst entscheiden kann, wie er auf seine Umwelt reagieren will, übel gelaunt oder trotz allem glücklich. Glück ist eine Entscheidung, wie Descartes einst schrieb, und viele andere vor ihm, beispielsweise Epiktet. Doch im neoliberalen Sinne meint dieser Spruch etwas anderes, nämlich, dass jeder reich und mächtig werden könne, wenn er nur fleißig und smart genug sei. In diesem Sinn ist der Spruch nicht nur falsch, sondern zynisch.

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