Psychotherapie – ein alltägliches Geschehen

„Psychotherapie“ erfordert weder hohes Wissen, noch ausgefeilte Qualifikationen auf Seiten des „Psychotherapeuten“.1)Siehe hierzu meinen Artikel: Psychotherapie: Profis oder Laien – wer ist erfolgreicher Und erst recht benötigt niemand zum Zwecke der Psychotherapie umfassende Kenntnisse von den neuronalen Grundlagen der höheren Geistestätigkeit. Derartiges Wissen besitzt ohnehin niemand.2)Siehe hierzu meinen Artikel: Neuro-Psychotherapie – Fortschritt (im Marketing Psychotherapie ist also nichts Besonderes.

Wenn sie dazu gemacht wird, dann handelt es sich um eine Verklärung. Sie erschwert eine realistische Sichtweise oder macht sie gar unmöglich. Sie kann sich zwar mitunter durchaus positiv auswirken, etwa wenn Psychotherapie als heilendes, reinigendes, sakrales Ritual erlebt wird.

Oft genug aber schadet sie dem Klienten, wenn er eigene Leistungen fälschlicherweise dem „Therapeuten“ zuschreibt. Dies kann zu schlimmen Formen der Abhängigkeit führen. Die „Behandlung“ motiviert dann nicht dazu, sich auf eigene Füße zu stellen. Sie hat vielmehr eine schier endlose Kette von „Therapien“ zur Folge.

„Psychotherapie“ ist natürlich keine medizinische Behandlung. Schließlich ist ja auch die Seele keine medizinische Kategorie. „Psychotherapie“ ist mitmenschliche Begegnung zur Wiederherstellung psychischer Stabilität.3)Psychisch stabil ist ein Mensch, der seine Gefühle, seine Einstellungen und sein Verhalten mit seiner Umwelt in Einklang zu bringen vermag. Sie findet auch außerhalb von Therapieräumen statt: z. B. in Kneipen, beim Friseur, im Zirkus und im Bett.

„Psychotherapien“ sind ein alltägliches Geschehen. Die Mehrheit der Menschen ist sich allerdings gar nicht bewusst, wie oft sie an einer solchen Veranstaltung teilnehmen: als „Therapeut“ oder als „Klient“ oder beides wechselseitig.

„Therapiert“ wird in allen Lebenslagen: Beim Friseur, im Wirtshaus, im Beichtstuhl, auf einer Parkbank, beim (und ganz besonders beim) Telefonieren, in der Mittagspause unter Kollegen… und an vielen Orten der Welt.

Das Grundmuster ist immer das Gleiche:

  • Ein Mensch (A) wendet sich vertrauensvoll an einen anderen (B).
  • A hat ein Problem P.
  • P zeichnet sich dadurch aus, dass eine Änderung der emotionalen Reaktionen, des Denkens, des Verhaltens oder der Einstellungen A’s zu einer Lösung beitragen könnten.
  • A glaubt, dass B ihm bei der Lösung helfen könne.
  • A und B arbeiten diesbezüglich fortan zusammen.
  • Wenn P auf diese Weise gelöst oder der Lösung näher gebracht werden kann, dann handelt es sich bei einer derartigen Wechselbeziehung um eine „Psychotherapie“.

Sie besteht aus „psychotherapeutischen“ Handlungen. Die Grundstruktur jeder Handlung, nicht nur der „psychotherapeutischen“, ist die sog. TOTE-Einheit.4)Das Konzept der TOTE-Einhalt wurde von Miller, Galanter und Pribram 1960 in ihrem Buch „Plans and Structure of Behavior“ entwickelt (Miller, G. A., Galanter, E., Pribram, K. A. (1960). Plans and structure of behavior. New York: Holt, Rinehart, & Winston). Die Abkürzung steht für: “test – operate – test – exit.”

B: „Na wie geht’s?“
A: „Ach, weißt du…!“
B: „Wieder Ärger mit dem Chef?“
A: „Mensch, du kennst dich doch da aus, bist doch Betriebsrat!“
B: „Um was geht’s denn?“
A: „Plötzlich schneiden mich die Kollegen, und ich glaube, der Boss steckt dahinter.“

So könnte das weitergehen. Das wäre ein „diagnostisches“ Interview (Test).

B schlägt dem A dann Änderungen seiner Sichtweisen und seines Verhaltens vor, die dieser in die Tat umzusetzen versucht (Operate). Wenn sie sich wieder treffen, erfolgt ein neuer Test:

B: „Wie hat’s geklappt?“

War die Aktion erfolgreich, ist das Problem gelöst (Exit). Sonst erfolgen weitere Tests und Operationen – bis zum hoffentlich glücklichen Ende.

Eine „Psychotherapie“ besteht, wie jedes Handlungssystem, aus einer Vielzahl miteinander verbundener TOTE-Einheiten. Die Diagnosen (Tests) sind dabei völlig natürliche und zwangsläufige Elemente der „Behandlung“. Selbst „Therapien“, die mit wenig Worten auskommen und überwiegend aus nicht-sprachlichen Handlungen bestehen, sind kommunikative Prozesse.

Man stelle sich einen Klienten mit Höhenangst vor, der mit seinem Therapeuten einen Turm besteigt. Oben angelangt, soll er im Freien übers Geländer schauen. Er steht unten hinter der Tür zum Treppenhaus, die erste Stufe vor sich.

