Pragmatischer Umgang mit Unarten

Manche Zeitgenossen gehen ihren Mitmenschen gefährlich auf die Nerven. Sie vertreten Meinungen, die völlig irrational erscheinen, und sie sind auch durch gutes Zureden oder gar vernünftige Argumente nicht zur Vernunft zu bringen.

Sie bestehen darauf, todtraurig zu sein, obwohl die Sonne lacht und alle anderen in vollen Zügen ihr Leben genießen. Sie wuseln herum, trotz des dringenden Gebotes, stille zu sitzen und andere nicht zu stören. Sie fürchten sich vor Dingen, von denen erkennbar keine Gefahr ausgeht. Sie wollen immerzu im Mittelpunkt stehen, beachtet und anerkannt werden, auch wenn sie dazu durch ihr Betragen und ihren Beitrag zur Lösung anstehender Probleme keinerlei Anlass geben. Manche drohen mit Suizid, mitunter versuchen sie sogar ohne vorherigen Erpressungsversuch, sich umzubringen, und die anderen dürfen dann rätseln, womit man dem Betroffenen wieder Mut zum Weiterleben einflößen könnte.

Kurz: Es bedarf keiner weiteren Beispiele, um zu erkennen, dass die genannten Verhaltensmuster auf einer Gemeinsamkeit beruhen: Sie sind schlechtes, sie sind verdammt schlechtes Benehmen. Sie sind eine Anmaßung gegenüber den Mitmenschen, die mit einem solchen Individuum zusammenleben müssen oder gar wollen, die es eventuell sogar lieb haben und gern achten und ehren würden.

Selbst der großmütigste Nachbar wird ungehalten, wenn einer nicht nur ein-, zweimal pro Jahr, was man ja noch hinnehmen könnte, im Treppenhaus herumpoltert, sondern ausnahmslos jede Nacht. Selbst der verständnisvollste Arbeitgeber wird unruhig, wenn einer nicht nur hin und wieder – schließlich ist niemand immer gut drauf – der Arbeit wegen tiefer Verstimmungen fernbleibt, sondern sich gern auch einmal für sechs Wochen krankschreiben lässt, um, zur Arbeit zurückgekehrt, sich nach vierzehn Tagen schon wieder ein Arbeitsunfähigkeitsattest zu holen. Auch gute Lehrer haben irgendwann einmal die Faxen dicke, wenn ein Schüler permanent den Unterricht stört und sich durch Ermahnungen oder Strafen nicht im geringsten beeindrucken lässt.

Nun also, nachdem sich die Situation so zugespitzt hat, heißt es für den Ehepartner, den Nachbarn, den Arbeitgeber, den Lehrer, Maßnahmen zu ergreifen. Der Übeltäter ist für seine Taten verantwortlich, er wurde ermahnt, nicht nur einmal, nein, wiederholt wurde er zur Ordnung gerufen, zunächst mit Engelszungen, dann durch einen scharfen Verweis, allein: Es wollte nichts helfen – und nun muss der Störer die Konsequenzen tragen, nun soll ihn die gerechte Strafe ereilen.

Doch halt: Wer wird denn gleich normal reagieren? Wir leben schließlich in modernen Zeiten! Fragen wir uns zunächst, ob der Bösewicht für sein Verhalten wirklich etwas kann. Vielleicht ist er ja – psychisch krank. Vielleicht hat er ja eine Schraube locker, vielleicht stimmt etwa in der Dachstube nicht, vielleicht läuft er deswegen neben der Kappe her. Wäre es nicht besser, man schickte ihn zur Abklärung zu einem Seelenklempner? Wir hätten jetzt noch die Chance, das Problem dort, wo es entstanden ist, vor Ort, im alltäglichen Leben zu lösen, und zwar mit Mitteln, die menschlichen Gemeinschaften von Natur aus oder seit Urzeiten zu Gebote stehen.

Diese Chance kann man aber auch verspielen, wenn man den so genannten Experten einschaltet. Aber wer hat schon die Zeit, die Lust dazu, wer traut sich, sich solche Störenfriede vorzuknöpfen und mit ihnen Tacheles zu reden. Wer hat gar die Lust, die Zeit dazu, wer traut sich, darüber nachzudenken, ob der vermeintliche Sonderling vielleicht Gründe hat, die nicht von ihm zu verantworten sind, sondern die andere abstellen müssten, um das Problem aus der Welt zu schaffen? Wer möchte sich eventuell sogar mit der Einsicht herumschlagen, dass man selbst es ist, der den anderen zur Weißglut bringt, der ihm Steine in den Weg legt, der ihm den Weg zu seinem Unfug auch noch ebnet?

