Psychiatrie und Folter

Die harten Methoden der Gehirnwäsche beinhalten stets die folgenden vier Komponenten:

  1. Anwendung von Zwang (physische Gewalt, Drohungen u. ä.)
  2. Erzeugung von extremem, traumatisierendem Stress
  3. Beeinflussung des Nervensystems durch physische Mittel (z. B. chemische Substanzen, Elektroschocks, sensorische Deprivation, soziale Isolierung, Fixierungen u. v. m.)
  4. Beeinflussung des Denkens und der Gefühle durch Suggestionen, die eine Veränderung des Verhaltens und Erlebens bewirken sollen.

Man kann eine psychiatrische Behandlung durchaus als Folter-Gehirnwäsche bezeichnen. Jedoch muss man sich vor Augen halten, dass diese Etikettierung juristisch keinen Bestand hat. Denn die Tätigkeit der Psychiatrie ist legal, beruht auf gesetzlicher Grundlage.

Würde man diese gesetzliche Grundlage zum Gegenstand einer Volksbefragung machen, so stünde zu befürchten, dass sie von einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung legitimiert würde.

Dies bedeutet freilich nicht, dass die gesetzliche Grundlage auch mit dem Grundgesetz und den Menschenrechten vereinbar sei. Daran wurden begründete Zweifel vorgetragen, die aber – jedenfalls im Augenblick – von der überwiegenden Mehrzahl kompetenter Juristen nicht geteilt werden.

Aus meiner Sicht beruht die Mehrheitsmeinung unter Juristen ebenso wie die bereits erwähnte Haltung der Bevölkerungsmehrheit auf der Ideologie der „psychischen Krankheit“, deren angebliche wissenschaftliche Basis von der Psychiatrie erarbeitet wurde.1)Siehe meinen Artikel: Begriff und Wirklichkeit in der Psychiatrie

Die diagnostischen Kriterien, die in den maßgeblichen psychiatrischen Klassifikationssystemen den „psychischen Krankheiten“ zugeordnet werden, beziehen sich2)… wenngleich mitunter vermittels mentalistischer Begriffe wie beispielsweise „Wahn“… eindeutig auf Verhaltensweisen bzw. auf Abweichungen dieser Verhaltensweisen von sozialen Normen und Rollenerwartungen.

Die moderne Psychiatrie versteht sich als Neuro-Psychiatrie und behauptet, dass diese Abweichungen auf Störungen des Nervensystems beruhten. Die Kriterien der Diagnose-Manuale verweisen aber nicht auf diese mutmaßlichen „chemischen Ungleichgewichte“ oder auf angebliche gestörte Schaltkreise im Gehirn. Es handelt sich bei den entsprechenden Diagnosen vielmehr eindeutig und unzweifelhaft um moralische Urteile über menschliches Verhalten.

Bestimmte Verhaltensmuster werden als „Symptome von Krankheiten“ etikettiert. Aber die angeblichen Krankheiten spielen bei den entsprechenden Diagnosen keine Rolle.

Eine unpolitische, nur moralische Kritik unterscheidet nur zu gern zwischen

  • Folter, die den höheren Werten von Demokratie und Rechtsstaat dient,
  • und Folter, die den niedrigen Zwecken von Diktatoren und Gewaltherrschern entspricht.

Aus politischer Sicht aber hat Folter immer die Funktion, einer bestimmten Moral mit Gewalt Geltung zu verschaffen, sie gegen eine andere Moral durchzusetzen. Sie kann daher nicht moralisch legitimiert werden, da sie ein Instrument ist, das sich über die Moral stellt.

Man kann sie ebenso wenig wissenschaftlich als notwendige medizinische Maßnahme rechtfertigen. Folterartige Maßnahmen sind niemals medizinisch notwendig, sondern, um den spätmittelalterlichen bzw. frühneuzeitlichen Begriff zu verwenden, hochnotpeinlich.

Man kann Krankheiten nicht mit Folter heilen. Folter wirkt durchaus, aber nicht gegen Krankheiten. Man kann Folter natürlich zur Dressur verwenden. Man kann mit ihr die „Symptome psychischer Krankheiten“ unterdrücken. Dies liegt vermutlich daran, dass psychische Krankheiten in Wirklichkeit keine Krankheiten sind. Bei echten und unzweifelhaften Krankheiten, z. B. einer Lungenentzündung oder einer Arthrose, würde Folter mit Sicherheit nicht helfen, noch nicht einmal symptomatisch.

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe meinen Artikel: Begriff und Wirklichkeit in der Psychiatrie
2.… wenngleich mitunter vermittels mentalistischer Begriffe wie beispielsweise „Wahn“…