Psychiatrische Diagnosen sind subjektive Bewertungen

Psychiatrische Diagnosen fußen nicht auf objektiven Tests. Sie beruhen auch nicht auf Modellen, die mit naturwissenschaftlichen Methoden erhärtet wurden. Wer sich die psychiatrischen diagnostischen Manuale anschaut, stellt fest: Die einzelnen „Krankheitsbilder“ bestehen aus einer Auflistung von Symptomen, also von Beschwerden.1)Siehe meinen Artikel: Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Diagnosen

Deswegen handelt es sich bei der Diagnose einer „psychischen Krankheit“ um eine Bewertung. Bewertungen sind immer subjektiv. Man könnte die entsprechenden Phänomene ja auch als „Talente“, als „dämonische Besessenheit“ oder als „schlechtes Benehmen“ deuten. Es gibt, zumindest zur Zeit, keine Fakten, die eine Einstufung als „Krankheit“ nahelegen. Emotionen, Wertvorstellungen, Vorurteile, die dafür sprechen, existieren sonder Zahl. Diese aber sollten in der Wissenschaft nicht die ausschlaggebende Rolle spielen. Und, ehrlich gesagt, auch der Laie sollte sich nicht von ihnen leiten lassen.

Auf Tatsachen kann man sich zur Zeit nicht berufen. Die Verhaltensweisen und Erlebnismuster, die nach psychiatrischer Auffassung „Symptome einer psychischen Krankheit“ darstellen, existieren durchaus. Allerdings kennen wir die Gründe dieser Phänomene nicht.

Man mag das eine oder andere vermuten, aber woran es im jedem Einzelfall liegt, das wissen wir einfach nicht. Es gibt keinerlei wissenschaftlich tragfähigen Hinweise darauf, dass diese Phänomene von einem erkrankten Gehirn hervorgerufen werden. Es könnte sich ebenso um die Reaktionen eines intakten Gehirns auf Widrigkeiten des Umfelds oder der Lebensgeschichte handeln. Ja, der Krankenhausaufenthalt selbst oder die (medikamentöse) Behandlung dort könnten für die Phänomene verantwortlich sein. Was auch immer.

Bei den psychiatrischen Diagnosen handelt es sich demzufolge nicht um wissenschaftlich solide Konzepte. Sie stellen vielmehr Etiketten dar, die auf Mutmaßungen und Bewertungen beruhen. Wenn Menschen dauerhaft aus rätselhaften Gründen von der Norm oder den Erwartungen ihrer Mitmenschen abweichen, dann müssen sie mit einer psychiatrischen Diagnose rechnen. Eine weitere Voraussetzung besteht darin, dass die jeweils störenden Verhaltensmuster nicht als legitimer Ausdruck der Persönlichkeit gelten, z. B. als skurrile Eigenarten, harmlose Schrullen etc.

Nehmen wir als Beispiel die Homosexualität. Diese galt den Psychiatern früher als Krankheit, als pathologische Perversion. Inzwischen aber wird sie in keinem psychiatrischen Klassifikationssystem mehr als Krankheit geführt. Die Krankheit „Homosexualität“ wurde einfach, kraft Mehrheitsbeschluss in internationalen Psychiater-Gremien, abgeschafft.

Und dies nicht etwa, weil neue Tatsachen ans Licht gekommen wären, die Zweifel am Krankheitsstatus der Homosexualität nährten. Und dies nicht etwa, weil psychiatrische Theorien zur Homosexualität aufgrund zwingender neuer Einsichten revidiert worden wären.

Nein, keineswegs, der Grund für die Abschaffung dieser „Krankheit“ ist recht simpel: der Zeitgeist hatte sich geändert. Es galt zunehmend nicht mehr als politisch korrekt, Homosexuelle zu diskriminieren. Also musste sich die Psychiatrie dem Zeitgeist beugen und diese Diagnose aus ihren Manualen streichen.

Dieses Beispiel zeigt besonders deutlich, dass die Einstufung von störendem Verhalten als Ausdruck einer psychischen Krankheit nicht auf Tatsachen fußt, sondern auf Bewertungen.

Wenn man herausfinden würde, auf welchen Hirnprozessen die jeweiligen Erlebnisweisen und Verhaltensmuster beruhen, würde sich daran zunächst auch nichts ändern. Damit wäre ja noch lange nicht gesagt, dass die entsprechende Reaktionen tatsächlich krank sind.