Nein, wer wird sich schon ohne Not aufs Glatteis begeben. Da muss der Experte ran. Dafür wird er schließlich bezahlt. Und wenn der nicht Bescheid weiß, wer dann? Der hat das doch studiert. Die Kunst des Experten besteht zunächst einmal darin, das Problem radikal zu vereinfachen. Er wäre ja auch nicht der Fachmann, wenn er vor der Unübersichtlichkeit des alltäglichen Lebens vorschnell kapitulieren würde. Außerdem ist seine Zeit begrenzt und Zeit ist Geld. Er muss zu Potte kommen.

Das erste, was er tut, wohlan: Er steckt den Störenfried in einer Schublade. Das nennt man psychiatrische Diagnose. Diese reduziert ihn im Kern auf eine Handvoll von Merkmalen, die mit einem Kürzel verbunden werden. Aus dem Störenfried wird ein Schizophrener, ein Depressiver, ein Borderline-Persönlichkeitsgestörter, was auch immer. Im Grunde ist die Bezeichnung ziemlich unerheblich, weil willkürlich, und daher gelangen unterschiedliche Experten häufig auch bei ein- und derselben Person zu unterschiedlichen Einschätzungen.

Doch darauf kommt es nicht an: Wichtig ist allein, dass der Störenfried als Kranker identifiziert wurde. Dies bedeutet, dass bei ihm etwas nicht stimmt und dass er sich Maßnahmen gefallen lassen muss, die diese Unstimmigkeiten überwinden sollen. Kurz: Wir haben einen Sündenbock – Ehepartner, Eltern, Arbeitgeber, Lehrer, Nachbarn etc. sind aus dem Schneider.

Immer aber noch steht die leidige Alltagssituation drohend im Raum. Stimmt etwa das Umfeld nicht? Ist die Wohnung zu klein, ist das Viertel verwahrlost, sind die Arbeitsbedingungen inhuman? Auch hier weiß der Experte Rat. Auf seine Glaubwürdigkeit bedacht, wird er den Teufel tun, solche Faktoren völlig außer Acht zu lassen, denn selbst ein Depp weiß, dass ihm die Widrigkeiten des alltäglichen Lebens gefährlich aufs Gemüt schlagen können und dass niemand sich von solchen Einflüssen freisprechen kann. Dies wird der Experte natürlich auch in Rechnung stellen, gleichzeitig ist ihm aber auch klar, was sich gehört und deswegen auch, welche Erwartungen er zu bedienen hat.

Selbstredend, sagt er also, spielt der Stress eine Rolle; selbstredend, sagt er also, trägt unsere Kultur ihr Schärflein dazu bei, dass dieser da, der Kranke, aus dem Ruder läuft, allein: Hätte er nicht diesen Schaden im Gehirne, dann wäre alles nicht so schlimm. Schließlich kommen andere ja mit denselben belastenden Umweltbedingungen zurecht, manche meistern diese gar mit Bravour. Nur dieser da, der Kranke, der kann das nicht und weil sein Gehirn nicht richtig funktioniert, darum kann er nichts dafür und ist nur, wenn überhaupt, eingeschränkt verantwortlich für seine störenden Eigenarten und Sonderlichkeiten.

So also löst der Experte das Problem, indem er von den persönlichen Besonderheiten des „Betroffenen“ ebenso abstrahiert wie von den Spezifika seiner Lebenssituation. Im Reich der Abstraktion lassen sich Probleme bekanntlich am einfachsten lösen; dies beweist schlagend die Mathematik. Die Lebenserfahrungen des störenden Individuums und die Widrigkeiten seines Alltags spielen nunmehr nur noch eine untergeordnete Rolle.

