Postraumatische Belastungsstörung

Sex sells. Dennoch irrte Freud

Sigmund Freud war davon überzeugt, allen Neurosen lägen sexuelle Störungen zugrunde. Diese Position wurde bereits von vielen seiner Zeitgenossen bezweifelt. Und dies nicht nur, weil Freud an ein Tabu rührte. Vielmehr sprachen die Tatsachen gegen ihn. Zu Beginn seiner Karriere verband er die sexuelle Ursache noch mit dem Trauma; der sexuelle Missbrauch rief, so glaubte er, psychische Krankheiten hervor; später wandte er sich von dieser These ab, erfand den Ödipus-Komplex und unterstellte dem Kleinkind ein eigenständiges, zwangsläufiges Begehren gegenüber dem gegengeschlechtlichen Elternteil. Diese Kehrtwende, die aus dem Opfer einen Täter, aus dem Unschuldigen einen schicksalhaft Schuldigen machte, wurde von Jeffrey M. Masson als opportunistischer Verrat gebrandmarkt (Masson 1984).

Zu keiner Zeit seiner Laufbahn kam es Freud allerdings in den Sinn, dass ein Trauma allein, ohne hineinspielende Sexualität, Anlass zur Entwicklung „psychischer Krankheiten“ geben könnte. Doch hier täuschte er sich. Auch Traumata ohne sexuellen Bezug können Menschen dazu verleiten, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen. Und die Konflikte, die mit dieser Rollenübernahme bewältigt werden sollen, sind vermutlich zumeist nicht oder nicht in erster Linie sexueller Natur.

Dies wurde besonders krass deutlich während des 1. Weltkriegs. Massenhaft dekompensierten Soldaten, die bisher psychisch unauffällig waren, im Stahlgewitter an der Front. Dieses Phänomen trat infolge eines Innovationsschubs bei der Waffentechnik auf. Die Brutalität des Krieges hatte bisher unvorstellbare Ausmaße erreicht. Seit dem letzten großen europäischen Krieg (1870) vor dem 1. Weltkrieg hatte eine pyrotechnische Revolution den Krieg transformiert. Die moderne Chemie hatte Nitroglyzerin und Schießbaumwolle hervorgebracht. Die Granaten enthielten nunmehr hochexplosives Material,

  • das, anders als Schwarzpulver, sofort und vollständig verbrannte,
  • das wenig Rauch erzeugte und deswegen auch nicht die Position des Schützen verriet,
  • das kaum Rückstände in den Kanonenrohren hinterließ und so die Schussrate sowie die Reichweite enorm steigerte.
  • Die Granaten konnten nun Kilometer weit hinter der Frontlinie positioniert und durch rückstoßlose Träger abgefeuert werden, so dass ein Nachjustieren nach jedem Schuss nicht mehr erforderlich war.
  • Die Kanonen konnten also so schnell feuern, wie die Soldaten sie nachzuladen vermochten.

Daher trat die Kriegsneurose im 1. Weltkrieg zum ersten Mal als Massenphänomen auf und überraschte die militärische Führung wie auch die Medizin gleichermaßen. Mit so etwas hatte niemand gerechnet (Shephard 2001).

Zunächst glaubte man, dass die „nervliche“ Dekompensation durch die physischen Wirkungen der explodierenden Bomben auf das Nervensystem verursacht würde; daher wurde der Begriff „Shell Shock“ geprägt; jedoch erkannten die Psychiater sehr schnell, dass es sich bei diesem Phänomen um eine „psychogene Reaktion“ handelte, denn die Störungen der Soldaten korrelierten nicht mit der physikalischen Wirkung und Intensität der Detonationen und traten mitunter sogar bei Leuten auf, die noch gar nicht an der Front waren.

Die Frontsoldaten brachen auch nicht etwa zusammen, weil sie unter, in früher Kindheit verursachten, Sexualkonflikten litten, sondern weil ihr Selbsterhaltungstrieb frustriert worden war. Die entsprechenden instinktiven Reaktionen waren blockiert worden. Sie konnten die Lebensgefahr weder durch Flucht, Angriff, noch durch Totstellen bewältigen.

Dies führte zu den seltsamsten irrationalen Verhaltensmustern. In gebührender Schärfe hat diesen Gedanken meines Wissens als erster der britische Anthropologe und Psychiater William Halse Rivers Rivers herausgearbeitet (Rivers 1920).

Wer mit einer solchen akuten Stress-Reaktion überlebte und sich vom Schlachtfeld entfernte bzw. von ihm entfernt wurde, hätte sich nun eigentlich wieder beruhigen und zur Normalität zurückkehren können. Doch bei vielen, bei einer zunehmenden Zahl von Soldaten war dies nicht der Fall. Sie behielten ihre „Symptome“ auch in der Etappe. Sie waren plötzlich taub oder stumm geworden, sie zitterten und schlotterten, sie konnten nicht mehr sprechen – und für all diese und ähnliche „Symptome“ ließen sich keine körperlichen Ursachen identifizieren.

Andere Soldaten hatten sich im Schlachtgetümmel an der Front noch halbwegs im Griff, entwickelten ihre „kriegsneurotischen Symptome“ erst in einer ruhigeren Umgebung. Diese bildeten, wenn man den einschlägigen Berichten von Zeitzeugen und den Analysen psychiatrischer Lehrbücher aus dieser Zeit Glauben schenken will, sogar die größere Gruppe der betroffenen Frontkämpfer.

Die „erkranken“ Soldaten begaben sich nunmehr erneut in Gefahr, aber nicht an der Front, sondern im Behandlungszimmer des Militärarztes. Der Arzt hätte nämlich folgende Diagnosen stellen können:

  1. Zwei Wochen Ruhe, dann zurück an die Front.
  2. Der Mann ist ein Simulant. Kriegsgericht; evtl. Todesstrafe, standrechtliche Erschießung.
  3. Der Mann ist psychisch krank, ab nach Hause.

Nur die Diagnose 3 entsprach dem Selbsterhaltungstrieb des „erkrankten“ Soldaten und es war keineswegs sicher, dass er sie auch erhielt. Man setzte sich also einer erheblichen Gefahr aus, um einer noch größeren Gefahr zu entkommen.

Selbstverständlich zeigten einige der Soldaten auch Krankheitszeichen, die auf körperliche Ursachen, beispielsweise auf Schädigungen des Nervensystems durch Kriegseinwirkungen, zurückzuführen waren. Doch dies betraf nur einen kleinen Teil der Patienten. Die militärpsychiatrischen Lehrbücher aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lassen erkennen, welche große Sorgfalt der Differentialdiagnose gewidmet wurde.

Einige Soldaten wurden als Simulanten erkannt und der Militärgerichtsbarkeit zugeführt. Doch bei einer beträchtlichen Zahl der Betroffenen gelangten die Ärzte zu dem Schluss, dass, wenngleich keine körperliche Ursache, so doch auch keine bewusste Täuschungsabsicht vorlag (Roussy & Lhermitte 1918).

Aus der Art der „Erkrankung“ konnte man oftmals die unbewusste Bedeutung der „Symptome“ erschließen:

  • „Ich zittere, kann nicht schießen!“
  • „Ich bin blind, kann nicht zielen!“
  • „Ich bin taub, ich kann die Befehle nicht hören!“
  • „Ich bin stumm, ich kann Kameraden nicht warnen!“
  • „Ich bin lahm, kann nicht marschieren!“
  • Klartext: „Ich bin zu krank für die Front!“

Diese Reaktionen, so schrieb Rivers (1920), seien die Äquivalente des Totstellens bei Tieren angesichts eines hoffnungslos überlegenen Fressfeindes.

