Psychotherapieforschung

Der gegenwärtige Erkenntnisstand der Psychotherapieforschung lässt nur den Schluss zu, dass es keine aus wissenschaftlicher Sicht überlegenen Formen der Psychotherapie gibt. Die Patienten profitieren am meisten von einer Behandlung, wenn sie sich selbst dafür entschieden haben und wenn sie der Methode vertrauen, warum auch immer.

Fakt ist: Die allen Psychotherapien gemeinsamen Faktoren – also jene Einflussgrößen, die unabhängig von der jeweiligen Methode sind – haben einen wesentlich größeren Einfluss auf das Therapie-Ergebnis als irgendwelche Besonderheiten des jeweiligen Verfahrens. Seit rund fünfzig Jahren wird die Psychotherapie mit den Methoden der empirischen und experimentellen Psychologie systematisch erforscht. Die wichtigsten Befunde (Bohart 2000; Dawes 1996; Degen 2000; Wampold 2001) lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Psychotherapie ist effektiv. Dies ergibt sich aus Vergleichen zwischen behandelten und nicht-behandelten Gruppen.
  2. Der Erfolg von Psychotherapie hängt nicht oder kaum von den Methoden ab. Dies ergibt sich aus dem Vergleich unterschiedlicher psychotherapeutischer Verfahren (Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, Gesprächspsychotherapie etc.).
  3. Psychotherapien sind effektiver als Placebobehandlungen und Placebobehandlungen sind wirksamer als keine Behandlung.1
  4. Persönliche Merkmale des Therapeuten sind erheblich bedeutsamer als die sehr geringen methodischen Effekte. Dies ergibt sich aus dem Vergleich der Effektivität verschiedener Therapeuten einer Ausrichtung sowie dem Vergleich der Effektivität verschiedener Methoden. Die Unterschiede zwischen den Therapeuten einer Schule sind deutlich größer als die Unterschiede zwischen den Therapieverfahren.
  5. Die Effektivität der Psychotherapie ist weitgehend unabhängig von der Ausbildung, der Fachrichtung (Arzt, Psychologe, keine Ausbildung) sowie von der Dauer der Berufserfahrung des Therapeuten. Dies ergibt sich aus Vergleichen der Effektivität von professionellen, semi-professionellen und nicht-professionellen Therapieanbietern. Laien sind tendenziell sogar erfolgreichere “Psychotherapeuten” als Profis.
  6. Den mit Abstand bedeutendsten Beitrag zum Therapieerfolg leisten die so genannten Selbstheilungskräfte des Klienten.

Wir erkennen also: Was tatsächlich wirkt bei einer Psychotherapie, verdient den Namen „Psychotherapie“ überhaupt nicht, sofern man darunter eine wissenschaftlich fundierte, medizinisch orientierte Behandlung versteht. Vielmehr wird die angestrebte Veränderung durch allgemein menschliche Faktoren bewirkt: Ein so genannter Patient hat den ernsthaften Wunsch, sind selbst zu verändern, er findet einen Helfer, einen so genannten Therapeuten, dem und dessen Methode er vertraut und dann mobilisiert der Patient seine psychischen Ressourcen, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Der Therapeut begleitet diesen Prozess zwar, aber in Wirklichkeit hilft nicht er, sondern der Glaube des Patienten daran, dass der Therapeut ihm helfen könne, wolle und werde, ist der eigentliche Wirkfaktor des therapeutischen Prozesses.

Der empirische Befund, dass alle Psychotherapie-Verfahren in etwa gleich effektiv sind, wird als Dodo-Bird-Verdikt bezeichnet.2 Dies ist eine Anspielung an eine Passage aus Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice im Wunderland“. Dort findet ein Wettlauf statt, bei dem allerdings niemand feststellt, wie weit und wie lang die Teilnehmer gelaufen sind. Der Dodo, ein in Wirklichkeit ausgestorbener Vogel, wird gefragt, wer gewonnen habe, und Dodo spricht also:

Jeder hat gewonnen und alle müssen Preise bekommen.“

Und in der Tat: Es sieht so aus, dass es den Patienten nach einer Psychotherapie in aller Regel besser geht als vorher, dass dies aber nicht von den angewendeten Methoden abzuhängen scheint, sondern von Faktoren, die alle Psychotherapien gemeinsam haben.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass Dodos Urteil nicht unwidersprochen blieb. Eine größere Zahl von Forschern verweist auf Studien, in denen sich – bezogen auf einzelne Störungen – mehr oder weniger stark ausgeprägte Überlegenheit der einen über die andere Methode zeigten. In einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Dodo-Bird-Verdikt kommen Jedidiah Siev, Jonathan Huppert und Diane L. Chambless zu folgender Schlussfolgerung:

