Psychotisch leben zwischen Lohn und Strafe

Vorbemerkung

Im Lauf meines Lebens hatte ich Gelegenheit, die Entwicklung einer „Psychose“ wiederholt und über einen Zeitraum vieler Jahre in „freier Wildbahn“ zu beobachten, also nicht in Kliniken oder Praxen, sondern „live“. Die Umstände sind privat und sollen hier nicht geschildert werden. Die Erfahrung liegt zwanzig bis dreißig Jahre zurück. Meine Schlussfolgerungen aus ihr sind subjektiv.

Bei menschlichem Verhalten frage ich mich grundsätzlich, welcher Lohn und welche Strafe damit verbunden sind. Dies gilt natürlich auch für die „Psychose“ im Allgemeinen und meine persönliche Beobachtung „psychotischen“ Verhaltens im Besonderen. Mag meine Quintessenz auch durch die persönlichen Charakteristika des Menschen, den ich beobachtete, gefärbt sein, so bin ich doch, auch aufgrund anderer, weniger intensiver Beobachtungen bei anderen Menschen, zutiefst davon überzeugt, dass sich die folgenden Gesichtspunkte verallgemeinern lassen.

Lohn

  1. Die Lust, verrückt zu sein. Normalität ist eine Last, mitunter eine schwere. Freud sprach vom Unbehagen in der Kultur. Es erfordert Kraft, unsere archaischen Impulse zu unterdrücken. In der Psychose sind die Rahmen, die unsere Kultur unserem Denken, Fühlen, unseren Stimmungen, unseren Wahrnehmungen und unserem Handeln auferlegt, gesprengt. Dem wohnt, oft allerdings nur vorübergehend und anfänglich, ein Zauber inne.

  2. Beachtung. Wir alle spielen unsere Rollen im Alltag. Mitunter tun wir viel Gutes, aber man schenkt uns keine Aufmerksamkeit. Unsere Leistungen sind zur Selbstverständlichkeit geworden, die wortlos hingenommen werden. Der Psychotiker rückt sich selbst durch sein rätselhaftes, vielfach störendes Verhalten ins Zentrum des Interesses.

  3. Abwehr des Unerträglichen. Der Wahn kann eine Umdeutung der als unerträglich empfundenen Realität beinhalten und dem Schutz des Selbstwertgefühls dienen. Anderen Menschen oder geheimnisvollen Umständen wird die Schuld an den Widrigkeiten des eigenen Daseins gegeben.

  4. Überwindung des Zweifels. Wer selbstkritisch ist, weiß, dass er nichts weiß. Wir glauben zwar fest an das eine oder andere, wirklich beweisen können wir unsere Überzeugungen allerdings eher selten. Der „Psychotiker“ jedoch kann sich in die Höhen der absoluten Gewissheit aufschwingen. Dies schenkt ein Gefühl der Überlegenheit.

  5. Lösung einer existenziellen Krise. Unser Dasein ist ein Rätsel. Dieses Rätsel kann unerträglich werden, insbesondere dann, wenn uns das Leben mit seinen Widrigkeiten peinigt. Um einen neuen Sinn im Leben zu entdecken, mag es mitunter als große Erleichterung empfunden werden, wenn man zunächst alle vertrauten Welterklärungen über Bord wirft und das Puzzle der Ideen und Wahrnehmungen wieder neu zusammenzusetzen versucht.

Strafe

  1. Angst. Wer den Weg der „Psychose“ geht, katapultiert sich aus der Gemeinschaft heraus, stellt ihre Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten in Frage. Die Reaktionen der Mitmenschen schwanken zwischen Verwirrung und Verachtung. Dies führt zu einer profunden Verunsicherung, gegen die auch die „psychotische“ Grandiosität auf Dauer machtlos sein kann. Und dann schleicht sich das Gift der Angst ein.

  2. Isolation. Wer „psychotisch“ ist, muss damit rechnen, dass sich Familie, Freunde und Bekannte von ihm abwenden oder zumindest auf Distanz gehen. Der „Psychotiker“ wird ausgegrenzt, nicht mehr eingeladen oder wie ein Fremdkörper behandelt. Die sozialen Beziehungen verarmen.

  3. Vernichtung der sozialen Existenz. Früher oder später wirken sich wiederholte „psychotische“ Episoden verheerend auf die existenziellen Grundlagen aus. Arbeitsplätze gehen verloren, Ehen scheitern. Der „Psychotiker“ ist oftmals auf Transfer-Leistungen angewiesen.

  4. Psychiatrisierung. Dazu komme ich später.

Die Listen von Lohn und Strafe beanspruchen keine Vollständigkeit.