Bei diesen „Symptomen“ handelt es sich selbstverständlich um eine metaphorische Form des Totstellens, weil „richtiges“ Totstellen im Kugelhagel an der Front eben aus vielen Gründen kaum möglich ist. Dies lässt in der Regel weder der Feind, noch der eigene militärische Vorgesetzte zu. Daher bildete sich als Ersatz u. U. das „psychisch kranke“ Totstellen des Kriegshysterikers heraus.

Es erfolgte im Übrigen, wie bereits erwähnt, bemerkenswerterweise oft gerade nicht in der unmittelbaren Gefahrensituation auf dem Schlachtfeld, sondern außerhalb dieses Rahmens, wenn der erstmalige Einsatz an der oder die Rückkehr an die Front drohte.

Unbewusste Inszenierungen

So etwas zeigt sich nicht nur im Kriege, sondern immer da, wo sich Menschen in vergleichbaren Situationen befinden wie an der Front – also im Fall ernsthafter Gefährdungen des eigenen Lebens oder der psychischen Integrität. Man denke beispielsweise an sexuellen Missbrauch, wo das Opfer nicht flüchten und nicht angreifen kann.

Der Psychoanalytiker Stavros Mentzos spricht von einem „hysterischen Modus der Konfliktverarbeitung“ und schreibt hierzu:

„Der Betreffende versetzt sich innerlich (dem Erleben nach) und äußerlich (dem Erscheinungsbild nach) in einen Zustand, der ihn sich selbst quasi anders erleben und in den Augen der umgebenden Personen anders, als er ist, erscheinen lässt. Er versetzt sich in einen Zustand, in dem die eigenen Körperfunktionen und/oder psychischen Funktionen und/oder Charaktereigenschaften in einer solchen Weise erlebt werden und erscheinen, dass schließlich eine (angebliche) andere, eine quasi veränderte Selbstrepräsentanz resultiert. Diese unbewusst angestrebte Änderung des eigenen Selbsterlebens und des eigenen Erscheinungsbildes erfolgt nicht richtungslos. Sie geschieht nicht in ubiquitärer und unspezifischer Weise, sie bezweckt ausgesprochen und zielgerichtet die neurotische Entlastung von einem intrapsychischen Konflikt. Sie kann als eine unbewusste tendenziöse Inszenierung mit dem genannten ‚Ziel‘ verstanden werden.“ (Mentzos 1980)

Der Konflikt beim „kriegsneurotischen“ Soldaten besteht zwischen dem Streben, sich selbst zu erhalten sowie dem Wunsch, ein guter Patriot zu sein und mit seinem Leben fürs Vaterland einzustehen. Der Konflikt eines missbrauchten Kindes zwischen seiner Furcht vor den Übergriffen des Vaters und seiner Liebe zu ihm ist ein weiteres Beispiel für seelische Phänomene, die nicht selten im „hysterischen Modus“ bewältigt werden.

Diese Form der Konfliktbewältigung kann auch fortbestehen, wenn die aktuelle Bedrohung nicht mehr gegeben ist – vor allem dann, wenn sie der Reflexion entzogen bleibt.

Anders als in der Psychoanalyse soll hier der Begriff des „Unbewussten“ mit großer Vorsicht verwendet und mit Einschränkungen versehen werden. Es wird nicht unterstellt, dass die betroffenen Menschen keinerlei Zugang zu den ins Unbewusste verdrängten Inhalten hätten und durch diese gesteuert würden wie Roboter. Vielmehr wird vorausgesetzt, dass diese Menschen durchaus vermerkt haben, was sie antreibt, aber sie denken nicht darüber nach und ziehen daraus auch keine Schlüsse.

Dieses Verhalten scheint ihnen die beste aller Alternativen zu sein, die sich ihnen in einer gegebenen Situation eröffnen. Auch dieser Anschein unterliegt natürlich nicht der kritischen Überprüfung.

Der Kriegsneurotiker beispielsweise, der zittert, sagt damit unbewusst: Schaut her, ich bin so krank, ich kann nicht schießen. Das Zittern ist ein Beschwörungsritual. Es soll den Arzt beschwören, ihn als krank einzustufen und ihn in die Heimat zurückzuschicken. Der Kriegsneurotiker kann sich das nicht klarmachen, denn, täte er dies, so müsste er ja als guter Patriot freiwillig zurück an die Front.

Wir sehen hier, dass nicht eigentlich das Trauma die Störung hervorruft, sondern die Reaktion der Umwelt auf die spontanen Verhaltensweisen nach dem Trauma. Der hysterische Modus der Konfliktverarbeitung, also die unbewusste Inszenierung wird überhaupt nur verständlich, wenn man sich die Erwartungen und Denkweisen, die Vorurteile und Glaubenssätze des „Publikums“ vor Augen führt. Die Inszenierung ist eine unbewusste Mitteilung an dieses Publikum.

Die Bedeutung des Publikums wird auch durch die Tatsache unterstrichen, dass es während des 2. Weltkriegs weitaus weniger Kriegsneurotiker in den Streitkräften der Sowjetunion gab als in denen der Vereinigten Staaten (Gabriel 1988). In der sowjetischen Armee war für psychische Probleme bei Soldaten in erster Linie nicht der Psychiater, sondern der Politoffizier (Kommissar) zuständig, der über die sozialistische Moral wachte und für die Entfaltung der sozialistischen Persönlichkeit sorgte. Es versteht sich beinahe von selbst, dass unter solchen Bedingungen weniger „psychische Krankheiten“ ausbrachen.

So bizarr und skurril, irrational und läppisch eine psychische Störung auch immer erscheinen mag – sie beruht auf dem Versuch einer Problemlösung, der in der gegebenen Situation subjektiv und mitunter auch objektiv die beste aller Möglichkeiten ist. Der so genannte psychisch Kranke ist nicht wirklich krank, in dem Sinne, dass er einem Prozess unterläge, den er nicht zu steuern vermöchte. Im Gegenteil: Er übernimmt die Rolle des „psychisch Kranken“ aus nachvollziehbaren Gründen, beispielsweise, um eine reale Gefahr zu vermeiden wie der „Kriegsneurotiker“.

Auch wenn der „psychisch Kranke“ ein Schauspieler ist und entsprechend agiert, so unterscheidet er sich von einem professionellen Darsteller u. a. dadurch, dass es, anders als bei Letztgenanntem, zu seiner Rolle gehört, sich sein Rollenspiel nicht klar vor Augen zu führen. Es ist also absurd, von „psychischen Krankheiten“ zu sprechen, weil Anpassungsreaktionen, die unter den jeweils gegebenen Bedingungen durchaus sinnvoll sind, nicht als krank gedeutet werden sollten.

Ein Mädchen beispielsweise,

  • das vom Vater sexuell missbraucht wird und dass daraufhin seine Persönlichkeit spaltet,
  • indem es in der Schule die brave, unauffällige Schülerin und im Bett die Lolita darstellt,
  • dieses Mädchen rettet durch die Entwicklung einer „Multiplen Persönlichkeitsstörung“ unter Umständen wirklich sein Leben.
  • Denn es könnte ja sein, dass es der Vater, wie angedroht, tatsächlich totschlägt, wenn es sich weigert, ihm sexuell zu Diensten zu sein, oder ihn gar verrät.