Insgesamt haben viele Forscher – wir eingeschlossen – versucht, die relativen Beiträge von Techniken und anderen Effekten zu quantifizieren. Häufig werden solche Daten so präsentiert, dass sie die exklusive Rolle von einem der zuvor genannten Effekte (Arbeitsbündnis, Therapeuten, gemeinsame Faktoren, Techniken) bei der Beeinflussung des Therapieergebnisses unterstützen. Es ist jedoch genauso wichtig zu demonstrieren, dass solche voreingenommenen Unterteilungen sich in der realen Welt nicht widerspiegeln, in der sich alle dieser Effekte in einer komplexen Serie von Interaktionen treffen. In der Tat scheinen der Beitrag des Patienten (einschließlich Diagnose, Einsicht, Motivation, Schwere, psychosozialer Hintergrunde usw.) wahrscheinlich der größte zu sein. Man könnte schlussfolgern, dass effektive Techniken wahrscheinlich nicht nur die Behandlungsergebnisse, sondern auch die therapeutischen Beziehungen positiv beeinflussen können. Nur wenige würden behaupten, dass man Therapie im Kontext einer feindseligen oder negativen therapeutischen Beziehung verwirklichen sollte. Jedoch sind Techniken allgegenwärtig und müssen untersucht werden, um festzulegen, wie man sie am besten und damit die Ergebnisse des Patienten verbessern kann (Siev et al. 2009).“

Nun will ich gern einräumen, dass sich in der Fülle von Studien die eine oder andere Untersuchung findet, die für eine Überlegenheit bestimmter Methoden bzw. Techniken bei bestimmten Störungen spricht; aber ich glaube nicht, dass damit überzeugend nachgewiesen werden kann, Techniken spielten im Allgemeinen im Gesamtprozess einer Psychotherapie eine bedeutsame Rolle. Die Zahl der Studien, in denen sich andere Faktoren als wesentlich bedeutsamer herausstellten, ist einfach zu erdrückend.

Eine gewisse, eng begrenzte Überlegenheit „kognitiv-behavioraler“3 gegenüber „tiefenpsychologischen“ bzw. „humanistischen“4 Techniken will ich nicht ausschließen, zumal die erstgenannten ja auch in stärkerem Maße darauf zugeschnitten sind, leicht messbare Veränderungen herbeizuführen. Dennoch steht wohl außer Frage, dass die Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit des Patienten und der Glaube von Patienten und Therapeuten an den Erfolg der Therapie einen erheblich größeren Einfluss auf das Therapieergebnis haben als jeder andere Faktor, einschließlich der Technik.

Literatur

Bohart, A. (2000). The client is the most important common factor. Journal of Psychotherapy Integration, 10, 127-149

Dawes R.M., Faust D., Meehl P.E. (1989). Clinical versus actuarial judgment. Science, 243:1668–74

Degen, R. (2000). Lexikon der Psycho-Irrtümer. Warum der Mensch sich nicht therapieren, erziehen und beeinflussen lässt. Frankfurt/Main: Eichborn Verlag

Siev, J. et al. (2009). The Dodo Bird, Treatment Technique, and Disseminating Empirically Supported Treatments. The Behavior Therapist, Vol 32, No. 4., April

Wampold, B. E. (2001). The Great Psychotherapy Debate. Models, Methods, and Findings. Mahwah, N. J. & London, Lawrence Erlbaum Ass, Pub

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Bei einer Placebobehandlung glaubt der Patient (im Idealfall), er würde mit einem „echten“ psychotherapeutischen Verfahren therapiert, wohingegen der Therapeut weiß, dass es sich um Hokuspokus handelt. Dies ist ein methodisch und philosophisch schwieriges Feld, dem ich mich in einen eigenen Abschnitt widme.

Über Verfahren, die nicht untersucht und erst recht nicht miteinander verglichen wurden, kann man natürlich keine Aussagen machen. Es gibt Hunderte von Psychotherapieformen und nur eine kleine Zahl davon wurde systematisch wissenschaftlich erforscht. Aus meiner Sicht gibt es aber keinen vernünftigen Grund, an der Übertragbarkeit der vorliegenden Ergebnisse auf diese Methoden zu zweifeln.

Verhaltenstherapie, Kognitive Therapie, Kognitive Verhaltenstherapie u. ä.

Psychoanalyse, Transaktionsanalyse, Gestalttherapie, Psychodrama u. ä.

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