Scheren im Kopf

Wenn der Zwang zum Einsatz der geistigen Muskeln die Leistungsfähigkeit fördert, so müsste der durchschnittliche Deutsche in diesen Zeiten deutlich intelligenter werden. Denn sein mentaler Apparat muss in der Tat Schwerstarbeit leisten.

Krakengleich muss er eine Vielzahl von Scheren in seinem Kopf einsetzen, vom ersten Öffnen seiner Augenlider am Morgen, bis sie ihm schließlich spät in der Nacht zufallen. Mit diesen Werkzeugen muss er seine Gedanken zurechtschneiden, wenn er seinen Ruf als wohlmeinender Bürger nicht verspielen will. Um nicht anzuecken oder sich gar das Etikett eines Nazis einzuhandeln, muss er virtuos wie ein Schneider die gekreuzten Klingen unermüdlich sausen lassen.

Er braucht eine Schere für Muslime, eine für Juden, eine weitere für Schwarze, dann eine für Homosexuelle, für Frauen, für die AfD usw. usf. Die Anforderungen an die Selbstzensur sind enorm gestiegen, insbesondere seitdem vermehrt Flüchtlinge ins Land kommen und die AfD an Stärke zunimmt.

Im Allgemeinen ist der Mensch ein geistiger Faulpelz und ruht sich gern in der emotionalen Hängematte aus. Doch aus dieser wird er momentan regelhaft vertrieben, immer dann nämlich, wenn Konflikte bei der Arbeit mit den Scheren sich allein auf der Gefühlsebene nicht lösen lassen.  So sind z. B. die Muslime gut und die Juden auch. Was aber ist, wenn antisemitische Muslime und islamophobe Juden aufeinanderprallen. Gefühlsmäßig läuft da gar nichts. Da muss man schon nachdenken.

Wenn er muss, kann der Mensch eine erstaunlich ausgeprägte kognitive Last verkraften. Aber, liebe Hüter der politischen Korrektheit, man darf den Bogen auch nicht überspannen. Irgendwann einmal wird aus der zumutbaren „cognitive load“ die „mental overload“ mit unberechenbaren Konsequenzen.

Eine vorhersagbare Folge der mentalen Überlastung – dies sei vorab erwähnt – ist allerdings die Intelligenzminderung. Der mentale Apparat fährt das allgemeine geistige Niveau herunter, um der Überzahl von Aufgaben noch halbwegs gerecht zu werden. Die eingangs erwähnte Hypothese der Intelligenzsteigerung bedarf also einer Relativierung. Doch das nur am Rande.

Es ist damit zu rechnen, dass manche, die sich vom politisch Korrekten überfordert fühlen, einfach wieder authentisch werden, also sagen und schreiben, was sie wirklich denken. Möglicherweise finden sie wieder zur Spontaneität zurück, als wären sie zum Biertisch früherer Zeiten regrediert. Nicht auszudenken. Ein zivilisierter Mensch hält sich schließlich mit seinen Äußerungen zurück, um keine vermeidbaren Konflikte heraufzubeschwören.

Wenn eine wachsende Zahl von Leuten, die sich noch an politische Korrektheit gebunden fühlt, durch Überlastung zunehmend verunsichert wird, so könnten die hemdsärmelig Unkorrekten davon profitieren, weil ihnen klammheimliche Sympathien zufliegen. Sie würden dann in öffentlichen Debatten an Einfluss gewinnen, was den Gralshütern des wohlmeinenden Denkens sicher nicht recht sein kann.

Die augenblicklichen Verhältnisse in den sozialen Netzwerken zeigen, dass meine Spekulationen über mentale Überlastung keineswegs nur aus der Luft gegriffen sind. Während die einen wild mit ihren Scheren fuchteln wie ein durchgeknalltes Schneiderlein, benutzen die anderen sie, um genüsslich den Schmutz unter ihren Zehennägeln zu entfernen.

Dass Selbstzensur ihre Grenzen hat, haben nunmehr auch unsere Oberen erkannt und ein Gesetz erlassen, das den sachgerechten Gebrauch der Scheren im Kopf nachhaltig fördern soll. Man darf gespannt sein, welche Wirkungen es zeitigt. Wenn meine Theorie zur mentalen Überlastung zutrifft, so darf man wachsende Denunziation auf der einen und zunehmende Cleverness auf der anderen Seite erwarten. Dies liegt daran, dass die Intelligenz der einen durch die Scherentätigkeit eingeschränkt und die der anderen durch Verzicht auf sie freigesetzt wurde.

Als in einem Teil unseres Landes noch Erich Honecker herrschte, da wachte dort die Staatssicherheit über das politisch korrekte Denken. Der Erfolg war mäßig. Allerdings haben die Menschen bisher noch nie aus der Geschichte gelernt. Warum sollte es nun anders sein? Ob eine Teilprivatisierung der Staatssicherheit die bahnbrechende Innovation ist, darf mit Fug bezweifelt werden.

Man kann allerdings auch zivilisiert sein, ohne sich den Zwang des politisch Korrekten anzutun. Diese Weise der Zivilisation hätte sogar den Vorteil, dass sie mit den Erfordernissen einer demokratischen Gesellschaft in Einklang stünde. Der mündige Bürger, ohne den diese Staatsform nicht funktionieren kann, hat den Mut, sich seines Verstandes ohne Anleitung durch andere zu bedienen.

Ein Gedanke zu „Scheren im Kopf“

  1. Sehr geehrter Herr Gresch,

    es gibt mehrere Gründe, warum ich von „Political Correctness“ nichts halte:
    a) Konflikte z. B. von Werten und Interessen werden unter den Teppich gekehrt, anstatt offen diskutieren und tragfähige Kompromisse zu finden.
    b) eine bestimmte elitäre Gruppe schreibt dem Bürger Sprache und Denken vor, um Kontrolle auszuüben.
    c) Diejenigen, die diese politische Korrektheit (be)fördern, entstammen der 68er Protestgeneration, die heute mehrheitlich den rechtskonservativen Flügel zuzurechnen ist und dem wirtschaftlichen Establishment dient. Somit steht m. M. nach das ganze Prozedere nicht für eine humane und emanzipatorische Gesellschaft!
    Eine offene Gesellschaft geht offen mit politischen Ängsten um und sucht für das Volk gerechte und tragfähige Lösungen. Und geht dabei den auftretenden Konflikten nicht aus dem Weg.

    MfG

    Silvia B.

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