Wie pervers es da doch ist, von „psychischer Krankheit“ zu sprechen! Es handelt sich hier im Übrigen um „unbewusste“ Inszenierungen und nicht um bloße Konditionierungen. Die Betroffenen sind ja zu komplexen Anpassungsleistungen an wechselnde Situationen mit hohem Anforderungscharakter gezwungen. Auf Basis von Automatismen ist das gar nicht möglich.

  • Das Mädchen, das sich als multipel inszeniert, muss ja in der Schule, um nach einer Nacht als Lolita im Bett des Vaters eine brave Schülerin darstellen zu können, der Lehrerin aufmerksam folgen und Anzeichen der seelischen Folgen des Missbrauchs erfolgreich dissimulieren.
  • Der hysterische Frontsoldat muss ja während der Untersuchung im militärärztlichen Behandlungsraum möglichst stimmig auf die diversen diagnostischen Maßnahmen des Arztes reagieren.

Menschliches Verhalten wird überwiegend durch Pläne bestimmt, die bewusst oder „automatisch“ verwirklicht werden können. Mitunter geraten unterschiedliche Pläne auch in Konflikt zueinander. Da will einer beispielsweise ein guter Patriot sein und sich im Krieg bewähren. Aber er will auch sein Leben retten. Eventuell kann dieser Konflikt nur durch eine unbewusst produzierte „Krankheit“ bewältigt werden, z. B. durch eine so genannte Kriegsneurose.

Der gute Patriot kann den Wunsch, den Gräueln der Front zu entkommen, nicht bewusst ausleben, weil er dann ja ein Simulant, ein schlechter Patriot wäre und überdies natürlich fürchten müsste, standrechtlich erschossen zu werden. Daher verdrängt der „echte“ Kriegsneurotiker den Konflikt zwischen Selbsterhaltungstrieb und Patriotismus; das Resultat ist die „Krankheit“: er wird stumm, blind, taub, lahm, zittert. Dies ist der Motor jeder Verdrängung.

  • Wenn jemand beispielsweise den Wunsch verdrängt, seinen Chef zu verprügeln, so geschieht dies aus unbewusster Furcht vor den Konsequenzen einer entsprechenden Handlung.
  • Wenn jemand an der Front im Kugelhagel den Wunsch verdrängt zu desertieren, so treibt ihn natürlich die unbewusste Furcht vor dem Standgericht dazu.
  • Wenn ein sexuell missbrauchtes Kind seine Persönlichkeit spaltet, so treibt es die unbewusste Furcht davor dazu, dass der Täter seine Drohungen wahrmacht.

Die so genannte „psychische Krankheit“ ist nun der unbewusste (also der meist zwar vermerkte, aber nicht reflektierte) Kompromiss. Mit ihr zieht man sich aus der Affäre. Das hat zwar einen Preis. Aber das Unbewusste ist bereit, diesen Preis zu zahlen, wenn es glaubt, damit billiger wegzukommen als durch jede andere Problemlösung. Wie bereits erwähnt, ist mit dem Unbewussten eine gleichsam wissende Form des Nicht-Wissens gemeint. Man stellt sich dumm und zu dieser Rolle gehört es, so zu denken und zu handeln, als wisse man gar nicht, dass man sich dumm stellt.1

Im hier vorgestellten Modell ist das Unbewusste kein Prozess, der gegenüber dem Bewusstsein hermetisch abgeschirmt wäre. Dies bezieht sich jedoch nur auf jene Bereiche des Unbewussten, die vom Ich gleichsam strategisch genutzt werden, um sich vor einer Konfrontation mit dem Unerträglichen zu bewahren. Damit soll aber nicht in Frage gestellt werden, dass an den meisten Hirnprozessen mit Bezug auf unser Verhalten und Erleben das Bewusstsein gar nicht beteiligt ist.

Das menschliche Nervensystem ist eine komplizierte „Maschinerie“ und nur ein kleiner Teil seiner Arbeit wird bewusst. Im Allgemeinen umgeht das Gehirn das Bewusstsein, wenn dessen Einschalten zu suboptimalen Ergebnissen führen würde.

  • Wenn ein gefährliches und angriffsbereites Tier auftaucht, dann muss man schnell flüchten, angreifen oder sich tot stellen. Da kann man nicht lange überlegen. Die unbewussten Teile des Gehirns übernehmen die Aufgabe der Entscheidung unter Umgehung des Bewusstseins.
  • Wenn der Hass auf den Chef ein solches Ausmaß erreicht hat, dass ein Bewusstsein dieses Affekts zu unkontrollierten Wutausbrüchen führen könnte, dann entscheidet sich das Gehirn mitunter, dieses Hassgefühl vom Bewusstsein fernzuhalten.

Solche Prozesse können durchaus dem Bewusstsein vollständig entzogen sein. In diesem Fall ist aber nicht die Verdrängung dafür verantwortlich, sondern die Ökonomie unseres Gehirns. Dies bedeutet keineswegs, dass diese automatischen Prozesse dem Bewusstsein nunmehr nur durch eine Psychoanalyse wieder zugänglich gemacht werden könnten. Wir können, wenn wir darüber nachdenken, durchaus eine zutreffende Antwort darauf geben, warum wir auf das Tier beispielsweise mit Flucht reagiert und warum wir die Wut auf den Chef unterdrückt haben.

Wenn wir dies aber nicht mehr können (uns einbilden, es nicht mehr zu können), dann ist das oft ein untrügliches Anzeichen dafür, dass wir die Rolle des „psychisch Kranken“ übernommen haben.

Es wird hier also unterschieden zwischen einem Unbewussten, das vom Ich als Strategie der Lebensbewältigung instrumentalisiert wird, und einem Unbewussten, das sich auf implizite Abläufe, auf Routineaufgaben der Informationsverarbeitung bezieht.

Da hilft kein Arzt

Mitunter wird die Rolle des „psychisch Kranken“ weitergespielt, auch wenn die Gefahr längst gebannt ist. Dies wird der Fall sein, wenn der Betroffene nicht erkennt, dass ihm keine Gefahr mehr droht, oder wenn ihm sein Rollenspiel über die Meisterung der Gefahr hinaus Vorteile gebracht hat. Da hilft kein Arzt. Da helfen nur korrektive emotionale Erfahrungen, u. U. in einem wohlwollenden und verständnisvollen Umfeld.

Hier wird häufig der Einwand geäußert, dass Traumatisierte immerhin oft erheblich unter ihren grausamen Erfahrungen litten. Dies spreche doch dafür, dass diese Erlebnisse eine Krankheit ausgelöst hätten. Das Konstrukt „psychische Krankheit“ erklärt dabei allerdings weder die Natur, noch die Dauer und Intensität dieses Leidens. Es ist völlig willkürlich, solchen abscheulichen Vorgängen das Etikett „psychische Krankheit“ aufzukleben, als würde dadurch irgend etwas besser, und sei es auch nur, besser verständlich.

Wir brauchen das Konstrukt der „psychischen Krankheit“ nicht, um das Leiden eines Opfers solcher Grausamkeiten zu verstehen und wir brauchen es auch nicht, um uns gegenüber Opfern solcher Grausamkeiten angemessen zu verhalten.

Die grausame Tat kann zur Entwicklung eines spezifischen Lebensstils führen, der als Antwort auf sie verstanden werden kann, als Bewältigungsversuch. Dieser Lebensstil aber wird zunehmend unabhängig vom ursprünglichen Anlass (dem Trauma) und wird zu einem Bewältigungsversuch von Lebensproblemen schlechthin.