Fazit

Die Grundidee, die deutlich werden sollte, besteht darin, dass „psychotisches“ Verhalten für den „Psychotiker“ nicht so schrecklich ist, wie es von außen betrachtet erscheint. Es spricht sogar wenig dagegen, anzunehmen, dass der Psychotiker unter Strich gesehen davon zu profitieren glaubt, d. h. seine subjektive Bilanz von Kosten und Nutzen ist positiv.

Wenn es anders wäre, hätte er ja auch keinen vernünftigen Grund, „psychotisch“ zu sein.

Es mag ungeheuerlich klingen, einem „Psychotiker“ zu unterstellen, er sei aus vernünftigen Gründen „psychotisch“. Dies ist selbstverständlich nur meine subjektive Sicht. Ich habe keine Beweise dafür. Es gibt zwei Wege, die Plausibilität dieser Einschätzung zu prüfen:

  1. Man frage sich und prüfe nach, ob nicht tatsächlich, angesichts von Lebensgeschichte und Lebensumständen, das „psychotische“ Verhalten die beste aller Möglichkeiten ist, die sich dem „Psychotiker“ zu bieten scheinen (wobei die Einschätzung dieser Möglichkeiten natürlich eine subjektive Bewertung ist).

  2. Man frage sich, warum psychiatrische Maßnahmen letztlich darauf hinauslaufen, die Bilanz des „Psychotikers“ zu verschlechtern, ihn also für sein psychotisches Verhalten zu bestrafen.

Neuroleptika sind eine Strafe. Sie haben sehr wahrscheinlich gravierende, oftmals irreversible Schad-Effekte. Ihre Wirkung wird nicht selten als quälend erlebt. Klinikaufenthalte sind eine Strafe, nicht nur die erzwungenen. Unter dem Deckmantel der Hilfe bestraft die Psychiatrie den „Psychotiker“. Die geforderte „Krankheitseinsicht“ ist die Einsicht in die Notwendigkeit einer Bestrafung für „psychotisches“ Verhalten.

Die vorangestellte Skizze will und kann empirische Studien zu dieser Thematik natürlich nicht ersetzen. Das bisherige Scheitern aller Versuche, „Psychosen“ als durch eine „gestörte Hirnchemie“ verursacht zu erklären, spricht allerdings für die Notwendigkeit, nach alternativen Theorien zu suchen.

Eine Bilanz von Lohn und Strafe wäre aus meiner Sicht kein schlechter Kandidat für eine solche Theorie. Die Verhaltensweisen, die von der Psychiatrie als Symptome einer „Psychose“ gedeutet werden, existieren natürlich. Fast jeder dürfte schon einmal Menschen begegnet sein, bei denen diese Phänomene auftreten. „Psychotiker“ sehen Dinge, die sonst niemand sieht, hören Stimmen, die sonst niemand hört, glauben an Ideen, die anderen verrückt erscheinen.

Aber es gibt nicht den Hauch eines Hinweises darauf, dass diese real existierenden Verhaltensweisen tatsächlich durch einen Defekt des Gehirns hervorgerufen werden. Es kann sich auch um eine nachvollziehbare Reaktion eines intakten Gehirns auf ungünstige Umstände handeln, beispielsweise.

Natürlich gibt es „Psychotiker“, die offensichtlich von Ängsten gepeinigt sind, die in Abgründe schierer Verzweiflung schauen und denen man nicht zu unterstellen wagt, dass sie diese Zustände sehenden Auges selbst herbeiführen.

Aber auch bei diesen Menschen stellt sich die Frage, ob sie nicht ihre „Psychose“ in Kauf nehmen, weil sie noch erheblich Schlimmeres befürchteten für den Fall, dass sie auf ihre „Psychose“ verzichteten.

Diese Befürchtung mag übertrieben, mag vollends unbegründet sein; dennoch kann sie eine Entscheidung zur „Psychose“ begünstigen. Damit wird natürlich nicht behauptet, dass sich Menschen direkt zur Psychose entscheiden, etwa nach dem Motto: „Ab morgen bin ich schizophren!“

Vielmehr setze ich voraus, dass Leute allmählich – durch eine Kette kleiner, für sich genommen oft unbedeutender Entscheidungen, von ihnen selbst lange unbemerkt – in eine „Psychose“ hineingleiten und Schritt für Schritt eine psychotische Gewohnheit ausbilden.

Diese Gewohnheit wird allerdings (in ungünstigen Fällen) öfter und intensiver belohnt als bestraft und daher können sich die Betroffenen dieses Verhaltensmuster nur schwer wieder abgewöhnen.

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