Psychisch krank: Zur Frage der Kosten

Die Psychiatrie verfügt bekanntlich nicht über objektive Methoden zur Diagnose der so genannten psychischen Krankheiten. Es gibt keine Biomarker; im Blutbild ist nichts zu erkennen; keine Brainscans können darüber entscheiden, ob ein Mensch psychisch krank ist oder nicht.

Die psychiatrischen Diagnosen sind also willkürlich; sie beruhen auf der schieren subjektiven Meinung des Diagnostikers. Der Psychiater entscheidet nach Gutdünken, ob er einen einen Menschen als „psychisch krank“ betrachtet und behandelt oder nicht. Sagt: Was könnte, außer einer Lizenz zum Gelddrucken, schöner sein?

Die Zahl der so genannten psychisch Kranken steigt beständig, und so auch die Kosten, die für Medikamente, Psychotherapien und Krankengeld anfallen. Da die Betroffenen als krank gelten, muss dafür die Krankenkasse aufkommen. Eine psychiatrische Diagnose ist bares Geld wert, für die Psychiatrie, für die Pharmaindustrie – und dieses bare Geld strömt aus dem Füllhorn der Krankenkassen. Allein, wer füllt dieses Horn?

Kann man der Solidargemeinschaft der Versicherten zumuten, die Behandlung von Krankheiten zu finanzieren, die sich objektiv nicht nachweisen lassen? Es genügt schon, diese Frage auch nur zu stellen, um sozialer Kälte geziehen und als „Neoliberaler“ verdächtigt zu werden.

Schnell wird behauptet, dass, wer die Finanzierung der Behandlung psychisch Kranker durch die Krankenkasse für nicht gerechtfertigt halte, den Ärmsten der Armen die Butter auf dem Brot nicht gönne. Dabei wird allerdings vergessen, dass man den Kuchen nur einmal verteilen kann. Geld, das auf der einen Seite verschwendet wird, fehlt auf der anderen Seite genau da, wo Menschen Hilfe bitter nötig haben.

Natürlich haben Leute, bei denen eine psychische Krankheit diagnostiziert wird, oftmals reale Lebensprobleme und in vielen Fällen sind sie auch nicht in der Lage, sie allein aus eigener Kraft zu bewältigen. Allerdings handelt es sich bei der Behauptung, ihre Lebensprobleme seien durch eine „psychische Krankheit“ verursacht worden, nur um eine Mutmaßung – um eine Mutmaßung, die sich im Licht der empirischen Forschung als ziemlich vage herausstellt.

Derart vage Mutmaßungen rechtfertigen es aus meiner Sicht keineswegs, den teuren medizinischen Apparat in Gang zu setzen, um „Behandlungen“ zu realisieren, die – nach heutigem Wissensstand – entweder nicht effektiver sind als Placebos (Antidepressiva, Psychotherapie) oder die eine mutmaßliche Krankheit durch eine reale neurologische Störung (Neuroleptika) oder eine handfeste Sucht (Benzodiazepine) ersetzen.

Angesichts dieses Sachstands erhebt sich die Frage, ob man den Betroffenen nicht kostengünstiger helfen könnte. Dies hat mit Neoliberalismus und sozialer Kälte nichts zu tun. Mittelverschwendung zugunsten der Pharmaindustrie und der Psychiatrie ist unabhängig vom politischen Standpunkt nicht wünschenswert – es sei denn, man wäre Lobbyist.

Unabhängig davon, hat natürlich jeder, der die Produkte und Dienstleistungen der Pharmaindustrie und Psychiatrie in Anspruch nehmen möchte, auch uneingeschränkt das Recht dazu, wie teuer diese auch immer sein mögen; allerdings sollte er sie aus eigener Tasche bezahlen.

Natürlich weiß ich, dass nicht alle Menschen mit realen Lebensproblemen es sich leisten können, psychiatrische Hilfe selbst zu finanzieren. In unserem gegenwärtigen System sieht es ja so aus, dass sich solche Menschen als „psychisch krank“ diagnostizieren lassen müssen, wenn sie die Kosten für notwendige Hilfen nicht selbst schultern können oder wollen. Dies halte ich für einen Skandal. Es gibt nicht die Spur eines Beweises dafür, dass professionelle Helfer – Psychiater, psychologische Psychotherapeuten etc. – Menschen mit Lebensproblemen besser helfen könnten als andere Leute.

