Rollenspiele

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass es „psychisch Kranke“ tatsächlich gibt.

  • Jedenfalls war die Psychiatrie bisher noch nicht in der Lage, irgendeinen Hirnprozess als Ursache der so genannten psychischen Krankheiten zu identifizieren; sie konnte generell nicht demonstrieren, dass den angeblichen Symptomen irgendetwas Pathologisches in der Realität entspricht, das unabhängig von diesen „Symptomen“ festgestellt werden kann.
  • Zwar liegt eine Fülle empirischer Studien vor, die einen Zusammenhang zwischen psychiatrischen Diagnosen und Umweltfaktoren belegen. Prozesse in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz etc. scheinen eine Rolle zu spielen.i Doch erstens sind diese Zusammenhänge in aller Regel nicht sehr stark ausgeprägt und zweitens handelt es sich dabei überwiegend um Korrelationsstatistiken, die nicht kausal interpretiert werden können.
  • Im Grunde genügt die Alltagserfahrung, um zu erkennen, dass manche Leute aus miserablen Verhältnissen keine Phänomene ausprägen, die von der Psychiatrie üblicherweise als „Symptome einer psychischen Krankheit“ gedeutet werden und dass andere Menschen aus augenscheinlich halbwegs unauffälligen sozialen Umfeldern hochgradig gestört wirken.
  • Auch wenn wir Menschen nicht gern auf Erklärungen für relevante Phänomene in unserer Alltagswelt verzichten, müssen wir doch einräumen, dass die so genannten psychischen Krankheiten ein Rätsel sind. Wir wissen nicht, warum ein Mensch die Rolle des „psychisch Kranken“ spielt.
  • Spielt er sie, weil er vor den Belastungen des Alltags in die Krankheit flüchtet? Spielt er sie, weil er den Ärzten vertraut, die ihm eine entsprechende Diagnose gegeben haben? Spielt er sie, weil er nicht gelernt hat, Lebensprobleme in konstruktiver Weise zu lösen? Es mag für all diese und ähnliche Fragen Antworten geben, die sich plausibel begründen lassen. Aber es könnte immer auch anders sein. Wir wissen es einfach nicht. Es ist ein Rätsel, warum manche Menschen die Rolle des „psychisch Kranken“ übernehmen. Zwar entstehen diese Verhaltensmuster in einem sozialen Kontext, ergeben in ihm Sinn, werden durch ihn aufrecht erhalten, doch letztlich reichen all diese Einflussgrößen zur Erklärung des Einzelfalls nicht aus.
  • Es darf aber, angesichts des Forschungsstandes, bezweifelt werden, dass irgendein Mechanismus im Gehirn des Betroffenen ihn dazu zwingt. Ebenso wenig lassen ihm Umweltfaktoren keine andere Wahl. Selbst wenn man einräumt, dass Prozesse in seinem Gehirn und / oder Einflüsse aus seiner Umwelt ihm diese Rolle aufdrängen könnten, so gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass den Betroffenen tatsächlich nichts anderes übrig bliebe, als die Rolle des „psychisch Kranken“ zu spielen.
  • Alle bekannten Tatsachen sprechen dafür, dass Menschen eine Wahl haben. Sie können sich für oder gegen die Rolle des „psychisch Kranken“ entscheiden.ii Keine bekannte Tatsache spricht dagegen, dass sich Menschen frei entscheiden können. Entgegen anders lautenden Gerüchten belegen auch die Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften nicht, dass menschliches Verhalten vollständig determiniert ist.iii

Bis zum Beweis des Gegenteils setze ich also voraus, dass sich Menschen aus freiem Willen dazu entscheiden, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen. Dieser These widersprechen die Zwangsdiagnostizierten nicht, die entsprechende Diagnosen weit von sich weisen, denn sie übernehmen diese Rolle ja nicht, allenfalls zum Schein. Vermutlich spielen Menschen die Rolle des „psychisch Kranken“, weil sie dies für die beste aller Möglichkeiten halten, unter denen sie in ihrer gegebenen Situation wählen können.

Dabei muss man keine einzelne, große, bewusste und sorgsam reflektierte Entscheidung zur „psychischen Krankheit“ unterstellen. In aller Regel dürfte es sich um eine Vielzahl kleiner, für sich genommen unbedeutender Entscheidungen handeln, die erst in der Summe, oft unerwartet, dazu führen, dass sich jemand gleichsam in der Rolle des „psychisch Kranken“ wiederfindet. Er behält sie dann bei, weil sie, unterm Strich, mehr Vor- als Nachteile, im Vergleich zu allen realistischen Alternativen, zu bieten scheint.