Es kann natürlich sein, dass dieser Lebensstil anderen als rätselhaft und normabweichend (deviant) erscheint – anderen beispielsweise, die das Schicksal dieses Menschen nicht kennen oder denen die notwendige Empathie fehlt. Das Unverständnis der Mitmenschen, das von Psychiatern gern zur „Validierung“ ihrer Diagnose herangezogen wird, ist aber keineswegs ein Beweis dafür, dass die „Persönlichkeitsstörung“ ein naturhaftes Geschehen im Sinne einer Hirnpathologie wäre, dem kein nachvollziehbarer sozialer Sinn unterläge.

Trauma

Der Begriff „Traumatisierung“ ist im Grunde unangemessen, weil er letztlich nichts anderes ist als die Medikalisierung der Folgen einer Straftat oder der verwerflichen Neigung von Völkern, Kriege gegeneinander zu führen. Das betroffene Kind, der betroffene Soldat mussten schreckliche, grausame Erfahrungen durchleiden und diese schrecklichen, grausamen Erfahrungen lassen die Geschädigten oftmals das ganze spätere Leben nicht mehr los. Das ist nicht krank, das ist normal!

  1. Wie alle psychiatrischen Begriffe krankt der Terminus „psychisches Trauma“ an seiner Vagheit. Was soll man sich unter einer psychischen Verletzung vorstellen, wenn noch nicht einmal klar gesagt werden kann, was denn die Psyche sei. Wir alle haben eine deutliche, bildhafte Vorstellung davon, was eine körperliche Verletzung ist. Unsere innere Galerie quillt über vor Bildern von Unfällen und Gewalttaten. Doch eine seelische Verletzung ist offenbar etwas sehr Abstraktes, wenig Anschauliches. Allenfalls können wir uns das Verhalten von Menschen vorstellen, die unter einer psychischen Verletzung leiden. Doch das ist keine Vorstellung der Verletzung, die partout nicht vor unserem inneren Auge erscheinen will, was uns bei richtigen Verletzungen mühelos gelingt.
  2. Natürlich weiß dennoch jeder, was gemeint ist, wenn von psychischer Traumatisierung gesprochen wird. Der schiere, pure, reine, kristalline Schrecken ist jedem vertraut, sei es aus eigener Erfahrung oder sei es als Ausgeburt der Fantasie. Auch wenn der Begriff der psychischen Traumatisierung vage ist, so könnte die Realität dessen, worauf er sich bezieht, nicht präsenter, nicht krasser sein. Diese Realität ist sogar so brutal gegenwärtig, wühlt das Bewusstsein derart heftig auf, dass viele Menschen eher nicht geneigt sind, allzu viel Zeit darauf zu verwenden, ihre Natur zu ergründen.
  3. Es hat sich nicht bewährt, Plakate mit drastischen Darstellungen typischer Unfälle zur Abschreckung in Industriebetrieben aufzuhängen, weil die Leute bei solchen Darstellungen sofort abschalten. Dies ist ein Beispiel dafür, dass Menschen im Allgemeinen die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Grauen scheuen, sobald es in einem Kontext präsentiert wird, von dem sie selbst alltäglich betroffen sein könnten.
  4. Auch weil die Leute bei solchen Konfrontationen sofort abschalten, können Trauma-Experten mit seltsamen Ideen im Trüben fischen. Sie müssen nicht befürchten, dass sie die Rezipienten dieser Ideen allzu kritisch mit ihnen auseinandersetzen.
    So wird beispielsweise behauptet, ein psychisches Trauma sei die direkte, automatische Folge eines Ereignisses, das zu einer starken seelischen Erschütterung führe und mit den Gefühlen der Hilflosigkeit verbunden sei. Doch dies widerspricht jeder Erfahrung. Wer ein solches, schreckliches Ereignis wie beispielsweise eine Naturkatastrophe erlebt hat und durch dieses Phänomen seelisch aufgewühlt wurde, der putzt sich das häufig mehr oder weniger schnell von der Backe, wenn er es körperlich halbwegs unbeschadet überstanden hat und freut sich darüber, noch einmal davon gekommen zu sein.
  5. Um ein psychisches Trauma entstehen zu lassen, reicht eine schreckliche Erfahrung allein nicht aus. Der Mensch ist zäh, ihn wirft so leicht nichts aus der Bahn.
    Als die Menschheit aus dem Tier-Mensch-Übergangsfeld hervorging, lebten unsere Vorfahren in Clans, in solidarischen Kleingruppen zusammen. Sie waren aufeinander angewiesen, niemand konnte es sich leisten, aus der Reihe zu tanzen, und alle mussten einander beistehen, wenn der Stamm, auf den man auf Gedeih und Verderb angewiesen war, überleben sollte.
    Diese Frühmenschen waren beständig den Naturgewalten ausgesetzt und schreckliche Erfahrungen gehörten zum Alltag. Man hielt zusammen, versuchte, die Gefahren zu meistern, tröstete einander, gab einander Schutz. Unsere Erbanlagen bilden dieses basale Verhalten bei Katastrophen ab; darauf sind wir genetisch vorbereitet.
  6. Ein psychisches Trauma entsteht durch Abweichung von diesem Grundmuster. Beispiele: Ein Vater penetriert seine siebenjährige Tochter, sie hat fürchterliche Angst und Schmerzen, hinterher droht er ihr, sie umzubringen, wenn sie etwas darüber verrate. Bei einer Havarie bricht Chaos aus, die Mannschaft versagt und der Kapitän verlässt als erster das sinkende Schiff.
    Das ist der Stoff, aus dem die Traumen sind. Nicht der extreme Stress traumatisiert, sondern menschliches Fehlverhalten im Zusammenhang mit dieser Erfahrung. Aufgrund der bereits beschriebenen genetischen Prägung sind wir Menschen in Extremsituationen hochgradig aufnahmebereit für die Mitteilungen unserer Mitmenschen.
    Dies ist auch der Grund, warum bei jeder Erfolg versprechenden Gehirnwäsche die Opfer extremem Stress ausgesetzt werden.
  7. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass ein psychisches Trauma spontan vergessen wird. Etwas derart Ungeheuerliches vergisst man einfach nicht. So etwas brennt sich unwiderruflich ins Gedächtnis ein. Betroffene werden oft ein Leben lang von solchen Erinnerungen gequält, und dies nicht selten jeden Tag.
    Falls sich Opfer seelischer Traumatisierung dennoch nicht daran erinnern können, so wurden sie dressiert zu vergessen. Gehirnwäscher beispielsweise konditionieren durch Suggestionen und Folter künstliche Gedächtnisblockaden, meist unterstützt durch den Einsatz von Drogen und Elektrokrampfbehandlungen.
    Doch solche artifiziellen Amnesien sind naturgemäß selten; in aller Regel leiden die Betroffenen unter unauslöschlichen, bleibenden Erinnerungen.
  8. Besonders gravierend sind seelische Verletzungen, wenn das Fehlverhalten von Menschen begangen wird, denen das Opfer vertraut, die es liebt, von denen es dauerhaft abhängig ist (Freyd 1996). Traumatisierungen infolge des Fehlverhaltens emotional neutraler Personen sind leichter zu überwinden als solche, bei denen Opfer und Täter eine emotionale Beziehung verbindet.
    Im Allgemeinen ist es nicht möglich, derartige Traumatisierungen zu „heilen“; in aller Regel müssen die Opfer unausweichlich mit ihren quälenden Erinnerungen und den damit eventuell verbundenen Beeinträchtigungen bis an das Ende ihrer Tage leben.
  9. Es mag unter den Bedingungen einer solchen Traumatisierung als die beste Alternative erscheinen, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen. Und dies auch dann, wenn die „symptomatischen“ Verhaltensweisen nicht mehr der Vermeidung von Gefahren dienen.
    Eine Frau beispielsweise, die ihre Kindheit und frühe Jugend in der Furcht vor einem handgreiflichen Vater verbrachte, hat u. U. Verhaltensmuster ausgeprägt und beibehalten, die ihre Mitwelt ratlos machen oder Spott herausfordern. Ihr Vater ist eventuell längst verstorben, stellt jedenfalls keine akuten Bedrohung mehr dar. Aber die Verhaltensweisen, die einst dem Schutz der Betroffenen und der Angstbewältigung dienen sollten2, werden dennoch beibehalten, weil sie zur Gewohnheit geworden sind und Gewohnheiten in der Regel nur schwer überwunden werden können.
    Wenn diese Frau nun die Rolle der „psychisch Kranken“ spielt, so ist ihre seltsame Art zumindest erklärt und weitere Vorteile können zur Übernahme und Beibehaltung dieser Rolle motivieren.
  10. Die Opfer von schwersten Traumatisierungen dieser Art haben nur eine Chance, ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu führen. Diese besteht darin zu lernen, aufrecht mit den Auswirkungen zu leben. Die Grundvoraussetzung dafür ist, sich zu seinen Hassgefühlen und zu seinen Rachegedanken zu bekennen.
    In der Frühzeit des Menschengeschlechts wurden Stammesmitglieder, die im Notfall in unverzeihlicher Weise gegen die Gebote der Solidarität verstießen, erbarmungslos aus dem Clan ausgeschlossen und „in die Wüste geschickt“. Die Tendenz, so zu reagieren, ist uns angeboren. Ein schwer Traumatisierter darf diese Impulse nicht unterdrücken. Versöhnung ist Gift.
  11. Falls Betroffene Opfer gewaltsam eingepflanzter Gedächtnisblockaden sind, so ist es entscheidend, dass die Erinnerungslücken soweit wie möglich geschlossen werden. Die Betroffenen müssen auf jeden Fall versuchen, die durch Gedächtnisarbeit wiedererlangten Erinnerungen zu verifizieren. Es ist verheerend, sie als so genannte „narrative Wahrheiten“ zu verbuchen, sie letztlich also im Vagen zu belassen. Dies kommt nämlich einer Re-Traumatisierung gleich, denn das Entwerten einschlägiger Erinnerungen gehörte ja auch zu den Zielen der Täter.
  12. Der Lebensstil schwer traumatisierter Menschen ist keine „psychische Krankheit“, sondern eine Variante menschlichen Daseins, die durch die Geschichte und die Bedingungen dieses Daseins nachvollziehbar wird. Psychopathologische Zusatzannahmen sind nicht nur irreführend und überflüssig, sie sind auch eine indirekte Exkulpation der Täter, weil sie einen Teil der Auswirkungen des Verbrechens durch eine besondere (meist als ererbt vorgestellte) Vulnerabilität des betroffenen Individuums erklären.3

