Reduktionismus in der Psychiatrie

Wohlmeinende, geisteswissenschaftlich orientierte, sich humanistisch wähnende Kritiker der Mainstream-Psychiatrie werfen ihr Biologismus vor. Man könne, so tönt es, die Fülle des menschlichen Daseins nicht auf bioelektrische und biochemische Prozesse im Gehirn reduzieren. Die geistigen, sozialen und biologischen Dimensionen des menschlichen Wesens seien unlöslich miteinander verschränkt. Die zeige sich besonders deutlich bei den psychosomatischen Krankheiten. Aber auch die psychischen Krankheiten seien nicht nur chemische Ungleichgewichte im Gehirn, sondern seelische Phänomene, die ganzheitlich betrachtet werden müssten.

Diese Kritiker bemerken nicht, dass sie selbst Reduktionisten sind, indem sie den Begriff der „psychischen Krankheit“ verwenden. Denn die Syndrome der psychiatrischen Diagnostik lassen sich nicht fein säuberlich vom Rest der Persönlichkeit, des Verhaltens und Erlebens abgrenzen. Ein Mensch, der beispielsweise halluziniert und Wahnideen vertritt, verhält sich darüber hinaus noch in vielfältig anderer Weise und erlebt vielfältig anderes. Und all diesen Muster des Verhaltens und Erlebens liegt ein gemeinsamer Sinn zugrunde, ganz gleich, ob diese Verhaltensweisen und Erlebnisse nun als Symptome eines psychiatrischen Syndroms gelten oder nicht. Daher bezieht sich die psychiatrische Diagnose zwangsläufig und verzerrend immer auf den ganzen Menschen.

Und zwar in einer unausweichlich spezifischen Weise. Sie betrachtet den Menschen unter dem Blickwinkel des Pathologischen und daher reduziert sie ihn fundamental. Sie wird der Fülle seines Daseins nicht gerecht. Dies gilt auch dann, wenn man die Muster des Verhaltens und Erlebens nicht auf bioelektrische und biochemische Prozesse im Gehirn zurückführt. Der Reduktionismus ist dem pathologischen Blick geschuldet und nicht einer bestimmten Ursachentheorie „psychischer Krankheiten“.

Man mag sich über die Definition der „Krankheit“ streiten; allen Definitionen ist jedoch der Bezug zu Defekten oder Defiziten gemeinsam: Irgendetwas stimmt nicht, ist nicht normal, nicht so, wie es sein sollte und muss daher korrigiert werden. Dieser Blick macht den Menschen zu einem Werkstück, das der Bearbeitung harrt. Und so wie der Mann mit der Axt, einen Baum zum Fällen suchend, nicht die Schönheit des Waldes in sich aufnimmt, so ist auch der Seelenarzt nicht empfänglich für den Zauber der menschlichen Psyche.

Dem pathologischen Blick wohnt die Tendenz inne, sich selektiv den mutmaßlichen Defekten und Defiziten zuzuwenden. Diese Mängel überstrahlen dann die gesamte Persönlichkeit des Diagnostizierten. Seine Talente und Chancen werden dann kaum oder gar nicht mehr wahrgenommen. Die Fülle seines Daseins wird im Sinne seiner Diagnose, der angeblichen „psychischen Krankheit“ gedeutet.

Dies ist das krasse Gegenteil der prinzipiellen Offenheit empirischer Wissenschaft für alles, was sich beobachten lässt.

Das neuro-biologische Störungsmodell ist eine Ideologie. Bisher konnten noch keine bioelektrischen und biochemischen Prozesse identifiziert werden, die ursächlich mit den so genannten psychischen Krankheiten zusammenhängen. Diese Sichtweise kann sich also nicht auf Fakten stützen – im Gegenteil: Sie ignoriert sogar Tatsachen des sozialen, ökonomischen und kulturellen Kontexts. Könnte sie sich auf Fakten stützen, dann würde sie dem inhärenten Reduktionismus des Krankheitsbegriffs sogar entgegenwirken. Denn dann könnte man eindeutig das Kranke vom Rest der Persönlichkeit trennen und sich gleichermaßen dem Kranken wie dem Gesunden zuwenden.

Doch beim gegenwärtigen Stand der Erkenntnis beruht die psychiatrische Diagnose auf Mutmaßungen, und so gerät nur zu leicht jede Lebensäußerung eines psychiatrisch Diagnostizierten unter den Generalverdacht des Pathologischen.

Wenn ein Mensch beispielsweise als krebskrank diagnostiziert wird, so bezieht sich diese Diagnose auf objektiv feststellbare oder messbare physiologische Veränderungen. Damit ist keine Aussage über die gesamte Persönlichkeit, über den Menschen insgesamt verbunden.

Dies ist bei einer psychiatrischen Diagnose aber anders. Sie bezieht sich auf Verhalten oder bekundetes Erleben. Um Verhalten und Erleben als krankhaft deuten zu können, sind Mutmaßungen über Motive unerlässlich, schon allein darum, um es von Simulation oder einer situativ bedingten Abweichung zu unterscheiden. Und zwangsläufig gerät dadurch die gesamte Persönlichkeit in den Blick, nämlich den pathologischen.

Eine neuro-biologische Sichtweise des menschlichen Verhaltens und Erlebens ist an sich kein Reduktionismus, sondern ein Modell, das, wie jedes Modell, als für die jeweilige Fragestellung als irrelevant geltende Aspekte ausklammert. Diese Sichtweise kann jedoch zu einem Aspekt des Reduktionismus werden, wenn sie mit dem Konstrukt der „psychischen Krankheit“ verbunden wird. Im Rahmen dieses Konstrukts wird aber jede Ursachentheorie reduktionistisch, auch die heute so beliebte Trauma-Theorie.

Wenn wir uns unvoreingenommen der Fülle des menschlichen Daseins zuwenden wollen, dann verbietet es sich von selbst, menschliches Leben in die engen Schubladen psychiatrisch diagnostischer Manuale zu pressen. Wir verfehlen diese Fülle, wenn wir die Kategorien „psychischer Krankheit“ verwenden, weil man Verhalten und Erleben nicht als krank interpretieren kann, ohne den gesamten Menschen zu pathologisieren. Dies aber ist fundamental unangemessen.

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