Psychopharmaka: Wirkung durch Konditionierung?

Oftmals behaupten Befürworter einer medikamentösen Therapie der so genannten psychischen Krankheiten eindeutig Falsches, weil empirisch nicht Erhärtetes.1)Der Philosoph Karl Popper hat gezeigt, dass man Theorien mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit nicht beweisen, wohl aber widerlegen kann. Als empirisch erhärtet oder bewährt dürfen solche Theorien dieser Art gelten, die wiederholt Widerlegungsversuchen widerstanden haben. Es gibt dann keinen vernünftigen Grund mehr, an ihnen zu zweifeln. Sie unterstellen: Psychopharmaka wirken gezielt auf die Ursachen der jeweiligen „psychischen Krankheit“ ein. Mag diese These auch plausibel klingen, es gibt nicht den Hauch einer empirischen Basis für sie.2)Moncrieff, J. & Cohen D. (2005). Rethinking models of psychotropic drug action. Psychother. Psychosom. 74, 145-153

Es kann jedoch nicht bestritten werden, dass diese Drogen Wirkungen haben. Und so stellt sich die Frage, auf welchen anderen Mechanismen sie beruhen. Die Forschung ist weit davon entfernt, eine schlüssige Antwort auf diese Frage geben zu können. Allenfalls kann sie mit Hypothesen aufwarten. Beispiel: Neuroleptika.3)Neuroleptika sind Medikamente zur Behandlung von Psychosen. Die Dopamin-These4)Vereinfacht gesprochen, lautet diese These, dass Schizophrenie durch einen Überschuss des Botenstoffs Dopamin hervorgerufen wird. „Die Schizophrenien könnten verursacht sein, durch die Überaktivität bestimmter dopaminerger Bereiche des menschlichen Gehirns.“ (Van Rossum JM (1966). The significance of dopamine-receptor blockade for the mechanism of action of neuroleptic drugs. Arch Int Pharmacodyn Ther. 1966 Apr;160(2):492-4) ist gescheitert.5)Siehe z. B. Gøtzsche, P. C. (2015). Deadly Psychiatry and Organized Denial. Kopenhagen: People’s Press, Kindle Edition Position 4654 / Gøtzsche schreibt, die einschlägige Forschung habe die Dopamin-Hypothese immer wieder modifiziert, damit sie zu den Daten passt. Dadurch erscheine diese Forschung als das, was der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Karl Popper eine Pseudowissenschaft nennt.

Andere Thesen zur spezifischen „antipsychotischen“ Wirkung dieser Substanzen sind nicht in Sicht. Warum also wirken sie dennoch? Es ist ja nicht zu bestreiten, dass sich viele der damit behandelten Patienten nach einiger Zeit der Medikamenteneinnahme angepasster verhalten als zuvor. Manche erscheinen zwar apathisch, emotional verflacht, mitunter roboterhaft. Aber immerhin bekunden sie deutlich seltener Halluzinationen oder Wahnideen.

Neuroleptika haben bekanntlich unerwünschte Wirkungen. Hierzu zählen:

Ältere Neuroleptika:

  • Steifheit und Zittern, wie bei der Parkinson-Erkrankung
  • sich träge und langsam im Denken fühlen
  • unangenehme Unruhe (Akathisie)
  • einige können den Blutdruck beeinflussen und Schwindelgefühle hervorrufen
  • Probleme mit dem Sex-Leben
  • Probleme mit dem Anschwellen oder Empfindlichkeit der Brust

Neuere Neuroleptika:

  • Schläfrigkeit und Langsamkeit
  • Beeinträchtigung des Sexuallebens
  • Erhöhte Diabetes-Wahrscheinlichkeit
  • Einige können den Blutdruck beeinflussen und Schwindelgefühle hervorrufen
  • Bei hoher Dosierung sind einige wie die alten Neuroleptika mit Parkinson-ähnlichen Nebenwirkungen verbunden
  • Langfristiger Gebrauch kann unwillkürliche Bewegungen des Gesichts oder, seltener, der Arme und Beine hervorrufen (Spätdyskinesie).

Notes

Derartige Effekte können immer auftreten, aber ihre Wahrscheinlichkeit und Stärke steigt natürlich mit der Höhe der Dosierung. Diese Wirkungen sind unangenehm: quälend und / oder Besorgnis erregend. Menschen neigen grundsätzlich dazu, solche Phänomene zu vermeiden. Warum also konsumieren dennoch viele angeblich psychisch Kranke Neuroleptika freiwillig?

Betrachten wir folgendes Schema: Ein Mensch verhält sich psychotisch. Er erhält ein Neuroleptikum. Es ruft Nebenwirkungen hervor. Er weigert sich, das Medikament zu schlucken. Man macht ihm klar, dass er eventuell gezwungen wird, es zu nehmen, wenn er sich weigert. Ihm wird versprochen (oder er erwartet dies ohne ein ausdrückliches Versprechen), dass eine Dosisreduzierung, evtl. sogar eine Absetzung des Mittels möglich sei, wenn sich seine Symptomatik verbessere.

