Schwarze und weiße Schwäne

Einleitung

Die Psychotherapie sei eine Disziplin zwischen Kunst und Wissenschaft. Dies zumindest behaupten ihre Befürworter. Demgegenüber meinen manche Kritiker, Psychotherapie sei nichts weiter als Quatsch mit wissenschaftlicher Soße. Zwar neige ich eher den Kritikern zu, räume jedoch ein, dass auch Quatsch mit wissenschaftlicher Soße durchaus eine Heilwirkung besitzen kann.

Der folgende Aufsatz beschäftigt sich allerdings nicht mit den künstlerischen oder gar den kulinarischen Aspekten der Psychotherapie, sondern mit der Frage ihrer Wissenschaftlichkeit. Es geht zunächst um diverse Vogelarten. Davon möge sich der Leser aber nicht irritieren lassen. Nach reiflichem Überlegen habe ich mich für den ornithologischen Zugang zu diesem Thema entschieden, weil mir kein anderer Einstieg so viel Gelegenheit einräumen würde, nach Herzenslust zu zwitschern.

Logik der Forschung

Leuten, die nicht allzu viel von Biologie verstehen, fällt zu Konrad Lorenz die Graugans ein. Und wer sich nicht besonders gut in der Philosophie auskennt, denkt bei Karl Popper an den Schwan. Dieser Schwan nämlich wird in populärwissenschaftlichen Darstellungen gern zur Illustration des Grundgedankens der Wissenschaftstheorie Poppers herangezogen, die er in seinem Werk „Die Logik der Forschung“ entfaltete.

Popper ist davon überzeugt, dass man Theorien nicht beweisen könne, sondern widerlegen müsse. Wenn jemand beispielsweise behauptet, dass alle Schwäne weiß seien, dann ist es ihm nicht möglich, dafür auch den Beweis anzutreten. Denn er müsste zu diesem Zweck alle Gegenstände des Universums durchmustern, prüfen, ob es sich dabei um einen Schwan handelt und, wenn ja, ob er auch weiß ist. Dies ist nicht nur aus pragmatischen Gründen undenkbar, sondern aus prinzipiellen. Denn selbst wenn die Zahl der Gegenstände des Universums endlich wäre, so könnten wir dennoch nicht wissen, ob wir auch alle gesichtet haben, weil wir die genaue Zahl nicht kennen.

Es ist aber sehr wohl möglich, die Behauptung, dass alle Schwäne weiß seien, zu widerlegen. Man müsste nur einen Schwan finden, der nicht weiß ist, und schon könnte man die Theorie zu den Akten legen. Wer sich ein wenig in der Vogelwelt auskennt, dem ist ja bekannt, dass es tatsächlich schwarze Schwäne gibt.

Dies scheint also eine einfache und plausible Lösung zu sein, um unter dem Wust von Theorien aufzuräumen. Wenn dabei einzelne Theorien überleben, die sich einfach nicht widerlegen lassen wollen, dann, so könnte man mit vernünftigen Gründen argumentieren, muss an ihnen wohl etwas dran sein. Man wird sie auch in diesem Fall zwar immer noch nicht für bewiesen halten, weil das ja nicht geht, aber aus pragmatischer Sicht darf man sie schon als handfest und als gute Arbeitsgrundlage betrachten.

Allein, nicht nur in der Welt der Geheimdienste, sondern auch im seltsamen Reiche der Wissenschaften ist nichts, nichts, nichts, was es zu sein scheint. Popper sagt zu Recht, dass man Theorien nicht verifizieren könne. Man kann sie nicht beweisen, weil sie auf Allaussagen der Form „Alle Schwäne sind weiß“ beruhen. Man kann nur versuchen, sie anhand von Gegenbeispielen zurückzuweisen. Auf das Gegenbeispiel verweisen wir in Form von Sätzen, die in der Logik als Existenzaussagen bezeichnet werden. Diese haben die Form: „Es gibt mindestens einen Schwan, der nicht weiß ist.“

So weit, so gut. Ein Gegenbeispiel ist leicht gefunden: Petra, der Trauerschwan, Petra also, die kuriose Schwanendame, die sich in Münster in ein Tretboot in Schwanenform verliebte.

Nun muss man allerdings wissen, dass zwischen einer Allaussage und einer Existenzaussage eine logische Asymmetrie besteht. Während man Theorien nicht beweisen kann, sondern falsifizieren muss, ist es bei den Existenzaussagen genau umgekehrt. Man kann sie nicht widerlegen. Wie wollte man auch die Behauptung widerlegen: „Es gibt mindestens ein Einhorn?“ Auch hier müsste man das ganze Universum durchmustern und schauen, ob nicht vielleicht doch unter den ungezählten Gegenständen, die es ausfüllen, ein Einhorn zu finden ist.

