Prototypisch deutsch

Wenn man die Leute fragt, was „typisch deutsch“ oder „deutsche Kultur“ sei, so erhält man bestenfalls eine Merkmalsliste zur Antwort. Keins dieser Attribute ist ein Alleinstellungsmerkmal. Selbst die Sprache taugt zur zuverlässigen Unterscheidung des Deutschen von anderen Völkern.

Die Internalisten frohlocken. Sie halten den Nationalisten1)Ich gebrauche die Begriffe des Internationalisten und des Nationalisten nicht im vollen Umfang ihrer Bedeutung, sondern nur zur Kennzeichnung von Grundhaltungen gegenüber Angehörigen anderer Nationen. vor, dass sie ja noch nicht einmal definieren könnten, was das Besondere an ihnen sei. Deshalb sei ihre Abgrenzung, gar Ausgrenzung von anderen unsinnig, wenn nicht lächerlich. Fleißig, sparsam, sauber, bildungsbeflissen seien auch andere. Das Charakteristische der Menschenwelt sei nicht die säuberliche Einordnung in Kategorien, sondern Fülle und Vielfalt.

Ein Nationalist könnte diesem Anwurf entgegenhalten, dass die Internationalisten keinen Sinn für das im Leben wirklich Zählende hätten. Verliebt in kalte Rationalität, bliebe ihnen die Welt der Gefühle, der Intuitionen fremd. Kein Wunder also, dass sie sich mit dem Begriff der Heimat schwertäten. Nicht weiter erstaunlich auch, dass sie den Begriff des Vaterlandes für sexistisch hielten und den Unterschied zwischen Vater- und Mutterland nicht zu erspüren vermöchten.

Entsprechend dumpf sind die Auseinandersetzungen zwischen Nationalisten und Internationalisten. Man findet keine gemeinsame Sprache, außer der, sich mit Gekeif, Gebell, Geheul, Gejaule gegeneinander in Stellung zu bringen und übereinander herzufallen.

Fragt man Leute, was denn das Typische an einem Vogel sei, so warten sie zunächst mit Merkmalslisten auf. Oben auf die Liste steht: Kann fliegen. Man stellt aber schnell fest, das es Ausnahmen gibt: Pinguine und Fledermäuse z. B. Manche halten sich gar nicht länger mit solchen Listen auf, die ja auch biologisches Wissen erfordern, sondern sagen: „Typisch Vogel: das ist die Nachtigall (oder die Amsel, die Drossel, der Fink).“

Es gibt in unserem Hirn offenbar einen Mechanismus, der Varianten eines Gegenstandes hinsichtlich ihrer Nähe zum vagen Kern des Konzepts einstuft. Der Singvogel kommt dem Begriff des „Vogels“ näher als der Pinguin. Der Singvogel ist also ein Prototyp des Vogels. 2)Dieses Phänomen wurde im Namen der von Eleanor Rosch begründeten Prototypentheorie empirisch erforscht.

Es zeigt sich, dass wir sehr häufig gar nicht in der Lage, auch nicht willens sind, Gegenstände anhand von Merkmalslisten voneinander zu unterscheiden. Wir wählen vielmehr Beispiele, die nach unserer Meinung oder häufig auch nur „instinktiv“ die Essenz eines Begriffs am prägnantesten zum Ausdruck bringen. Vielen Menschen fällt beim Begriff des Möbelstücks zunächst der Tisch oder das Sofa ein und beim Begriff des Fahrzeugs das Automobil.

Dies ist ein Mechanismus, der natürlich sehr leicht zur Diskriminierung, zum Rassismus, zum Sexismus, zum Klassismus, zum Antisemitismus führen kann. Wenn wir beispielsweise an die Juden denken, so haben wir in aller Regel keine langen Listen mit den statistischen Merkmalen von Juden im Kopf, sondern einzelne jüdische Individuen, mit deren Verhalten dann vorschnell die Judenheit insgesamt charakterisiert wird.3)Das ist z. B. das Gift, das Gustav Freitag in seinem Roman „Soll und Haben“ mit der Gestalt des Veitel Itzig versprüht. Mit den Begriffen des Schwarzen, des Chinesen, des Moslems, des Christen geht es natürlich nicht anders. Wir vergleichen nicht Menschengruppen miteinander, sondern die Konzepte einzelner Personen, die wir in unserem Gedächtnis gespeichert haben.

