Psychische Krankheit als Rollenspiel

Meine zentrale These zur psychischen Krankheit lautet: „Psychisch krank“ wird einer, weil er aus irgendeinem Grund „psychisch krank“ sein will. Diese These kann, zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt, nicht bewiesen werden; sie ist aber als mögliche (vielleicht sogar naheliegende) Interpretation des Standes der Forschung zu betrachten.1

Die „psychische Krankheit“ – so lautet die These – beruht nicht auf pathologischen Prozessen im Gehirn des Betroffenen oder auf krankhaften Abläufen in seiner „Psyche“, sondern sie ist eine Rolle, eine Krankenrolle, die der „psychisch Kranke“ aus freien Stücken spielt.

Zwar ist natürlich das Gehirn an diesem Rollenspiel beteiligt, aber nicht anders als beim Spielen beispielsweise einer Berufsrolle. Mag auch die Rolle verrückt erscheinen, sie wird von einem intakten Gehirn hervorgebracht. So wie manche, der Not gehorchend, einen ungeliebten Beruf ausüben, nehmen andere die Leiden der „psychischen Krankheit“ in Kauf, vermutlich, um noch größere befürchtete Qualen zu vermeiden.

Der Grund für die Entscheidung zum Spielen der Rolle des psychisch Kranken mag schlecht durchdacht sein oder auf schierer Gedankenlosigkeit beruhen. Er kann aber auch wohl erwogen sein und kühler Berechnung entspringen. Wahrscheinlich liegt er oft zwischen diesen Extremen. Es gibt jedenfalls keine äußere Macht oder Kraft, die den „Kranken“ daran hindern könnte, seine Entscheidung zur „psychischen Krankheit“ zu revidieren. Wer durch eine Entscheidung „krank“ wurde, kann auch durch eine Entscheidung wieder „gesund“ werden. Man kann „psychische Krankheiten“ aufgeben wie das Rauchen.2

Die Gesellschaft kann es dem „psychisch Kranken“ leicht machen, seine Entscheidung zur „Krankheit“ zu widerrufen – oder schwer. Sie kann ihm nahelegen, diese Ausflucht zu wählen; sie kann ihn ermutigen, nach produktiveren Lösungen für Lebensprobleme zu suchen. Unsere Gesellschaft scheint sich auf dem Weg der Medikalisierung, der „Verkrankung“ zu befinden. In diesem Sinne werden zunehmend Verhaltensweisen und Erlebnisformen, die früher als Eigenarten, Unarten oder gar nur als Spielarten des Normalen galten, zu „psychischen Krankheiten“ erklärt. Und eine steigende Zahl von Menschen ist gern bereit, sich diese Diagnosen zu eigen zu machen.

Dennoch: Kein Mensch leidet unter Depressionen. Menschen leiden unter Arbeitslosigkeit, unter beengten Wohnverhältnissen, unter Mobbing am Arbeitsplatz, unter dem Verlust eines geliebten Partners, unter Einsamkeit, unter eigenen Schwächen, unter überzogenen Ansprüchen, unter was auch immer. Sie leiden niemals unter Depressionen. Sie haben auch keine Depressionen. Sie sind traurig, verzagt, mutlos, haben das Gefühl, in ein schwarzes Loch gefallen zu sein, können sich nicht mehr freuen. Sie haben aber keine Depressionen. Sie sind niedergeschlagen, fühlen sich kraftlos und gebeutelt, weil sie beispielsweise während ihres bisherigen Lebens, beginnend in frühester Kindheit, allzu viel Niedertracht erfahren haben. Sie leiden nicht unter Depressionen und sie haben diese auch nicht.

Kein Mensch leidet unter Schizophrenie. Menschen leiden unter Wahrnehmungen, die sonst niemand hat und sie leiden unter den Reaktionen von Mitmenschen auf die Bekundung derartiger Wahrnehmungen. Sie leiden unter Verfolgern, an deren Existenz sonst niemand glaubt. Sie leiden unter der Geringschätzung ihrer Mitmenschen. Sie leiden unter den Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend voller Gewalt, Verwahrlosung und Missachtung. Sie leiden unter verwirrenden oder demoralisierenden aktuellen Lebensbedingungen. Sie haben auch keine Schizophrenie. Sie haben Wahrnehmungen und Ideen, die andere für verrückt halten. Sie haben Angst, weil ihnen die Welt Rätsel aufgibt und bedrohlich erscheint.

Nach obigem Muster könnte man alle so genannten „psychischen Krankheiten“ durchdeklinieren und zu demselben Ergebnis gelangen: Niemand leidet unter „psychischen Krankheiten“ und niemand hat sie. Die Menschen leiden unter den Widrigkeiten ihrer Lebensbedingungen und den Schrecken ihrer Lebensgeschichte. Sie haben auch keine „psychischen Krankheiten“, sondern Lebensprobleme.

Oftmals wurden sie von den Kräften, die in ihrem Umfeld wirken, dazu verführt oder auch dazu gedrängt, einen problematischen, einen riskanten Lebensstil zu entwickeln, einen Lebensstil, der ihre soziale Existenz und auch ihre körperliche Gesundheit gefährdet. Aber dieser Lebensstil ist keine Krankheit, sondern ein Arrangement mit äußeren Einflussgrößen, Lebensbedingungen, die der Einzelne, wenn überhaupt, nur in sehr geringem Umfang beeinflussen kann.

***

Zur Zeit kann keine Theorie gleich welcher „psychischen Krankheit“ als empirisch erhärtet betrachtet werden. Dies eröffnet einen Raum für Spekulationen, den ich in diesem Kapitel mit einem „minimalistischen“ Angebot auszufüllen trachte. Wenn empirisch belastbare ätiologische Theorien fehlen, ist es ratsam, sich an das Greifbare zu halten. Greifbar ist all das, was ein verständiger Zeitgenosse beobachten kann bzw. das, was sich aus alltäglichen Beobachtungen als plausibel ergibt.

Manche wenden ein, dass dieser Vergleich nicht in jedem Fall zutreffend sei, weil der Raucher schließlich wisse, dass er rauche, der Schizophrene z. B. aber nicht wisse, dass er schizophren sei, weil er einem Wahn unterliege. Dieses bei oberflächlicher Betrachtung plausible Argument sticht aber nicht. Denn erstens wissen viele Schizophrene, dass ihre Sichtweisen nicht mit denen ihrer Mitmenschen übereinstimmen, suchen deswegen sogar Hilfe – und zweitens neigen nicht wenige Raucher dazu, die Gefahren des Rauchens zu verleugnen oder zu bagatellisieren. Raucher und Schizophrene können also durchaus in einer Hinsicht miteinander verglichen werden: Beide haben es nicht leicht, sich ihre „Unarten“ abzugewöhnen, weil beiden oftmals die Einsicht in die Notwendigkeit fehlt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.