Dennoch, obwohl derartige mildernde Umstände wegfallen, darf man ihm nicht böse sein, nicht wirklich, solange er sich nur widerstandslos in die Rolle des von Verantwortung befreiten Sündenbocks auf dem Weg zu Besserung fügt. Dieser Weg kann lang sein, sehr lang, und erst mit dem Leben enden; ganz gleich: der gute Wille zählt.i

Hauptsache, dass aus dem Unartigen ein Kranker, ein Patient geworden ist. Hauptsache: Er bleibt auch immer ein Patient, weil schließlich Unarten immer wieder aufflammen können – und dann ist es besser, dass der Störenfried nicht immerzu die Rolle des Patienten neu einüben muss. Darum sprechen wir ja auch vom psychiatrischen Theater, weil dort Leute, die im Alltag immer wieder Theater machen, ihrer Leidenschaft unter Aufsicht frönen können.

Gelegentlich melden sich Zeitgenossen zu Wort, die mit diesem bewährten Procedere unzufrieden sind. Nörgler wird es immer geben. Klar, es handelt sich hier tatsächlich um ein Nullsummenspiel: Was Psychiater, Psychotherapeuten, Eltern, Partner, Arbeitgeber, Nachbarn, Lehrer etc. gewinnen, dass verliert der Patient, der so genannte psychisch Kranke. Aber irgendwer muss eben in den sauren Apfel beißen, immer. Da kann man nichts machen. So hat all dies immerhin seine Ordnung; und eine Ordnung ist besser als keine. Und wenn auch der Patient nichts gewinnt, nicht wirklichii, so tröstet ihn doch die Illusion der Linderung und der Aussicht auf Heilung.

Diese Illusion dürfen wir ihm keineswegs durch harsche Kritik an diesen Verhältnissen, an diesem Betrug rauben. Der Placebo-Effekt wäre dahin, wie grausam. Ist denn das Leben nicht auch so schon hart genug? Soll es denn durch bittere Wahrheiten noch härter gemacht werden?

Ich kannte einen Mann, der sagte sich solange, das Leben sei nur im Suff zu ertragen, bis sich infolge seines Saufens seine Lebensumstände so katastrophal verschlechtert hatten, dass sie nur noch im Rausch zu ertragen waren.

Psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist, in mancher Hinsicht, wie Saufen, auch dann, wenn keine Psychopharmaka verschrieben werden. Psychotherapie kann nicht minder süchtig machen und alles, was süchtig macht, ist langfristig keine Lösung, sondern verschafft bestenfalls nur kurzfristige Erleichterung – um den möglichen, den wahrscheinlichen Preis verheerender, vermeidbarer Spätschäden.

Natürlich: Leute, die sich schlecht benehmen, müssen bestraft werden. Sie sollen sich schließlich wieder so benehmen, wie es ihre Pflicht und Schuldigkeit ist. Aber es ist inhuman, die Strafe zu übertreiben. Psychiatrie ist eine viel zu harte Strafe. Das hat niemand verdient. Unsere Gesellschaft sollte – gleichermaßen für Betroffene und Mitmenschen – bessere Wege ebnen, um mit Unarten umzugehen, zumal sie vielfach selbst ja nicht ganz unschuldig daran ist – weil sie Zwangslagen schafft, in denen die Entwicklung von Unarten für manche die beste aller Möglichkeiten ist.

Es ist schon paradox, dass vom „Patienten“ einerseits Krankheitseinsicht und Behandlungsmotivation erwartet werden, dass ihm andererseits aber unterstellt wird, sein Leiden sei Folge eines pathologischen Mechanismus, der sich seiner Kontrolle entziehe. Diese Paradoxie ergibt sich aus der Tatsache, dass die Psychiatrie „Krankheiten“ behandelt, die keine Krankheiten sind.

ii Manche „psychisch Kranke“ fühlen sich offenbar im Krankenstand so wohl, dass sie sich mit Klauen und Zähnen an ihn klammern; aber, gemessen an dem, was sie in ihrem Leben, bei etwas mehr Anstrengung und einigem Glück, erreichen könnten, erleiden sie natürlich dadurch, dass sie die Rolle des psychisch Kranken spielen, eine erhebliche Einbuße an Lebensglück, trotz des mitunter beträchtlichen „Krankheitsgewinns“. Der „Krankheitsgewinn“ gleicht der kurzfristigen Zufriedenheit, die ein Süchtiger der Rauschmittelkonsum zu erzielen vermag.

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