Religionsfreiheit

Ein Mann erhebt seine Stimme: „Der Islam ist keine Religion. Er ist eine politische Doktrin. Deswegen kann ihm keine Religionsfreiheit zugebilligt werden.“

Ein Chor tritt auf. Er setzt sich aus Wohlmeinenden zusammen. Blitze zucken. Donner grollt. Durch hohle Gassen pfeift der Wind. Und also skandiert der Chor: „Der Mann ist böse. Er spricht den Muslimen die Religionsfreiheit ab. Er ist ein Verfassungsfeind. Ächtet ihn!“

Der Mann spricht mit gefurchter Stirn: „Der Islam hat einen totalen Machtanspruch. Er will die ganze Gesellschaft göttlichem Recht unterwerfen. Das ist Politik, keine Religion.“

„Er unterscheidet nicht zwischen Islam und Islamismus“, ruft der Chor. „Er ist böswillig. Er ist Rassist. Nicht zu unterscheiden, ist ganz typisch für Rassisten.“

Der Mann wirft ein: „Wer im Namen Allahs mordet, versteht sich nicht als Islamist. Er beruft sich auf den Islam, den wahren Glauben.“

Vom Orkan entwurzelte Bäume krachen wie Geschosse in Fensterfronten. Scheiben gehen entzwei. Der Chor steigert sich zu hymnischem Gesang: „Der Mann nimmt die Islamisten beim Wort. Damit beleidigt er die friedlichen Muslime. Diese sind in der Mehrzahl. Die Islamisten sind nur eine Minderheit. Das ist die Rhetorik der Rechtsradikale, auch Nazis sind darunter. Verbannt ihn. Wer so etwas sagt, bringt auch Juden um.“

Der Mann geht seiner Wege. Später im Fernsehen werden Moderatorinnen noch viel schlimmere Dinge wahrnehmen. Halbsätze rasen durch den Äther. In den Nachrichtensendungen muss der Bürger auf allen Kanälen gewarnt werden, zwischen Tatort und Sport.

Der Islam unterscheidet zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Ein bisschen gläubig gibt es nicht. Entweder die Islamisten sind die Gläubigen, dann sind die friedlichen Muslime die Ungläubigen. Oder die Islamisten haben nichts mit dem Islam zu tun, dann sind die friedlichen Muslime die Gläubigen. Entweder die Scharia ist Wesensbestandteil des Islams oder sie ist kein Wesensbestandteil des Islams. Die Scharia ist die Anwendung von Koran, Sira und Hadithen auf die alltägliche Lebenspraxis der Menschen in einer muslimischen Gesellschaft.

Was ist eine Weinschorle? Gemäßigter Wein? Verwässerter Wein? Was ist ein gemäßigter Muslim? Ist der Islam in Saudi-Arabien oder im Iran gemäßigt?

Der Mann ist fort. Der Chor wendet sich zum Gehen. Beim Abmarsch singt er ein Lied über die Mehrheit der gemäßigten Muslime im Land. Der Sturm hat sich gelegt. Es ist wieder still.

Religionen genießen laut Grundgesetz Religionsfreiheit. Doch was ist eine Religion? Miguel Serrano war ein Nationalsozialist. Er begründete den „Esoterischen Hitlerismus“. Hitler galt ihm als Avatar, als Inkarnation göttlicher Kraft und Herrlichkeit. Genießt der „Esoterische Hitlerismus“ in unserem Land Religionsfreiheit? Oder ist er ein politisches Konzept.

Was ist der wahre Islam? Ist er das, was in Saudi-Arabien oder im Iran praktiziert wird. Oder etwas anderes? Etwas, was den friedlichen Muslimen heilig ist? Der Islam, so wie er in Saudi-Arabien oder im Iran verwirklicht wird, ist zweifelsfrei nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Kein Muslim, der ihn in dieser Form bei uns durchsetzen möchte, könnte sich auf die grundgesetzlich verbürgte Religionsfreiheit berufen.

Die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus ist eine Erfindung westlicher Sozialwissenschaft. Sie wurde von außen an den Islam herangetragen. Welcher Islam ist der wahre? Ist der mit dem Grundgesetz vereinbare Islam der wahre oder der gemäßigte? Gibt es gar eine weiche und eine harte Form des Islams und kann der Muslim selbst entscheiden, welche er in Anbetracht seiner Lebensumstände wählen will?

Plötzlich ist der Chor wieder da und ruft in den nun wieder aufbrausenden Sturm hinein: “ … Denken … islamophob.“ Man versteht nur Fragmente des Satzes. Gemeint war wohl: „Dieses Denken ist islamophob.“ Denn Denken an sich kann ja wohl schlecht islamfeindlich sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.