Rätsel, Scheinerklärungen und psychiatrischer Wahn

Freiheit oder Zwang

Im Allgemeinen glauben wir, dass Menschen aus freien Stücken handeln, wenn sie nicht zu ihrem Verhalten gezwungen sind oder werden. Dies setzen wir voraus, falls wir keine Anzeichen für einen inneren oder äußeren Zwang erkennen können. Dieser Zwang mag sichtbar, mit den Sinnen erfahrbar sein. Es ist aber auch denkbar, dass wir ihn aus bekannten Sachverhalten erschließen.

Es gibt allerdings auch bemerkenswerte Ausnahmen von dieser Regel. Nicht immer halten die Menschen sich an sie.
Bei den so genannten psychisch Kranken können wir z. B. keinen Zwang wahrnehmen, diesen allenfalls vermuten.
Es gibt auch keine empirischen Studien, die eindeutig in diesem Sinn interpretiert werden könnten.
Nichts spricht dafür, dass ihr Verhalten nicht ihrer Kontrolle unterliegt.
Es sind keine Indizien für Prozesse innerhalb oder außerhalb ihres Körpers erkennbar, die ihr Verhalten bestimmen und die sich ihrem Einfluss entziehen.

Deshalb findet sich auch kein vernünftiger Grund, dies zu unterstellen, geschweige denn, für gewiss zu halten.

Den meisten Menschen scheint jedoch eine unbegründete, rein spekulative Erklärung für ein potenziell bedrohliches Phänomen lieber zu sein als gar keine. Man kann sich beispielsweise nicht erklären, warum ein Mensch aus freien Stücken

  • Stimmen hört, die sonst niemand hört,
  • in tiefer Traurigkeit verharrt, obwohl das Leben auch schöne Seiten hat oder
  • sich selbst verletzt, wenngleich man damit die eigene Gesundheit gefährdet.

Daher ist man nur zu gern bereit, die Hypothese einer ursächlichen psychischen Krankheit für wahr zu halten, obwohl es dafür keine vernünftigen, auf Tatsachen fußenden Argumente gibt.

Denn wer ohne erkennbaren Grund aus der Rolle fällt, ist ein Unsicherheitsfaktor. Solche Leute zwingen uns, über ihre Motive nachzudenken. Wir entwickeln das Bedürfnis, sie in Schubladen zu stecken, um das Gefühl des Ungewissen zu vermindern.

Würden wir uns an die eingangs beschriebene Regel halten, müssten wir eigentlich annehmen, dass die so genannten psychisch Kranken ihre so genannten Symptome zeigen, weil sie sich aus freien Stücken dazu entschieden haben.
Die meisten von uns denken hier aber regelwidrig. Man selbst würde so etwas niemals freiwillig tun. Also zieht man dies auch bei anderen nicht in Erwägung.

Falsche Gewissheiten

Wir wissen nicht, warum solche Phänomene auftreten. Wir wissen auch nicht, warum manche Menschen sich als psychisch krank empfinden, wohingegen andere mit ähnlichen Problemen dies vehement bestreiten. Wir haben ebenso wenig eine fundierte Erklärung dafür, warum die einen psychiatrische Hilfe erbitten, wohingegen andere ihr Leiden still erdulden und es aus eigener Kraft zu meistern versuchen.

Ob jemand UFOs, die Illuminaten oder „psychische Krankheiten“ für rätselhafte Phänomene verantwortlich macht, liegt auf derselben geistigen Ebene. Wenn jemand beispielsweise

  • Stimmen hört, die sonst niemand hört, und dies auf “Besendung” zurückführt,
  • so ist er nicht klüger oder dümmer als sein Psychiater, der dies mit einem chemisches Ungleichgewicht im Gehirn erklärt.

Beide können ihre These nicht beweisen.

Viele Menschen halten leider unverrückbar an ihren Thesen über rätselhafte Phänomene fest, auch wenn ihnen die Beweise dafür fehlen. Dies könnte daran liegen, dass solche Pseudo-Erklärungen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Man möchte es nicht missen, auch wenn man sich eigentlich eingestehen müsste, dass man einer Illusion aufsitzt.

Gewissenlosigkeit

Es ist verfehlt, es ist sogar gewissenlos, Menschen Krankheiten zu unterstellen, wenn es dafür keine Beweise gibt. Wir behaupten damit nämlich, dass sie sich in einem Zustand befinden, der geändert werden sollte – und zwar durch eine ärztliche Behandlung.
Dies schließt ein, dass es sich dabei um einen Zustand handelt, der ursächlich durch Prozesse hervorgerufen wird, die im betroffenen Individuum ablaufen. Beweisen können wir dies nicht. Dies ist eine einseitige Stellungnahme zuungunsten des betroffenen Individuums.