Selbstverständlich kann das Rollenspiel der traumatisierten „Kranken“ auch ein Versuch sein, den Verdacht der Feigheit von sich abzuwenden. Der „Kriegshysteriker“ sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, zu feige zum Heldentod oder zur Desertion gewesen zu sein. Die in ihrer Kindheit missbrauchte Frau sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, zu feige dazu gewesen zu sein, den Täter vor Gericht zu ziehen und den Prozess gegen ihn durchzustehen. Wer jedoch krank ist, so lautet diese Psycho-Logik, den trifft keine Schuld – er hatte, ohne eigenes Zutun, weil durch Krankheit geschwächt, nicht die Kraft dazu, seinen Mann oder seine Frau zu stehen.

Hier kommen Therapeuten und Therapeutinnen ins Spiel, die mit etwaigen Schuldgefühlen zu spielen verstehen wie auf einem Piano. Die tröstenden Worte laufen darauf hinaus, dass sich niemand für seine Krankheit schämen müsse. Auf die Idee, dass diese Scham nicht durch eine nur eingebildete, sondern durch eine tatsächliche Schuld hervorgerufen wurde, kommen sie nicht. Damit berauben sie ihre Patienten und Patientinnen der Chance, sich mit dieser existenziellen Dimension ihres Daseins auseinanderzusetzen.

In einem existenziellen Sinn kann man auch versagen angesichts einer Bedrohung durch einen übermächtigen Aggressor. Das Versagen besteht darin, nicht das heroische Scheitern riskiert zu haben. Schuldgefühle, die evtl. durch Übernahme der Rolle des „psychisch Kranken“ gebannt werden sollen, sind der Preis für die Weigerung, diese keineswegs nur fantasierte Schuld einzuräumen.

Der Preis dafür kann hoch sein, sehr hoch. Manche schleppen sich, gebeutelt von den entwürdigenden „Symptomen psychischer Krankheiten“, durchs Leben, weil sie lieber diese Rolle spielen, als sich zu ihrer Schuld zu bekennen, sie auf sich zu nehmen, ihre Last auf den Schultern zu spüren und – sie sich dann zu verzeihen oder zumindest Nachsicht mit sich selbst zu üben.

Am Stammtisch

Extremen Stress muss man in Gaststätten eher selten erdulden, es sei denn, bei einer Kneipenschlägerei. Gelegentlich jedoch wird man Zeuge von Stammtischgesprächen, in denen es um den Krieg, um Schlachten, Helden und Siege geht. Es sind meist ältere Herren, die sich gegenseitig in der Ansicht bestärken, dass nur Feiglinge oder Schwächlinge an der Front zusammenbrächen.

Wer in einer Schlacht die Nerven verliere, so heißt es, der habe schon vorher einen Knacks gehabt. Richtige Männer seien schon in der Lage, den inneren Schweinehund zu besiegen, wenn die Not und das Vaterland dies geböten. Mit geröteten Gesichtern und funkelnden Augen schwadroniert man und prostet einander zu, bis die Handys musizieren und Ehefrauen den Heimweg befehlen. Vermutlich haben diese Männer nie einen Krieg erlebt – von Kampferfahrung ganz zu schweigen.

Doch auch Kriegsteilnehmer neigen nicht selten zu solchen Ansichten. Dies liegt nicht allein daran, dass nur eine Minderheit der Soldaten an der Front eingesetzt wird. Der Grund dafür ist auch die sattsam bekannte Neigung des Menschen zum Selbstbetrug und zur Verlogenheit. Wer im warmen Schankraum vorm Bier hockt, der ist vielleicht auch nicht in der rechten Stimmung, um sich in die Innenwelt eines Soldaten im Stahlgewitter hineinzuversetzen.

An der Front

Der Mythos vom Kriegshelden hält den Tatsachen zweifellos nicht stand. In seinem Buch „The Painful Field“ hat der amerikanische Historiker Richard A. Gabriel (1988) Fakten zusammengetragen, die eindeutig belegen, dass es keine Kriegshelden gibt, sofern man unter einem Kriegshelden eine moralisch tadellose Person versteht, die ihr Leben für die Kameraden und fürs Vaterland aufs Spiel gesetzt und dem Feind erfolgreich Paroli geboten hat. Heroen dieses Zuschnitts sind schlicht Fantasie und Wunschdenken.

