Psychopharmaka: Mehr Schaden als Nutzen

Die Cochrane Collaboration ist eine der bedeutendsten Organisationen zur medizinischen Qualitätssicherung. Mehr als 31000 Freiwillige arbeiten in über 120 Staaten zusammen, um die vorhandene empirische Literatur zu medizinischen Therapien zu sichten und kritisch zusammenzufassen. 2011 nahm die Cochrane Collaboration offizielle Beziehungen mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf. Trotz mancher Kritik gilt die Cochrane Collaboration als seriös und ihre Übersichtsarbeiten werden als beispielgebend anerkannt. Als Zeichen des hohen Reflexionsniveaus dieser Organisation kann eine Studie gelten, die eigene und fremde Übersichtsarbeiten zum Gegenstand einer kritischen Betrachtung macht (Page et al. 2013).

Peter C. Gøtzsche ist Mitbegründer der Cochrane Collaboration und Leiter des Nordic Cochrane Center. Er ist als Forscher weltweit anerkannt. Er hat mehr als fünfzig Fachartikel in den „Big Five“ (BMJ, Lancet, JAMA, NEJM, Annals) publiziert, was bisher nur wenigen Menschen auf diesem Planeten gelungen ist. Seine Arbeiten wurden bisher rund 9000-mal in wissenschaftlichen Publikationen zitiert.

Gøtzsche machte seinen Master 1974 in Biologie und Chemie und wurde 1984 als Arzt approbiert. Er ist Facharzt für innere Medizin und arbeitete als Forscher für die pharmazeutische Industrie sowie in diversen dänischen Krankenhäusern. Er ist heute Professor für klinische Versuchsplanung und Analyse an der Universität von Kopenhagen. Er erarbeitete als Leiter einschlägiger Forschungsteams zahllose Übersichtsarbeiten für die Cochrane Collaboration.

In einem Buch (Gøtzsche 2013) zum Einfluss der Pharmaindustrie auf Wissenschaft, medizinische Praxis und Politik schreibt er:

Unseren Bürgern ginge es besser, wenn wir alle Psychopharmaka vom Markt nehmen würden, weil die Ärzte unfähig sind, damit umzugehen. Es ist unausweichlich, das ihre Verfügbarkeit mehr Schaden als Nutzen schafft.“

Das sind klare, unmissverständliche Wort aus dem Mund eine Pioniers moderner medizinischer Qualitätssicherung, die sich vor allem auf randomisierte, placebo-kontrollierte Studien stützt. Psychopharmaka sind keineswegs so sicher und effektiv, wie uns die Marketingmaschinerie der Pharmawirtschaft und der Psychiatrie vorgaukelt, und sie sind bei den Ärzten auch nicht in den besten Händen, wie Patienten verständlicherweise gern glauben möchten.

In einem Artikel des Blogs „Mad in America“ setzt er sich unter dem Titel „Psychiatrie Gone Astray“ (Psychiatrie auf Abwegen) mit zehn Mythen der Psychiatrie auseinander:

  1. Psychische Krankheiten“ werden durch chemische Ungleichgewichte verursacht.
  2. Es ist kein Problem, Antidepressiva abzusetzen.
  3. Psychopharmaka sind wie Insulin für Diabetes.
  4. Psychopharmaka reduzieren die Zahl chronischer Patienten.
  5. Antidepressiva verursachen keine Suizide bei Kindern und Jugendlichen.
  6. Antidepressiva haben keine Nebenwirkungen.
  7. Antidepressiva machen nicht abhängig.
  8. Die Häufigkeit von Depressionen hat stark zugenommen.
  9. Das Hauptproblem ist nicht Über-, sondern Unterbehandlung.
  10. Neuroleptika beugen Hirnschäden vor (Gøtzsche 2014).

Diese Mythen, so Gøtzsche, haben sich sämtlich im Licht systematischer, seriöser empirischer Forschung als falsch oder nicht bewiesen herausgestellt. Er sei, schreibt er, nicht grundsätzlich gegen Psychopharmaka, sie könnten durchaus nützlich sein, zumindest kurzfristig, in akuten Situationen. Man dürfe sie aber nur einsetzen, wenn man sicher sein könne, damit mehr Nutzen zu stiften, als Schaden anzurichten. Der weltweit boomende Verschreibung von Psychopharmaka aller Arten steht in krassem Widerspruch zu diesem pragmatischen Ansatz.

Gøtzsche ist Mitglied im „Council for Evidence-Based Psychiatry“ (CEP). In der Selbstdarstellung des CEP heißt es:

„Der CEP existiert, um Menschen und Institutionen im UK auf die Evidenz für die potenziell schädlichen Wirkungen psychiatrischer Medikamente … aufmerksam zu machen. Die wissenschaftliche Erfahrung zeigt klar, dass psychiatrische Medikamente, die von Teilen der medizinischen Profession als sicher und effektiv dargestellt werden, häufig bei vielen Patienten zu schlechteren Ergebnissen führen, insbesondere, wenn sie langfristig eingenommen werden.“1

Gøtzsche ist auf vielen Ebenen aktiv, um über den unheilvollen Einfluss der Pharmaindustrie auf Wissenschaft, praktische Medizin und Politik aufzuklären. Er beschränkt sich dabei nicht nur auf die Psychiatrie, diese sei aber ein Paradies der Pharmaindustrie.

Inzwischen hat sein Buch über die Mafia-Methoden der Pharmaindustrie einen deutschen Verlag gefunden.2 Dieses Buch ist Pflichtlektüre für jeden, der krank ist oder der es für möglich hält, einmal krank zu werden. Und erst recht ist es Pflichtlektüre für alle, die als „psychisch krank“ diagnostiziert wurden.

Literatur

Gøtzsche, P. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe

Gøtzsche, P. (2014). Psychiatry Gone Astray. Mad in America, 28. Januar

Page, M. J. et al. (2013). An empirical investigation of the potential impact of selective inclusion of results in systematic reviews of interventions: study protocol. Systematic Reviews 2013, 2:21

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