Die Behauptung, dass man dem „psychisch Kranken“ ja nur helfen wolle, taugt nicht zur Rechtfertigung ärztlicher Maßnahmen. Dies ist nicht ausschlaggebend, weil es ja gar nicht bewiesen ist, dass der angeblich Kranke diese Art von Hilfe überhaupt benötigt.
Wenn er tatsächlich Hilfe braucht, so könnte es sich durchaus um eine ganze andere Form der Unterstützung handeln. Es ist sogar denkbar, dass ihm die ärztliche und womöglich unangemessene Hilfe sogar schadet und ggf. anderen nutzt, nur nicht ihm.

Lernen, das Rätsel zu ertragen

Solange man ein Rätsel nicht zu lösen vermag, sollte man lernen, es zu ertragen.
Solange wir nicht wissen, warum manche Leute seltsame Dinge tun, sollten wir ihnen auch keine psychische Krankheit oder andere unbewiesene Gründe andichten.

Die Psychiatrie suggeriert ihren Patienten, sie stünde auf einer soliden wissenschaftlichen Basis. Dies ist aber nicht der Fall.1)Diese Einschätzung habe ich ausführlich in diversen Artikeln dieses Blogs begründet. Man sollte die Menschen nicht anlügen (auch nicht in bester Absicht), damit sie ihre Pillen schlucken.

Das Rätselhafte zu ertragen, bedeutet nicht, die Verletzung eigener Rechte durch rätselhaftes Verhalten anderer hinzunehmen. Es ist durchaus vertretbar, sich davor zu schützen, mit angemessenen Mitteln.
Angemessen sind die Mittel aber nicht, wenn sie durch unbewiesene Krankheiten gerechtfertigt werden müssen.
Zur Rechtfertigung der Mittel sollten wir uns an das Greifbare halten.
Dies sind beispielsweise Straftaten, nicht aber eine angeblich krankheitsbedingte, mutmaßlich über das Normale hinausgehende Gefährlichkeit.

Der Hang zur Pseudo-Erklärung und das unbelehrbare Festhalten daran müssten aus psychiatrischer Sicht eigentlich als Wahn gedeutet werden – als Wahn sogar, der den Wahnsinnigen potenziell für andere gefährlich macht.
Dies kommt der Psychiatrie jedoch nicht in den Sinn, wenn es um die Erklärung rätselhaft bizarren Verhaltens durch eine angebliche „psychische Krankheit“ geht.
Es könnte sich nämlich durchaus herausstellen, dass manche Psychiater selbst die Voraussetzungen für eine Zwangsbehandlung erfüllen.
Wahnsinnige dieser Art mag es auch im Richteramt geben.

Im Übrigen beinhaltet der Begriff der „psychischen Krankheit“ stets eine Bewertung. Selbst wenn wir mit 100-prozentiger Sicherheit eine Halluzination auf eine Hirnanomalie zurückführen könnten, so wäre damit keineswegs bewiesen, dass der Halluzinierende krank ist.
Man könnte ihm ja auch ein Talent zur Halluzination zuschreiben oder gar behaupten, er sei durch die Gabe der Vision gesegnet.
Man könnte seine Gesichte als Offenbarungen betrachten.
Schlagartig wären nicht mehr die Ärzte zuständig, sondern die Theologen und Philosophen. Ihnen obläge dann die Aufgabe, den Sinn der visionären Botschaft zu enträtseln.

Ein Akt der Gewalt

Brauchen wir Menschen des 21. Jahrhunderts tatsächliche Psychiater oder Priester, weil wir immer noch nicht gelernt haben, mit dem Rätselhaften umzugehen?

Sollten wir nicht endlich erkennen,

  • dass Wissen meist an Voraussetzungen geknüpft ist, die wir ungeprüft hinnehmen müssen
  • dass Objektivität oft nur Illusion, eine (mitunter allerdings durchaus nützliche) Fiktion darstellt
  • dass diese Fiktion in einer Gewissheit gründet, die darauf beruht, dass sich Menschen darauf geeinigt haben, gewisse Dinge nur so und nicht anders zu sehen?2)Im günstigsten Fall beruht diese Gewissheit auf einem strengen Verfahren der intersubjektiven Überprüfung: Unabhängige Forschergruppen haben ein und dasselbe Experiment wiederholt repliziert und sich aufgrund eigener Sinneserfahrung (evtl. verstärkt durch Messinstrumente) davon überzeugt, dass die jeweiligen hypothetischen Sachverhalte vorliegen, also Tatsachen sind. Leider sind solche strengen Überprüfungen aus pragmatischen, ökonomischen oder ethischen Gründen nicht immer möglich, und viele Gewissheiten, von denen sich auch Wissenschaftler leiten lassen, fußen auf schwankendem Grund.

