Religionsunterricht und die Alternative

Religionsunterricht in der Schule ist bei uns Tradition. Traditionen soll man nicht ohne Not ändern. Wenn Kinder gern Religionsunterricht hätten, sollen sie ihn meinetwegen auch besuchen dürfen. Freiwilligkeit ist natürlich Pflicht – bei Dingen, die im ungünstigsten Fall der geistigen Gesundheit schaden könnten. Die Gefahr ist allerdings nicht allzu groß, wenn Religion, wie in aufgeklärten Gesellschaften üblich, in homöopathischen Dosen verabreicht wird.

Wenn auch der Religionsunterricht, verständig erteilt, wohl keinen großen Schaden anrichten wird, so ist er doch selbstverständlich nicht von Nutzen. Während er früher vielleicht, in religiös geprägten Gesellschaften, den Kindern und Jugendlichen eine Orientierung gab, so stiftet er, in unserer säkularen Welt, diesbezüglich eher Verwirrung. Dieser Konfusion weiß ein junges Gehirn, das nicht schwer religiös vergiftet wurde, im Allgemeinen aber zu begegnen.

Was an unseren Schulen fehlt, ist eine gezielte Orientierungshilfe für Alltagsprobleme in modernen Zeiten – in einer Welt, in der Pfarrer, Lehrer und Arzt nicht mehr die dominierenden Gestalten des dörflichen Lebens sind, die mit dem Fabrikbesitzer abends in der Wirtschaft hocken und Skat spielen.

Es war ein harter Kampf, bis sich schließlich die Meinung durchsetzte, dass der Mensch befähigt und berechtigt ist, sich seines eigenen Verstandes ohne fremde Anleitung zu bedienen. Wenn man lernen will, auf sich selbst gestellt mit anderen Menschen so umzugehen, dass man ihnen keinen vermeidbaren Schaden zufügt, so wird man nicht umhin können, von dieser Fähigkeit und diesem Recht auch Gebrauch zu machen.

Die Pflege der Tradition halte ich hoch in Ehren, aber wie man heute noch auf die Idee kommen kann, die Erziehung zum Bewusstsein für Werte und Normen den Kirchen oder sonstigen Religionsgemeinschaften zu überlassen, will sich mir nicht erschließen.

Der an den Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung orientierte Gebrauch des Verstandes, kurz: der Gebrauch der Vernunft sollte an unseren Schulen in einem eigenen Fach gelehrt werden. Die Lehre sollte sich an den Erkenntnissen und Methoden der modernen empirischen Psychologie orientieren. Auch wenn dieses Fach ansonsten nicht viel zustande bringt, so hat es doch die Grundlage geschaffen, um rationales Denken kindgerecht zu vermitteln.

Dazu ist der Nachwuchs ja nicht zu dumm. Rational sein kann jeder – unabhängig von diesem ominösen Intelligenzquotienten, von dem niemand so recht weiß, in welcher Beziehung zum Erfolg im realen Leben er recht eigentlich steht. Obwohl wir alle von Natur aus die Gabe besitzen, rational zu denken – also einmal tief Luft zu holen und emotional distanziert die Vor- und Nachteile einer Sache abzuwägen – neigen wir doch dazu, diese Gabe schmählich zu missachten.

Wir sind geistige Faulpelze. Wir sind nicht gern kritisch. Wir sind lieber spontan und emotional. Deswegen ist es gut und notwendig, uns immer wieder einmal darauf hinzuweisen, dass es auch anders und besser geht. Damit muss bereits in der Schule begonnen werden. Die Bereitschaft, lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig rational zu denken, muss uns früh in Fleisch und Blut übergehen.

Die Regeln, die beim rationalen Denken einzuhalten sind, überfordern niemand. Aber sie müssen dennoch gelehrt werden, weil wir uns ihrer leider nur selten bedienen und deswegen keine Übung haben. Dies gilt erst recht für Kinder. Der Verstand erwacht in der frühen Lebensphase ja erst allmählich – und aller Anfang ist schwer. Dies ist ein weites und ein fruchtbares Feld für Pädagogen.

Unlängst so ich im Fernsehen eine Nachrichtensendung, in der Erstwähler befragt wurden. Die Aussage einer jungen Damen ist in meinem Gedächtnis haften geblieben. Sie hatte gerade Abitur gemacht. Sie wähle „Angie“, sagte sie, denn die fände sie so sympathisch.

Da wird also eine junge Frau fürs Fernsehen nach einer Begründung für ihre Wahlentscheidung gefragt und dies, ja dies fällt ihr dazu ein. Was muss in dem Gymnasium vorgefallen sein, in dem diese Schülerin ihre Abschlussprüfung erfolgreich ablegte? Wer will denn so was? Das kann doch keiner wollen! Oder?

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