Zwar werden „psychisch Kranke“ immer noch stigmatisiert, aber die Marketingmaschinen der Psychiatrie und der Pharmaindustrie versuchen, mit zunehmendem Erfolg, es den dazu geneigten Menschen leicht zu machen, diesen Entscheidungsweg dennoch zu beschreiten. Um Missverständnissen vorzubeugen, weise ich entschieden darauf hin, dass ich hier keine Schuldfragen thematisiere. „Psychisch Kranke“ sind nicht prinzipiell selbst schuld an ihrem Schicksal, weil sie sich dazu entschieden haben, diese Rolle zu übernehmen. Ein Mensch, der beispielsweise an einem gesundheitsschädlichen Arbeitsplatz tätig ist, weil er keinen anderen findet und eine Familie zu ernähren hat, ist ja auch nicht selbst schuld, wenn er sich er eine entsprechende Krankheit zuzieht.

Mir ist bewusst, dass besonders Leute mit einschlägigen Interessen versuchen, meine Texte im Sinne eines Beschuldigens „psychisch Kranker“ zu verdrehen. Dennoch kann ich an meiner Position keine Abstriche machen, um sie für den Alltagsverstand eingängiger zu gestalten. Die Dinge sind, wie sie sind.

Es mag mitunter durchaus das Beste sein, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen. Manch einer, der, aufgrund der Besonderheiten seines Naturells, den Belastungen, die mit der kapitalistischen Arbeitswelt bzw. der Arbeitslosenverwaltung verbunden sind, nicht gewachsen ist, mag als „psychisch Kranker“ Frührentner die beste aller realisierbaren Möglichkeiten gefunden haben. Dennoch ist er nicht gezwungen, diese Rolle zu spielen.

Da ich bezweifele, dass es „psychisch Kranke“ gibt, neige ich dazu, entsprechend Diagnostizierte als normale Menschen zu betrachten. Normale Menschen können sich frei entscheiden. Sie können sich natürlich nur frei zwischen Alternativen entscheiden, die sich ihnen real bieten. In Wirklichkeit stellt sich den meisten Leuten die Frage nicht, ob sie gern Millionär werden oder lieber Empfänger von Einkünften bleiben möchten, die gerade so zum Leben reichen. Daraus folgt aber nicht, dass ihre Entscheidungsfreiheit eingeengt wäre. Entscheidungsfreiheit heißt, dass man zwischen Alternativen wählen kann; dies setzt aber nicht zwingend voraus, dass man auch wählen kann, um welche Alternativen es sich dabei handelt.

Entscheidungen sind innere Prozesse. Sie finden in der Innenwelt statt. Zu dieser hat nur einer Zutritt und in dieser hat nur einer das Sagen; nämlich der Entscheider selbst. Wer sich dazu entschieden hat, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen, steht vor dem Problem, seinen Mitmenschen diesen Zustand zu erklären. Man kann sich zum medizinischen Modell bekennen und sich als Opfer gestörter Hirnprozesse betrachten. Man kann sich einer sozialwissenschaftlichen Interpretation verschreiben und die Eltern, die Lehrer, die Vorgesetzten, die Kollegen oder Traumatisierungen als verantwortlich bezeichnen.

Derartige Erklärungen, so plausibel sie auch immer klingen mögen, haben einen entscheidenden Nachteil: Sie lassen sich nicht beweisen. Ganz gleich, wie „psychisch Kranke“ ihre „Krankheit“ erklären: Es wird sie vor Stigmatisierung nicht bewahren. Die Rolle des „psychisch Kranken“ und deren Stigmatisierung sind zwei Seiten einer Medaille. Stigmatisierung steht auf der Rechnung, die man für die Übernahme der Rolle präsentiert bekommt. Sie ist gleichsam ein „Krankheitssymptom“. Soziale Verachtung schlägt dem entgegen, der doch letztlich irgendwo nur den Arsch über Wasser halten wollte.

Doch leider, nur zu oft sogar, ist dieses Motiv, den Arsch über Wasser zu halten, so rein und hehr, wie man’s gern hätte, auch wieder nicht.

Alfred Adler schreibt:

„Wir haben gezeigt, wie gerade die übergroße Entwicklung des Ehrgeizes und der Eitelkeit das ordnungsgemäße Fortschreiten des Einzelnen hindert, die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls drosselt, ja unmöglich macht, wie sie regelmäßig in einer die menschliche Gemeinschaft störenden Weise eingreift, gleichzeitig aber auch den Einzelnen und sein Streben zum Scheitern bringt.“iv

Dies zitiere ich nicht, um ein weiteres Erklärungsmodell für „psychische Krankheiten“ zu präsentieren, sondern ich überlasse es dem Leser, über den Einfluss vom Ehrgeiz und Eitelkeit im Leben anderer Leute oder gar im eigenen zu meditieren.

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Bentall, R. P. (2003) Madness Explained: Psychosis and Human Nature. London: Penguin Books Ltd.; Bentall, R. (2009). Doctoring the mind: is our current treatment of mental illness really any good? New York, NYU Press

ii Glasser, W. (1999). Choice Theory. New York: Harper Perennial

iii Tse, P. U. (2013). The Neural Basis of Free Will: Criterial Causation. Cambridge: MIT Press

iv Adler, A. (1927, 1993). Menschenkenntnis. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag

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