Psychotherapie-Marketing

Im Auftrag der “Apotheken Umschau” befragte die “GfK Marktforschung Nürnberg” 2.129 ehemalige oder momentane Psychotherapie-Patienten ab 14 Jahren zu ihren Erfahrungen. Unter der Überschrift “Psychotherapie hilft den meisten Patienten” berichtete die Online-Ausgabe dieses Gesundheitsmagazins (23.04.2012) über die Ergebnisse dieser Umfrage.1

Mehr als zwei Drittel (69 Prozent), so schreibt das Blatt, kämen durch Psychotherapie mit ihren Problemen besser zurecht. Bei weiteren 13 Prozent hätten sich die Schwierigkeiten sogar völlig gelöst. Es handelt sich hier um die Selbstauskünfte der Studienteilnehmer. Daher ist der Titel dieses Berichts natürlich irreführend. Er müsste lauten: Die meisten der befragten Psychotherapie-Patienten bekundeten, dass ihnen Psychotherapie geholfen habe.

Im Titel steckt jedoch noch ein zweiter Denkfehler. Dieser wird deutlich, wenn ich die Überschrift ein weiteres Mal neu formuliere: Die meisten der befragten Patienten, die sich einer Behandlung unterziehen oder unterzogen haben, bekundeten, dass es ihnen besser gehe, und führten dies auf die Psychotherapie zurück.

Dies mag auf den ersten Blick spitzfindig klingen. Doch bei genauerem Hinschauen sollte eigentlich einleuchten, dass die subjektiv empfundene Besserung ja auch durch andere Faktoren erklärt werden könnte, beispielsweise durch

  • verstärkte menschliche Zuwendung
  • erhöhte, schon vor Therapiebeginn bestehende Bereitschaft, sich zu verändern
  • das Verstreichen der Zeit (die bekanntlich wenn nicht alle, so doch viele Wunden heilt).2

Aus meiner Sicht handelt es sich bei der GfK- und vergleichbaren Studien in aller Regel um Psychotherapie-Marketing, denn die Grundsachverhalte wurden über Jahrzehnte sorgfältig empirisch erforscht und sind bekannt; aussagekräftige Resultate liegen vor und erlauben eine realistische Einschätzung dessen, was Psychotherapie zu leisten vermag und was nicht.

Der Artikel wurde inzwischen leider vom Netz genommen.

Dass Placebo-Effekte häufig mit dem Effekt verstreichender Zeit verwechselt werden, zeigen Meta-Analysen des Nordic Cochrane Centre: Cochrane Database Syst Rev. 2003. Placebo treatment versus no treatment. Hróbjartsson A, Gøtzsche PC. Source: The Nordic Cochrane Centre, Denmark / Cochrane Database Syst Rev. 2004. Placebo interventions for all clinical conditions. Hróbjartsson A, Gøtzsche PC. Source: Nordic Cochrane Centre, Denmark, DK-2100. / Cochrane Database Syst Rev. 2010. Placebo interventions for all clinical conditions. Hróbjartsson A, Gøtzsche PC. Source: The Nordic Cochrane Centre, Denmark

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