Einer der berühmtesten „Kriegshelden“ aller Zeiten, der amerikanische Schauspieler John Wayne, war nur auf der Leinwand als furchtloser Kämpfer aktiv. Wegen einer leichten Schulterverletzung, die er sich beim Sport zugezogen hatte, wurde er während des 2. Weltkriegs nicht zum Militär eingezogen und er verzichtete darauf, sich freiwillig zu melden, anders als viele seiner Kollegen mit vergleichbaren medizinischen Einschränkungen.

John Wayne hilft uns, das wahre Gesicht des Krieges zu verdrängen; doch das Verdrängte kehrt zurück: in Form von Soldaten mit psychiatrischen Diagnosen.

Ich referiere die wichtigsten Einsichten aus Gabriels lesenswertem Buch:

  • Während des 2. Weltkriegs feuerten gerade einmal 15 Prozent der amerikanischen Frontsoldaten ihre Waffen ab – unabhängig davon, ob sie angriffen oder angegriffen wurden. Die meisten Soldaten hatten einfach zu viel Skrupel oder zu viel Angst. Sie zogen es vor, sich in ihre Schützenlöcher zu ducken.
  • Bei Elite-Soldaten, zu deren Auswahlkriterien und Ausbildungszielen Aggressivität zählte, lag diese Quote mit 25 Prozent nicht wesentlich höher.
  • Dasselbe Bild ergab sich bei den Piloten. Auf nur 1 % entfielen mehr als 40 % der Abschüsse.
  • Nahezu alle Soldaten, die mehr als einen Monat dem Stress der Front ausgesetzt sind, entwickeln Phänomene, die von Psychiatern als „Symptome von psychischen Krankheiten“ eingestuft werden. Die Vorstellung, dass nur Feiglinge zusammenbrechen, ist ein Mythos, der durch militärpsychiatrische Studien eindeutig widerlegt wird. Und diese Erfahrungen wurden vor allem in Kriegen gesammelt, die erheblich weniger intensiv waren als ein moderner Krieg.
  • In jedem Krieg sind Furcht und Erschöpfung ständige Begleiter. Das Erlebnis der Schlacht ist eine der bedrohlichsten Erfahrungen, mit denen Menschen konfrontiert werden können. Unkontrollierbare emotionale Reaktionen an der Front sind weder seltene, noch isolierte Ereignisse.
  • Obwohl die amerikanische Armee während des ersten und zweiten Weltkriegs durch gründliche psychiatrische Untersuchungen die Schwachen auszusondern versuchte und nur die angeblich Starken an die Front geschickt wurden, gelang es ihr nicht, die Häufigkeit psychiatrischer Zusammenbrüche infolge des Kampferlebnisses zu vermindern.
  • „Psychiatrische Krankheiten“ waren die größte Einzelkategorie bei den Behindertenrenten, die nach dem II. Weltkrieg von der amerikanischen Regierung gewährt wurden.
  • Während des 1. Weltkriegs wurden 27,7 Prozent der Frontkämpfer wegen eines psychischen Zusammenbruchs dauerhaft aus der Kampfzone evakuiert. Weitere 16,6 Prozent wurden vorübergehend in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen.
  • Während des 2. Weltkriegs litten 1.393.000 amerikanische Soldaten an Phänomenen, die als „Symptome einer psychischen Krankheit“ gedeutet wurden und die sie zumindest vorübergehend dienstunfähig machten.
  • 37,5 Prozent der amerikanischen Frontsoldaten wurden während des 2. Weltkriegs wegen psychiatrischer Diagnosen entlassen.
  • In Korea erlitten 24,4 Prozent der amerikanischen Frontsoldaten so schwerwiegende psychische Zusammenbrüche, dass sie zumindest vorübergehend kampfunfähig waren.
  • Vietnam: 12,5 Prozent der Frontsoldaten wurden „psychiatrische Fälle“. Der Vietnamkrieg war kein sehr intensiver Krieg, so erklärt sich die vergleichsweise niedrige Zahl.
  • Allerdings litten nach dem Vietnam-Krieg relativ mehr Veteranen am „Posttraumatischen Belastungssyndrom“ (PTBS) als an vergleichbaren Störungen (Die Diagnose „PTBS“ gab es vorher ja nicht) nach jedem anderen Krieg zuvor.
  • Untersuchungen zeigen, dass nur etwa 2 Prozent der Soldaten auch nach wochenlangem Fronteinsatz nicht zusammenbrechen. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Menschen, die bereits vor dem Soldatenleben als psychopathische Persönlichkeiten eingestuft, also durch einen eklatanten Mangel an Gewissensregungen aufgefallen waren.
  • Psychische Zusammenbrüche an der Front können durch eine ausgeprägt patriotische Einstellung nicht vermieden werden. Auch Männer, die freiwillig zu den Waffen streben, um sich auf dem Feld der Ehre zu bewähren, sind davor nicht gefeit (Gabriel 1988).

„Im Kampfe, im Kriege, der alle Übereinkunft vom Menschen reißt wie die zusammengeflickten Lumpen eines Bettelmannes, steigt das Tier als geheimnisvolles Ungeheuer vom Grunde der Seele auf. Da schießt es hoch als verzehrende Flamme, als unwiderstehlicher Taumel, der die Massen berauscht, eine Gottheit über den Heeren thronend. Wo alles Denken und alle Tat sich auf eine Formel zurückführt, müssen auch die Gefühle zurückschmelzen und sich anpassen der fürchterlichen Einfachheit des Zieles, der Vernichtung des Gegners. Das wird bleiben. Solange Menschen Kriege führen und Kriege werden geführt, solange es noch Menschen gibt.“

Dies kündet der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger in seinem Buch: „Der Kampf als inneres Erlebnis“, in dem er auf recht eigentümliche Weise hoch tönend seine Erfahrungen aus dem 1. Weltkrieg verarbeitete.

Im Licht des Buchs von Gabriel betrachtet, bestand allerdings die fürchterliche Einfachheit des Zieles für die überwältigende Mehrzahl der Frontsoldaten darin, die eigene Haut zu retten. Bei Jünger erscheint der Krieg, trotz aller Grausamkeit, positiv als charakterbildende Erfahrung.

Mag dieses innere Erlebnis auch charakterbildend sein – wie es allerdings den Charakter tatsächlich bildet, davon ist an Stammtischen und bei einschlägigen Weiheveranstaltungen nur selten die Rede. Auch im Krieg nämlich wählen die Menschen in aller Regel unter den ihnen zu Gebote stehenden Alternativen jene aus, die ihnen die beste zu sein scheint. Der Maßstab dafür sind selten die heeren Ideale der Vaterlandsliebe und des Opfermutes. Es geht den meisten dann doch wohl eher darum, sich unter Gesichtswahrung aus der Affäre zu ziehen.

In seinem Buch „In Stahlgewittern“ schreibt Jünger:

„Bei solchen Gelegenheiten vermied ich, mich vom Draufgängertum fortreißen zu lassen. Es wäre wenig taktvoll gewesen, den Leuten, die zum Teil mit der Angst um Frau und Kind zur Vernichtung zogen, zu zeigen, dass man der Schlacht mit einer gewissen Lust entgegensah. Auch war es mein Grundsatz, nicht durch große Worte zum Mute anzuspornen oder den Feigling zu bedrohen. Ich suggerierte: Ich weiß genau, dass mich niemand im Stiche lässt. Wir haben alle Angst, aber wir müssen dagegen kämpfen. Es ist menschlich, wenn jemand von seiner Schwäche übermannt wird. Er muss dann auf seinen Führer und die Kameraden sehen. Schon beim Sprechen fühlte ich, dass solche Worte den Leuten verständlich waren. Die Erfolge rechtfertigten diese psychologische Vorbereitung in glänzender Weise.“

Mag es auch Ernst Jünger gelungen sein, seinen Kameraden Mut einzuflößen, im Allgemeinen herrscht auf dem Schlachtfeld ein anderer Geist. Und das ist auch nicht verwunderlich, weil das Lazarett den „psychisch Kranken“ als beste aller Möglichkeiten lockt. Auch und gerade im Krieg gilt, dass man nicht tatsächlich „psychisch krank“ wird, sondern diese Rolle wählt, aus Gründen, die bei nüchterner Betrachtung ins Auge springen und die letztlich als „normal“ gedeutet werden müssen.