Man stelle sich beispielsweise vor, die Neurowissenschaften könnten bis ins Kleinste nachweisen, wie die Hirnprozesse Homosexueller von denen der Heterosexuellen abweichen. Mehr noch: die Psychiatrie hätte auf Basis dieser Einsichten eine Methode zur schmerzlosen und nebenwirkungsfreien Umpolung der Sexualpräferenz entwickelt. Dann würde deswegen noch lange nicht aus dem Homosexuellen wieder ein pathologisch Perverser mit einer behandlungsbedürftigen psychischen Krankheit. Dies liegt u. a. daran, dass Homosexualität heute als verträglich mit dem Modell einer gesunden, natürlich funktionierenden Psyche und nicht länger als Gehirnerkrankung gilt.

Die Behauptung, dass psychiatrische Diagnosen ausschließlich auf Bewertungen beruhten, mag dem einen oder anderen zu pauschal erscheinen. Bei der Homosexualität, so räumt man ein, könne das durchaus der Fall gewesen sein. Schizophrener Wahn oder depressive Suizidalität seien jedoch so eindeutig als Krankheit zu erkennen, dass man darüber gar nicht diskutieren könne und müsse. Man könne sich allenfalls darüber streiten, ob beispielsweise der „Narzissmus“ eine Krankheit sei oder nur eine Unart. Aber bei den schweren Psychosen und anderen Geisteskrankheiten sei das doch etwas anderes.

Dies ist allerdings nicht der Fall. So gibt es beispielsweise keine Tatsachen, anhand derer man zwischen einem pathologischen Wahn und einem normalen Irrtum unterscheiden könnte. Und es gibt auch keine Tatsachen, anhand derer man zwischen einem pathologischen und einem Suizidversuch aus innerer Freiheit unterscheiden könnte. Solche Unterscheidungen erfolgen immer aufgrund von Bewertungen, und das kann auch gar nicht anders sein. Das ist bei der Schizophrenie nicht anders als bei der Homosexualität. Das ist bei der Depression nicht anders als bei der Kaufsucht.

Der amerikanische Psychiater Ronald Pies behauptet, die psychiatrische Diagnostik sei nicht mehr oder weniger objektiv als die Diagnostik in anderen Bereichen der Medizin.2)Pies, R. (2007). How “Objective” Are Psychiatric Diagnoses?(Guess Again). Psychiatry (Edgmont). 2007 Oct; 4(10): 18–22
Er beruft sich dabei auf eine Definition der entscheidenden Merkmale von Objektivität, die der Philosoph Amartya Sen vorgelegt hat.
Diese sind: Beobachtungsabhängigkeit und Unabhängigkeit von der Person. Er betont, dass die Übereinstimmung von zwei Psychiatern bei ihren Diagnosen auch nicht schlechter sei als die entsprechende Übereinstimmung von zwei sonstigen Medizinern. Darüber will ich hier nicht diskutieren.
Es genügt, die Behauptung zu widerlegen, dass die psychiatrische Diagnose ebenso sehr von Beobachtungen abhänge wie in anderen Bereichen der Medizin.
Dies ist schlicht falsch. Die psychiatrische Diagnose bezieht sich nur und ausschließlich auf subjektive Symptome, auf Beschwerden, die von den Patienten vorgebracht werden oder die von anderen wahrgenommen wurden.
Der pathologische Prozess, der diese Symptome angeblich hervorbrachte, wird überhaupt nicht beobachtet. Dieser ist nämlich unbekannt. Es werden noch nicht einmal medizinische Zeichen (objektive Symptome), die mit naturwissenschaftlichen Methoden messbar wären, beobachtet.
Aus diesem Grunde kann die Psychiatrie für ihre Diagnosen nicht dieselbe Objektivität beanspruchen wie der Rest der Medizin. Sie kann gar keine Objektivität beanspruchen, da sie die Krankheiten nicht beobachtet, sondern nur aufgrund von so genannten Symptomen mutmaßt.

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe meinen Artikel: Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Diagnosen
2.Pies, R. (2007). How “Objective” Are Psychiatric Diagnoses?(Guess Again). Psychiatry (Edgmont). 2007 Oct; 4(10): 18–22