Scheinlösungen

Es gibt zahllose Befunde, die einen engen Zusammenhang zwischen sozialen bzw. ökonomischen Schieflagen und den so genannten psychischen Krankheiten belegen, wohingegen Nachweise für einen Zusammenhang zwischen psychischen Krankheiten und gestörten Hirnprozessen oder genetischen Faktoren spärlich und methodisch meist fragwürdig sind. Dennoch behandelt die biologische Psychiatrie letztere als erst- und erstgenannte als zweitrangig, sofern sie überhaupt beachtet werden.

Kritiker sprechen von einer Überkleisterung sozio-ökonomischer Probleme durch eine medikamentöse Therapie, die Betroffene bestenfalls gleichgültig und emotional stumpf macht. Dies mag helfen, insofern es die passive Anpassung an gesellschaftliche Verhältnisse erleichtert; eine echte Lösung ist dies dennoch nicht.

Psychotherapien, die nach dem medizinischen Modell Worte wie Pillen verabreichen, an die sozialökonomischen Schwierigkeiten aber nicht rühren, sind gleichermaßen keine echte Lösung von Lebensproblemen.

Manche räumen ein, dass Psychopharmaka langfristig zwar mehr schadeten als nutzten, unterstellen aber, dass sie kurzfristig ein wahrer Segen sein könnten. Auf einer oberflächlichen Ebene betrachtet, auf der sich auch die Befürworter des mäßigen Alkoholkonsums bewegen, mag dies durchaus zutreffen. Schaut man genauer hin, so erkennt man dennoch darin eine Strategie des Ausweichens vor grundlegenden Problemlösungen. Eine gemobbte Sekretärin beispielsweise, die, wenn’s wirklich nicht mehr anders geht, gelegentlich und kurzfristig ein Beruhigungsmittel oder dauerhaft ein Antidepressivum nimmt, wird dadurch vielleicht befähigt, an ihrem Arbeitsplatz auszuharren. Dass dies aber eine wünschenswerte Problemlösung sei, mag bezweifelt werden.

Aus Sicht der biologischen Psychiatrie sind psychische Störungen Hirnerkrankungen ohne sozialen Sinn. Stress mag als Auslöser eine Rolle spielen, gesunde Leute aber seien dem Stress des Lebens gewachsen; nur die biologisch Vorgeschädigten kämen damit nicht zurecht. Aus dieser Sicht handelt die oben erwähnte Sekretärin natürlich vernünftig. Die Geschäftsleitung ihres Unternehmens wird dies sicher recht sein, denn es enthebt sie der Notwendigkeit, gegen das Mobbing vorzugehen; man kann sich also Ärger ersparen.

Wer aber die Entwicklung der gesamten Gesellschaft im Auge hat, kann solche Vorgänge nicht als akzeptabel betrachten. In allen Industriestaaten hat sich der Konsum von Psychopharmaka zu einer gesellschaftlich akzeptierten Gewohnheit entwickelt. Das führt dazu, dass soziale und ökonomische Probleme viel eher hingenommen werden. Der Politik scheint dies zu gefallen; dies könnte man zumindest aus der Tatsache schließen, dass sie nichts Einschneidendes dagegen unternimmt.

Psychopharmaka sind also nicht nur ein chemisches, sondern auch ein politisches Gift. Manche meinen, sie seien dennoch ein notwendiges Übel, denn so schnell, wie manche Leute Hilfe brauchten, könne man die Gesellschaft nicht ändern. Auch wenn Psychopharmaka nicht das „Gelbe vom Ei“ seien, so sei der grundsätzliche Verzicht darauf dies noch viel, viel weniger. Mitunter müsse man, zähneknirschend, den Teufel mit Beelzebub austreiben. Es dürfte nur wenige Menschen geben, die einer solchen Sicht nicht spontan zustimmen. An solcher Spontaneität ist nichts auszusetzen, solange sie nicht späteres Nachdenken verhindert.

Man kann Psychopharmaka am besten mit Alkohol und anderen Rauschmitteln vergleichen. Sie machen es unter Umständen und vorübergehend leichter, ein Problem zu ertragen; aber der Preis dafür kann sehr hoch sein und er steht in der Regel in keinem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen bei langfristiger Einnahme.

Es ist, bei aller Kritik an Psychiatrie und Big Pharma, nachvollziehbar und akzeptabel, wenn Menschen in für sie schwierigen Situationen Psychopharmaka nehmen – oder beispielsweise Alkohol als „Sorgenbrecher“ einsetzen. Dennoch wären sie klüger beraten, nach anderen Lösungen Ausschau zu halten, die es nämlich fast immer gibt.