Dann allerdings verbietet es sich von selbst, von der Norm abweichenden Menschen eine bestimmte Sicht der Dinge aufzuzwingen, nur weil eine Mehrheit der Konformen diese eventuell für die unumstößliche Wahrheit hält.

So bedacht, kann eine Zwangsmaßnahme gegen Menschen, die sich rätselhaft verhalten, niemals eine ärztliche Maßnahme sein, sondern sie ist immer ein Akt der Gewalt – und nichts als das, auch dann, wenn er gleichsam demokratisch legitimiert ist.

Kein Arzt kann – mit Aussicht auf mehr als zufällige Erfolge – eine Krankheit behandeln, die ihm ein Rätsel ist.

Natürlich kann er sich auf einen fachlichen Konsens berufen. Zwar, so könnte er unterstellen, seien die Ursachen der „psychischen Krankheiten“ noch nicht vollständig geklärt, aber man wisse doch schon einiges.
Eine solche Einigkeit unter Fachleuten schafft allerdings nur eine fiktive Objektivität. Dabei kann es sich um eine nützliche Fiktion handeln, sofern sie auf vernünftigen Gründen und geteilten Beobachtungen (Fakten) beruht.

Allein, davon kann in der Psychiatrie nicht die Rede sein.
Der Gigantismus psychiatrischer Forschung, die überwiegend von der Industrie finanziert und und in industrieabhängigen Fachzeitschriften publiziert wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch nicht einmal die wissenschaftlichen Grundbegriffe, also die psychiatrischen Diagnosen valide sind.

Letztlich wurde durch diese industriehörige Ausrichtung der psychiatrischen Forschung die Unwissenheit noch vergrößert.
Die monomane Fixierung auf angeblich biologische Ursachen der so genannten psychischen Krankheiten führte nämlich dazu, dass mögliche soziale, psychische, kulturelle, politische und wirtschaftliche Gesichtspunkte an den Rand gedrängt bzw. ausgeblendet wurden.
Die Psychiatrie vergrößert das Rätsel, sie löst es nicht.

Zufall

Doch selbst die beste, eine wirklich unabhängige Wissenschaft könnte das Rätsel menschlichen Verhaltens vermutlich nicht vollends lösen, denn es beruht offenbar in erheblichem Maß auf äußeren (Glück, Pech) und inneren (Vorlieben, Abneigungen) Zufällen.
Uns allen fällt es schwer anzuerkennen, dass unser Leben in einem unberechenbaren Ausmaß nicht von uns selbst oder von anderen Menschen oder zumindest durch gesetzmäßige Abläufe, sondern durch den nackten Zufall „gestaltet“ wird.

Selbst wenn unserem Leben ein geheimer Plan zugrunde läge, so änderte dies nichts an der Tatsache, dass wir unsere Zukunft nicht vorhersehen können. Und was für uns selbst gilt, trifft erst recht auf andere zu, also auch auf unseren mutmaßlich psychisch kranken Mitmenschen.

Konsequenzen

Aus meiner Sicht ergeben sich aus der grundsätzlichen Rätselhaftigkeit unseres Daseins vier Konsequenzen für ein Leben in Würde:

  • Wir müssen möglichst umfassend Informationen sammeln, ohne uns dabei von Vorannahmen oder gar Vorurteilen einschränken zu lassen.
  • Wir sollte nur das als Tatsache betrachten, was auch andere bereits unabhängig voneinander als eine solche anerkannt haben – und zwar entweder aufgrund der eigenen Sinneserfahrung oder mittels zuverlässiger Instrumente.
  • Wir sollten unseren Drang unterdrücken, für jedes irritierende Phänomen unseres Lebens eine plausibel klingende Erklärung aus dem Hut zu zaubern.
  • Wir sollten uns zu der Einsicht durchringen, dass Leben Leiden bedeutet und dass nicht jedes Leiden medizinisch behandelt werden kann und muss.
  • Wir sollten unsere Augen nicht vor der allgegenwärtigen Macht des Zufalls v erschließen. 

Fußnoten   [ + ]

1.Diese Einschätzung habe ich ausführlich in diversen Artikeln dieses Blogs begründet.
2.Im günstigsten Fall beruht diese Gewissheit auf einem strengen Verfahren der intersubjektiven Überprüfung: Unabhängige Forschergruppen haben ein und dasselbe Experiment wiederholt repliziert und sich aufgrund eigener Sinneserfahrung (evtl. verstärkt durch Messinstrumente) davon überzeugt, dass die jeweiligen hypothetischen Sachverhalte vorliegen, also Tatsachen sind. Leider sind solche strengen Überprüfungen aus pragmatischen, ökonomischen oder ethischen Gründen nicht immer möglich, und viele Gewissheiten, von denen sich auch Wissenschaftler leiten lassen, fußen auf schwankendem Grund.