Daher schlage ich vor, Stiftungen zu gründen, um Menschen mit Lebensproblemen, die sich Hilfen nicht leisten können, ein Budget zur Verfügung zu stellen, über das sie frei verfügen können. Es sollte ihnen erlaubt sein, damit einen Psychiater zu finanzieren, wenn sie wollen, aber genauso gut sollte es ihnen gestattet sein, sich für dieses Geld der Dienste eines Wunderheilers, eines Heilpraktikers, eines Gurus oder eines Nachbarn zu versichern.

Es würde ein echter freier Markt entstehen, der zwar auch keine Wunder wirkt, aber in diesem Fall durchaus den Interessen der Konsumenten besser dient als der bisherige Zustand, in dem Anbieter mit psychiatrischen Diplomen und psychotherapeutischen Zertifikaten bevorzugt werden, obwohl es nicht die Spur eines Beweises dafür gibt, dass sie dank ihrer „Qualifikation“ besser helfen könnten als andere Leute.

Auf einem solchen Markt würden sich Anbieter mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis durchsetzen; es gäbe keine eingebaute Begünstigung von Dienstleistern mit bestimmten pseudowissenschaftlichen Ausbildungen.

Selbstverständlich sollten alle Drogen und damit auch die so genannten Psychopharmaka legalisiert werden. Niemand wäre dann gezwungen, einen Arzt aufzusuchen, um sich eine Substanz mit stimmungsverändernden Wirkungen verschreiben zu lassen. Dass damit eine enorme Kostensenkung verbunden wäre, versteht sich von selbst.

Auf den Sachverstand der Ärzte kann man hier gut verzichten, da diese bekanntlich auch nicht wissen und vorhersagen können, wie Psychopharmaka wirken, bei wem und warum. Völlig unerforscht sind überdies auch die Interaktionen zwischen einschlägigen Medikamenten.

So schreibt beispielsweise der Mitbegründer der Cochrane Collaboration und Leiter des Nordic Cochrane Centre, der Medizinprofessor Peter C. Gøtzsche in seinem Buch: „Deadly Medicines and Organised Crime“:

„Und ich bin in keiner Weise ‚Antipsychiatrie‘. Aber meine Studien in diesem Bereich führten mich zu einem sehr unbequemen Schluss: Unsere Bürger wären viel besser dran, wenn wir alle Psychopharmaka vom Markt nehmen würden, da Ärzte unfähig sind, mit ihnen umzugehen. Es ist unausweichlich, dass ihre Verfügbarkeit mehr Schaden als Nutzen hervorruft.“i

Da ich Drogenprohibition grundsätzlich für ineffektiv halte, plädiere ich zwar nicht wie Gøtzsche dafür, Psychopharmaka vom Markt zu nehmen, wohl aber halte ich es für sinnvoll, den Ärzten das Privileg zu ihrer Verschreibung zu entziehen. Viele Menschen glauben nach wie vor, dass Ärzte wüssten, was sie tun, wenn sie Psychopharmaka verschreiben, sie hätten dies schließlich studiert.

Diese falsche Sicherheit entfiele, wenn jedem das Recht eingeräumt bzw. die Verpflichtung auferlegt würde, die Verantwortung für den Konsum solcher Substanzen selbst zu übernehmen. Möglicherweise würde dies in diesem Bereich sogar zur Schadensbegrenzung und Nutzensteigerung beitragen.

Zum Schluss möchte ich noch einen letzten, und wirklich, nicht den schlechtesten Pfeil aus meinem Köcher ziehen, nämlich das bedingungslose Grundeinkommen. Niemand müsste sich, finanziell so abgesichert, von einem Psychiater für „psychisch krank“ erklären lassen, wenn er sich aufgrund eines Lebensproblems außerstande sieht, seiner Arbeit nachzukommen.

Es führt ohnehin kein Weg an einem bedingungslosen Grundeinkommen vorbei, da bezahlte Arbeit in Zukunft sehr, sehr knapp werden wird. Jede Tätigkeit, die nicht allzu viel Kreativität und allzu komplexe Entscheidungen unter Unsicherheit erfordert, wird in absehbarer Zeit von Robotern übernommen. Dies ist längst keine Sciencefiction mehr, sondern eine realistische und in Ansätzen bereits realisierte Möglichkeit.

Statt Medikalisierung, Prohibition und monströser Bürokratisierung der Arbeitsverwaltung:

Freie Wahl des Helfers bei Lebensproblemen, Freigabe aller Drogen und bedingungsloses Grundeinkommen!

Diese Formel mag Widerspruch, ja, Empörung auslösen, bei manchen auch nur ein Kopfschütteln. Dass wir aber nicht so weitermachen können wie bisher, sollte eigentlich jedem klar sein, ganz gleich, wie er zu meinem Lösungsvorschlag steht.

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Gøtzsche, P. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe

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