So alt wie der Krieg

Wenn sich die Bundeswehr weiterhin an internationalen Kampfeinsätzen beteiligt, dann ist entsprechend natürlich mit einer steigenden Zahl von Menschen in unserer Mitte zu rechnen, die durch Kriegserfahrungen schwer traumatisiert wurden. In vielen Fällen werden die Traumata diese Veteranen ein Leben lang begleiten. Veteranen und ihre Ärzte werden sie als Ursache mitunter irreversibler psychischer Störungen betrachten.

Die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) wurde 1980 in die dritte Revision des „Diagnostisch Statistischen Manuals“ (DSM) aufgenommen. Das DSM ist die amerikanische „Psychiater-Bibel“ zur Psychodiagnose. Die Aufnahme der PTBS erfolgte auf Druck der Verbände von Vietnam-Veteranen (Linder 2004). Obwohl dadurch ein bisher noch nicht vorhandenes „Krankheitsbild“, ein neues „Syndrom“ kreiert wurde, sind die Phänomene, auf die sich diese Diagnose bezieht, natürlich so alt wie der Krieg.

Zuvor hatte man andere Namen für diese Phänomene, beispielsweise Kriegsneurose oder Kriegshysterie. Wie viele seiner Zeit- und Zunftgenossen, führte der Psychiater Wilhelm Neutra 1920 in seiner Schrift „Seelenmechanik und Hysterie“ die kriegsbedingte „Hysterie“ auf einen unterbewussten Konflikt zwischen Selbsterhaltungstrieb und Kampfmoral (Patriotismus, soldatische Ehre) zurück (Neutra 1920).

Die „hysterischen Symptome“ stellten aus dieser Sicht also einen Kompromiss dar, seien eine Flucht in die Krankheit, durch die der Erkrankte das Gesicht wahren und gleichermaßen auch strafrechtliche Konsequenzen (Standgericht) vermeiden könne. Es handele sich bei der Kriegsneurose nicht um eine Simulation, da der Patient diese Konfliktlösung nicht mit bewusstem Willen anstrebe.

Heute neigt die Psychiatrie eher dazu, den Betroffenen zu unterstellen, sie litten unter einer angeborenen „Vulnerabilität“ für dysfunktionale Reaktionen auf extremen Stress.

Nüchtern betrachtet, handelt sich bei der so genannten Posttraumatischen Belastungsstörung (und bei allen anderen kriegsbedingten psychischen Phänomenen) nicht um eine Krankheit im medizinischen, sondern allenfalls um eine Erkrankung im metaphorischen Sinn.

Die Verhaltensmuster, aufgrund derer die betroffenen Soldaten derartige Diagnosen erhalten, sind die ganz normalen Reaktionen normaler Leute auf eine verrückte Situation. Die menschliche Natur hält im Allgemeinen dem extremen Stress eines Kampfeinsatzes über einen längeren Zeitraum nicht stand.

Fast jeder hat seinen Bruchpunkt. Ist dieser Bruchpunkt erreicht, dann ordnen sich die hohen ideologischen Werte den tatsächlichen Interessen des Individuums unter. Wer diesen Bruchpunkt nicht innerhalb weniger Wochen an der Front erreicht, der ist nicht „normal“, also kein Kriegsheld, sondern in aller Regel ein Mensch, dessen Sensibilität für Grausamkeit, gemessen am Maßstab des zivilen Alltagslebens, unzulänglich entwickelt ist.

Eine Frage des Staates und die Antwort der Soldaten

Die sog. psychischen Störungen sind grundsätzlich keine Krankheiten, sondern Strategien zur Daseinsbewältigung. Diese Strategien können sich zum Lebensstil ausformen. Auch die „Posttraumatische Belastungsstörung“ eines Soldaten macht hier keine Ausnahme. Sie ist eine Strategie, den Wahnsinn des Krieges zu bewältigen und dabei ein normaler Mensch zu bleiben, sich also nicht in ein Monster zu verwandeln. Und natürlich geht es auch darum, sein Gesicht zu wahren und vor sich selbst zu bestehen. Krankheit ist, moralisch betrachtet, nun einmal weniger verwerflich als Feigheit.

Selbstverständlich entwickelt nicht jeder Soldat, der in einem Kriegsgebiet eingesetzt wird, ein „posttraumatisches Belastungssyndrom“. Die psychischen Auswirkungen hängen natürlich von der Intensität und Dauer des Kampfeinsatzes ab, vom Ausmaß der Stresserfahrung also. Je brutaler der Krieg, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Soldat jene Strategie der Daseinsbewältigung wählt, die unter dem Begriff „PTBS“ medikalisiert wurde. Durch diese Medikalisierung wird eine gesunde Reaktion zur Krankheit erklärt. Sie wird individualisiert und pathologisiert.

Natürlich könnte man den betroffenen Soldaten in die Röhre eines Computer-Tomographen stecken und unter Umständen feststellen, dass sich sein Hirn strukturell verändert hat.4 Oberflächlich betrachtet, ist das dann in etwa so, als hätte er ein Bein verloren. Doch er hat kein Bein verloren, ihm fehlt nichts. Der Brainscan zeigt nur, dass sein Gehirn normal auf eine wahnsinnige Erfahrung reagiert. Ihm fehlt nichts, im Gegenteil: Er hat nur die Schnauze voll.

Sein Gehirn hat sich in einer Weise verändert, die es dem betroffenen Soldaten angesichts der Barbarei des Krieges erlaubt, sein Gesicht zu wahren: „Ich bin kein Feigling“, lautet die Botschaft seiner grauen Zellen und seines Unbewussten, „sondern krank.“ Was darf der Staat von seinen Bürgern verlangen, die er zu den Fahnen ruft?

Diese Frage wird auf unterschiedliche Weise beantwortet – in Abhängigkeit von der Weltanschauung, vom Menschenbild, von der Einstellung zum Krieg und von der persönlichen Erfahrung. Soldaten, die im Krieg ausrasten, durchdrehen, geben damit ebenfalls eine Antwort auf diese Frage. Sie ist vielstimmig; man kann sie in den einschlägigen diagnostischen Handbüchern nachlesen:

  • Physische Erschöpfung, später mentales Auslaugen
  • jede Bewegung erschöpft, ist quälend
  • Schwitzen, Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen etc.
  • Herzstörungen; exzessives Zittern etc.
  • unsoziales Verhalten, Irritabilität, Verantwortungsscheu, Verweigerungshaltung
  • emotionale Krisen
  • Suchtmittelmissbrauch
  • Dissoziation von der Realität, Wahnideen
  • extreme Stimmungsschwankungen
  • läppisches Verhalten
  • Amnesien, Fugue
  • konvulsive Attacken, Lähmungserscheinungen
  • Schlafstörungen, Alpträume
  • fixe Ideen, Phobien, generalisierte Ängste,
  • Kurzatmigkeit, Schwächegefühle, Nervosität
  • Zittern, Krämpfe, Tics, Stammeln
  • Längerfristige Persönlichkeitsveränderungen durch wiederholten traumatischen Stress an der Front

Obige Liste enthält keine „Krankheitssymptome“, sondern Antworten. Die Landsleute daheim sollten lernen, ihren Sinn zu verstehen. Die Medikalisierung kaschiert den Sinn, verhindert eine profunde Reflexion. Das kann niemanden kaltlassen. Keine der hier relevanten Problemlösungen wird durch diese Verdrängung erleichtert. Auch Militärs, die Kriege für notwendig halten und gern führen möchten, müssen begreifen, dass es sich hier nicht um „psychiatrische Zwischenfälle“ und „individuelle Schwächen“ handelt, sondern um die Normalität des Krieges.

