Psychologen kritisieren die psychiatrische Diagnostik

Die psychiatrische Diagnostik fußt nicht auf objektiven Tests und auf naturwissenschaftlich fundierten Modellen der menschlichen Psyche. Vielmehr beruht sie auf Symptomen. Symptome sind Beschwerden, den von den Patienten mitgeteilt oder aus ihrem Verhalten erschlossen werden. Dies eröffnet einen weiten Spielraum für Beliebigkeit und Missbrauch.1)Siehe meinen Artikel: Psychiatrische Diagnostik – ein Gaukelspiel

Die Kritik an der psychiatrischen Diagnostik wird innerhalb der Fachwelt meist von Einzelpersonen vorgetragen. Eine seltene Ausnahme stellt die
„Division of Clinical Psychology“ der „British Psychological Society“ dar. Die Britische Psychologische Gesellschaft repräsentiert rund 50.000 Psychologen.

In einer Stellungnahme aus dem Jahr 2013 unterzog die Abteilung für Klinische Psychologie dieser Fachgesellschaft die psychiatrische Diagnostik einer tief greifenden Kritik2)DCP Position Statement. Classification of behaviour and experience in relation to functional psychiatric diagnoses: Time for a paradigm shift. May 2013. Im Kern konzentrierte sich die Kritik auf folgende Gesichtspunkte:

  • Psychiatrische Diagnosen werden häufig als objektive Statements oder Fakten präsentiert. Sie sind in Wirklichkeit aber nur Interpretationen von beobachtetem Verhalten und von Bekundungen der Patienten.
  • Die Zuverlässigkeit und das wissenschaftliche Fundament dieser Diagnosen sind zweifelhaft.
  • Deswegen ist die Nützlichkeit dieser Diagnosen für klinische Interventionen höchst begrenzt.
  • Die Vorherrschaft des medizinischen Modells führt zu einer Unterschätzung psycho-sozialer Faktoren und zu einer Überbetonung medikamentöser Behandlungsformen.
  • Die negativen physischen und psychischen Auswirkungen dieser Medikamente werden heruntergespielt.
  • Psychiatrische Diagnosen kaschieren die Verbindungen zwischen den Erfahrungen, dem Leiden und dem Verhalten der Menschen und ihrem sozialen Kontext.
  • Sie sind zudem ethnozentrisch verzerrt und tendenziell diskriminierend in sexistischer, klassistischer, spiritueller und kultureller Hinsicht.
  • Sie verstärken negative Einstellungen gegenüber den Betroffenen.
  • Sie sind stigmatisierend und wirkten sich negativ auf das Selbstbild aus.
  • Sie schätzen die persönlichen Erfahrungen der Betroffenen gering. Diese werden häufig nur als auslösende Faktoren betrachtet.
  • Die Diagnosen werden den Diagnostizierten aufgezwungen und nicht im Dialog mit ihnen erarbeitet.
  • Sie entmachten die Betroffenen. Sie entmutigen sie, eigene, selbstbestimmte Entscheidungen zu fällen.

Daher fordert die Division einen „Paradimenwechsel“. Das Paradigma, das es zu überwinden gilt, ist das psychiatrische. Die Psychiatrie betrachtet seelisches Leid und gestörtes Verhalten als Ausdruck von biologisch fundierten Prozessen im Individuum. Das ist das medizinische Modell. Es wurde aus der Körpermedizin übernommen.

Demgegenüber plädieren die britischen Psychologen dafür, den sozialen Kontext der Betroffenen stärker zu berücksichtigen. Die psychiatrische Diagnostik soll überwunden werden.3)Ähnliches fordern vereinzelt auch britische Psychiater, so z. B. Sami Timini; siehe: Timini, S. (2014).No more psychiatric labels: Why formal psychiatric diagnostic systems should be abolished. International Journal of Clinical and Health Psychology Volume 14, Issue 3, September–December 2014, Pages 208-215 An ihre Stelle soll eine umfassende und ausformulierte Analyse der Lebenssituation des Betroffenen treten.

Im Januar 2018 legte die Division ein voluminöses Werk vor, das eine Alternative zur psychiatrischen Diagnostik sein will:

The Power Threat Meaning Framework: Towards the identification of patterns in emotional distress, unusual experiences and troubled or troubling behaviour, as an alternative to functional psychiatric diagnosis

Die Hauptautoren sind zwei herausragende Frauen der britischen Psychologenszene: Dr. Lucy Johnstone und Professor Mary Boyle. So gut wie alles, was unter Klinischen Psychologen auf der Insel Rang und Namen hat, findet sich unter den Ko-Autoren.