Daher muss man Existenzsätze beweisen. Im Gegensatz zu Allaussagen, die man nicht verifizieren kann. Um einen Existenzsatz zu beweisen, muss man das angeblich Existierende präsentieren. Wo ist das Problem? Petra ist ein Schwan, Petra ist schwarz. Schwarz ist nicht weiß. Sonst noch Fragen?

Ja, doch. Habe ich. Woher weiß man denn, dass Petra überhaupt ein Schwan ist. Schwarz, o. k., darüber kann man sich kaum streiten. Aber ist es nicht ein wenig unüblich für Schwäne, sich in Tretboote zu verlieben, die zudem auch noch weiß sind? Könnte es nicht sein, dass Petra nur so aussieht wie ein Schwan, in Wirklichkeit aber einer ganz anderen Tierart angehört oder gar der Familie der Tretboote zuzurechnen ist?

Es wäre also zu beweisen, dass Petra alle Merkmale besitzt, die Schwäne auszeichnen und zugleich kein Attribut aufweist, das eine Zugehörigkeit zu dieser Tierart ausschließt.

Psychotherapie-Forschung: Suche nach dem schwarzen Schwan

Im Reich der Schwäne mag die Argumentation, die in diesem Falle zu entfalten und zu erhärten ist, vergleichsweise überschaubar sein. Da ich kein Biologe bin, kann ich dies allerdings nicht beurteilen und will dies auch nicht weiter verfolgen. Wenden wir uns also einem anderen Vogel zu, dem Dodo.

Der Dodo ist inzwischen ausgestorben, und es gibt auch nicht allzu viel über ihn zu sagen, außer vielleicht, dass er in „Alice im Wunderland“ eine Nebenrolle einnimmt und in der Psychotherapieforschung inzwischen eine tragende Rolle spielt. Er ist nämlich der Namensgeber des so genannten „Dodo-Bird-Verdict“. In „Alice im Wunderland“ regt er einen Wettkampf an. Dieser findet statt, aber niemand kümmert sich darum, wer was unter welchen Bedingungen tatsächlich leistet. Als Dodo schlussendlich gebeten wird, den Sieger zu bestimmen, sagt er: Alle haben gewonnen und alle müssen Preise bekommen.

Das Dodo-Bird-Verdict lautet in knapper Form, dass alle Psychotherapien gleich effektiv sind. Man erzielt mit ihnen durchaus positive Ergebnisse, aber keine ist den anderen überlegen. Dodo ist also, erkenntnistheoretisch betrachtet, ein weißer Schwan. Alle psychotherapeutischen Methoden sind gleich viel wert.

Der schwarze Schwan wäre also ein Experiment, das eine andere Sprache spricht. Die entsprechende Existenzaussage lautet also: „Es gibt mindestens ein Experiment, dass die Überlegenheit einer psychotherapeutischen Methode gegenüber anderen belegt.“

Hin und wieder wird behauptet, man hätte den psychotherapeutischen schwarzen Schwan entdeckt und damit Dodo Lügen gestraft. Zwar bestätigt die große Masse der Untersuchungen das „Dodo-Bird-Verdict“1, aber dies ficht die Anhänger der Trauerschwan-Therapie natürlich nicht an.

Sie verweisen stolz auf ihr Therapie-Experiment und dessen Befunde. Sie sagen: „Ja, es existiert mindestens ein Experiment, in dem sich die Überlegenheit der Methode A gegenüber allen anderen herausgestellt hat. Es falsifiziert die Nullhypothese, das Dodo-Bird-Verdict.“

Gut. Das ist eine Existenzaussage und wir wissen inzwischen, dass sie verifiziert werden muss. Ist das tatsächlich ein Schwan und ist er tatsächlich schwarz?

Nehmen wir als Beispiel ein Experiment (E), dass mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 5 Prozent (das übliche Signifikanzniveau) zeigte, dass die Experimentalgruppe (Methode A) besser abschnitt als die Kontrollgruppen (B und C).

  • Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Wenn auf einem Signifikanzniveau von 5 Prozent getestet wurde, dann bedeutet dies, dass in zwanzig Experimenten dieser Art mit einem signifikanten Ergebnis gerechnet werden muss, auch wenn die Methode A in Wirklichkeit gar nicht überlegen ist. Um zu beweisen, dass es sich hier um einen schwarzen Schwan handelt, müsste E also mehrmals mit positiven Ergebnissen wiederholt werden (Replikation).
  • Anders als im realen Leben sind die weißen Schwäne in der Wissenschaft scheue Vögel. Experimente ohne signifikantes Ergebnis landen gern in der Schublade, wohingegen die Erfolge publiziert und mit Pressemeldungen beworben werden. Es könnte also sein, dass 19 weitere Experimente mit nicht-signifikantem Ergebnis, die E weitgehend entsprachen, unterdrückt wurden und E, obwohl in Wirklichkeit nur irrtümlich signifikant, als Beweis für die Überlegenheit von Methode A herhalten soll.
  • Fledermäuse. Die Anwendung eines Signifikanztests setzt voraus, dass die Versuchspersonen zufällig aus einer Grundgesamtheit ausgesucht und ebenso zufällig auf die Versuchsbedingungen verteilt wurden. Wenn dies nicht erfolgt ist, so lässt sich ja nicht ausschließen, dass mit der Methode A nur die leichten Fälle, mit den anderen Methoden aber die harten Nüsse behandelt wurden. Dann aber wäre die „Überlegenheit“ der Methode A nichts weiter als heiße Luft. Der schwarze Schwan wäre in Wirklichkeit also ein falscher Vogel.
  • Singvögel und Vampire. Es gibt Menschen – meine Güte, die haben eine Ausstrahlung. Man muss sie nur um sich haben, dann geht’s einem gleich besser. Ich will sie Singvögel nennen. Aber hin und wieder gerät man auch in die Fänge eines Vampirs, der einem die letzte Lebensenergie aussaugt. Nun könnte es ja durchaus sein, dass in E die Methode A von Singvögeln praktiziert wurde, die anderen aber von Vampiren. Kein Wunder also, dass sich die Methode A als überlegen auswies. Allein, diese Überlegenheit ist in Wirklichkeit nicht dem Verfahren zuzuschreiben, sondern dem Singvogel-Therapeuten, der im Vergleich mit einem Behandlungs-Vampir natürlich leichtes Spiel hatte.

Psychotherapie: Unter Geiern

Man könnte die Liste der Kritikpunkte noch erheblich verlängern. Solche Fragen zu klären, ist eine Denksportaufgabe, der sich seriöse Wissenschaftler gern unterziehen. Das ist eine schweißtreibende Übung. Wenn Sie, lieber Leser, keine Spuren dieses Schweißes in wissenschaftlichen Publikationen zur Psychotherapie zu entdecken vermögen, dann sind Zweifel an der Seriosität der Autoren nicht nur berechtigt, sondern unbedingt geboten.

Denn es ist auch in der Wissenschaft überall da, wo es um Geld und Macht geht, nicht besonders gut bestellt um die Moral in unseren Zeiten. Bekanntlich hackt ja auch eine Krähe der anderen kein Auge aus; und die Neigung, sich mit Kritik an der Arbeit von Kollegen zurückzuhalten, ist vor allem dann weit verbreitet, wenn man gemeinsam Geld scheffelt. Und, weiß Gott, im psychiatrischen Bereich sehen Sie überall die Trupps mit ihren Schaufeln am Werke.

Mir ist schon bewusst, dass man die Psychotherapie nicht mit Schwänen vergleichen kann. Die Psychotherapie, so heißt es, sei eine subtile zwischenmenschliche Begegnung mit feinstofflichen Wirkungen und Statistiken seien wenig hilfreich zur sinnvollen Einschätzung ihrer Leistungsfähigkeit. Dies mag sein oder auch nicht; für derartige Geisteswelten fühle ich mich nicht zuständig.

Doch wenn man sich entschließt, mit Statistiken Marketing für Psychotherapie zu betreiben, dann muss man sich auch an den wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Maßstäben sowie an den Kriterien der experimentellen Versuchsplanung und Inferenzstatistik messen lassen.

Gegen Ende seines Lebens gelangte Sigmund Freud zu der Erkenntnis, dass seine Form der Psychotherapie, die Psychoanalyse nicht mit den Erfolgen des Wallfahrtsortes Lourdes schritthalten könne, da einfach weniger Menschen an das Unbewusste glaubten als an die Mutter Gottes.2

Das Dodo-Bird-Verdict ist nicht bewiesen, weil man eben nicht beweisen kann, dass alle Schwäne weiß sind, aber es spricht doch viel dafür, dass es zutrifft, dass alle nur mit Wasser kochen und dass, wie Freud scharfsinnig erkannte, der Glaube eine große Rolle spielt.

Kurz: Die Wirkungen der Psychotherapie sind real, und sie sind real dank des Placeboeffekts. Diesen Effekt kann aber auch Quatsch mit wissenschaftlicher Soße auslösen.

Wampold, B. E. (2001). The Great Psychotherapy Debate. Models, Methods, and Findings. Mahwah, N. J. & London, Lawrence Erlbaum Ass, Pub.

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