Schwierigkeiten auszuhalten und seelisches Leiden zu erdulden, so heißt es, sei nicht jedermanns Sache. Da Schwierigkeiten und seelisches Leiden jedoch zum Leben gehören, sei jedermann zu raten, dies zu seiner Sache zu machen. Man wird niemals ein guter Sportler, Musiker, Kleingärtner oder was auch immer, wenn man nicht lernt, Frust zu ertragen. Dies gilt für das Leben insgesamt. Manche, die Dopingmittel nehmen, werden Stars und verdienen viel Geld. Bei den allermeisten aber führen Dopingmittel nur zu gesundheitlichen Schäden und sonst zu nichts Gutem. Dieser Gedanke lässt sich durchaus auch auf Psychopharmaka übertragen.

Psychopharmaka sind so beliebt, weil

  • sie eine Bewältigung seelischen Leides auf Knopfdruck versprechen, die angeblich sofort oder mit einer tolerierbaren Verzögerung eintritt
  • sie eine Überwindung psychischer Probleme verheißen, die sich auch ohne Eigenleistung einstellt
  • ihr Erfolg scheinbar nicht von einer Auseinandersetzung mit sich selbst abhängt
  • ihr Erfolg keine Änderung des Umfelds der Betroffenen erforderlich macht.

Sie wären noch viel beliebter, wenn sie nicht,

  • häufig mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden wären
  • schwerwiegende gesundheitliche Schäden verursachen und
  • evtl. Abhängigkeiten auslösen könnten.

Obwohl ihre Einnahme also mit teilweise erheblichen Risiken verbunden ist, erfreuen sie sich wachsender Beliebtheit, aufgrund ihrer Alleinstellungsmerkmale: Sie wirken angeblich schnell und mühelos. Im Gegensatz zum Alkohol oder gar den illegalen Drogen, die diese „Unique Selling Propositions“ ebenfalls besitzen, sind die Psychopharmaka, bei halbwegs bestimmungsgemäßem Gebrauch und ärztlicher Verschreibung, nicht mit krasser Missbilligung oder Sanktionen verbunden.

Sie wären, trotz der Risiken, sicher noch viel beliebter, wenn sie den Verheißungen auch immer entsprächen, wenn sie tatsächlich stets schnell und mühelos wirken würden, doch leider lindern sie das Unglücklichsein ihrer Konsumenten oftmals nur unzulänglich oder gar nicht.

Dennoch verbessern sie den seelischen Zustand einer, als nicht gering zu veranschlagenden, Menge von Leuten, sei es aufgrund des Placebo-Effekts oder zusätzlich in Folge ihrer realen pharmakologischen Wirkungen.

Obwohl Psychopharmaka im Feld der Bewusstseinskontrolle so beliebt sind wie sonst nur noch der Alkohol, gibt es natürlich auch Leute, die diese Substanzen ausgesprochen geringschätzen. Viele von ihnen schwören auf Psychotherapie, und zwar oft so sehr, dass sie keine Gelegenheit verstreichen lassen, sich einer solchen zu unterziehen. Sie werden von den Anbietern dieser Dienstleistungen mit dem entsprechenden ideologischen Rüstzeug ausgestattet. Nur wer an sich arbeite, so heißt es, könne seine Probleme dauerhaft lösen.

Doch diese Verächter stellen nur eine kleine Minderheit dar. Die meisten Leute, die beim Arzt wegen einer psychiatrischen Diagnose vorstellig werden, wollen und bekommen Psychopharmaka, mitunter auch zusätzlich zur Psychotherapie. Ihre Zahl steigt beständig, insbesondere seit Einführung der Hartz-4-Gesetzgebung (Franke 20101). Die schnelle und mühelose Lösung auf Knopfdruck ist gefragter denn je in einer Welt, in der man kaum noch Chancen sieht, seine Lebenssituation aus eigener Kraft zu seinen Gunsten umzugestalten.

Psychopharmaka werden als Medikamente für „psychische Krankheiten“ verkauft, aber die einzige gesicherte Wirkung einiger dieser Präparate ist eine Beeinflussung des Bewusstseins. Das Bewusstsein beeinflussen auch andere Substanzen, wie z. B. der Alkohol, die man wohl kaum als Medikamente zur Behandlung von Krankheiten bezeichnen würde. Die Unterscheidung zwischen Psychopharmaka und Drogen ist willkürlich. Dafür gibt es keine nachvollziehbaren medizinischen oder pharmakologischen Gründe.

Auch auf der Ebene des Konsums ist kein substanzieller Unterschied festzustellen. Dies zeigt sich nicht etwa nur bei der so genannten Medikamentenabhängigkeit, bei der – unter den Psychopharmaka – überwiegend Schlaf- und Beruhigungsmittel eine Rolle spielen. Dies gilt für alle Psychopharmaka. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie wegen des Versprechens einer schnellen und mühelosen Knopfdrucklösung genommen werden. Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Oder Psychopharmaka.

Franke, N. (2010). Verschreibungen von Antidepressiva nehmen zu. Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 21

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