Das „Power Threat Meaning Framework“ beansprucht, ein übergreifendes Rahmenwerk zur Identifikation von Mustern emotionaler Nöte, ungewöhnlicher Erfahrungen und beunruhigenden Verhaltens zu sein. Es soll eine Alternative zur psychiatrischen Diagnose und Klassifikation darstellen.

Ein solches Rahmenwerk sei notwendig, da die psychiatrische Diagnostik auf einem medizinischen Modell beruhe. Dieses sei jedoch im Wesentlichen konstruiert worden, um Körper zu verstehen. Es könne kaum dazu dienen, die Gedanken, Gefühle und das Verhalten von Individuen zu begreifen.

Psychische Schwierigkeiten sind aus Sicht der Autoren mit Bedrohungen verbunden, die durch Ungleichgewichte oder den Missbrauch von Macht im Umfeld der Betroffenen oder in der Gesellschaft insgesamt entstehen.

Symptome werden in diesem Rahmenwerk als bedeutungsvolle und mitunter bizarre und gelegentlich selbstzerstörerische Reaktionen auf eine Kombination herausfordernder und widriger Bedingungen aufgefasst. Es handelt sich um Versuche, sich anzupassen, zu überdauern, sich in Sicherheit zu bringen, ja, sogar, um sich weiterzuentwickeln.

Durch differenziertes Eingehen auf die Lebensgeschichte und -situation des Betroffenen versucht das Rahmenwerk, die etikettierende Diskriminierung zu vermeiden, die für die psychiatrische Diagnostik charakteristisch ist. Während die psychiatrische Diagnostik kategorial ist (man hat die Krankheit oder nicht), nimmt das Rahmenwerk eine Einstufung in einem Kontinuum vor. Zu recht wird unterstellt, dass dies der Wirklichkeit menschlichen Erlebens und Verhaltens besser gerecht wird.

Das Rahmenwerk ignoriert die Rolle der Biologie keineswegs. Es wird eingeräumt, dass der Mensch ein Naturwesen ist. Unser Verhalten und Erleben ruhe auf biologischen Grundlagen. Es sei aber wenig hilfreich, die letztendlichen Ursachen für Störungen ausschließlich in diesem Bereich zu suchen.

Wer des Englischen kundig und am Thema vertieft interessiert ist, sollte sich mit dem „Power Threat Meaning Framework“ auseinandersetzen. Es ist der erste systematische Versuch, nicht nur auf der gedanklichen, sondern auch auf der praktischen Ebene aus dem psychiatrischen Räderwerk auszubrechen.

Mein persönlicher Standpunkt: Ich zähle dieses Rahmenwerk zu den sozialwissenschaftlichen Ansätzen. Die vier grundlegenden Ansätze zur Erklärung und Behandlung „psychischer Krankheiten“ habe ich in einem Artikel dieses Blogs ausführlich beschrieben.4)Vier Modelle zur Erklärung psychischer Krankheiten.

Ich beurteile den Vorstoß der britischen Psychologen als Fortschritt gegenüber dem medizinischen und dem bio-psycho-sozialen Modell. Und dies vor allem darum, weil er den Machtaspekt ins Spiel bringt. Er betrachtet ihn allerdings nur einseitig. Er übersieht die aktive Rolle des als „psychisch krank“ Diagnostizierten. Er wird nur als Opfer, nicht aber als Entscheider gesehen, der selbst auch Macht ausübt. Dies wird nur im entscheidungstheoretischen Ansatz angemessen berücksichtigt.

Natürlich bestreite ich nicht, dass „psychisch Kranke“ vielfach am kürzeren Hebel sitzen. Ihre Entscheidungen sind nur eine mehr oder weniger clevere Auswahl aus oft schlechten, begrenzten Wahlmöglichkeiten, die sie sich in der Regel nicht aussuchen können. Sie sind aber auch keine Automaten, die den widrigen oder als widrig empfundenen Umständen völlig hilflos ausgeliefert sind.

Man muss endlich damit aufhören, Menschen zu Maschinen zu degradieren, damit man ihnen in der Weise helfen kann wie der Automechaniker ein defektes Fahrzeug repariert.

Aber ich will nicht überkritisch sein. Das Rahmenwerk versteht sich als „work in progress“. Man darf gespannt sein, in welche Richtung es sich entwickelt.

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe meinen Artikel: Psychiatrische Diagnostik – ein Gaukelspiel
2.DCP Position Statement. Classification of behaviour and experience in relation to functional psychiatric diagnoses: Time for a paradigm shift. May 2013
3.Ähnliches fordern vereinzelt auch britische Psychiater, so z. B. Sami Timini; siehe: Timini, S. (2014).No more psychiatric labels: Why formal psychiatric diagnostic systems should be abolished. International Journal of Clinical and Health Psychology Volume 14, Issue 3, September–December 2014, Pages 208-215
4.Vier Modelle zur Erklärung psychischer Krankheiten.