Die Botschaft dieser „Symptome“ lautet: „Ich will nie wieder in den Krieg und erst recht nicht an die Front!“ Selbstachtung und Patriotismus verbieten es den betroffenen Soldaten, diesen Klartext offen auszusprechen. Stattdessen quälen sie sich mit einer „Krankheit“.

Warum aber sind die meisten Menschen ungeeignet für die Front und warum taugen überwiegend Psychopathen zum „Kriegshelden“? Eine Antwort gibt Sigmund Freud in einem Schreiben an Albert Einstein. Wir finden diesen Brief in dem Büchlein: „Albert Einstein, Sigmund Freud: Warum Krieg?“

„Von den psychologischen Charakteren der Kultur scheinen zwei die wichtigsten: die Erstarkung des Intellekts, der das Triebleben zu beherrschen beginnt, und die Verinnerlichung der Aggressionsneigung mit all ihren vorteilhaften und gefährlichen Folgen. Den psychischen Einstellungen, die uns der Kulturprozess aufnötigt, widerspricht nun der Krieg in der grellsten Weise, darum müssen wir uns gegen ihn empören, wir vertragen ihn einfach nicht mehr, es ist nicht bloß eine intellektuelle und affektive Ablehnung, es ist, bei uns Pazifisten eine konstitutionelle Intoleranz, eine Idiosynkrasie5 gleichsam in äußerster Vergrößerung. Und zwar scheint es, dass die ästhetischen Erniedrigungen des Krieges nicht viel weniger Anteil an unserer Auflehnung haben als seine Grausamkeiten.“

Mit anderen Worten: Je weiter der Prozess der Zivilisierung in einem Individuum vorangeschritten, je stärker also auch seine Gewaltbereitschaft eingeschränkt ist, desto weniger kriegstauglich ist es. Das ist fraglos ein Dilemma für Nationen mit einem hohen Niveau der Kulturentwicklung.

„Ja, der Soldat in seinem Verhältnis zum Tode, in der Aufgabe der Persönlichkeit für eine Idee, weiß wenig von den Philosophen und ihren Werten. Aber in ihm und seiner Tat äußert sich das Leben ergreifender und tiefer, als je ein Buch es vermöchte. Und immer wieder, trotz allem Widersinn und Wahnsinn des äußeren Geschehens, bleibt ihm eine strahlende Wahrheit: Der Tod für eine Überzeugung ist das höchste Vollbringen. Er ist Bekenntnis, Tat, Erfüllung, Glaube, Liebe, Hoffnung und Ziel; er ist auf dieser unvollkommenen Welt ein Vollkommenes und die Vollendung schlechthin. Dabei ist die Sache nichts und die Überzeugung alles. Mag einer sterben, in einen zweifellosen Irrtum verbohrt; er hat sein Größtes geleistet. Mag der Flieger des Barbusse6 tief unter sich zwei gerüstete Heere zu einem Gott um den Sieg ihrer gerechten Sache beten sehen, so heftet sicher eins, wahrscheinlich beide einen Irrtum an seine Fahnen; und doch wird Gott beide zugleich in seinem Wesen umfassen. Der Wahn und die Welt sind eins, und wer für einen Irrtum starb, bleibt doch ein Held.“

Zum Abschluss, also, noch einmal Jünger. Der Typus des Soldaten, den Jünger besingt, stirbt aus. Diese Worte, die einst Abiturienten euphorisierten, muten in unserer Zeit eher befremdlich an. Die Kriegshelden von heute riskieren den eigenen Tod nicht mehr. Sie sitzen, fernab des Kriegsgeschehens, vor den Monitoren und lassen ihre Drohnen steigen. Da droht nicht mehr der Tod in zweifellosem Irrtum, nicht einmal mehr eine posttraumatische Belastungsstörung. Der Wahn und die Welt sind eins.

Literatur

Bremner, J. D. (1999). Does stress damage the brain? Biol Psychiatry. 1999 Apr 1;45(7):797-805

Freud, S. (1923, 1940). Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung, in: Gesammelte Werke Band 13. London: Imago Publishing Co., Ltd.

Freyd, J. J. (1996). Betrayal Trauma: The Logic of forgetting childhood abuse. Cambridge, MA: Harvard University Press

Gabriel, R. A. (1988). The Painful Field. The Psychiatric Dimension of Modern War. New York, Westport, Con., London: Greenwood Press

Linder, M. (2004). Creating Post-traumatic Stress Disorder: A Case Study of the History, Sociology, and Politics of Psychiatric Classification. In: Caplan, P. J. & Cosgrove, L.: Bias in Psychiatric Diagnosis. Lanham: Jason Aronson

Masson, J. M. (1984). Was hat man dir, du armes Kind, getan? Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie. Reinbek: Rowohlt

Mentzos, S. (1980, 2004): Hysterie. Zur Psychodynamik unbewusster Inszenierungen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen)

Neutra, W. (1920). Seelenmechanik und Hysterie. Leipzig: F. C. W. Vogel

Rivers, W. H. R. (1920). Instinct and the Unconscious. A Contribution to a Biological Theory of the Psycho-Neuroses. Cambridge: Cambridge University Press

Roussy, G. & Lhermitte, J. L. (1918). The Psycho-Neuroses of War. London: University of London Press

***

Freud schreibt: „In solchem Sinn ereignen sich Genesungsträume z. B. recht häufig, wenn der Patient in eine neue, ihm peinliche Phase der Übertragung eintreten soll. Er benimmt sich dann ganz ähnlich wie manche Neurotiker, die sich nach wenigen Stunden Analyse für geheilt erklären, weil sie allem Unangenehmen entgehen wollen, das in der Analyse noch zur Sprache kommen soll. Auch die Kriegsneurotiker, die auf ihre Symptome verzichteten, weil ihnen die Therapie der Militärärzte das Kranksein noch unbehaglicher zu machen verstand, als sie den Dienst an der Front gefunden hatten, sind denselben ökonomischen Bedingungen gefolgt, und die Heilungen haben sich in beiden Fällen als nicht haltbar erwiesen (Freud 1923).“

Dies ist oftmals schwer zu durchschauen, weil diese Verhaltensweisen die Funktion der Angstbewältigung und Gefahrenabwehr auf einer kindlich symbolischen Ebene erfüllten.

Auf Deutsch heißt dies dann: „Er oder sie hätte eben nicht so empfindlich sein sollen!“

Strukturelle Schädigungen des Hirns infolge von Stress an der Front zeigten sich z. B. in der Untersuchung Bremners (1999).

Med. Überempfindlichkeit

Dies bezieht sich auf den Kriegsroman von Henri Barbusse: „Das Feuer. Tagebuch einer Korporalschaft“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.