Test: „Bin ich schon oben? Nein.“
Operate: Das Bein auf die erste Stufe stellen.
Test: „Bin ich schon oben? Nein? Bin ich schon tot? Nein.“

Und so weiter. Das Besteigen des Turms ist nicht nur ein körperlicher Vorgang. Er besteht aus TOTE-Einheiten mit einer spezifischen, „therapeutischen“ Bedeutung, die in der „Therapie“ auch kommuniziert wird.

Der Sinn des gesamten Systems „therapeutischer“ TOTE-Einheiten lautet in diesem Fall im Kern: „Wenn ich einmal den Turm bestiegen und im Freien über die Brüstung geschaut habe, dann werde ich nie wieder Höhenangst haben. Dies sagt mein Therapeut, dies lehrt die Wissenschaft.“

Also: Auch nicht-verbale Handlungen dienen der Kommunikation. Der Klient teilt mit ihnen dem „Therapeuten“, vor allem aber sich selber, etwas mit. Ist der nächste Schritt auf eine höhere Stufe sehr forsch, kann dies bedeuten: „Seht her, ich kann’s, ich habe Mut.“

Der folgende Schritt auf die nächsthöhere Treppenstufe ist ein Test dieser Selbsteinschätzung. Ist er zögerlich, heißt dies vielleicht: „Oje, mir schwindet der Mut!“

Der sich daran anschließende Schritt stellt dieses Urteil auf die Probe, usw.

„Psychotherapie“ ist wirklich nichts Besonderes. Sie wird aber gern zu einem Mythos gemacht – aus vielen Gründen, aber vor allem auch zur Rechtfertigung der Bezahlung des Therapeuten.

Heute sind formale „Psychotherapien“, also „Psychotherapien“ auf Krankenschein leider oftmals gestörte Zwischenmenschlichkeit.5)Siehe meinen Artikel: Deine Diagnose und du Sie suggerieren, dass sich ein Experte und ein Nicht-Experte gegenüberstünden und dass der Erfolg dieser wechselseitigen Beziehung vom Experten und seinen Maßnahmen abhinge.

Die obige Analyse zeigt jedoch, dass der so genannte Klient der aktive und treibende Part ist. Der „Therapeut“ ist bestenfalls ein Assistent. Dieser Assistent mag hilfreich sein, aber er ist nicht prinzipiell unerlässlich.

Die mit der Psychotherapie verbundene Ideologie hüllt diesen alltäglichen Vorgang in eine Wolke von Fehldeutungen. Diese beziehen sich auch auf den Erfolg.

Deswegen ist es nicht erstaunlich, dass bisher eine über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirkung der Psychotherapie noch nicht nachgewiesen werden konnte. Der „Patient“ fühlt sich nach der Therapie oft besser als vorher. Die Psychotherapie und der Psychotherapeut haben dazu aber nichts Nachweisbares beigetragen. Deswegen spricht man vom Placeboeffekt.

Dieser ist jedoch real vorhanden. Es hat sich ja etwas verändert. Beteiligt waren drei Faktoren an diesem Prozess: der „Psychotherapeut“, die „Psychotherapie“ und der „Patient“. Stellt man einen Placebo-Effekt fest, so haben Psychotherapeut und Psychotherapie nichts oder nichts Bedeutsames bewirkt. Also kann nach den Gesetzen der Logik die vorhandene Wirkung nur auf die Tätigkeit des Patienten zurückgeführt werden.

Wenn der „Patient“ – warum auch immer – einen „Psychotherapeuten“, also eine Begleitung durch einen Assistenten wünscht, so ist dieser natürlich nützlich. Man könnte sogar in Erwägung ziehen, dass der Assistent allein schon durch seine schiere Existenz den Placebo-Effekt verstärkt hat.

Es ist aber auch denkbar, dass der Placeobo-Effekt nur scheinbar eintrat. D. h.: Möglicherweise hätte sich die Befindlichkeit des Patienten allein durch das Verstreichen der Zeit wieder gebessert. Es wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen, sich in irgendeiner Weise darum zu bemühen und an den Erfolg dieser Bemühungen zu glauben. Dies halte ich sogar für durchaus wahrscheinlich.

Schließlich unterliegen psychische Befindlichkeiten Schwankungen. Das Leben ist ein Auf und Ab. Die Zeit heilt alle Wunden. Und wenn nicht alle, so doch viele. Man geht zum Therapeuten, wenn es einem besonders schlecht geht. Vermutlich wird es aber nach einer Weile von allein wieder besser. Ein Erkältung dauert ohne Arzt eine Woche, aber mit Arzt nur sieben Tage.

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe hierzu meinen Artikel: Psychotherapie: Profis oder Laien – wer ist erfolgreicher
2.Siehe hierzu meinen Artikel: Neuro-Psychotherapie – Fortschritt (im Marketing
3.Psychisch stabil ist ein Mensch, der seine Gefühle, seine Einstellungen und sein Verhalten mit seiner Umwelt in Einklang zu bringen vermag.
4.Das Konzept der TOTE-Einhalt wurde von Miller, Galanter und Pribram 1960 in ihrem Buch „Plans and Structure of Behavior“ entwickelt (Miller, G. A., Galanter, E., Pribram, K. A. (1960). Plans and structure of behavior. New York: Holt, Rinehart, & Winston).
5.Siehe meinen Artikel: Deine Diagnose und du