Auf dieser Grundlage kann eine Konditionierung erfolgen. Die Furcht vor einer Dosiserhöhung mit qualvollen Auswirkungen, evtl. verbunden mit psychiatrischem Zwang, führt zu einer „Besserung“ der „Symptome“. Dazu müssen die Neuroleptika keinerlei „antipsychotische“ Wirkungen besitzen. Die oft höchst unangenehmen, so genannten Nebenwirkungen reichen vollständig aus. Dieselben Effekte könnte man erzielen, wenn man die unangenehmen Reize mit anderen Instrumenten hervorrufen würde, beispielsweise mit den üblichen Folterwerkzeugen.

Wer z. B. weiß, dass er bei Fehlverhalten am Penis mit Elektrizität gefoltert oder einem Waterboarding unterzogen wird, neigt zum Wohlverhalten. Einen ähnlichen Effekt kann man auch mit Neuroleptika erzeugen. Diese Wirkung tritt beinahe sicher ein, wenn man die Dosis solange steigert, bis die Qualen für den Betroffenen unerträglich werden.

Was bleibt einem Menschen übrig, der damit rechnet, Neuroleptika in immer höherer, noch qualvollerer Dosis nehmen zu müssen – evtl. sogar zwangsweise? Er zieht es vermutlich vor, freiwillig regelmäßig oder bei ersten Anzeichen von „Symptomen“ kleinere, weniger qualvolle Dosen zu konsumieren.

Das gleiche Phänomen ließe sich beobachten, wenn man dem Gefolterten versprechen würde, ihm bei Wohlverhalten nur noch mildere Stromstöße zu erteilen oder diese gar ggf. ganz einzustellen.

Es soll nicht bestritten werden, dass Neuroleptika oder andere Psychopharmaka auch eigenständige Wirkungen auf das Nervensystem haben, die sich nicht durch den beschriebenen oder andere Konditionierungsmechanismen erklären lassen.

Wenn beispielsweise ein Neuroleptikum einen „Patienten“ apathisch macht, regt er sich eventuell nicht mehr so sehr über seine außergewöhnlichen Erfahrungen auf. Er erscheint dann, von außen betrachtet, als gebessert. Teilt ihm die Mitwelt dies mit, kann dies durchaus eine Erleichterung bewirken. Diese wäre allerdings ebenfalls eine Verstärkung der Medikamenteneinnahme, also eine Konditionierung.

Dass Konditionierungsmechanismen eine erhebliche Rolle spielen, liegt also auf der Hand. Auch wenn dies den Betroffenen gar nicht bewusst wird, kann sich die konditionierende Wirkung von Psychopharmaka entfalten. Dabei muss es sich keineswegs stets um eine Konditionierung durch Bestrafung handeln. Wenn eine Substanz beispielsweise eine angenehme oder gar euphorisierende Wirkung hat, spielt Strafe natürlich keine Rolle. Der „Patient“ neigt dann eher dazu, „pathologisches“ Verhalten zu zeigen. Damit verbindet er die Hoffnung, dass der Arzt ihm dieses segensreiche „Medikament“ verschreibt. Dies könnte beispielsweise durchaus bei der Chronifizierung von Schlafstörungen mitwirken.

Fußnoten   [ + ]

1.Der Philosoph Karl Popper hat gezeigt, dass man Theorien mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit nicht beweisen, wohl aber widerlegen kann. Als empirisch erhärtet oder bewährt dürfen solche Theorien dieser Art gelten, die wiederholt Widerlegungsversuchen widerstanden haben. Es gibt dann keinen vernünftigen Grund mehr, an ihnen zu zweifeln.
2.Moncrieff, J. & Cohen D. (2005). Rethinking models of psychotropic drug action. Psychother. Psychosom. 74, 145-153
3.Neuroleptika sind Medikamente zur Behandlung von Psychosen.
4.Vereinfacht gesprochen, lautet diese These, dass Schizophrenie durch einen Überschuss des Botenstoffs Dopamin hervorgerufen wird. „Die Schizophrenien könnten verursacht sein, durch die Überaktivität bestimmter dopaminerger Bereiche des menschlichen Gehirns.“ (Van Rossum JM (1966). The significance of dopamine-receptor blockade for the mechanism of action of neuroleptic drugs. Arch Int Pharmacodyn Ther. 1966 Apr;160(2):492-4)
5.Siehe z. B. Gøtzsche, P. C. (2015). Deadly Psychiatry and Organized Denial. Kopenhagen: People’s Press, Kindle Edition Position 4654 / Gøtzsche schreibt, die einschlägige Forschung habe die Dopamin-Hypothese immer wieder modifiziert, damit sie zu den Daten passt. Dadurch erscheine diese Forschung als das, was der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Karl Popper eine Pseudowissenschaft nennt.