Es muss uns keineswegs bewusst sein, welche Individuen wir zu solchen Vergleichen heranziehen. Es kann sich sogar herausstellen, dass wir z. B. bewusst die „Araber“, die „Muslime“ oder die „Franzosen“ positiver bewerten, als unsere unbewusst gesteuerten Handlungen vermuten lassen sollten – oder umgekehrt).4)Solche Dissonanzen zwischen bewussten und Unbewussten Einstellungen werden u. a. mit dem Implicit-Association Test erforscht.

Ein zusammengesetztes Konzept – wie beispielsweise „Deutschland“ – wird natürlich durch Exemplare aus einschlägigen Kategorien zusammengesetzt. So steht nach einer Studie von YouGov 5)Zeit: Das ist typisch deutsch für 63 Prozent der befragten Deutschen der Volkswagen für Deutschland. 49 Prozent sagen dies von Goethe und 45 Prozent von Angela Merkel.

Man darf voraussetzen, dass unser Konzept des „typisch Deutschen“ auf einem weitgehend unbewussten Zusammenfluss von prototypischen Exemplaren unterschiedlicher Kategorien beruht, vom Volkswagen bis hin zur Band „Kraftwerk“.6)Wir fahr’n fahr’n fahr’n auf der Autobahn

Haben nun die eingangs erwähnten Internationalisten den Mechanismus der Prototypensemantik außer Kraft gesetzt, so dass sie überall da Vielfalt sehen, wo die Nationalisten die Völker und deren Angehörige hinsichtlich ihrer Nähe zu ihrem Prototypen des Sympathischen einstufen, sie also als mehr oder weniger sympathisch empfinden?

Das sieht dann etwa so aus:

„Das Gesamt-Ranking der zwölf unbeliebtesten Touristennationen führen mit klarem Vorsprung russische Touristen an. 65 Prozent der befragten Deutschen empfanden Russen als die schlimmsten Feriengäste. Unbeliebt machten sich auch viele Briten (42,6 Prozent), gefolgt von Urlaubern aus Polen (28,6 Prozent). Selbst mit den eigenen Landsmännern wollen die Befragten in der Freizeit nicht viel zu tun haben: Sie stehen auf Platz vier der Liste. 96 Prozent der Befragten empfinden hingegen die Schweizer Urlauber als angenehme Zeitgenossen. Sie hätten bisher noch keinen Ärger gemacht.“7)Focus: Umfrage unter Deutschen: Russen sind laut, Briten betrunken

Es wäre natürlich möglich, dass auch bei den Internationalisten unbewusst die Mechanik der Prototypen-Semantik ihre Arbeit verrichtet, wohingegen ihre bewussten Gedanken ideologisch gefiltert sind. Meines Wissens wurde diese Frage bisher noch nicht auf empirischer Grundlage geklärt. Mein Gefühl sagt mir aber, dass dies wahrscheinlich der Fall ist, denn ich halte die Strukturierung des Wahrnehmungsfelds auf Basis von Prototypen für eine natürliche Eigenschaft des menschliches Geistes, die man zwar aus dem Bewusstsein verbannen, aber aus der Psyche nicht ausmerzen kann.

Fußnoten   [ + ]

1. Ich gebrauche die Begriffe des Internationalisten und des Nationalisten nicht im vollen Umfang ihrer Bedeutung, sondern nur zur Kennzeichnung von Grundhaltungen gegenüber Angehörigen anderer Nationen.
2. Dieses Phänomen wurde im Namen der von Eleanor Rosch begründeten Prototypentheorie empirisch erforscht.
3. Das ist z. B. das Gift, das Gustav Freitag in seinem Roman „Soll und Haben“ mit der Gestalt des Veitel Itzig versprüht.
4. Solche Dissonanzen zwischen bewussten und Unbewussten Einstellungen werden u. a. mit dem Implicit-Association Test erforscht.
5. Zeit: Das ist typisch deutsch
6. Wir fahr’n fahr’n fahr’n auf der Autobahn
7. Focus: Umfrage unter Deutschen: Russen sind laut, Briten betrunken

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